Vincent Keymers erstes Jahr als Vollprofi: die Maschine als Maßstab

Vincent Keymers Streben nach schachlicher Vervollkommnung gilt in erster Linie dem klassischen Schach. Die klassische Elo sei am wichtigsten, auch der klassische Weltmeistertitel. Aber Keymer glaubt durchaus, dass die Bedeutung der schnellen Disziplinen steigt, allein schon wegen der hochdotierten Onlinewettbewerbe.

Bevor der 18-Jährige ab dem heutigen Mittwoch in Prag zu einem stark besetzten klassischen Traditionswettbewerb antritt, hat er in Berlin an einem grellen, schnellen teilgenommen, der „Armageddon-Serie“ des World Chess Clubs. Blitz wurde gespielt, und das eher fürs allgemeine denn fürs Expertenpublikum. Die „Europa-Gruppe“ vermochte Keymer ebenso wie Matthias Blübaum und Alexander Donchenko nicht zu gewinnen. Das deutsche Trio ist damit ausgeschieden. Ins Finale zieht der Ungar Richard Rapport ein.

Zum Auftakt der Armageddon-Serie in Berlin traf Vincent Keymer auf Alexander Donchenko. Die beiden spielten ein Zwei-Partien Match, Im Video: die zweite Partie.

Wie berichtet, hat die Welt auf ihren Online-Portalen rund um die Armageddon-Serie eine eigene Schachsendung für ihre Abonnenten angeboten – und parallel die Schachberichterstattung in der Zeitung und auf welt.de intensiviert. Teil dieser Berichterstattung ist ein ungewöhnlich ausführliches Interview mit Vincent Keymer, das unter den Titel „Schach ist ein Lebensprojekt“ (für Abonnenten) erschien. „Lebensprojekt“ bezieht sich nicht aufs Spiel im Allgemeinen, sondern auf die Eröffnungsarbeit des Schachprofis. Er habe noch „irrsinnig viel zu entdecken und zu wissen“, sagt Keymer dazu.

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Das Wachstum von Schach als Freizeitbeschäftigung verortet Keymer „im Verborgenen“. Die Zahl der Menschen, die Schach spielen oder sich mit Schach beschäftigen sei gestiegen. Viele Menschen spielten online, viele Menschen verfolgten Schach, ohne selbst zu spielen. „Schach kommt immer mehr in der Gesellschaft an. Es gibt viel mehr Schach-Fans, als man glaubt“, sagt Keymer.

Es fehlten aber noch die Ideen, wie sich das nutzen lässt, um neue Sponsoren fürs Schach zu gewinnen – was im Schach-Entwicklungsland Deutschland ohnehin schwieriger sei als etwa in Indien, wo Schach nach Cricket die Sportart Nummer zwei sei. Schachprofi gelte dort als „Top-Beruf“.

“Ein Lebensprojekt”: ausführliches Vincent-Keymer-Interview in der Welt (für Abonnenten).

Für das Ausnahmetalent Vincent Keymer, der Schach schon seit Jahren nicht mehr als Hobby betrachtet, ist Schach der Top-Beruf. Nicht des Geldes, sondern der Leidenschaft wegen. „Das Geld stand für mich nie im Vordergrund, auch wenn es natürlich ein Aspekt ist. Ich hoffe, dass ich vom Schachspielen gut werde leben können“, sagt Keymer.

Hätten allein materielle Erwägungen bei der Berufswahl den Ausschlag gegeben, Keymer wäre kein Schachspieler. Aus der Sicht eines Deutschen gibt es „sehr viele Berufe, in denen man mit weniger Arbeit eine viel sicherere Zukunft hat“, sagt Keymer. Die Rahmenbedingungen für Profis in Einzelsportarten seien in Deutschland nicht leicht.

Keymers Fokus liegt unverändert darauf, so gut im Schach zu werden, wie es eben geht. „Alles andere, Geld, Sponsoren, wird dann kommen.“ Seine ersten Monate als Profi, im Wesentlichen das zweite Halbjahr 2022, „seien schachlich wirklich gut gelaufen“: zwei starke Rundenturniere gewonnen, die 2700-Elo-Marke überschritten, Vize-Weltmeister im Schnellschach geworden. Letzteres „war für mich das Highlight des Jahres“.

“Das Highlight des Jahres”: Magnus Carlsen schaut bangend zu, ob Vincent Keymer ihm einen Stichkampf und den Schnellschach-Weltmeistertitel aufzwingt.

Offenbar reichen derartige Erfolge und die damit verbundenen Preisgelder allein noch nicht aus, nachhaltig schwarze Zahlen zu schreiben. Gegenüber der Welt gibt Keymer zu Protokoll: „Ich kann zurzeit durch Sponsoren und Unterstützungen einen Großteil meiner Kosten tragen.“

60.000 Euro koste ein Profijahr, hat Keymer Ende 2021 gesagt, als er seine Sponsorensuche öffentlich machte. Diese Suche läuft offenbar unverändert, hat sich doch seitdem nur die Online-Plattform „Immortal Game“ zum traditionellen Keymer-Unterstützer Grenke gesellt. Und so kreist ein großer Teil des Gesprächs mit den Redakteuren Olaf Gersemann und Rouven Chlebna darum, mit welchen Branchen Keymer sich identifiziert und was für Unternehmen als Sponsor infrage kämen.

