Handwerksmeister am Rande

Schreiben zu können, sei eine Gabe, glauben viele. Ein Irrglaube – wie der, Schachspieler seien intelligent. Wer Muster lernt, taktische Motive übt und sein Hirn kontinuierlich zwingt, tiefer und präziser zu rechnen, der wird besser im Schach. Das königliche Spiel meisterhaft zu spielen, ist Handwerk. Lernen kann das jeder.

Beim Schreiben ist das nicht anders. Wie der Schachanfänger auf der Grundreihe mattsetzt und mit dem Springer gabelt, lernt der Schreibanfänger, aktiv zu formulieren und Wörter, die auf „-ung“ enden, als Schädlinge zu identifizieren. Aus derlei Grundlagen bildet sich nach und nach ein Fundament. Bald sieht der fortgeschrittene Spieler das ganze Brett und die Struktur darauf, er beginnt, Pläne zu fassen. Der fortgeschrittene Schreiber entwickelt einen ersten Sinn für Redundanzen und Rhythmus.

„Anschaulich und konkret“, hat ihm der Coach eingeprägt, Farben und Metaphern angemahnt, um der Leserin sinnliche Erlebnisse zu schenken. Wenn im Kopf der Leserin ein Bild entsteht, wenn sie hört, sieht, riecht, schmeckt, fühlt, bleibt das Geschriebene hängen. Wenn nicht, dann nicht.

Über jedem Spieltisch schwebt an dünnen Fäden ein schachbrettgroßes Licht, unter dem je zwei Meister Platz nehmen auf zierlichen, blaugepolsterten Stühlen. Es sind nicht die beim Schach so oft verwendeten Chefsessel mit ihrem Entscheidungsgewalt-, Herumschwenk- und Zurücklehnpathos; es sind die Sitzgelegenheiten einfacher Schachangestellter, die täglich zwischen zwei und acht ihrer nervenaufreibenden Kalkuliertätigkeit nachgehen.

„Dünne Fäden“? Ja, da haben wir eine dieser verflixten Überflüssigkeiten ausgemacht. Das Wesen des Fadens ist, dünn zu sein, sonst wäre er ein Seil. Ohne das redundante „dünn“ wäre der Absatz noch besser. Eine „Faszinationsdelle“ hätte der große E.A. Rauter diese Macke genannt, seinen roten Redigierstift gezückt und das „dünn“ energisch durchgestrichen.

Trotzdem! Boah, ist das anschaulich. Schachbrettgroß die Lichter, zierlich die blaugepolsterten Stühle. Uns beschleicht eine erste Ahnung, dass beim Schach wie beim Schreiben am Ende des Leistungsspektrums eben doch das Talent eine Rolle spielt. Während der eine nach 10.000 Stunden des Übens bei 2.500 Elo endet oder bei den „Perlen vom Bodensee“, wird der andere mit dem gleichen Trainingsprogramm ein 2700-GM oder schreibt „Herumschwenk- und Zurücklehnpathos“. Darauf kommen nur die Allerbesten.

Filigran zu beobachten, Details aufzusaugen, ist mehr Gabe als Handwerk, ein Unterschied zwischen 2500 und 2700.

Giri in braunen Lederschuhen und dunkelblauem Anzug, supereng geschnitten, ein blütenweißes Oberhemd. Keine Krawatte, das wäre zu viel. Die elegante Hornbrille über dem angedeuteten Moustache stellt den Feinsinn über das Berserkertum. Carlsen, der bei der letzten WM in London seinen amerikanischen Herausforderer Fabiano Caruana roséfarben ausmanövrierte, trägt jetzt eine schon leicht coronatisch auskragende Tolle. Ob auch in Oslo die Friseure geschlossen haben?

Hey, E.A., falls du da oben mitliest: Du fehlst. Danke!

Eine Großartigkeit wie die „leicht coronatisch auskragende Tolle“ hätte selbst dem gestrengen E.A. ein anerkennendes Lächeln auf die Lippen gezaubert. Kurz, versteht sich. Dann hätte der Meister mit scharfem Blick gefragt, ob es denn in Zukunft keine WM mehr gebe. Hätten wir „Doch, wieso?“ geantwortet, hätte er angemerkt, dass die WM in London also nicht die „letzte“ gewesen sei, obwohl es da steht. Und er hätte zu seinem Lieblingsvortrag angesetzt:

„Die Konvention schreibt immer mit“, sagt Rauter. Und: „Schreiben heißt, sich gegen Wörter stemmen.“ Gegen solche, die schon da sind, weil die Konvention sie vorgibt, gegen solche, die die Leserin schon tausend Mal gelesen hat. Nutze deine Gabe zu beobachten, um das Beobachtete in Wörter zu gießen, die die Leserin überraschen. „Leicht coronatisch auskragende Tolle“. Das überrascht, das lesen wir zum ersten Mal, das bleibt hängen.

