Auf Augenhöhe?

Ein “Herzensthema” bringt der neue DSJ-Vorsitzende Niklas Rickmann mit: digitale Mitgliedschaft, digitaler Schachverein. Nach einem ersten Besuch in der DSJ-Geschäftsstelle und einem Treffen mit Funktionären des in der benachbarten Geschäftsstelle tätigen Schachverbands erlebt Rickmann jetzt, was mit Themen passiert, die der Schachverwaltung zu modern erscheinen, die von den falschen Leuten kommen oder die anderweitig nicht geheuer sind: Sie landen ganz unten auf der Agenda, werden zum Zerreden in Gremien gegeben und ansonsten ausgesessen. Eventuell entsteht noch ein Konzeptpapier daraus, das dann in einer Schublade sein Dasein fristet.

Rickmann wird es selbst machen müssen. “Notfalls auch gegen den Willen des DSB” wolle er eine eigenständige Mitgliederverwaltung einführen, entnehmen wir dem Bericht zur DSJ-Versammlung, bei der Rickmann gewählt wurde. Dort hat er freilich ebenfalls angekündigt, Brückenbauer zum DSB sein zu wollen.

Oben steht der Bundesnichtbefasser

Wir sind gespannt, wie er das eine mit dem anderen verbindet. Aus der Meldung auf der DSB-Seite und ihrem zwei Tage später erschienenen Pendant auf der DSJ-Seite lässt sich zu Rickmanns Herzensthemen jedenfalls schon die Aussitzabsicht der Schachfreunde Fenner und Krause herauslesen.

“Nachgelagerte Gespräche” in Gremien seien erforderlich, heißt es im Beamtendeutsch, wenn etwas möglichst klein- und totgeredet werden soll. Genau so steht es zur digitalen Mitgliedschaft jetzt bei DSB wie DSJ ganz unten auf der gemeinsamen Agenda. Bezeichnend: Ganz oben auf dieser Agenda steht der Bundesnichtbefasser.

Redeten miteinander: (von links) DSJ-Geschäftsführer Nikola Franic, DSB-Präsident Ullrich Krause, DSB-Geschäftsführer Marcus Fenner, DSJ-Vorsitzender Niklas Rickmann, Stellv. DSJ-Vorsitzender Sascha Morawe und DSJ-Finanzreferent Markus Semmel-Michl. | Foto via DSJ/DSB

An Themen mangelt es ja nicht. Interessant ist der Punkt “Hochschulschach”, den beide Parteien nennen, obwohl dieses Thema im organisierten Schach in der einen wie der anderen Geschäftsstelle seit Jahren ausschließlich ausgesessen wird. “Hochschulschach” ist hier wie dort so weit entfernt von einem Herzensthema wie ein Fisch vom Fahrradfahren.

Im Sinne des Schachs ist das kaum zu fassen, hier wie dort ein dramatisches Versäumnis. Bekanntlich verliert das organisierte Schach am Übergang vom Jugend- zum Erwachsenenalter jedes Jahr tausende Mitglieder. Organisiertes Hochschulschach, mit Verve betrieben, wäre ein Werkzeug, die jungen Leute zumindest nicht aus dem Auge zu verlieren. Wir haben die traurige Lage des Hochschulschachs (und die Bedeutung, die es verdient hätte) seinerzeit in diesem Beitrag aufgeschlüsselt:

Stecken wir noch ein bisschen Gedankenarbeit rein und überlegen einfach mal, wie sich junge Leute beim organisierten Schach halten lassen, nachdem sie zwecks Umzug zum Studium ihrem Verein den Rücken gekehrt haben. Hmmm. Sind solche jungen Leute womöglich von einer gewissen digitalen Affinität? Wäre es vielleicht eine gute Idee, sie mit digitalen Angeboten zu locken? Lichess-Uni-Teams, Uni-Wettkämpfe, Städtewettkämpfe? Und müsste es nicht funktionieren, solche Angebote mit neuen Vereinsstrukturen und Formen der Mitgliedschaft zu verbinden?

Wenn Niklas Rickmann mehr ist als heiße Luft, dann hätte er dazu das eine oder andere zu sagen, sollte es tatsächlich in “Gremien” zu “nachgelagerten Gesprächen” kommen. Eine Chance, in den Gremien Verbündete zu finden, hätte er. Es gibt im deutschen Schach durchaus eine Minderheit von Funktionären, die intensiv darüber nachdenken, ob Schachvereine nicht ganz anders aussehen können als die, die wir seit 140 Jahren kennen. Und wie wir traditionelle Angebote mit neuen Angeboten verzahnen.

Fortschritte beim Wurschteln

De facto gibt es diese neuen Vereine ja schon. Vielleicht sollte ihnen jemand Angebote machen, anstatt zum Beispiel die DSOL als geschlossene Gesellschaft zu verstehen? Dort allerdings, wenn diese Liga jemals richtig groß werden soll, muss endlich nach dem Dortmunder Modell die Cheatererkennung automatisiert werden, anstatt Heerscharen von Helfern für “Anhörungsverfahren” anzuheuern.

Hach, es hängt doch irgendwie alles mit allem zusammen?!