Das Krypto-Unternehmen “Immortal Game” hat laut Crunchbase fast 16 Millionen Dollar Investorengeld eingesammelt. Ein Teil davon fließt an dutzende “Botschafter” wie Vincent Keymer, die dort gelegentlich zum Spielen verpflichtet werden.

Keymer präsentiert sich in diesem Gespräch als Ein-Mann-Unternehmen, das sich im harten Elowettbewerb nicht allein aufs Kerngeschäft, besser werden im Schach, konzentrieren kann. „Kommunikation mit Turnierveranstaltern, Flüge buchen, Organisatorisches“, zählt Keymer auf. „Man kann als Schach-Profi nicht den ganzen Tag lang nur trainieren, spielen und entspannen. Es gibt noch andere Verpflichtungen, die es möglichst zeiteffizient zu managen gilt.“

Spitzensportler-Pflichten wie die Markenbildung müssen sich unter diesen Umständen wahrscheinlich hinten anstellen. Interviewanfragen großer Medien nimmt Keymer zwar regelmäßig wahr, die aktuelle der Welt zum Beispiel, aber wer nach der Lektüre des Interviews die Website oder die Social-Media-Profile des angehenden Weltklassespielers besucht, dem fällt auf, dass der 18-Jährige auch in Sachen Außendarstellung auf sich gestellt ist.

Als ewiger 14-Jähriger mit verdecktem Sponsorenlogo begrüßt der 18-Jährige Besucher seiner Website, die keine Anreize bietet, dort regelmäßig vorbeizuschauen.

In vergangenen Interviews ist Keymer oft zum Thema „Druck“ befragt worden – und hat stets gesagt, dass der von außen kaum bei ihm ankommt, dass er sich Druck eher selbst macht. Das führt er nun gegenüber der Welt aus, indem er seine Fähigkeiten in Relation zu denen von Schachfreund Stockfish setzt.

Die Maschine ist zwar besser als der Mensch, aber eben nur so viel besser, dass ihre Fähigkeiten noch greifbar sind. Ein begnadeter Mensch wie Keymer versteht, „wie gut man eigentlich sein könnte“. Der Druck, „den ich mir mache“, entstehe daraus, sich am perfekten Spiel des Computers zu messen. „Wenn ich in die Nähe meines Optimums komme, ist das schon gut“, sagt Keymer. „Aber ich will mehr. Schachspieler messen sich meist eher an ihren eigenen Erwartungen.

In den Chor derjenigen, die angesichts der Carlsen-WM-Matches finden, dass das Schach im wuchernden Eröffnungstheorie-Dschungel erstickt, stimmt Keymer nicht ein. Im Gegenteil, er hält die Gegenrede. „Schach ist noch sehr offen.“ Zwar würden fast alle großen Hauptvarianten in ein Remis münden, aber „heute kommt es deutlich öfter vor, dass versteckte Nebenvarianten gefunden und gespielt werden“.

Computer seien eben nicht nur die Ursache von wucherndem Remis-Ballast. Heute funktionierten Ideen, die Schachmeister vor einigen Jahren noch als schlecht abgetan hätten. „Deshalb wird der Sport in meinen Augen durch den Computer auch wieder sehr interessant.“  

Vincent Keymer in Prag, die anderen Kaderspielerinnen und -spieler in Dortmund. Eine Vorschau.

(Titelfoto: World Chess)

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Bern Simonis
Bern Simonis
9 Monate zuvor

Schach ist und bleibt für Minderheiten, sonst könnte Vicent besser davon leben. Im Fussball kann ich auch eine Tor- Kombination würdigen, wenn ich nie gespielt und 3 Weizen intus habe. Im Schach muss ich aber schon ganz gut sein, um einen Opferangriff, als Ergebnis von Intuition und Rechnen, schön finden zu können.

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[…] Vincent Keymers erstes Jahr als Vollprofi: die Maschine als Maßstab“Schach ist noch sehr offen”, findet Vincent Keymer. […]

Ludger Keitlinghaus
Ludger Keitlinghaus
9 Monate zuvor

“Hätten allein materielle Erwägungen bei der Berufswahl den Ausschlag gegeben, Keymer wäre kein Schachspieler. Aus der Sicht eines Deutschen gibt es „sehr viele Berufe, in denen man mit weniger Arbeit eine viel sicherere Zukunft hat“, sagt Keymer. Die Rahmenbedingungen für Profis in Einzelsportarten seien in Deutschland nicht leicht.” + “Die Maschine ist zwar besser als der Mensch, aber eben nur so viel besser, dass ihre Fähigkeiten noch greifbar sind.” Georg Meier wusste mal irgendwo anzumerken, dass wie gemeinte AI (Schachprogramme entfernen sich sozusagen vom Rechnerischen, werden,ähnlich wie zeitgenössche AI sozusagen orbitant) so-o klug werden könnte, dass der Mensch sie nicht… Weiterlesen »

Peter Kalkowski
Peter Kalkowski
9 Monate zuvor

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