Aufnahme aufgetaucht: Emanuel Lasker hat jetzt wieder eine Stimme

Alle sind erstaunt, dass ich so gut auf Holländisch geredet habe, auch die Leute vom Radio“, schrieb Emanuel Lasker noch in der Nacht des 5. November 1935 seiner Frau Martha. Am Abend hatte er dem niederländischen Rundfunk ein Interview zum laufenden WM-Match zwischen Max Euwe und Alexander Aljechin gegeben – und das in der Landessprache. Multitalent Lasker hatte in den Wochen vor dem Interview mit dem Journalisten und Schauspieler Alex Frank Sprache und Aussprache geübt.

Als Alexander Aljechin 1942 in Salzburg gegen Klaus Junge verlor, war er schon wieder Weltmeister. Den 1935 verlorenen Titel holte er sich bei der Revanche 1937 zurück.

An Erkenntnissen über das Schaffen und Leben von Emanuel Lasker mangelt es nicht, diese Erkenntnisse füllen hunderte Buchseiten, nicht zuletzt in der dreiteiligen Lasker-Biografie von Richard Forster, Michael Negele und Raj Tischbierek. Und doch blieb rund um Emanuel Lasker jahrzehntelang eine Frage offen. Schachhistoriker Edward Winter hat sie zuletzt vor gut drei Jahren gestellt:

Gibt es Aufnahmen von Laskers Stimme?

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Niemand meldete sich, niemand wusste, wie der 1941 in New York gestorbene Lasker klang, wenn er sprach. Bis jetzt. Der Journalist, Autor und Historiker Olimpiu G. Urcan hat in einem niederländischen Archiv einen Mitschnitt besagten Interviews aufgetrieben, ein Teil des vollständigen Gesprächs, gut vier Minuten lang. Jetzt ist der 11905. Eintrag in Edward Winters schachhistorischer Schatzkiste Urcans Fund gewidmet.

Fremd war dem Globetrotter Emanuel Lasker das Holländische nicht. Nach seiner Flucht aus Nazideutschland 1933 hatte er ein Jahr in Amsterdam gelebt, bevor er nach London ging. Auch 1935, das Jahr, in dem es ihn nach Moskau verschlagen sollte, hat er anlässlich der Weltmeisterschaft offenbar einige Wochen in Amsterdam verbracht. Aus Briefen an seine Frau geht hervor, dass er schon vor dem Interview am 5. November einige Vorträge gehalten hatte.

Alekhine-Euwe 1935
Alexander Aljechin (stehend) verlor 1935 nach 30 Partien seinen Titel an Max Euwe (sitzend). Das Match endete 15,5:14,5 zugunsten des niederländischen Mathematikers.

Der aufgezeichnete Teil des Gesprächs mit (wahrscheinlich) dem niederländischen Schachmeister Salo Landau beginnt inmitten einer Antwort Laskers. Die deutsche Übersetzung:

Lasker:  …Ja, ja, auch sie zeigten Schwächen. So ist der Mensch. Nicht immer ein Übermensch. Was wäre ein Mann ohne Schwächen? So jemand existiert nur in der Fantasie.

Landau: Wie kann Euwe Aljechins schwache Seite ausnutzen?

Indem er das spielt, was Aljechin nicht passt. Aber die offensichtlichere Frage ist: Was wird Aljechin tun, um seine Schwächen zu beheben? Ich habe keinen Zweifel daran, dass er zwischen den Partien daran arbeitet.

Wird es ihm gelingen?

Ich werde Ihnen ein Geheimnis anvertrauen. Dieser junge Mann hat Talent. [Lacht] Das ist sicher. Wie viel ein Genie leisten kann und wie schnell und geschickt es etwas lernen kann, darüber können wir nur spekulieren.  

Wenn ich das richtig verstehe, hat Euwe mit Weiß gute Chancen – vorausgesetzt, er eröffnet mit dem Damenbauern. Aber was ist mit seiner Verteidigung mit Schwarz?

Bisher hat er mit Schwarz ungünstig gespielt. Vier Partien mit Schwarz zu verlieren ist alles andere als gut. Aber fünf Siege und nur eine Niederlage mit Weiß – das ist ausgezeichnet.

Können wir feststellen: Weiß hat Vorteil?

Nicht immer. Zukertort hielt e2-e4 für einen schlechten Zug, der von e7-e5 widerlegt wurde, und Aljechins Karriere unterstreicht dies. Mit Schwarz gegen die immerhin als sehr starke Eröffnung bekannte spanische Eröffnung hat er fast alle seine Partien gewonnen und seit fast 30 Jahren keine einzige verloren.

Aber werden heutzutage nicht die meisten Partien von Weiß gewonnen?

Das ist individuell und variabel. Einige Meister fühlen sich in der Verteidigung wohler, andere fühlen sich wohler, wenn sie angreifen können.

Wie ist das zu erklären, Doktor?

Alles im Leben geht auf und ab. Dasselbe auch hier. In einer Periode gewinnen die weißen Figuren, in einer anderen die schwarzen Figuren. Ich möchte Ihre Frage lieber erst beantworten, wenn Euwe sich wirklich in seinem Element fühlt.

Weltmeister für 27 Jahre: Band eins der gepriesenen, dreiteiligen Lasker-Biografie.

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Amontillado
Amontillado
3 Monate zuvor

Ich spreche ja kein Niederländisch, aber sind wir uns sicher, dass er “niet steeds übermensch” sagt? Klingt für mich eher nach “Nietzsches Übermensch”.

Schachfreund
Schachfreund
3 Monate zuvor

Ist das überhaupt ein neuer Fund? Wurde die Aufnahme nicht schon vor vielen Jahren auf einer ChessBase CD über Lasker veröffentlicht? – Ich erinnere mich mich ganz, ganz dunkel daran.

Andreas
Andreas
3 Monate zuvor

Nachdem ich vor einigen Jahren schon einen Stummfilm-Clip mit Lasker, Aljechin und Boguljubow ausgegraben habe, ein sehr schöner Fund. Ich bin gespannt was Schachforscher in Zukunft noch aus Archiven hervor zaubern.