Ist ja schön, dass jetzt mal jemand “Hochschulschach” gesagt hat, aber isoliert ein Thema herauszugreifen und das dann von heute auf morgen ganz wichtig zu finden, bringt nichts. Der schnell geschlagene Bogen von der digitalen Mitgliedschaft zum Hochschulschach zur DSOL zeigt, dass in der einen wie der anderen Geschäftsstelle in Zusammenhängen gedacht und gehandelt werden sollte, anstatt hier wie dort ein wenig rumzudoktern und dann dem Kongress von “Fortschritten” zu berichten, wo isoliert gewurschtelt statt konzeptionell gedacht wird.

Waren das am 2. Juni 2017 wirklich die “letzten News“? Oder kommen in Zukunft neue?

Wir müssen noch über Sprache reden. Aus der lässt sich nämlich bei DSB wie DSJ ablesen, wie weit die Leute in der einen von denen in der anderen Geschäftsstelle tatsächlich entfernt sind.

Wenn zwei Seiten miteinander reden, dann heißt das so. Niemand, außer er will Wichtigkeit oder Distanz demonstrieren, benutzt eine aufgeblasene Formel wie “bilaterale Gespräche”, um zu beschreiben, dass zwei Seiten miteinander reden.

Wenn die USA mit den Nordkoreanern über Atomraketen reden, okay, dann ist das ein “bilaterales Gespräch”. Wenn Jens Spahn mit den Russen über Sputnik V redet, dann auch. Wenn sich ein paar Schachfunktionäre treffen, um über die gemeinsame (eigentlich) Sache zu reden, dann ist die Bezeichnung “bilaterales Gespräch” aufgeblasener Blödsinn. Wäre es dort so “locker und angenehm” zugegangen, wie die DSJ vorgibt, dann wäre dazu hinterher niemandem “bilaterales Gespräch” eingefallen.

Der Verwaltungssprachwolf

Derartiger Quatsch fließt Leuten aus der Feder, die in dem Glauben, “korrekt” formulieren zu müssen, noch verkrampfter werden, als sie schon sind. Erstaunlich ist der Umstand, dass in dieser Hinsicht die DSJ vom DSB lernen kann. Die DSJ hätte ja einfach die Meldung von der DSB-Seite übernehmen können. Darin stehen zwar die “bilateralen” und “nachgelagerten” Gespräche, aber zumindest fängt sie halbwegs geschmeidig an.

Stattdessen dreht unsere DSJ das Werk von der DSB-Seite zwei Tage später noch einmal durch den Verwaltungssprachwolf. Auf der DSJ-Seite, wo es sonst ganz locker zugeht, beginnt der Beitrag mit dieser Denkwürdigkeit: “Im Zusammenhang eines Besuchs gab es ein Gespräch.” Niemand redet so – das beste Indiz, dass niemand so schreiben sollte (außer er macht Sputnik-V-Verträge mit den Russen).

Danach wird es sehr locker, leider in grammatikalischer Hinsicht, wahrscheinlich eine Folge konsequenter Nichtbefassung mit dem Deppenleerzeichen und der Frage, wann Infinitive und Kommas einander bedingen. Und dann ist da noch die Sache mit den Fällen. Markus Semmel-Michl war wahrscheinlich zu freundlich darauf hinzuweisen, dass auch ihm der Genitiv zusteht, den sein Vorsitzender bekommen hat.

Wir würden das hier gar nicht so genau vorführen, wäre nicht dieser Passus aufgefallen, der auf ein Attitüde-Problem seitens der neuen DSJ-Führung schließen lässt. Zu den “bilateralen Gesprächen auf Augenhöhe” heißt es (und jetzt ignorieren wir bitte die Leerzeichen- und Komma-Problematik): “… haben sich der DSB Präsident Ullrich Krause und der DSB Geschäftsführer Marcus Fenner Zeit genommen um mit der Schachjugend …”

Ressourcen gebunden oder eliminiert

Wie, bitte? Die beiden sind so wichtig und beschäftigt, sie haben sich Zeit genommen? Und wir mussten uns keine Zeit nehmen? Wir sind natürlich da, wenn es den Herren gerade passt?

Nach Augenhöhe klingt das nicht.

Der eine der genannten Herren hat zwei Jahre damit verbracht, Leute gegeneinander aufzubringen, sie kaltzustellen oder rauszuekeln, während ihn der andere hat blind gewähren lassen. Beide genannten Herren haben über zwei Jahre einen erheblichen Teil der Ressourcen unseres Schachbunds mit dem Führen von Kriegen gebunden oder eliminiert, während die Entwicklung des Schachs auf der Strecke blieb.

Eine der Minimalanforderungen an beide Herren für die kommenden Jahre ist, die Hand auszustrecken, das Gespräch zu suchen und sich konstruktiv-zielführend einzubringen. Wenn sie jetzt mit der DSJ reden, dann tun sie das hoffentlich, weil ihnen die Einsicht gebietet, dieses Gespräch ganz oben auf ihre Agenda und auf ihren Terminplan zu setzen.

Gesprächsbereitschaft ist kein Grund für einen verbalen Kniefall. Und auf Knien ist nicht die Augenhöhe.


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