Sehen, hören, schmecken, riechen, fühlen. Wer schreibt, muss die Sinne ansprechen, um in der Leserin ein Erlebnis auszulösen. Einen „gehenden“ Menschen vermeidet der Schreiber. Er sucht das treffende Tuwort, ein starkes, das die Leserin sehen und hören, das sie erleben lässt.

Wenige schleichen lautlos, wie Giri oder Harikrishna, der Inder; manche neigen zum Stampfen, wie Carlsen. Andere knarzen oder schaben. Punktabzug für Fabiano Caruana, dessen Turnschuhe bei jedem Schritt ein fieses Quietschen von sich geben.

Schachbrettgroße Lichter, zierlich-blaugepolsterte Stühle für die Kalkuliertätigkeit der Schachangestellten: 14 Schachgroßmeister betreiben Indoorsport, ein Reportergroßmeister beobachtet und schreibt darüber. | Foto: Jurriaan Hoefsmit/Tata Steel Chess.

Eine Stunde lang hat Ulrich Stock in Wijk an Zee Schach geguckt, genug Zeit, um ein Punktesystem zu entwickeln, nach dem der Zeit-Reporter den Gang der Supergroßmeister bewertet. Allzu viel zu sehen gab es ja nicht, Stock beschreibt auch das:

Sitzen, denken, ziehen, gehen, das ist es im Wesentlichen.

Daraus allein hat Deutschlands einziger Reportergroßmeister eine Reportage geschraubt, die alles überragt, was seit dem Abbruch des Kandidatenturniers in deutscher Sprache über Schach geschrieben worden ist. Ein feinsinniger Lesespaß, der uns miterleben lässt, wie es im abgeriegelten, coronasicheren Schachbunker an der niederländischen Nordseeküste zuging. Der uns so nahe an die größten Meister unseres Sports führt, dass wir Caruanas Turnschuhe quietschen hören.

An dieser Stelle war oft vom Spagat die Rede, den Schachpublizisten vollbringen müssen, wollen sie gleichermaßen diejenigen erreichen, die das Spiel menschärgeredichnichthaft betreiben, und diejenigen mit Ambition. Magnus Carlsens Tourdirektor Arne Horvei etwa hat aus diesem Grund zwei Sendungen ersonnen, wie er unlängst im Gespräch mit dieser Seite erklärte: eine Sendung fürs breite TV-Publikum, Schach als Mensch ärgere dich nicht, und eine für Meister und solche, die es werden wollen.

Die Larifari-Schachspieler zu erreichen, sie einzubinden und ihnen den Weg auf den Schach-Ozean zu ebnen, ist das Megathema nicht nur bei Arne Horvei und seiner Carlsen-Gruppe, auch beim organisierten Schach des Jahres 2021. Wo Horvei zwei Sendungen produziert, um den erforderlichen Spagat zu vollbringen, genügt Stock ein Text. Den zu lesen, macht Anfängern wie Meistern Riesenspaß, ja, er taugt sogar, um Unkundige neugierig zu machen auf dieses Spiel, das gerade in aller Munde ist.

Dafür, wie der Multiplikator Ulrich Stock seine handwerkliche Meisterschaft im Sinne unseres Spiels und unseres Sports einsetzt, verdient er seit Jahren eine Auszeichnung. Und das, endlich, führt uns zum neuesten Reinfall unseres Lieblingsschachbunds, genauer: seines Kongresses. Der hat nämlich jetzt einen Preis ausgeschrieben, der auf Leute wie Stock zugeschnitten sein soll, aber es leider vollbracht, diesen Preis so zu gestalten, dass Multiplikatoren wie Stock ihn nie und nimmer annehmen werden.

Ulrich Stock interviewt einen Schachfunktionär. | Foto: World Chess

Auf das Wort „Werbung“ reagieren Journalisten allergisch, es kennzeichnet eine Reihe von Spannungsfeldern, in denen sie navigieren. Ihr höchstes Gut „Unabhängigkeit und Glaubwürdigkeit der Berichterstattung“ wäre beschädigt, würde „Werbung“ zum Teil dieser Berichterstattung. Es gilt, sie tunlichst zu vermeiden. Andererseits machen Firmen gelegentlich tolle Sachen mit Nachrichtenwert, die Berichterstattung journalistisch rechtfertigen – Berichterstattung, die eben doch einen Werbeeffekt haben kann.

