Als Wolfram Bialas Boris Spasski vom Tennisspielen abhielt

Wolfram Bialas und seine Sindelfinger Mitspieler staunten nicht schlecht, als sie während der Schachbundesliga-Saison 1987/88 den Spielsaal in Solingen betraten. Ihnen begegnete ein gut gelaunter Boris Spasski, der kein Geheimnis aus seiner Absicht machte, an diesem Tag möglichst wenig Zeit am Schachbrett zu verbringen. Der Ex-Champion in Diensten der SG Solingen trug bereits seine Tennisklamotten.

Am gestrigen Samstag hat sich der Todestag von Wolfram Bialas (22. August 1935 – 2. Januar 1998) zum 23. Mal gejährt. Bialas war zwar „nur“ Fide-Meister, spielte zu seiner besten Zeit allerdings regelmäßig in der deutschen Nationalmannschaft. Außerdem wurde er 1958 und 1962 Berliner Meister. In der Reihe der Titelträger steht sein Name neben solch klangvollen wie Rudolf Teschner, Klaus Darga, Heinz Lehmann und Hans-Joachim Hecht. Wie seinem bisher kurioserweise nur auf der englischsprachigen Wikipedia-Seite erschienenen Eintrag zu entnehmen ist, wurde er dreimal Bundesliga-Mannschaftsmeister: 1957 und 1961 mit der Berliner Schachgesellschaft Eckbauer, 1978 mit Königsspringer Frankfurt.

Nationalspieler Wolfram Bialas (rechts).

In der Saison 1987/1988 kam Bialas für den VfL Sindelfingen vierzehnmal zum Einsatz. Für das Duell gegen den amtierenden Meister SG Solingen war er jedoch ursprünglich nicht aufgestellt. Erst am Vorabend rief ihn Teamchef Jürgen Degenhardt an, da ein anderer Spieler abgesagt hatte.

Bialas sagte zu. Es galt, die Anreise nach Solingen rechtzeitig hinzubekommen. Zeit für schachliche Vorbereitung blieb nicht. Als kleinen Trost hatte er am nächsten Tag den Vorteil der weißen Steine. Außerdem stand sein am dritten Brett aufgestellter berühmter Gegner Boris Spasski zu dieser Phase seiner großen Laufbahn längst im Ruf, den Ehrgeiz seiner Sturm-und-Drang-Jahre verloren zu haben. 


Boris Spasski, Weltmeister 1969-1972, war nach seiner WM-Niederlage gegen Bobby Fischer in seiner Heimat UdSSR nicht mehr wohlgelitten. 1975 siedelte er der Liebe wegen nach Paris über. Wie ihn der damalige Solinger Vorsitzende, der Tausendsassa Egon Evertz, einst gemeinsam mit Herbert Scheidt in die Bundesliga lotste und damit den Aufschwung der SG Solingen einläutete, ist in einem Artikel des Solinger Tagblatts nachzulesen, der vor knapp vier Jahren zum 80. Geburtstags von Spasski erschienen ist. Als „Pfundskerl, Gentleman-Spieler mit einer gewissen Aura und als Bereicherung mit keinerlei Allüren“ wird Spasski darin gewürdigt. 


Tatsächlich fand Spasski in dem kurzfristig nachnominierten Bialas genau den richtigen Verbündeten für einen frühen Friedensschluss. Bereits nach dem zwölften Zug wurde das Remis auf Vorschlag von Spasski fixiert: Bialas-Spasski, Bundesliga 1987/1988 – 1. d4 Nf6 2. c4 e6 3. Nf3 Bb4+ 4. Nc3 c5 5. e3 d5 6. dxc5 O‑O 7. Qc2 Nc6 8. a3 Bxc5 9. b4 Be7 10. Bb2 Bd7 11. cxd5 exd5 12. Rd1 Rc8 remis.

Spasskis Tennispartner wartete schon, es wurde allgemein mit einem baldigen Abrauschen des zehnten Weltmeisters gerechnet. Wäre das das passiert, gäbe es diesen Artikel nicht.

Nach dem ereignislosen Zwölfzüger fragte Bialas Spasski, ob er sich an ihre vorige Partie erinnere. Die beiden hatten bereits bei der Schacholympiade 1964 gegeneinander gespielt. Spasski bejahte die Frage. Nicht nur das, er hatte die Notation von damals sogar noch komplett im Gedächtnis gespeichert. Vergnügt setzten sich die beiden Krieger in den Analyseraum und besprachen anstatt des soeben beendeteten Kurzremis lieber ihre bereits mehrere Jahrzehnte zurückliegende Partie. 

