Klaus Junge (1924-1945)

Kann Eltern etwas Schlimmeres widerfahren, als den Tod ihrer Kinder zu erleben? Mit dieser Frage begann hier vor gut einem Jahr der Beitrag über Paul Tarrasch, einer von drei Söhnen, die Siegbert Tarrasch verloren hat.

Otto und Anna Junge aus Hamburg haben binnen weniger als vier Jahren vier Söhne verloren: Otto Robert, Hermann, Richard und Klaus, alle vier gefallen im Zweiten Weltkrieg. Klaus, der Jüngste dieser vier, gilt als eines der größten Schachtalente, die je in Deutschland gelebt haben. Am Neujahrstag 2022 hätte er 98. Geburtstag gefeiert.

Foto via Denkmalprojekt

Klaus Junge wird am 1. Januar 1924 in Concepción, Chile, geboren. Sein Urgroßvater war im 19. Jahrhundert aus Dithmarschen nach Chile ausgewandert.

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Schach lernen Klaus Junge und seine Brüder von ihrem Vater Otto Junge, dem einstigen chilenischen Meister. In Chile lebend, hält die Familie stets Kontakte in die alte Heimat aufrecht. 1928 kehren Otto und Anna Junge mit ihren fünf Söhnen nach Deutschland zurück.

In der neuen alten Heimat ist Schach verbreiteter denn je, eine Folge der Popularität von Emanuel Lasker und Siegbert Tarrasch. Seine erste Turnierpartie spielt der zwölfjährige Klaus im Hamburger Schachklub, dem er 1936 beitritt. Zwei Jahre später gewinnt er einen Nebenwettbewerb bei der Norddeutschen Meisterschaft. Bald gewinnt Junge auch den Hauptwettbewerb. Mit 9/9 wird er Hamburger Meister. Junge gilt als größtes deutsches Talent – noch vor dem ein Jahr jüngeren Wolfgang Unzicker aus München.

Wolfgang Unzicker 1953. | via Deutsche Fotothek

Im August 1939 wird Junge zu einem Sichtungsturnier des Großdeutschen Schachbunds in Fürstenwalde eingeladen, das ein erfahrener Schachmeister, Reichstrainer Willi Schlage, leitet. Unter dessen Obhut trainiert Junge eine Woche lang zusammen mit der 17-jährigen, angehenden Weltklassespielerin Edith Keller-Herrmann und dem 14-jährigen Wolfgang Unzicker – eine Ausnahme. In den Jahren danach arbeitet Junge vor allem auf eigene Faust daran, sein Schach zu verbessern.

Gleich zum Auftakt des Sichtungsturniers spielen die beiden Supertalente gegeneinander, Unzicker gewinnt. Der stets bescheidene Münchner führt seinen Sieg vor allem darauf zurück, dass die Spanische Eröffnung vorgegeben war. Damit hatte Junge wenig Erfahrung. Unzicker: „Als drei Tage später Sizilianisch als Eröffnung vorgeschrieben war, musste ich sehen, dass mir Klaus Junge an strategischer Reife und Besonnenheit der Spielführung klar überlegen war.“

1941 erreicht Junge erstmals die Endrunde der Deutschen Meisterschaft in Bad Oeynhausen. Auf Anhieb teilt er sich den ersten Platz mit dem 1939 von Estland nach Deutschland übergesiedelten Paul Schmidt, gegen den er den Stichkampf verliert. In der Zeit des Nazi-Rassenwahns war die Meisterschaft allerdings nicht so stark besetzt, wie sie hätte sein können. Nur „Arier“ durften mitspielen.

Im selben Jahr wird Junge zu einem großen Turnier in Krakau eingeladen, das der Schachfreund und Kriegsverbrecher Hans Frank organisiert hat. In Krakau misst Junge sich erstmals mit Weltmeister Alexander Aljechin und dessen Herausforderer Efim Bogoljubow. Der Debütant remisiert gegen beide Platzhirsche, geht ohne Niederlage durchs Turnier. Er wird Vierter.

junge
Klaus Junge 1942 in München. Über der Swastika prangt an seinem Ärmel das Logo des Reichsarbeitsdiensts.

Von Klaus Junge sind einige Fotos mit einer Hakenkreuz-Binde um den Arm erhalten. Er trägt auf diesen Fotos die Uniform des Reichsarbeitsdiensts, für den der angehende Mathematik-Student nach dem Abitur 1941 verpflichtet wird.

