“Dafür riskiert ein Milliardär kein Gefängnis”: Ex-Aufsichtsrat Ernst-Moritz Lipp zur Shortseller-Attacke auf Grenke

Vor knapp drei Jahren war die Firma Grenke Ziel eines Shortseller-Angriffs. Der Investor Fraser Perring erhob eine Reihe von Vorwürfen gegen das dem Schach verbundene Baden-Badener Unternehmen (Betrug, Bilanzfälschung, Geldwäsche). Der Grenke-Aktienkurs brach sofort ein und erholte sich lange nicht. Viel Zeit verging, bis sich herausstellte, dass von dem, was Fraser Perring angeprangert hatte, ein überschaubarer Teil übrig blieb. Mancher Vorwurf des Shortsellers war übertrieben gewesen, mancher falsch.

Im Zentrum des Sturms damals: Ernst-Moritz-Lipp, Aufsichtsratsvorsitzender von Grenke. Nachdem Lipp im Mai 2023 nach etwa 20 Jahren aus dem Aufsichtsrat ausgeschieden ist, hat er jetzt gegenüber der Süddeutschen Zeitung erstmals öffentlich über diese kritische Phase in der Unternehmensgeschichte gesprochen (für Abonnenten).

Ausführliches, lesenswertes Interview in der Süddeutschen Zeitung (für Abonnenten).

Sind Shortseller ein Korrektiv, das den Markt reinigt, oder ein manipulatives Element, das auf Kosten anderer schnelles Geld abzocken will? Lipps Sichtweise hat sich vor drei Jahren geändert, wie er jetzt eingesteht. Als Wirtschaftswissenschaftler habe er Shortseller immer für ein gutes Korrektiv gehalten. “Aber in der Praxis ist das dann etwas ganz anderes. Da habe ich gemerkt: Hier kämpfen zwei mit absolut ungleichen Waffen. Und das ist unfair.”

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Im ausführlichen Interview stellt Lipp einen Zusammenhang mit dem Wirecard-Skandal her, der nach seiner Auffassung das Handeln der Finanzaufsicht Bafin in Sachen Grenke beeinflusst hat: “Wenn Wirecard vorher nicht gewesen wäre, hätte sie vermutlich anders gehandelt und auch Perring viel kritischer auseinandergenommen. Aber sie hatte sich eben gerade erst die Finger verbrannt.”

Wolfgang Grenke (vorne rechts) als Zuschauer beim Bundesliga-Saisonfinale. | Foto via SF Deizisau

Einer der Vorwürfe traf Unternehmensgründer Wolgang Grenke direkt: Er sei an Grenke-Franchises beteiligt, die das Unternehmen überteuert verkauft haben soll, wovon wiederum er bzw. seine Lebensgefährtin profitiert habe. Eine der ersten Reaktionen des Unternehmens auf die Affäre war tatsächlich, sein Franchise-Geschäftsmodell umzubauen.

Lipp erklärt nun, die Vorwürfe seien nie nachgewiesen worden: “Selbst theoretisch wäre bei den zunächst unterstellten überhöhten Preisen für einzelne Franchise-Unternehmen ein Zusatzgewinn von kaum mehr als einigen hunderttausend Euro möglich gewesen. Dafür riskiert ein Milliardär doch kein Gefängnis!”

Lipp nutzt die Gelegenheit, eine Aufsichtsrat-Unkultur in deutschen Unternehmen anzuprangern. Dass sich Manager gegenseitig Jobs in Aufsichträten zuschustern, findet er “höchst problematisch. Man sieht da einen gewissen Boys-Club bei einer Reihe von großen Unternehmen, in denen man unbequeme Personen im Aufsichtsrat gerne vermeiden möchte. Das ist schade, denn wenn man sich die gesamte Dax-Familie anschaut, gibt es viele Unternehmen, bei denen das nicht so ist.”

Lipp bestätigt die Beobachtung, dass sich manches Management nur bequeme Aufsichtsräte aussucht. Engagierte Aufsichtsräte, speziell Frauen, würden ungern der Hauptversammlung zur Wahl vorgeschlagen, “wenn sie mal kritisch waren oder gegen den Strich gebürstet haben. Wir brauchen definitiv mehr Widerspruchsgeist in Aufsichtsräten.” Er selbst sei ein unbequemer Aufsichtsrat gewesen.

(Titelfotos via Grenke AG)

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