Turniersieg, GM-Norm, Top 30 der Welt: Dinara Wagners Triumphzug auf Zypern

GM-Norm oder Turniersieg? Dinara Wagner wusste gar nicht, worüber sie sich mehr freuen sollte. Mit 7 Punkten aus 11 Partien sicherte sich die 24-Jährige den Sieg bei der finalen Grand-Prix-Etappe auf Zypern. „Der größte Sieg meines Lebens.“

Abschlusstabelle via FIDE

Und eine grandiose Außenseitergeschichte. Im Feld der sieben GM und vier IM war Wagner die einzige Teilnehmerin, die „nur“ den WGM-Titel führte. Mit einer Elozahl von 2417 war sie diejenige mit der schlechtesten Wertung, die Nummer zwölf der Setzliste. Nicht einmal sportlich qualifiziert wäre sie für die Grand-Prix-Serie gewesen, hätte nicht der deutsche Verband dank des Münchner Grand-Prix-Turniers im Februar 2023 einen Freiplatz bekommen. In einem Stechen gegen Josefine Heinemann und Jana Schneider sicherte sich Wagner diese Chance.

Was für eine Duftmarke zum Auftakt: Dinara Wagners Sieg in der ersten Runde gegen die topgesetzte Weltranglistenzweite Aleksandra Goryachkina.

Auf Zypern trat die Außenseiterin obendrein mit einem letzten Platz im Münchner Turnier als psychologischem Gepäck an. Aber hatte das Heimspiel in Bayern noch mit verkorksten 3,5/11 bescheiden geendet, zeigte Wagner in Nikosia von Beginn an, was sie zu leisten imstande ist. Nach vollen Punkten unter anderem gegen die Weltranglistenzweite Alexandra Goryachkina sowie die Weltranglistenvierte Kateryna Lagno führte die Außenseiterin den Wettbewerb nach sieben Runden an.

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Rekordverdächtige vier Runden vor Schluss hatte sich Wagner damit ihre zweite IM-Norm gesichert – und GM-Norm-Kurs eingeschlagen. Zwei Punkte aus den letzten vier Runden würden reichen, um die Performance über 2600 zu halten und als zweite Frau in der Geschichte des deutschen Schachs eine GM-Norm einzufahren.

Wackelig, aber couragiert in Runde fünf: Dinara Wagners Schwarzremis gegen die Weltranglistensiebte Alexandra Kosteniuk.

In Runde neun ereilte sie an ihrem 24. Geburtstag der einzige Rückschlag des Turniers. Trotz ungleichfarbiger Läufer vermochte Wagner ein Endspiel gegen Gunay Mammadzada (Aserbaidschan) nicht zu halten. Fortan teilte sie sich die Tabellenführung, anstatt alleine vorne zu stehen. In der letzten Runde, Schwarz gegen GM Bela Khotenashvili (Georgien), musste ein Partiegewinn auf Bestellung her, um das starke Turnier mit einer GM-Norm und (potenziell) dem alleinigen Sieg zu krönen.  

Da wurde es langsam großmeisterlich: Sechstrunden-Arbeitssieg über IM Oliwia Kiolbasa.
Und dann wurde es richtig großmeisterlich: Mit Dinara Wagners Schwarzsieg über die Weltranglistenvierte Kateryna Lagno war die IM-Norm vier Runden vor Schluss unter Dach und Fach.

Rückschläge überwinden, Siege unter Siegzwang: Dinara Wagner kann das, wie sie schon im ersten Grand Prix in Astana gezeigt hat. Seinerzeit hatte sie in der letzten Runde mit einem Sieg auf Bestellung ihre erste IM-Norm erzielt.

Diesmal verlief sich ausgangs einer für Schwarz günstigen Englischen Eröffnung die weiße Dame am schwarzen Damenflügel, während sich die schwarzen Truppen über den weißen Monarchen hermachten. Zwar verpasste Wagner eine Gelegenheit, die Angelegenheit schnurstracks zu entscheiden, trotzdem vermochte Khotenashvili die Probleme rund um ihren entblößten Monarchen nicht dauerhaft zu lösen.

Krone drauf! Dinara Wagners Schlussrundensieg über GM Bela Khotenashvili, der ihr den Turniersieg und die erste GM-Norm bescherte.

Die Mentalität sei ein wichtiger Faktor im Schach, erklärte Wagner nach der Partie. Auch während des verkorksten Februar-Grand-Prix in München habe sie nie aufgesteckt, sondern sich eine optimistische Grundhaltung bewahrt, anstatt „nach schlechten Partien zu tilten“. „Ich wusste, das ist nur eine Phase, die werde ich überwinden und stärker zurückkommen.“

via 2700chess.com

Wie stark, lässt sich an der Eloliste ablesen. Neben 15.000 Euro Preisgeld brachte Wagner 27 Elopunkte aus Zypern mit heim nach Heidelberg. Mit nun 2444 Elo belegt sie Rang 28 in der Live-Weltrangliste. Zum ersten Mal unter den Top 30 der Welt platziert, sieht sie die Rücklichter der 32 Elo entfernten Elisabeth Pähtz vor sich. Die deutsche Nummer eins hat längst angekündigt hat, sie rechne damit, dass Wagner demnächst vorbeizieht. Am Horizont erscheint langsam die großmeisterliche 2500-Hürde, deren Überwinden den Eintritt in die Weltelite der Frauen bedeutet.