Die Frage, ob und in welchem Maße Klaus Junge ein Nazi war, ist oft debattiert worden. Allem Anschein nach unterstützte der junge Schachmeister das Hitler-Regime, was neben der allgegenwärtigen Propaganda auch eine Folge häuslichen Einflusses gewesen sein mag. Noch in einem Brief in die Heimat im Januar 1945 beurteilt Junge die längst hoffnungslose Kriegslage optimistisch. Fünf Monate vor der Kapitulation spricht er von der „großen Offensive im Westen“ (mutmaßlich die Ardennenoffensive) und weiteren Offensiven. „Erstaunlich, in welch kurzer Zeit wir uns von den fürchterlichen Schlägen des Sommers erholt haben.“

Mehrere Quellen weisen darauf hin, dass der Einfluss seines früh der NSDAP beigetretenen Vaters Otto maßgeblich zu Klaus Junges nationalsozialistischer Gesinnung beigetragen hat. In einem Junge-Porträt des russischen Schachverbands wird gleichwohl Schachmeister und Kommunist Karel Opoczenski dahingehend zitiert, dass Klaus Junge mit Hitlers nationalem Größenwahn und dessen Kriegen nichts anfangen konnte. Darüber habe er aber nur im sehr kleinen Kreis gesprochen.

Klaus Junge 1942 in Prag. Das Bild entnehmen wir einer Sequenz aus einem Zusammenschnitt von Deutschen Wochenschauen, in denen kurz über das Turnier in Prag berichtet worden ist. Ab etwa 0:30 ist dort nach Aljechin kurz Klaus Junge in bewegten Bildern zu sehen.

1942 ist das letzte Jahr, in dem sich der angehende Weltklassespieler ausgiebig dem Schach widmen kann. Klaus Junge gewinnt ein Turnier in Dresden, beim Superturnier in Salzburg wird er Dritter. Dort besiegt der Hamburger den amtierenden Weltmeister Alexander Aljechin ebenso wie Efim Bogoljubow, verliert aber 0,5:1,5 gegen Paul Keres. An der „Europameisterschaft“ 1942 in München nimmt er ohne Erfolg teil (Siebter).

Junge war ins Feld gerutscht, nachdem Max Euwe abgesagt hatte. Dem niederländischen Exweltmeister gelingt es meistens, sich Turnieren des Großdeutschen Schachbunds zu entziehen, indem er auf seine Unabkömmlichkeit als Lehrer verweist. Euwe und Junge werden nie die Klingen kreuzen.

Salzburg 1942: Klaus Junge besiegt den amtierenden Weltmeister Alexander Aljechin mit ertaunlicher Leichtigkeit.

Der am Tropf der Nazis hängende Aljechin und das größte deutsche Talent begegnen einander in den frühen Kriegsjahren wieder und wieder am Brett. Überliefert sind sechs Turnierpartien zwischen diesen beiden (4,5:1,5 für Aljechin).

In Lublin-Krakau-Warschau wird Junge Zweiter hinter dem Weltmeister, und in Prag teilt er sich mit ihm den ersten Platz. Vor dem direkten Duell in der Schlussrunde hatte Junge sogar mit einem Punkt geführt. Dann rafft sich Aljechin zur wahrscheinlich besten Partie auf, die er in den Kriegsjahren gespielt hat, und zieht noch gleich.

 „Dieser junge Mann ist außerordentlich begabt. Ihm helfen auch das Glück und eine ungewöhnliche Endspieltechnik. Er denkt präzise mit einem mathematisch geprägten Verstand, dazu die Kraft der Jugend!“, schreibt Aljechin über Klaus Junge.

Mit einem Sieg in der Schlussrunde über den führenden Junge erobert Aljechin noch den geteilten ersten Platz in Prag 1942. Dort begegnen auch Junge und der bekennende Antifaschist Karel Opocensky einander. Opcensky war, anders als viele andere Schachmeister, von der Schacholympiade 1939 in Argentinien heimgekehrt, als der Krieg ausbrach.

Das Turnier in Prag 1942 soll Klaus Junges letztes sein. Die militärische Lage speziell an der Ostfront verdüstert sich, die Wehrmacht braucht Soldaten. Unter anderem der Hamburger Mathematikstudent Klaus Junge wird zum Militärdienst einberufen.

