Der Fall Grenke

Ein Niedergang der Grenke AG wäre für das Schach eine Katastrophe. Als Sponsor unterstützt Grenke das nach ihm benannte Open, das sich schnell zum größten Schachturnier Europas entwickelt hat, ein Magnet für Schachfreunde auch außerhalb der deutschen Grenzen. Flankiert wird das Open vom Grenke Classic, dem einzigen Weltklasseturnier in Deutschland, die einzige Gelegenheit für die besten deutschen Spieler, sich im Rahmen eines Rundenturniers mit der Elite unseres Sports zu messen.

Dazu das Schachzentrum Baden-Baden, unterstützt von der Grenke-Stifttung: Bundesleistungsstützpunkt, Talentschmiede, Trainingszentrum, Turnierausrichter, Arbeitgeber. Die derzeit in Karlsruhe laufende Meisterschaftsrunde 2020 der Schachbundesliga wäre ohne Grenke so nicht möglich. Nicht zuletzt unterstützen Wolfgang Grenke und seine AG den schachlichen Aufstieg von Vincent Keymer, der in den kommenden Jahren bestens gefördert, betreut und abgesichert ausloten kann, wie weit ihn seine Gabe trägt.

Größtes Turnier Europas: Der Hauptsaal des Grenke-Opens und des Grenke Classic in der Karlsruher Messe. | Foto: Eric van Reem/Grenke Chess

Würde all das wegbrechen, nicht auszudenken. Und so verfolgen wir gebannt die Turbulenzen um die Grenke-Gruppe – und verstehen nur Bahnhof. Es war dringend an der Zeit für ein Gespräch mit jemandem, der uns erklärt, warum und von wem die Grenke-Gruppe unter Beschuss steht.

Thorsten Cmiel. | Foto: privat

Thorsten Cmiel, Finanzjournalist und -Autor, obendrein FIDE-Meister des Schachs, verfolgt das Geschehen aus der Perspektive des Fachmanns. Cmiel war gerne bereit, uns zu erläutern, was unter anderem dazu geführt hat, dass Wolfgang Grenke sich gestern veranlasst sah, mit einer Verteidigungsschrift in eigener Sache an die Öffentlichkeit zu gehen.

Thorsten, aus der einstigen Grenkeleasing ist 2016 die Grenke AG geworden. Was macht die Grenke AG eigentlich?

Immer noch zu einem ganz erheblichen Teil Leasing. Das kennt jeder als Autoleasing beispielsweise. Eine Art Mietkauf …

… nur geht’s bei Grenke um Büroausstattung statt Autos.

Unter anderem. Unternehmen beziehen per Leasing über Grenke Büroausstattung wie Drucker oder ähnliche Güter. Der andere große Bereich ist das „Factoring“. Der Begriff steht dafür, dass ein Unternehmen die offenen Forderungen eines anderen Unternehmens kauft. Nichts anderes macht Grenke als Dienstleister. Die Grenke-Kunden haben den Vorteil, dass sie sofort Geld sehen, aber sie bekommen weniger, als ihre Forderungen im Normalfall wert sind. Dafür müssen sie das Geld nicht eintreiben und haben kein Risiko, auf Forderungen sitzenzubleiben. Factoring ist ein vernünftiges, normales Geschäftsmodell für Unternehmen, die keine Ressourcen für das eigene Forderungsmanagement aufbauen wollen.

Dann gibt es noch eine Grenke-Bank.

Ja, und das ist gewissermaßen momentan eine mediale Belastung. Unternehmen mit angeschlossenem Bankgeschäft sind in Deutschland problematisch, wie wir jetzt bei Wirecard gesehen haben. Das hängt damit zusammen, dass die deutsche Aufsicht bei Unternehmen mit Banklizenz anscheinend nicht ausreichend geklärt ist. Die BaFin, das ist die deutsche Finanzaufsicht, hat sich im Fall Wirecard ausschließlich für das Bankgeschäft zuständig erklärt, obwohl Bank und Restunternehmen unter einem Dach wirtschaften und an der Börse notieren. Um diesen Fall gibt es gerade einen politischen Streit, es geht es unter anderem um die Beaufsichtigung in Fragen der Geldwäsche, die von deutschen Behörden ohnehin unzureichend verfolgt wird. In diesem Feld besteht viel Regelungsbedarf, vieles ist nicht geklärt, damit beschäftigt sich jetzt ein Wirecard-Untersuchungsausschuss.