Diese war zwar ebenfalls Unentschieden ausgegangen, allerdings nach einem wesentlich umkämpfteren Verlauf. Sie war außerdem von immenser Bedeutung, fand sie doch im Rahmen der Begegnung Bundesrepublik Deutschland-UdSSR statt, die die deutsche Mannschaft sensationell mit 3:1 gewann. Näheres zu diesem Wettkampf, der später im Gewinn der Bronzemedaille Deutschlands mündete, steht in der Einleitung dieses Beitrags:

Bialas war auch 1964 ursprünglich nicht für den Wettkampf gegen die UdSSR und damit das Duell gegen Spasski nominiert gewesen. Dann wurde Klaus Darga plötzlich krank, und Bialas rutschte erst am Spieltag nachträglich für seinen Kollegen in die Aufstellung. Da damit keineswegs zu rechnen gewesen war, war der lediglich am zweiten Reservebrett aufgestellte Bialas am frühen Morgen des Spieltags zu einem touristischen Ausflug nach Jerusalem aufgebrochen. Er wollte erst während des Wettkampfs zurückkommen, um die entscheidende Phase als Zuschauer zu verfolgen.

Glücklicherweise halfen die israelischen Organisatoren, Bialas aufzuspüren. Sie fanden ihn in einem Straßencafé in Jerusalem, brachten ihn von dort aus nach Tel Aviv, wo er sich gerade noch pünktlich ans Brett setzte.

Etwas ausführlicher lässt sich diese Episode in Michael Dombrowskys Buch „Berliner Schachlegenden“ nachlesen, in welchem es selbstverständlich auch ein Kapitel über Wolfram Bialas gibt. Wie bereits erwähnt, erzielte Bialas auch 1964 gegen den Weltklassemann Spasski ein Remis. Der Spieltag, der 14. November 1964, wird in Dombrowskys Buch als „der wohl aufregendste und erfolgreichste Tag im Schachleben vom Wolfram Bialas“ bezeichnet. Eine Leseprobe mit der entsprechenden Stelle im Buch gibt es außerdem auch hier.

Mohrlok war aufs Land gefahren, Bialas nach Jerusalem – und Klaus Darga pendelte zwischen Bett und Toilette, wahrscheinlich eine Lebensmittelvergiftung. An eine Schachpartie, gegen Exweltmeister Boris Spassky zumal, war nicht zu denken. In den Berliner Schachlegenden beschreibt Michael Dombrowsky ausführlich, wie es gelang, Wolfram Bialas gerade noch rechtzeitig ans Brett zu bekommen – und wie nach der Aufregung zuvor ein sensationeller Sieg gegen die Sowjets gelang.

Da dieser Partie eine große Bedeutung zukam, sie außerdem Jahrzehnte später noch interessant genug war, um Spasski von seiner neuen Lieblingsbeschäftigung abzuhalten, hat sie Dieter Migl für uns angeschaut. Er war in der Bundesligasaison 1987/1988 Mannschaftskollege von Bialas und auch Beobachter der oben geschilderten Szenerie. 

Folgende persönliche Einschätzung stellt Migl seiner Analyse voran: 

Spasski hat die Partie ziemlich lustlos und ungenau gespielt. Bialas hat mit den beiden Zügen Dd3 (statt De2) und f4 zweimal deutlich danebengegriffen. Was Spasski zu 16…Tfd8 bewog, kann ich mir nicht erklären. Es ist eigentlich unbegreiflich. Vielleicht hatte er nur Remis im Sinn. 16..a5! war angesagt, was den Lb3 unterminiert und den Bauer auf b2 angreifbar macht. Möglicherweise hätte Schwarz danach etwas besser gestanden. Kein Wunder nach Dd3 und f4. Solche Sizilianisch-Stellungen sind hochsensibel. Spielt man auch nur etwas ungenau als Weißer, wird man am Damenflügel fertiggemacht. Spielt man als Schwarzer ungenau, passiert dasselbe am Königsflügel.

(Klick auf einen Zug öffnet das Brett zum Nachspielen)

Ob Spasski an diesem Tag in der Saison 1987/1988 später doch noch auf den Tennisplatz kam, ist nicht gesichert überliefert. In dem bereits erwähnten Artikel von 2017 aus dem Solinger Tagblatt wird vom Solinger Vereinsvorsitzenden Oliver Kniest eine weitere Schachpartie von Spasski erwähnt, die er einst im Europacup verfrüht Remis gab, weil er danach noch Tennis spielen wollte. Um keinen falschen Eindruck aufkommen zu lassen, ergänzte Kniest, dass Spasski den Rückkampf am nächsten Tag dann souverän gewonnen hat.

Wenn es darauf ankam, war Spasski noch immer eine Bank.


Unter seinem Pseudonym „Nathan Rihm“ hat Martin Hahn bereits zwei Gedichtbände veröffentlicht. Mehr über ihn auf der Nathan-Rihm-Fanpage bei Facebook. Kontakt: nathanrihm@gmx.de

5 4 votes
Article Rating
Abonnieren
Benachrichtige mich bei
guest
5 Comments
Most Voted
Newest Oldest
Inline Feedbacks
View all comments