Während Junge schon nicht mehr spielt, entbrennt Anfang 1943 in der deutschen Schachpresse eine Diskussion über seinen Stil, initiiert vom Gambiterfinder und frühen NSDAP-Mitglied Emil Joseph Diemer. Ungeachtet der beeindruckenden Erfolge Junges sieht Diemer das Ausnahmetalent in einer Krise. Ihm fehle Kampfgeist, er meide scharfe Eröffnungen wie das Königsgambit und ziehe die Verteidigung dem Gegenangriff vor. Seine Erfolge seien Pyrrhussiege gewesen.

Semi-Slawisch und Scheveningen

Diemer beschränkt seine Kritik nicht auf Junge. Anderen jungen Meistern wirft er vor, dem Beispiel Junges zu folgen, ein Ausdruck des verbliebenen „jüdischen Einflusses auf die deutsche Schachjugend“, der diese Jugend davon abhalte, „deutsches Kampfschach“ zu spielen. Diese Kritik geht sogar Ehrhardt Post, stramm deutschnationaler Präsident des Großdeutschen Schachbunds, zu weit. Post veröffentlicht im März 1943 eine kritische Replik.

Klaus Junge gibt die Antwort auf dem Brett. Mit dem Eintritt in die Wehrmacht beginnt er, Fernschach zu spielen. Bei einem Fernturnier trifft er auf Diemer, spielt Königsgambit – und siegt in 24 Zügen.

Die Substanzlosigkeit der Kategorien, in denen Diemer argumentiert, ist offensichtlich. Wer Junge-Partien anschaut, sieht bald, dass auch Diemers schachliche Kritik jeglicher Substanz entbehrt. Tatsächlich ist Klaus Junges Eröffnungsspiel für die damalige Zeit ungemein modern und fortgeschritten. Er liebt Semi-Slawisch, analysiert speziell die scharfe Botwinik-Variante (1.d4 d5 2.c4 c6 3.Sf3 Sf6 4.Sc3 e6 5.Lg5 dxc4), die er schon 1938 spielt – fünf Jahre vor Botwinik. Auch sizilianische Scheveningen-Strukturen sind Teil seines Repertoires, und das zu einer Zeit, in der er kaum Vorbilder geschweige denn Material gefunden haben kann, um sich daran zu orientieren.

Klaus Junge fühlt sich in ruhigen, strategisch geprägten Kämpfen ebenso daheim wie in wilden taktischen Handgemengen. Und er handhabt, wie Aljechin feststellt, das Endspiel erstaunlich stark, oft ein Indiz für außergewöhnliches Talent.  

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/f/f4/The_British_Army_in_North-west_Europe_1944-45_BU5077.jpg
Hamburg, 3. Mai 1945: ein britischer Cromwell-Panzer vor den Elbbrücken. | Foto via Wikipedia

Die Kriegswirren verschlagen Leutnant Junge nach Norddeutschland in die Nähe seiner Heimatstadt, wo Mitte April 1945 die Schlacht um Hamburg bevorsteht, eine der letzten Schlachten des Zweiten Weltkriegs.

Britische Panzerverbände haben die in Auflösung befindliche deutsche Verteidigungslinie im Westen durchbrochen, als sie am 17. April in der Lüneburger Heide auf das Dorf Welle kurz vor Hamburg zurollen. Dort liegt die Einheit von Klaus Junge, zehn Soldaten, bewaffnet mit Panzerfäusten, um (offenbar gegen den Willen der Mehrheit der Bewohner) das Dorf zu verteidigen.

Klaus Junges Grab. | via Ken Whyld Asssociation

Als die Panzer ins Dorf fahren, treffen sie die Geschosse der Panzerfäuste. Es folgt ein Feuergefecht, drei deutsche Soldaten werden tödlich verletzt, darunter Klaus Junge. Alle drei werden auf dem örtlichen Friedhof beigesetzt.

Bei der Leiche Junges finden Dorfbewohner Aufzeichnungen, die sie als mathematische Formeln missdeuten. Als wenig später Otto Junge ausgehändigt bekommt, was sein Sohn bei sich trug, erkennt er sofort, worum es sich handelt: eine Schach-Analyse.

In den Kampfpausen vor seinem Tod hatte Klaus Junge das komplizierte, heute in manchem Buch zu findende Endspiel aus der Partie George Marshall Norman vs. Andre Lilienthal, Hastings 1934, analysiert. Ihn beschäftigte die Frage, ob und unter welchen Umständen zwei Springer gegen einen Bauern das Matt erzwingen können. Seine Notizen dazu trug Klaus Junge bei sich, als er starb.

Lebensweg und kommentierte Partien: Die im Beyer-Verlag erschienene, knapp 100 Seiten starke Junge-Biografie.

