Hikaru Nakamura ist 960-Weltmeister, Magnus Carlsen verzichtet (jetzt offiziell)

50 Jahre nach dem WM-Match zwischen Bobby Fischer und Boris Spassky wiederholte sich die Geschichte. Der Amerikaner, Hikaru Nakamura, schlug den Russen, Ian Nepomniachtchi, und wurde Weltmeister. „Darüber habe ich gestern Abend tatsächlich ein wenig nachgedacht“, sagte Nakamura nach seinem Finalsieg bei der 960-Weltmeisterschaft dem norwegischen Rundfunk: „Es war passend, die Götter scheinen einen Sinn für Humor zu haben.“

Der Triumph in Island mit einer Schnellschach-Performance von 2924 war nicht Nakamuras erster Weltmeistertitel im Schach960. 2009 in Mainz bei den von Hans-Walter Schmitt organisierten Chess Classics hatte er ebenfalls triumphiert, seinerzeit nach einem Finalsieg über Levon Aronian.

Vielleicht nicht das glücklichste Design für eine WM-Trophäe? Hikaru Nakamura 2022 mit einem Häuflein isländischer Lava. | Foto Lennart Ootes/FIDE

Zum Weltmeister ohne Krone, stattdessen mit einem Pokal aus braunem Lavastein, wurde Nakamura 2022 gekürt, nachdem er das spannende Match gegen Nepomniachtchi nicht in der regulären Distanz von vier Partien zu gewinnen vermocht hatte. Es bedurfte einer Armageddon-Partie. Nakamura gewann neben dem Titel 150.000 US-Dollar, Nepomniachtchi 85.000.

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Auch die anderen sechs Teilnehmer waren am Tag des Finales Teil des Programms. Magnus Carlsen bezwang im Match um Platz drei trotz 0:1-Rückstands Nodirbek Abdusattorov. Fünfter wurde der vom deutschen Großmeister Alexander Donchenko gecoachte Vladimir Fedoseev nach einem Sieg über Titelverteidiger Wesley So.

Nachdem Sisyphos Blübaum in der Vorrunde zu oft der Stein den Berg runtergekullert war, gelang ihm zum Abschluss ein 3:1-Matchgewinn und Rang sieben.

Matthias Blübaum erkämpfte sich einen versöhnlichen Abschluss seiner 960-Weltmeisterschaft. Im Duell um Platz sieben gelang ihm gegen den Lokalmatador Hjörvar Steinn Grétarsson der erste Matchsieg der Veranstaltung, hart erkämpft. 1,5:0,5 führte Blübaum, als der Isländer in der dritten Partie drauf und dran war, das Match auszugleichen.

Blübaum musste sich anhaltenden Drucks erwehren. Seiner Hartnäckigkeit in der Defensive, die dem Isländer die Bedenkzeit wegticken ließ, verdankt Blübaum, dass er mit einem halben Punkt davonkam. Am Ende stand ein überzeugendes 3:1 für die deutsche Nummer zwei. In der vierten Partie gewann Blübaum ein langes Endspiel und verdiente sich die 15.000 Dollar Preisgeld.

Nepomniachtchi-Nakamura, die erste Matchpartie, die Nakamura mit einem taktischen Knaller für sich entschied.

Im Finale um den Titel übernahm Nakamura in der ersten Partie mit den schwarzen Steinen sogleich die Initiative und das Zentrum noch dazu. Im Bemühen dagegenzuhalten, erlag Nepomniachtchi einer hübschen Taktik, die ihn eine Figur kostete.

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Früher Rückstand im Match, nichts Neues für Nepo, dem es am Vortag im Match um Platz drei gegen Magnus Carlsen ähnlich ergangen war. „Schnell und aggressiv spielen“ sei seine Taktik gewesen, um ins Match zurückzukommen, erklärte er nach seinem Comeback. Aber gegen Nakamura funktionierte die Schnell-und-Aggressiv-Strategie zunächst nicht. Der bis dahin ungeschlagene Amerikaner parierte, was der Russe drohte, und am Ende stand ein Remis durch Zugwiederholung.

Unter steigendem Druck, gewinnen zu müssen, gelang es Nepomniachtchi in der dritten Partie zurückzuschlagen. Dem angehenden Finalisten im regulären Schach gelang eine fast makellose Angriffspartie: Qualitätsopfer, Angriffslinien öffnen, durchbrechen, fertig. Es stand 1,5:1,5.

Verblüffend das Ende der vierten Partie. 15 Züge waren gespielt, auf dem Brett ein schwer durchschaubares Durcheinander, und Nakamura bot Remis an. „Darf er das?“, fragten Kommentatoren und Zuschauer. Ja, er darf. Offenbar hatten die 960-WM-Regelhüter versäumt, ein Remisangebot-Verbot im Regelwerk zu verankern.