Grenke macht aber ganz andere Sachen als Wirecard?

Das stimmt. Auf das Beispiel Wirecard habe ich nur verwiesen, um zu zeigen, dass derzeit deutsche Finanzdienstleister im Brennpunkt sind.

Eine Verbindung zwischen Wirecard und Grenke besteht in denjenigem, der erst Wirecard attackiert hat und nun Grenke: Fraser Perring mit seiner Viceroy-Research-Gruppe – ein „Shortseller“ bzw. „Leerverkäufer“. Was macht so jemand?

Fraser Perring, wie er sich selbst sieht.

Shortseller sind aktivistische Aktionäre, die die Bewertung eines Unternehmens für zu hoch halten und dieses nachzuweisen versuchen. Sie setzen auf fallende Kurse des Unternehmens und verdienen daran, im besten Fall. Sie verkaufen Aktien anfangs zum ihrer Meinung nach überhöhten Wert, verpflichten sich aber, sie später zurückzukaufen, zu liefern. Ist bis dahin der Wert gefallen, hat der Shortseller Gewinn gemacht. Das war jetzt vereinfacht dargestellt, aber nach diesem Prinzip funktioniert es.

Was von Shortsellern zu halten ist, erscheint mir nach der Lektüre der vergangenen Tage zumindest umstritten zu sein.

In Deutschland haben Shortseller ein arges Imageproblem, das hat aber auch mit der wenig erwachsenen Börsenkultur in Deutschland zu tun. Als Börsianer kann man Shortselling auch für eines von vielen legitimen Konzepten halten, an der Börse tätig zu sein. „Shortseller reinigen den Markt“, sind also für die Hygiene zuständig, ließe sich argumentieren. – Ich muss aber nochmal auf den sich aufdrängenden Vergleich Wirecard-Grenke eingehen …

… bitteschön.

Die Vorwürfe, die den Wirecard-Stein ins Rollen gebracht haben, kamen aus der Financial Times, also von Journalisten aufbereitet, die unter anderem auf Grundlage der Viceroy-Hinweise zusätzlich eigene umfangreiche Recherchen angestellt hatten. Bei Grenke ist es anders. Grundlage ist zurzeit allein ein 64-seitiges Viceroy-Papier mit diversen Vorwürfen. Einen von denen hat Grenke unmittelbar entkräftet. Während bei Wirecard Geld auf asiatischen Konten liegen sollte, von dem sich herausstellte, dass es wohl weg ist, verweist Grenke darauf, dass ein großer Teil ihrer Mittel bei der Bundesbank liegt, 760 Millionen Euro. Das ist verlässlicher, als wenn jemand sagt, er habe eine Milliarde Euro sozusagen bei der „Stadtsparkasse Singapur“ liegen.

Die 64 Seiten und das, was Viceroy tags darauf nachgelegt hat, enthalten einen Strauß von Vorwürfen.

Das stimmt. Sozusagen aus der Hüfte kann ich die Vorwürfe nicht beurteilen. Die Grenke AG ist auf einer Vielzahl von Feldern tätig und hat sich eine unternehmerische Beteiligungsstruktur gegeben. Die Unternehmen unter dem Dach der Grenke-Gruppe müssen bewertet werden, ihre Bewertung ist ein Teil der Kritik.

Kannst du die Vorwürfe denn nachvollziehen?

Ich kann sie nachlesen wie jeder andere auch. Bilanzen und Bewertungsfragen sind so komplex, das ist für einzelne Beobachter nicht mehr nachvollziehbar. Dafür gibt es Wirtschaftsprüfer. Und deren Rolle im Spiel wird ebenfalls gerade durch den Skandalfall Wirecard hinterfragt.

Zu sagen, wie viel Substanz die Vorwürfe haben, wäre zum jetzigen Zeitpunkt also Spekulation?

