Der verschwundene Schachweltmeister: Ding Liren spielt Wijk an Zee 2024

Bobby Fischer stand bei 2780 Elo, als er sich 1972 nach dem WM-Sieg über Boris Spassky vom Schach zurückzog. Ein Omen? Auch Ding Liren stand bei 2780, als er am Samstag, 29. April 2023, seine bis jetzt letzte klassische Schachpartie im WM-Match gegen Ian Nepomniachtchi spielte – und abtauchte.

Nun deutet sich an, dass er auftauchen wird. Er sei erkrankt gewesen, werde aber Anfang 2024 am Superturnier in Wijk an Zee teilnehmen, sagte der Weltmeister in einem Interview mit dem Schachkalender 2024, der in Kürze erscheint, erstmals unter der Regie von Stefan Löffler, der das Projekt von Arno Nickel übernommen hat.

Im Video: Ding Lirens letzte öffentlich gewordene Partie, gespielt im Juni 2023 online in einem Qualifier für die Champions Chess Tour, den der Chinese vorzeitig abbrach.

Tata Steel Chess ab dem 12. Januar, wird, wenn nichts dazwischenkommt, Ding Lirens erstes Turnier im klassischen Schach als Weltmeister – fast acht Monate nach dem Titelgewinn. Die 2023er-Auflage war sein letztes Turnier vor dem Titelgewinn gewesen.

Werbung

Direkt nach seinem Tiebreak-Sieg über Ian Nepomniachtchi hat Ding Liren noch an einem Grand-Chess-Tour-Wettbewerb in Bukarest teilgenommen, bevor er in die Heimat zurückkehrte und nicht mehr gesehen ward. Gegenüber chinesischen Medien deutete er an, seine Karriere werde nicht von langer Dauer sein, auch wenn er noch nicht beabsichtige, sich sofort vom Schach zurückzuziehen. Mittelfristig “möchte ich woanders neues Glück finden”, so Ding.

Mit Dings WM-Sieg war der Vierstufenplan “Großer Drache” vollendet. Acht Monate später wird der neue Schachweltmeister sich voraussichtlich zum ersten Mal im Wettbewerb am Brett stellen.

Im Juni sollte er an der Global Chess League teilnehmen – und zog zurück. Dasselbe bei der online ausgetragenen “Speed Chess Championship” von chess.com und den Asienspielen, wo er Teil der chinesischen Mannschaft sein sollte. Vor wenigen Tagen teilte die Grand Chess Tour ohne nähere Erklärung mit, dass Ding im Saint Louis Rapid & Blitz und im Sinquefield Cup, wo er spielen sollte, durch Levon Aronian und Quang Liem Le ersetzt wird

Bemerkenswert ist der Gegensatz zu seinem Vorgänger. Magnus Carlsen, der nach eigener Aussage wenig Lust auf klassisches Schach hat, spielt in diesem Jahr in schöner Regelmäßigkeit: Norway Chess, World Cup, Europacup, Katar Masters. Auch an der in wenigen Tagen beginnenden Europameisterschaft wird er am ersten Brett der norwegischen Mannschaft teilnehmen.

Magnus Carlsen in der “Armbanduhr-Partie” beim Katar-Open.

Ding Liren, der am 25. Oktober 31. Geburtstag gefeiert hat, war Ende Oktober nach Monaten erstmals öffentlich zu sehen, nicht am Brett, sondern als Schach-Kommentator im chinesischen Fernsehen. Dieser Auftritt mag der Beginn eines Comebacks sein.

Nach der WM sei er erschöpft und krank gewesen, erklärte Ding Liren auf Anfrage des Schachkalenders. Noch sei er nicht genesen, aber es gehe ihm besser. Und die Leidenschaft fürs Schach sei nicht erloschen. Einen Urlaub habe er nach der WM gemacht – mit der Familie in der Inneren Mongolei: “Wir haben Pferdereiten in der Grassteppe ausprobiert.”

Nun wird er sich den Pferden auf b1, g1, b8 und g8 zuwenden. Offiziell bestätigt ist Ding Lirens Teilnahme am Tata Steel Chess noch nicht, aber er darf jetzt zu den zwei Teilnehmern zählen, deren Identität vorab durchgesickert ist. Der andere ist Alexander Donchenko, der sich dank seines souveränen Siegs im “Challengers” Anfang 2023 für das Masters 2024 qualifiziert hat, seine zweite Teilnahme.

