Der Marathon-Mann

Bei ihrer ersten Jugendversammlung als eingetragener Verein hat die Deutsche Schachjugend einen neuen ersten Vorsitzenden gewählt, Niklas Rickmann, und einen neuen Finanzreferenten, Markus Semmel-Michl. Rickmanns Vorgänger Malte Ibs wurde abgewählt, Semmel-Michls Vorgänger Rafael Müdder hatte sich nicht wieder zur Wahl gestellt. Außerdem beschloss die Versammlung, einen Compliance-Beauftgragten einzuführen, wählte aber niemanden.

Berichte zur Jugendversammlung:

Maximilian Rützler und Birger Pommerenke, 2. Vorsitzender und Spielleiter Einzel der Schachjugend Schleswig-Holstein, haben dieser Seite angeboten, ihre Sicht der Dinge auf den Versammlungsmarathon am vergangenen Samstag und Sonntag aufzuschreiben, ein Angebot, das wir gerne angenommen haben. Den Originaltext aus Schleswig-Holstein, siehe Link oben, haben wir redaktionell bearbeitet.

Rützler und Pommerenke haben das Wort:


„Ich bin ja vom Fach.“
„Ich hab das schon mit einem Kollegen im Finanzamt besprochen.“  
„Abgabenordnung Paragraph XYZ ist hier heranzuziehen.“

Solche Sätze prägten mehrere Stunden lang die Versammlung des DSJ e.V. am vergangenen Wochenende. Wer sich eine Jugendversammlung als Versammlung überwiegend junger Leute vorstellt, junge Leute, die über junge Themen sprechen, der wurde am Samstag und Sonntag eines Besseren belehrt. Die verbalen Schlagabtäusche der versammelten Ü50-Rechts- und Finanzexperten dominierten das Geschehen.

U23-Delegierte schienen eher geduldet als notwendig zu sein. Warum sollte man auch diejenigen zu Wort kommen lassen, für die wir arbeiten? Warum sollte man ihnen die Möglichkeit geben, sich zu beteiligen, wo man doch Fachdebatten führen und mit den gesammelten Texten von Vater Staat jedes noch so menschlich vorgebrachte Argument niederknüppeln kann?

Ist das noch meine DSJ? Kann ich mich damit identifizieren? Das sind zwei wesentliche Fragen, die alle im Jugendschach ehrenamtlich Engagierten am vergangenen Wochenende bei der Jugendversammlung der Deutschen Schachjugend beantworten mussten.

Schon der Trend der vorangegangenen außerordentlichen Jugendversammlungen hatte erahnen lassen, was passieren würde: Von Versammlung zu Versammlung wurde immer abstrakter argumentiert, immer mehr Gesetzestexte mussten herangezogen und Finanzunterlagen gewälzt werden. Aber okay, wahrscheinlich ist das nötig, solange es um den Aus- bzw. Umgründungsprozess DSJ e.V. geht.

Sollte man mit dessen Abschluss zurück zu den Inhalten kommen? Zu den Themen, die unsere Kinder und Jugendlichen bewegen, zu Meisterschaften und Events? Zu Maßnahmen gegen Corona, zu Mitgliedergewinnung und -bindung? Das jedenfalls war unsere Hoffnung.

Pustekuchen! Kurz vor der Jugendversammlung verbreitete sich ein neunseitiges Brandschreiben, verpackt in einen Kassenprüfbericht. Dessen Inhalt legt den Verdacht nahe, dass die ehemaligen hauptamtlichen Mitarbeiter eine wesentliche Rolle gespielt haben. Zum Beispiel geht es um „Gutscheine vom Jugendherbergswerk“, die sich in den Aufzeichnungen der DSJ nirgends finden. Wie konnten die Kassenprüfer davon wissen?

Sicher ist, dass bei der DSJ im Finanziellen nicht alles so akkurat lief, wie sich das ein Finanzbeamter vorstellt. Sicher ist auch, dass von den neun Seiten im Lauf der Versammlung nicht viel übrigblieb. Stundenlang wurde geprüft, die Deutsche Sportjugend gehört – und eine Unzahl an vermeintlichen Mängeln entkräftet. Es bedurfte eines Proseminars zur Gemeinnützigkeit, bevor Vorsitzender Malte Ibs und Finanzreferent Rafael Müdder entlastet wurden. Der Vorgang hinterlässt einen bitteren Nachgeschmack. Zum Glück hat er nur fünf Stunden gedauert.

Jetzt aber: Zeit für Inhalte?