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Oliver Calm
Oliver Calm
2 Jahre zuvor

Leider entsinne ich mich nicht mehr der genauen Quelle (es mag in der Zeitschrift “Schach” gewesen sein), aber die Umstände seines Todes lassen laut des Augenzeugenberichtes leider keinen anderen Rückschluss zu, als den, dass KJ ein fanatischer Nazi war: Die Verteidigung des Ortes, “offenbar” gegen den Willen der Bewohner gestaltete sich derart, dass die Bewohner von KJ mit vorgehaltener Pistole gezwungen wurden, die weißen Fahnen einzuholen. “Er machte den Eindruck, als wolle der den Krieg noch (alleine) gewinnen. Eine zumindest sehr ähnliche Quelle findet sich unter http://www.kwabc.org/de/junge-klaus.html Sollte ich den Augenzeugenbericht finden, werde ich die Ausgabennummer der Schach hinzufügen, evtl.… Weiterlesen »

flachspieler
flachspieler
2 Jahre zuvor

Wer sich mit Klaus Junge beschäftigt, sollte auch Herbert Heinicke im Blick haben. Im Heinicke-Buch von 1981 findet sich zu Junge gleich zu Beginn ein längerer Abschnittt. Auch beginnt das Buch mit einen Foto von Heinicke am Brett, wobei im Hintergrund ein kleines Bild von Klaus Junge an der Wand hängt. Das Buch – Herbert Heinicke: Kunst des Positionsspiels. Schach-Archiv, Hamburg 1981 – ist speziell. Insbesondere scheint es neben Heinicke mindestens einen weiteren Co-Autor geben, vielleicht Rattmann?! Zu Klaus Junge als Mathestudent in Hamburg: Vor Jahren erzählte mir ein inzwischen verstorbener Hamburger Kollege: Ja, er habe gewusst, dass da ein… Weiterlesen »

Peter der 2.
2 Jahre zuvor

Klaus Junge war sicherlich eines der größten Talente im deutschen Schach. Seine Partien sprechen für sich. Um sein Leben, seinen Tod und die Umstände gibt es sehr viele Diskussionen und Annahmen, aber letztendlich keine Gewissheit. Ohne hier in die Tiefen einsteigen zu wollen (und zu können), sollte bitte das ausgezeichnete Buch: “DAS LEBEN UND SCHAFFEN VON KLAUS JUNGE (Helmut Riedl, 1995)” als seriöse Quelle herangezogen werden. Ebenso sollte unbedingt das Interview in Schach 11/15 mit Edmund Budrich, dem ersten Junge-Biographen, gelesen werden. Wenn ich mich recht erinnere, wurde in der ersten Quelle auch Ludek Pachmann mit respektablen Worten über Klaus… Weiterlesen »

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[…] Alexander Aljechin 1942 in Salzburg gegen Klaus Junge verlor, war er schon wieder Weltmeister. Den 1935 verlorenen Titel holte er sich bei der Revanche […]

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[…] der Deutschen Schachzeitung im November 1941. Ob mit “ganz rechts Junge” Klaus Junge gemeint ist? Der spielte 1941 in Warschau erstmals gegen Aljechin und Bogoljubow. | via Chess […]

Frank Palm
Frank Palm
4 Monate zuvor

“Schlacht um Hamburg”. Es gab keine Schlacht um Hamburg; bei den im verlinkten Wikipedia-Artikel zur “Battle of Hamburg” aufgebauschten Kampfhandlungen handelte es sich lediglich um einen Scheinangriff, der deutsche Kampfbereitschaft vortäuschen sollte. In der letzten Aprilwoche 1945 waren sowohl der Hamburger Kampfkommandant Gen.Maj. Alwin Wolz als auch Gauleiter Kaufmann zur Übergabe der Stadt bereit. Allerdings befürchtete Wolz, vorher wegen Passivität abgesetzt zu werden; ergo befahl er am 25.April zwei Attacken auf die von den Briten besetzten Dörfer Hoopte und Vahrendorf, östlich und südwestlich von Harburg gelegen. Bei Vahrendorf waren ca. 200 britische und deutsche Soldaten beteiligt, bei Hoopte deutlich weniger.… Weiterlesen »

Kommentator
Kommentator
2 Jahre zuvor

Den Heimatkundeunterricht müssen wir aber noch mal wiederholen – Dithmarschen gehört nicht zu Hamburg, sondern zu Schleswig-Holstein…