Warum Lasker in Münster sitzt

Zuletzt war die Wanderausstellung „Zwischen Erfolg und Verfolgung“ über jüdische Sportler bis 1933 und danach im November 2020 in Bochum zu sehen. Jetzt, nach mehr als einem halben Jahr, ist sie wieder da. Bis zum 27. Juli finden Emanuel Lasker (1868-1941) und 16 weitere jüdische Sportler aus Deutschland auf dem Überwasserkirchplatz in Münster eine vorübergehende Heimat. Als überlebensgroße Silhouetten erinnern die Sportler an die Biografien von Nationalspielern, Welt- und Europameistern, Olympiasieger und Rekordhaltern, an deren Verdienste für den Sport – und an die Zeit, in der sie Opfer des braunen Rassenwahns wurden.

Emanuel Lasker sitzt bis zum 27. Juli in Münster auf dem Überwasserkirchplatz. | via @furschi

Emanuel Lasker würde heute wahrscheinlich amüsiert zur Kenntnis nehmen, dass er Teil einer Sportler-Ausstellung und seit 2008 sogar Mitglied der Ruhmeshalle des deutschen Sports ist. Ein Multitalent war Lasker zweifellos, aber von Leibesübungen hielt er sich zeitlebens fern.

Wie viele Juden hatte Lasker während des Ersten Weltkriegs einen erheblichen Teil seines Vermögens in Kriegsanleihen investiert – und verloren. Finanzielle Erleichterung verschaffte ihm der WM-Kampf gegen José Raúl Capablanca 1921, der ihn nach 27 Jahren als Weltmeister, ein Rekord für die Ewigkeit, seinen Titel kostete.

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten Anfang 1933 flüchteten Emanuel und Martha Lasker in die Niederlande, der Auftakt einer entbehrungsreichen Odyssee, die Laskers letztes Lebensjahrzehnt kennzeichnete. 1934 reiste das Paar weiter nach London. In Ermangelung anderer Verdienstmöglichkeiten wurde der Exweltmeister wieder Schachprofi. Er gab zahlreiche Simultanvorstellungen, 1934 nahm er an einem stark besetzten internationalen Turnier in Zürich teil.

Nach 7 von 15 Runden führte Lasker mit 5,5 Punkten, gleichauf mit dem als kommenden WM-Herausforderer geltenden Salo Flohr. Aber als 65-Jähriger ohne Praxis hielt Lasker diese Schlagzahl nicht durch. Gleichwohl wurde er respektabler Fünfter mit 10/15. Im Lauf des Turniers sollte Lasker gegen Alexander Aljechin, Aaron Nimzowitsch und Efim Bogoljubow verlieren, die einzigen Siege über Emanuel Lasker, die diesen dreien jemals gelangen. Den angehenden Weltmeister Max Euwe besiegte Lasker:

1935 der Umzug nach Moskau: Die Akademie der Wissenschaften der UdSSR hatte Lasker eine ständige Mitgliedschaft angeboten. Offiziell arbeitete er an einem mathematischen Institut, aber tatsächlich war Lasker als einer der Väter der sowjetischen Schachexplosion angestellt. Er gab Simultanvorstellungen, hielt Vorträge und trainierte mit den besten Talenten des stalinistischen Riesenreichs, unter anderem mit dem kommenden Weltmeister Michail Botwinik.

Emanuel Lasker 1933. | via Wikipedia

Nachdem Laskers dem Nazi-Terror entkommen waren, stellten sie in der Sowjetunion unter Stalin fest, dass auch deren diktatorisches System auf staatlichem Terror basierte. 1936 begann die „Große Säuberung“, Laskers flohen abermals. Einen Besuch bei Emanuels Stieftochter in New York 1937 nutzte das Ehepaar, um in den USA zu bleiben. Im Jahr darauf wurde Emanuel und Martha Lasker daheim die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt.

Emanuel Lasker starb am 11. Januar 1941 in New York. Am 6. Mai 2008 wurde er in die „Hall of Fame des deutschen Sports“ aufgenommen, sieben Jahre später als einer von 17 deutschen Sportlern in die Dauerausstellung „Zwischen Erfolg und Verfolgung„, die anlässlich der Makkabiade in Berlin 2015 entstand.

In Münster ist Lasker nun unter anderem mit dem deutschen Fußballpionier Walther Bensemann zu sehen, Mitbegründer des Deutschen Fußball-Bundes, der vor den Nazis aus Deutschland floh. Oder mit dem Fußballnationalspieler Julius Hirsch, der deportiert und ermordet wurde.

Oder mit der Schwimmerin Sarah Poewe. Die hat als erste jüdische Athletin nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges 2004 in Athen eine olympische Medaille für Deutschland gewonnen.

Teil 1 der gepriesenen Lasker-Biografie von Richard Forster, Michael Negele und Raj Tischbierek.

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