Nochmal Pustekuchen! Als nächster wegweisender Tagesordnungspunkt standen die Wahlen an. Auf der Grundlage des neunseitigen Brandbriefs hatten sich Niklas Rickmann als 1. Vorsitzender und Markus Semmel-Michl als Finanzreferent zur Wahl gestellt. Das Programm dieses Tandems: Zweifel an der Finanzführung wollen sie ausräumen, die Gräben zwischen den Landesschachjugenden zuschütten und eine Brücke zum DSB bauen, ein Programm, das die bisherigen Amtsinhaber eins zu eins unterschreiben würden.

Brückenbauer? Niklas Rickmann, neuer DSJ-Vorsitzender. | Foto: Frank Hoppe/DSB

Als inhaltlichen Bonus hat Niklas lediglich sein Herzensprojekt anzubieten: Es sollen Strukturen für digitale Mitgliedschaften und digitale Vereine entstehen – notfalls auch gegen den Willen des Deutschen Schachbunds, so dieser sich nicht für die Wichtigkeit dieses Themas erwärmen kann.

Ob die Rickmannsche Brücke zum DSB die Last einer eigenständigen Mitgliedsverwaltung trägt? Eher erscheint das Ziel des DSJ e.V. gekippt, sich nicht vom DSB zu entfernen.

Ziel der Kampfkandidatur war die Neubesetzung des Finanzreferenten sowie des Ersten Vorsitzenden. Dieses Amt hatte bis dato Malte Ibs inne, der wie kein anderer die Inhalte der DSJ verkörpert. Malte motiviert, Malte bewegt junge Ehrenamtliche zu Höchstleistungen. Wir kennen kaum einen DSJ-Helfer, der nicht 110 Prozent gibt, wenn Malte darum bittet.

Malte Ibs. | Foto: DSJ

Selbst diejenigen, die ihn absägen wollten, kritisierten ausschließlich Maltes Verantwortung für die Finanzen. Damit wir Malte nicht verlieren, hatte sich die Württembergische Schachjugend in den Tagen vor der Jugendversammlung um einen Kompromiss bemüht: Malte sollte im Amt bleiben, Markus an seiner Seite Finanzreferent werden. Das Finanzthema wäre damit in guten Händen gewesen und der DSJ e.V. auch. Zu diesem Kompromiss kam es nicht, die Unterstützer der Kandidaturen von Niklas und Markus wollten ihn nicht. Warum, darüber können wir nur spekulieren.

Die Unterstützung derjenigen, die mit Malte zusammenarbeiten, war bei der Jugendversammlung klar zu sehen. Von denen, die auf Bundesebene mitarbeiten, sprach sich eine überwältigende Mehrheit für DSJ-Ideen und -Personal aus – auch entgegen der Meinung ihrer Landesverbände. Aber die Jugendversammlung entschied sich mit 131 zu 129 Stimmen für Niklas Rickmann.

Wenige Stunden nach dieser Entscheidung offenbarte sich ihre Tragweite: die ersten, im Rahmen des Gründungsmonats des DSJ e.V. zugesagten Spenden wurden zurückgezogen, angeblich um die 35 Prozent der Gesamtsumme. Das wären etwa 15.000 Euro! Mit einer solchen Summe lassen sich im Jugendsport Wunder bewirken.

Wir hören, dass das Spendengeld für das Jugendschach zumindest nicht verloren sein soll. Ein Großteil geht jetzt an den Förderverein der Deutschen Schachjugend. Der ermöglicht Kindern und Jugendlichen aus sozial schwachen Familien die Teilnahme an Deutschen Meisterschaften und sonstigen Veranstaltungen der DSJ.

Der DSJ e.V. muss nun neu kalkulieren. Lennart Quante und Sascha Morawe, die stellvertretenden Vorsitzenden, haben am Sonntag versichert, der Geschäftsbetrieb 2021 sei noch nicht gefährdet, für 2022 müsse aber gegebenenfalls neu evaluiert werden. Ob Niklas in der Lage sein wird, neue Spenden einzuwerben oder die fehlende Summe in Engagement aufzuwiegen, werden wir in den kommenden Wochen und Monaten sehen. Die Hürde ist hoch, die Fußstapfen groß.

Markus Semmel-Michl, neuer DSJ-Finanzreferent | via Schachjugend

Nachdem der Samstag nach acht Stunden mit Niklas’ Wahl geendet hatte, war zu befürchten, dass große Teile der Ehrenamtlichen in und um den Vorstand der DSJ zurücktreten. Niklas hatte ja vor der Wahl nicht das Gespräch mit denen gesucht, deren Vorsitzender er werden wollte. Glücklicherweise eröffnete Lennart Quante den Sonntagmorgen mit der Mitteilung, dass der Vorstand unverändert weitermacht.