Eine Gratwanderung. Und die wird noch erschwert durch den Umstand, dass Firmen Marketing- und PR-Leute beschäftigen, die tagein, tagaus Journalisten zu Gratis-Werbung in Form von Berichterstattung zu bewegen versuchen, zu drängen gelegentlich. Dazu kommt der Umstand, dass sich journalistische Arbeit oft in erheblichem Maße aus Werbung finanziert.

Schauen wir uns nur Stocks Wijk-Reportage und die gewaltige Audi-Anzeige daneben an. Gäbe es die nicht, hätte die Redaktion keinen Etat, um Stock nach Wijk an Zee zu schicken. Nun stellen wir uns vor, Stock bekäme Wind davon, dass Audi rechtswidrig die Abgaswerte seiner Autos manipuliert. Tolle Geschichte, dem würde Stock natürlich nachgehen. Aber dann bekäme Audi Wind von der Recherche. Sogleich würde der Konzern Stocks Arbeitgeber androhen, seine Anzeigen zurückzuziehen.

Ein Riesenspannungsfeld. Geh Journalisten weg mit Werbung. Wenn es sich irgendwie vermeiden lässt, wollen sie damit nichts zu tun haben, jegliche Nähe zu diesem Begriff gar nicht erst aufkommen lassen.

Bild
Den deutschen Schachpreis breiter fassen, gute Idee im Prinzip. | via DSB

Was macht der Schachbund?

Er nennt seinen Journalistenpreis „Schach in der Werbung“.

Wie doofunbedarft kann man sein?

Diese Frage ergeht nicht nur an Boris Bruhn, der das Dokument oben gezeichnet hat, sondern an die sechs Dutzend Schachverwalter, die diesen Preis beim DSB-Kongress durchgewunken haben. Die Frage, ob es beim Schachbund irgendwo irgendjemanden gibt, der zumindest rudimentär versteht, was Medien sind, wie sie ticken und wie sie sich gewinnbringend für die eigene Sache einspannen lassen, haben sie ein weiteres Mal eindrucksvoll beantwortet.

Immerhin verdankt die Schach-Twitter-Szene dem DSB einen neuen running gag.

Das führt uns zu der Frage, was eigentlich die professionellen Helfer des DSB machen. Um die Endlos-Serie der Peinlichkeiten abzustellen, hat Ullrich Krause schon vor Wochen angekündigt, nun professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Aber hätte ein Profi das von Bruhn gezeichnete Dokument gesehen, sie hätte gesagt „Geht nicht“, die Veröffentlichung unterbunden und insistiert, dass dieser Preis einen anderen Namen braucht, wenn ihn jemand Ernstzunehmendes annehmen soll.

Welche Art professioneller Hilfe beim DSB helfen würde, ist offensichtlich: Die Helferin müsste sich mit dem Geschäftsführer und seiner Truppe einschließen, dann gäbe es eine Druckbetankung Content- und Sport-Marketing sowie Öffentlichkeitsarbeit für Verbände. Anschließend würde das Gelernte in der praktischen Arbeit geübt und verfeinert: Chancen suchen und nutzen, das Spiel, seine Spitzensportler und seinen Verband gewinnbringend ins Gespräch zu bringen, Handwerkszeug. Und das so lange, bis der Geschäftsführer und seine Truppe unfallfrei auf eigenen Beinen stehen können. Wahrscheinlich würde das ein paar Wochen dauern, dann könnte sich die Helferin anderen Aufgaben zuwenden.

Genau diese praktische Arbeit wird nicht gemacht, die Handelnden werden nicht in die Lage versetzt, unfallfrei auf eigenen Beinen zu stehen, es schaut auch niemand über das, was sie veröffentlichen, um Peinlichkeiten vorzubeugen. Dem Vernehmen nach ist unser Schachbund dem üblichen Reflex erlegen: Wir veranstalten mit den eingekauften Helfern einen Workshop, dieser Workshop gebärt ein Konzeptpapier.

Was mit solchen Papieren beim Schachbund geschieht, ist bekannt. Sie landen in einer Schublade. Ändern wird sich nichts, Handwerk lernt niemand, und nach außen bleibt es, wie es ist: peinlich.

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