Ja. Da müssen wir abwarten. Irgendetwas wird dran sein, Viceroy hat ebenfalls einen Ruf zu verlieren, in dem Papier steckt viel Arbeit und man hat es veröffentlicht und die deutsche Finanzaufsicht informiert, natürlich um die eigene Meinung zu verbreiten und für die eigene Sichtweise zu werben. Aber wie viel oder wenig am Ende hängenbleibt, erscheint mir, um diesen Schachbegriff zu verwenden, unklar. Wenn sich die meisten Vorwürfe nicht halten lassen, kann Grenke unbeschadet aus der Situation herauskommen. Im anderen Fall könnten sich Banken als Kreditgeber zurückziehen und Ratingagenturen die Bonität, also die finanzielle Glaubwürdigkeit, Grenkes herabstufen, das macht die Angelegenheit für die Grenke AG so kritisch. Heute kann ich nur sagen, dass der Zeitpunkt, Grenke anzugreifen, sehr gut gewählt war.

Warum?

Das Unternehmen hatte coronabedingt zuletzt gewisse Schwierigkeiten, steht also wie viele Unternehmen ohnehin geschwächt da. Und die deutsche Finanzaufsicht hat sich zuletzt im Fall Wirecard blamiert und wird wohl kaum ein zweites Leerverkaufsverbot verfügen. Das erste Verbot bei Wirecard war ein Desaster und ist jetzt Anlass für Kritik.

Die Talfahrt der Grenke-Aktie im Lauf der vergangenen Woche. | via boerse.ard.de

Obwohl sich nach dem Viceroy-Bericht recht bald Analysten und Fonds pro Grenke eingelassen haben, ist die Aktie zwei Tage lang abgestürzt.

Das ist Panik und dem Verkaufsdruck geschuldet: Viele Aktien werden verkauft, und es gibt kaum Käufer. Aber die Shortseller werden wieder kaufen müssen, und damit werden sie den Kurs letztlich wieder stabilisieren. Das wird häufig vergessen.

Von Grenke kam nach einer ersten, knappen Stellungnahme erstmal nichts.

Es dauert einige Zeit, bis rechtlich geprüft ist, was das Unternehmen herausgeben will und kann. Alarmierend fand ich in der ersten Reaktion den Hinweis, man behalte sich rechtliche Schritte vor. Wer das formuliert hat, war schlecht beraten. Souverän geht anders.

„Positives Zeichen“: Wolfgang Grenke hat sich am gestrigen Donnerstag erstmals selbst in die Angelegenheit eingeschaltet. | Foto: Eric van Reem/Grenke Chess

Am Donnerstag gab es dann eine Stellungnahme von Wolfgang Grenke und eine Ankündigung, dass sich die Gruppe ausführlich einlassen will.

Das persönliche Statement ist grundsätzlich ein positives Zeichen gewesen und wurde vom Markt entsprechend aufgenommen. Wolfgang Grenke hat das attackierte Wachstumskonzept, Franchise des Unternehmens, verteidigt. Das Franchisesystem und dessen Bewertung hatte Viceroy massiv kritisiert. Für Freitag ist zudem eine umfangreiche Stellungnahme des Vorstands angekündigt.

Den eben von dir kritisierten Passus mit den „rechtlichen Schritten“ finden wir auch in der Stellungnahme des Unternehmens von Donnerstag.

Solche Hinweise wirken in der Börsenwelt unprofessionell. Auch wenn angeblich irgendwelche Ermittlungen von Staatsanwaltschaften oder der BaFin gegen Viceroy stattfinden sollen, wegen Marktmanipulation. Die enden im Nirwana. In Deutschland ist man an der Börse Hofberichterstattung gewohnt. Diese Idee scheint nicht nur die BaFin zu haben, sondern ebenfalls viele Unternehmen.

Soll ich nun Grenke-Aktien kaufen oder besser nicht?

Das entscheidest du am besten selbst. Ich würde nicht erwarten, dass die Shortseller in allen Fragen falsch liegen oder das ganze unter dem Stichwort Marktmanipulation abgehandelt werden sollte. Das sagt aber gar nichts über den angemessenen Kurs für ein Unternehmen im Börsenspiel aus. Vielleicht sind 30 Euro noch zu hoch, genauso könnte ein Kurs von 80 Euro angemessen sein. Das entscheidet jeder Anleger für sich selbst, also auch du. Viel Glück dabei.

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