Mit seinem Sieg beim Tata Steel Chess 2023 und seinem folgenden Sieg bei der niederländischen Meisterschaft hat Anish Giri die Grundlage gelegt, per “FIDE Circuit” die Qualifikation fürs Kandidatenturnier 2024 zu schaffen.

Überraschend wäre, würde Vincent Keymer nicht zum Feld zählen. Traditionell sind die Wijk-Organisatoren geneigt, Spielerinnen und Spieler aus dem großen Nachbarland in ihre Felder einzubauen. Vincent Keymer war als Challengers- und 2023 erstmals als Masters-Teilnehmer schon mehrfach mit von der Partie. Wahrscheinlich wird er 2024 die Gelegenheit bekommen, es besser zu machen als im Vorjahr, als er ohne Sieg Platz 13 unter 14 Teilnehmern belegte.

Vincent Keymer konfrontierte den angehenden Weltmeister beim Tata Steel Chess 2023 mit “seiner” Eröffnung, die er eigentlich bevorzugt im Blitz und Schnellschach spielt. Aber ihm war der Start bei seinem ersten Superturnier missglückt, und so probierte er gegen die seinerzeitige Nummer zwei der Welt etwas Neues.
4.2 11 votes
Article Rating
Abonnieren
Benachrichtige mich bei
guest

6 Comments
Most Voted
Newest Oldest
Inline Feedbacks
View all comments
Thomas Richter
Thomas Richter
7 Monate zuvor

Der erste und dann auch der dritte Absatz dieses Artikels wird dann im vierten korrigiert – Superbet Classic direkt nach dem WM-Match war dabei keine gute Idee, aber diese Zusage hat er eingehalten. Ob es nächstes Mal wieder ein WM-Match zwischen dem Ersten und Zweiten des Kandidatenturniers gibt liegt vielleicht daran, wie Ding Liren bei Tata Steel abschneidet. Wie es mit Carlsen klassisch weitergeht, weiß allenfalls er selbst. Den Weltcup hat er einmal gewonnen und danach offenbar angedeutet, dass er diesen Titel nicht verteidigen wird. Sonst lief es in Einzelturnieren 2023 nicht nach Wunsch für ihn, was auch immer das… Weiterlesen »

trackback

[…] fünf Runden zwei entschiedene Partien produziert hat. Aronian ist für Weltmeister Ding Liren, der abgesagt hat, ins Elitefeld […]

trackback

[…] seiner kehrt, wie diese Seite berichtet hat, Weltmeister Ding Liren auf die globale Schachbühne zurück. Wenn der Chinese am 13. Januar in der […]

Carlo
Carlo
7 Monate zuvor

Neben Bobby Fischer fällt mir noch Nico Rosberg ein; aber wahrscheinlich gibt es noch andere, die einem Höchstziel keine weiteren Ambitionen mehr nachgeschoben haben. Ach, auch Reinhold Messner: Kaum hatte er alle 14 Achttausender bestiegen, hat er sämtliche Berge ad acta gelegt. Nie wieder hat er einen der höchsten Gipfel erklommen, weder über neue Route, noch im Speed-Stil, sondern sich Sand- und Eiswüsten zugewandt, also Arealen ohne echte Steigung. Magnus Carlsen hatte ja auch irgendwann keine Lust, seinen Weltmeistertitel zu verteidigen, warum sollte dann Ding Liren den Drang verspüren, sich ständig neu beweisen zu müssen? Er hat’s geschafft, ist Weltmeister… Weiterlesen »

Carlo
Carlo
7 Monate zuvor

Noch ein Aspekt: Ähnlich Kissinger, der Fischer persönlich beauftragt hatte, die Überlegenheit des amerikanischen Imperialismus gegenüber dem sowjetrussischen Imperialismus und gegenüber dem armen Spasski zu demonstrieren, wird auch Ding Liren als scheue Schachkünstlerseele unter enormen Druck gestanden haben, das chinesische Dominanzgebaren auch auf dem Schachbrett zu behaupten. Das ist ihm gelungen; aber ich vermute, er hatte danach die Nase voll. Seine Absenz ist womöglich Ausdruck subtilen Protestes: Ich habe den Polit-Funktionären gegeben, was sie haben wollten, jetzt aber können sie mir den Buckel runter rutschen. Ich stelle mir vor, Bundeskanzler S. und die gesamte Ampel würde von Vincent Keymer verlangen,… Weiterlesen »