Wagner sieht ihren Erfolg beim Grand Prix nicht als Ausrutscher nach oben, den sie so bald nicht wiederholen kann, sondern als Maßstab, an dem sie sich künftig orientieren will. Noch vor der Siegerehrung auf Zypern blickte sie ambitioniert voraus auf die nächste Aufgabe: ein GM-Rundenturnier im Rahmen der Dortmunder Schachtage (ab 24. Juni): für sie die Gelegenheit, sogleich die zweite GM-Norm nachzulegen.

In der Grand-Prix-Gesamtwertung sicherten sich die Russinnen Kateryna Lagno und Aleksandra Goryachkina die ersten beiden Plätze. Beide sind damit für das Kandidatenturnier 2024 qualifiziert. Gleichwohl hat die Grand-Prix-Serie 2022/23 spätestens mit dem Chaos-Turnier unlängst in Delhi und dem Rückzug der ukrainischen Muzychuk-Schwestern ihren Status als regulärer Wettbewerb des WM-Zyklus eingebüßt. Stattdessen zementiert sie den Eindruck, dass der ausrichtende Weltverband FIDE viel mehr geneigt ist, russische Interessen zu wahren, als Ukrainern zu helfen.

Ursprünglich hatte der Wettbewerb in Polen stattfinden sollen. Dort hätten die Russinnen nicht spielen dürfen, was wiederum den Ukrainerinnen die Teilnahme ermöglicht hätte (die Ukraine verbietet ihren Sportler:innen seit Mitte April Wettkämpfe, an denen Russ:innen teilnehmen). Klammheimlich verschwand das als Austragungsort vorgesehene Bydgoszcz von der Liste. Eine Erklärung dazu gab es nicht.

Wenig später stand plötzlich Nikosia (Zypern) als neuer Austragungsort fest. Auch dazu keine Erklärung. Alles deutet darauf hin, dass die Verlegung dem Zweck diente, den in der Grand-Prix-Wertung führenden Russinnen die Teilnahme und die Qualifikation fürs Kandidatenturnier zu ermöglichen. „Alles in Ordnung, die korrekten Schachspielerinnen haben gewonnen“, kommentierte der putinkritische russische Journalist Evgeny Surov  – und verwies auf die zweimalige Teilnahme der nun gekürten WM-Kandidatinnen Goryachkina und Lagno an den Karjakin-Z-Turnieren in Moskau.

(Titelfoto: Mark Livshitz/FIDE)

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Markus
Markus
1 Jahr zuvor

Ein grandioser Erfolg!
Herzlichen Glückwunsch Dinara und vielen Dank für die vielen spannenden Partien.

Thomas Richter
Thomas Richter
1 Jahr zuvor

Zur gesamten politischen Situation: natürlich ist sie kompliziert und unschön, aber was hätte man denn machen sollen? Wenn man Russinnen zu Beginn der Serie die Teilnahme (unter FIDE-Flagge) ermöglicht, kann man sie doch nicht während der Serie disqualifizieren – aus Gründen, die schon zu Beginn der Serie bekannt waren. Erst recht nicht (wobei das an sich keine Rolle spielen sollte), wenn sie in der Gesamtwertung chancenreich sind. Auch die Teilnahme an “Propagandaturnieren” mit Karjakin kann kein Ausschlussgrund sein: Karjakins sperre ist eben abgelaufen – man konnte lesen, dass er “begnadigt” wurde, das war Unsinn. Zu Beginn der Serie konnte man… Weiterlesen »

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[…] Gewähr, aber es sieht ganz danach aus, als würden 5,5 Punkte reichen. Nachdem sich Dinara Wagner neulich auf Zypern vier (!) Runden vor Schluss die IM-Norm gesichert hat, legt sie jetzt in Dortmund beim […]

schachkatze
schachkatze
1 Jahr zuvor

Gratulation an Dinara zum Turniersieg und die sehr starke Leistung.
Ist da zeitnah mit ihr ein Perlen-Interview geplant? Mir ist über sie noch nicht so viel bekannt.

Die Frauen Grand Prix Serie insgesamt fügt sich wunderbar in das Gesamtbild, dass die FIDE als korrupter Kremlverein abgibt. Die Siegerinnen Goryachkina und Lagno sind da nur folgerichtig.
Aber auch der DSB (mit seinem neuen Präsidium) könnte sich vor dem Hintergrund des Ukraine-Kriegs im eigenen Laden umschauen. So ist zum Beispiel der Bundestrainer der Frauen Yuri Yakovich im April 2023 vom Russischen Schachverband als Trainer zeremoniell ausgezeichnet worden.

Kommentator
Kommentator
1 Jahr zuvor

Leider stellt dieses Ergebnis keinen Erfolg systematischer deutscher Nachwuchsförderung dar, ist diese Dame zum Deutschen Schachbund doch lediglich durch Verehelichung mit einem Deutschen gekommen. Das sollte bei allen Lobpreisungen durch den DSB nicht unberücksichtigt bleiben.