Armageddon also, und das begann wie schon in der Online-Qualifikation mit einem im Schach neuen Prozedere: ein Bietwettbewerb. Wer bereit ist, mit weniger Zeit zu spielen, bekommt Schwarz und braucht nur ein Remis, um als Sieger dazustehen. Beide Spieler gaben ihr Angebot in einem geschlossenem Umschlag beim Hauptschiedsrichter Omar Salama ab. Nepo gewann mit seinen konservativen 13 Minuten, denen Nakamura noch konservativere 14 entgegengesetzt hatte – basierend auf einer Fehlkalkulation.

Nakamura hatte erwartet, dass Schnellspieler Nepomniachtchi von sich aus ein viel größeres Zeit-Zugeständnis macht. In der Annahme, dass er selbst die Zeit brauchen würde, wollte der angehende Weltmeister gar nicht erst ernsthaft in einen Bieter-Wettbewerb mit seinem Kontrahenten einsteigen. Stattdessen lieber mit Weiß, zwar unter Siegzwang, aber dafür mit 15 Minuten auf der Uhr.

Nach der Auslosung der Startposition blieben den Spielern knapp fünf Minuten, um über ihre Strategie nachzudenken. Nakamura tauschte sich kurz mit Landsmann Wesley So aus, wie es die beiden schon an den Tagen zuvor gehalten hatten. Nepomniachtchi konsultierte seinen Sekundanten Nikita Vitiugov. Die folgende Partie schien Nepomniachtchi dank ungleichfarbiger Läufer unter Kontrolle zu haben, aber letztlich bereitete ihm Nakamura mehr Probleme, als er lösen konnte.

Die Armageddon-Partie.

Nakamura begab sich nach seinem Sieg sogleich – an die Arbeit. Bald erschien auf YouTube ein Video, in dem er seine Partien gegen Nepomniachtchi vorführt. Dort kündigte Nakamura an, dass er bald wieder am Brett zu sehen ist: In Toronto steht das live gespielte Finale der mit einer Million Dollar dotierten „Global Championship“ an, wo er unter anderem auf Wesley So treffen wird.

Hallo YouTube, ich bin Weltmeister.

Die Weltmeisterschaft im Schach960 des Jahres 2022 ist nun beendet, aber die Diskussion über die Zukunft des Schachs neu entfacht. Zu all den Spitzengroßmeistern, die das Spiel lieben, hat sich im Lauf der vergangenen Woche eine Schar von Beobachtern und Fans gesellt, die es genossen haben, die Weltelite durch unerforschtes Terrain navigieren zu sehen.

„Hoffentlich mehr Fischer-Random-Turniere“, twitterte Ian Nepomniachtchi nach seiner Finalniederlage und erfuhr einigen Zuspruch. Sogar der regelmäßig in Social-Media-Fettnäpfchen tretende FIDE-Geschäftsführer Emil Sutovsky durfte sich an ausschließlich positiven Rückmeldungen zur 960-WM in Island erfreuen.  

Überlegungen zur Zukunft des Spiels müssen den einschließen, der es dominiert. Der in Island für seine Verhältnisse außergewöhnlich wackeliges Schach zeigende Magnus Carlsen hat sein Ziel verfehlt, im Angesicht seiner bevorstehenden Ablösung als Weltmeister im klassischen Schach einen anderen Titel zu gewinnen. Für künftige 960-Wettbewerbe regte Carlsen an, die Bedenkzeit zu verlängern. Es sei unlogisch, den Akteuren auf unerforschtem Gebiet weniger Zeit zu geben als dort, wo sich längst eingefahrene Bahnen gebildet haben.

Umgekehrt beharrt Carlsen auf seiner Forderung, die Weltmeisterschaft im klassischen Schach schneller zu machen: weniger Bedenkzeit, mehrere Partien pro Tag. Dem norwegischen Rundfunk sagte Carlsen, sobald das Format modernisiert sei, werde er erwägen, sich wieder am WM-Zyklus zu beteiligen. Sein Vater Henrik Carlsen machte derweil klar, dass mit seinem Sohn nicht zu rechnen ist, so lange die Vorbereitung auf ein WM-Match monatelange Arbeit bedeute.

Carlsens Abschied als Weltmeister ist jetzt offiziell. Der 31-Jährige hat dem Weltverband FIDE schriftlich bestätigt, dass er auf sein Recht verzichtet, 2023 gegen Ian Nepomniachtchi seinen Titel zu verteidigen. Die FIDE hat nun den Chinesen Ding Liren offiziell eingeladen, als Finalist um den Weltmeistertitel zu spielen. Nach Angaben des Weltverbands laufen Verhandlungen mit zwei Städten, das WM-Match Nepo vs. Ding auszurichten (voraussichtlich im April 2023).  

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