Einzig der bisherige Anti-Dopingbeauftragte Eric Tietz hat von einer erneuten Kandidatur Abstand genommen. Für ihn gilt es schnellstmöglich einen Nachfolger zu finden, da andernfalls Deutsche Meisterschaften U18 aufgrund der Dopingregularien nicht mehr durchführbar wären. Außerdem hängen große Fördersummen an dieser Position.

Die Wahl des Finanzreferenten, die aufgrund des gesprengten Zeitplans erst am Sonntag vollzogen werden konnte, galt als Formsache. Der vorherige Amtsinhaber Rafael Müdder stand nicht mehr zur Verfügung, es gab keinen Gegenkandidaten.

Die übrigen Wahlen verliefen den Erwartungen entsprechend. Das von vielen befürchtete Schattenkabinett des neuen Steuermanns ist gar nicht erst in Erscheinung getreten. Der Vorstand bleibt mit erfahrenen Ehrenamtlichen besetzt, mit den Leuten, die für die Inhalte der vergangenen Jahre stehen. Ein vollständiger Umbruch blieb dem DSJ e.V. erspart.

Ein weiterer Schock nicht. Die Landesschachjugend Berlin schlug die ehemalige hauptamtliche Mitarbeiterin Astrid Hohl als Kassenprüferin vor. Dem Argument, dass Astrid ihre eigene Arbeit kontrollieren würde, da sie noch bis Ende April angestellt war, wurde damit begegnet, dass es ja ohnehin zu einem Kassensturz mit dem DSB kommen würde. Selbst der Versammlungsleiter Andreas Jagodzinsky stellte schmunzelnd fest, dass die Jugendversammlung sich damit ein Problem schafft: Der nächste Kassenprüfbericht werde nicht minder strittig sein.

Rechtlich sei Astrids Wahl möglich, unter dem Compliance-Aspekt, den sich die Jugendversammlung an diesem Wochenende zu verschreiben gedachte, aber mehr als fragwürdig. Allerdings sieht es aus, als bräuchten wir Compliance nur da, wo es ins Konzept passt. Astrid wurde gewählt mit – 131 Stimmen.

Der Compliance-Beauftragte durfte übrigens nicht gewählt werden, zu dieser Personalie präsentierten zwei Rechtsexperten drei Meinungen. Die Versammlung führte zwar Compliance-Richtlinien ein, beschloss aber, niemanden zu wählen, der dafür zuständig ist. Sobald ein:e Beauftragte:r installiert ist, wird er/sie nun das reichlich unpraktikable Recht haben, sämtlichen Schriftverkehr der Deutschen Schachjugend einzusehen. Müssen wir jetzt bei einer Mail mit dem Inhalt „Guten Morgen lieber Vorstand“ den Compliance-Beauftragten ins cc: nehmen?

Weniger erfolgreich verlief für die Bayerische Schachjugend der Antrag, die Jugendversammlung möge geschäftsführende Aufgaben ab einem Schätzwert von über 100.000€ übernehmen. Danach müsste eine Mitteilung des in seinen Rechten beschnittenen DSJ-Geschäftsführers an eine Hotelkette etwa so aussehen:

„Sehr geehrtes XY-Hotel,

leider kann ich die von Ihnen gesetzte Frist für die Vertragsunterzeichnung nicht einhalten. Der Vertrag darf seitens der Geschäftsführung nicht gegengezeichnet werden. Die Entscheidung darüber trifft unsere Jugendversammlung, die wir mit einer Frist von vier Wochen einladen müssen. Ich bitte Sie dringlichst um Aufschub. Ich verspreche Ihnen auch, sollte die Jugendversammlung keine Entscheidung treffen wollen, werden wir umgehend die nächste Jugendversammlung einberufen.

Und wenn wir schon bei der Sache sind, dieses Reglement gilt analog auch für den Vertrag über die Deutschen Vereinsmeisterschaften. Da sind wir auch auf Ihr Entgegenkommen angewiesen.

Für den Vorstand der Deutschen Schachjugend,

der Geschäftsführer“

Amüsiert nahmen die Delegierten den Dringlichkeitsantrag in der Sache Datenschutzbeauftragte:r zur Kenntnis. Nachdem unter anderem die bayerische Kassenprüferin die DSJ-Kasse geprüft hatte, hat sie, wie unlängst in der Kommentarsektion der Perlen diskutiert, selbst eine hinlängliche Begründung für die Beauftragung geliefert. Ein genialer Schachzug der Bayerischen Schachjugend.

Zur Deutschen Einzelmeisterschaft 2022 erwarteten Teile der Jugendversammlung fertig ausgehandelte Verträge, die im günstigsten Fall direkt hätten unterzeichnet werden können. Aber der Vorstand der DSJ hatte den Auftrag, „Angebote aus Oberhof, Magdeburg und Willingen“ einzuholen, als eben das verstanden: Angebote einholen.

Deutsche Meisterschaft in Willingen. | Foto: Deutsche Schachjugend

Der Abgleich von Erwartungshaltungen ging völlig daneben. Das überrascht aber wenig. Wer dem Gesprächsverlauf folgte, hörte im Rahmen der Debatte „DEM 2022 in Magdeburg oder Willingen?“ Perlen à la „Wir können in Magdeburg die Preise auch senken, indem wir auf die Zimmerreinigung verzichten“.

Hygiene – genau der Punkt, an dem es in Pandemiezeiten gilt, Abstriche zu machen. Fünf Euro zu sparen, indem wir auf Hygiene verzichten, stärkt mit Sicherheit das Vertrauen der uns anvertrauten Kinder und Jugendlichen und deren Eltern in unsere Arbeit. Vielleicht könnten wir auch auf warmes Wasser verzichten und noch einen Euro sparen? Oder am Essen? Tatsächlich wurde vorgebracht, dass ein Buffet wie das in Willingen von vielen Kindern nicht genutzt werde.  Mit einem Fünfer in der Tasche pro Kind und Tag gebe es in Magdeburg ausreichend Möglichkeiten, eine gute Bratwurscht zu bekommen. Chapeau!

So absurd und emotional dieser Tagesordnungspunkt auch diskutiert wurde; es war nach fast zehn Stunden das erste Mal, dass in der Jugendversammlung Jugendliche zu Wort kamen. Okay, ihre Meinung hat nur die Hälfte der Anwesenden interessiert, schließlich galt es, Geld zu sparen, das Fachgebiet der unverändert zahlreich vertretenen Finanzfachleute.

Kontrolle und Misstrauen

Hängen bleibt der von den bayerischen Delegierten im Namen ihrer Jugendlichen vorgetragene Wunsch, Kosten zu senken, da sie sonst nicht mehr an Meisterschaften teilnehmen könnten. Die Fördermöglichkeiten durch den Förderverein der DSJ seien ja für den Mittelstand keine nutzbare Option.

Ein Klima von Kontrolle und Misstrauen im jungen DSJ e.V. – eine fragwürdige Errungenschaft. Leider hat sich dieses Klima in den Versammlungen der vergangenen Monate erst etabliert, dann stetig gesteigert. Wie die „Debatte“ um die Entlastung, die Wahlen und die Anträge zum Compliance-Konzept gelaufen sind, war eines Jugendverbands unwürdig.

In dem Maße, wie sich Kontrolle und Misstrauen ausbreiten, geht es mit der Motivation fürs junge Ehrenamt bergab, sei es im Vorstand der DSJ, sei es in den Vorständen so manchen Landesverbands. Dieses sei „die dunkelste Stunde des Jugendschachs seit 20 Jahren“ hörten wir am Rande der Versammlung.

Wann es zuletzt bei einer Jugendversammlung tatsächlich und vorrangig um Kinder, um Jugendliche, um Menschen außerhalb der Versammlung und um Schach ging? Mittlerweile ist das mehr als zwei Jahre her. Die Jugendversammlung hat sich zu einem bürokratischen und formalisierten Spielplatz entwickelt, wo jeder in seinem Grüppchen die besten und schönsten Schaufeln und Förmchen hortet und misstrauisch beäugt, was die anderen Grüppchen veranstalten.

Wo ist der Wille, gemeinsam etwas zu bauen?

Unserer ist ungebrochen. Wir wollen für unsere Jugendlichen tolle Veranstaltungen, Projekte und Meisterschaften verwirklichen. Natürlich haben wir großes Verständnis für all die, die nach einer Horrorshow wie dieser in erster Linie frustriert sind. Für all die, die befürchten, dass uns gelebte Inhalte verlorengehen.

Unsere Bitte, unser Appell: Bleibt am Ball! Bringt euch ein! Hängt euch rein für das Wohl des deutschen Jugendschachs! Wir werden zu einem vertrauensvollen Miteinander zurückfinden. In den nächsten Jugendversammlungen muss und wird es wieder um Inhalte gehen, darum, Jugendlichen Angebote zu machen. Und dann seid ihr am Zug!

3.5 50 votes
Article Rating
Abonnieren
Benachrichtige mich bei
guest
149 Comments
Most Voted
Newest Oldest
Inline Feedbacks
View all comments