Kaffee, Zigaretten und ein Schäferhund: Besuch von Friedrich Sämisch

Nach einem Simultan in Stuttgart ist Friedrich Sämisch spontan bei Familie Mohrlok im Stadtteil Wangen zu Gast geblieben. Er soll dem talentierten Sohn Schachtraining geben, darf dafür umsonst übernachten und wird verköstigt – mit Kaffee und Zigaretten in erster Linie, die beiden Hauptnahrungsmittel der Berliner Schachlegende. Wochenlang darf er seinem Bohémien-Lebensstil frönen, bis nachmittags schlafen und beim Rauchen sogar ungestraft Asche auf den Boden fallenlassen. Gar nicht mehr gehen will er, so gut gefällt es ihm bei den Mohrloks.

Kopenhagen 1923, nichts geht mehr: Dem Weißen sind die Züge ausgegangen. Friedrich Sämisch dachte hier eine Stunde lang nach, dann gab er auf.

Schachspielern weltweit ist der Name Friedrich Sämisch durch „seine“ beiden Varianten gegen die Königs- und die Nimzo-Indische Verteidigung ein Begriff, aber auch durch seine Niederlage gegen Aaron Nimzowitsch in der „Unsterblichen Zugzwangpartie“ mit ihrem berühmten Schlusszug 25…h6!!. 

Ab den 1920er-Jahren war Sämisch einer der stärksten Spieler Deutschlands. Ein Sieg von ihm erlangte Berühmtheit: Sämisch war einer der wenigen, die gegen den nahezu unschlagbaren José Raúl Capablanca eine Partie gewonnen haben. Die kuriose Randgeschichte dazu habe ich im Artikel „Spiel mit dem Tod“ erzählt:

Wer Sämisch in bewegten Bildern am Brett sehen will, sei auf diesen kurzen Ausschnitt vom Turnier in Prag 1942 verwiesen, wo es auch die beiden geteilten Turniersieger Alexander Aljechin und Klaus Junge in einer raren Filmaufnahme zu sehen gibt.

Nicht ohne meine Zigarette: Friedrich Sämisch am Brett.

1952 berichtete der zu diesem Zeitpunkt nicht mehr ganz der Elite zugehörige Sämisch der Zeitschrift CAISSA in der Rubrik „Statistische Erinnerungen“ (vergleichbar mit der Sparte „Schach-Fragen“ in der Zeitschrift SCHACH), bis dahin bereits weit über 1.000 Groß- und Kleinstädte zum Zweck von Blind- und Simultanvorstellungen bereist zu haben. Mehr als einmal verschlug es ihn auch in „meine“ Stadt, nach Stuttgart: 

Die Hose des Hausherrn

„Durch Vermittlung des Stuttgarter Meisters und Schachjournalisten Theo Schuster kam Sämisch 1956 oder 1957 nach Stuttgart“, beginnt ein im KAISSIBER Nr. 36 (Januar 2010) erschienener Artikel „Erinnerungen an Friedrich Sämisch“. Der darin erzählende Dieter Mohrlok war zu jener Zeit ein aufstrebendes Talent. Mohrloks Mutter, die wie Sämisch ebenfalls aus Berlin stammte, war in jungen Jahren erfolgreiche Eisläuferin gewesen. Sie wusste also um die Bedeutung eines sachkundigen Trainers und packte die Gelegenheit beim Schopfe: Sie lud den Meister kurzerhand zu sich ein. Bei freier Kost und Logis sollte Sämisch dem Filius sein Schachwissen vermitteln. 

Im Hause Mohrlok wurde Sämisch wie ein Staatsgast hofiert. Nicht nur die Verpflegung war eingeschlossen, selbst seine Socken wurden ihm geflickt. Als sein einziger Anzug in die Wäsche musste, durfte er eine Hose vom Hausherrn leihen. „Alle Wünsche wurden ihm von den Augen abgelesen und alle seine Eigenheiten – vom Aufstehen 12 Uhr mittags bis zum Ascheverstreuen – als gottgegebene Attribute des großen Meisters toleriert.“ So steht es im Buch „Schach in Württemberg“ aus dem Jahr 2000 von Eberhard Herter. Zeitzeuge Herter wurde gelegentlich selbst dazugerufen, wenn mit dem hochkarätigen Besucher analysiert oder geblitzt wurde.

Das Beweisfoto: Friedrich Sämisch lebte zumindest nicht
ausschließlich von Kaffee und Zigaretten.

In der oben zitierten Kaissiber-Ausgabe berichtet auch Dieter Mohrlok über Sämischs Besuch in seinem Elternhaus: „Der einzige Feind von Sämisch war unser Schäferhund, aber diese Abneigung war gegenseitig! Ich ging damals noch in die Lehre und mein Vater zur Arbeit. Meine Mutter als Hausfrau hatte genug zu tun, Hund und Großmeister auseinanderzuhalten, nachmittags um vier, wenn er aufstand (also noch später als bei Herter! 😉, Anm. d. A.), Kaffee und Zigaretten bereit zu stellen, seine Socken zu flicken und seine Wäsche zu waschen. Oft ging er dann in die Stadt, um Schachclubs und Freunde zu besuchen.“ 

Im Laufe der Wochen wurde der Gast mit seinen speziellen Gewohnheiten für die Familie zu einer Belastung. Vor allem die Rundumversorgung mit Kaffee und Zigaretten war Sämisch ans Herz gewachsen, und so wollte er trotz sanften Drängens gar nicht mehr gehen. Nach einigen Wochen wurde es Mama Mohrlok zu bunt, und man erfand eine Notlüge, um die Abreise zu forcieren: Mohrloks erzählten dem Meister, das von ihm bewohnte Gästezimmer würde anderweitig benötigt, da sich ein Verwandter zu Besuch angekündigt habe.

Die Abreise von Sämisch beschreibt Mohrlok wie folgt: „Nach etwa drei bis vier Wochen wurde meiner Mutter die Geschichte zu viel, auch das Verhältnis Hund-Meister wurde zusehends schlechter. So war er eines Sonntagmorgens einfach weg. Ich frecher Kerl hatte ihm zuvor gesagt, dass ich ihn nicht zu den Supergroßmeistern seiner Zeit zählen würde, und so fand ich auf dem Fenstersims eine lange Liste, auf der er alle seine Turniere und Plätze aufgelistet hatte.“

Schüler und Meister verloren einander nicht aus den Augen: „Immer, wenn wir uns danach mal trafen, fragte er mich, ob dieser schreckliche Hund immer noch lebt, worauf ich im Auftrag meiner Mutter immer ‚Ja!‘ sagen musste.“


Herters Schilderungen über die Reisen von Friedrich Sämisch nach Stuttgart gehen noch weiter. Auch Anekdoten und persönliche Begegnungen mit Schachgrößen wie Efim Bogoljubow, Ludwig Rellstab oder Emil Diemer werden in seinem Buch erzählt. Wer interessiert ist, kann „Schach in Württemberg“ kostenlos im Archiv des Schachverbands Württemberg downloaden. Wer es lieber gebunden hat: Für drei Euro ist das Buch bei Amazon erhältlich.

Der inzwischen 85-jährige Autor Eberhard Herter ist seit 1947, also seit über 70 Jahren (!), bis heute durchgehend für die Stuttgarter Schachfreunde im Ligabetrieb aktiv. Gemeinsam mit Dieter Mohrlok stand Eberhard Herter in der Mannschaft, die 1968 den Deutschen Meistertitel nach Stuttgart holte.


Eigentlich wandelte unser Autor Martin Hahn auf den Spuren des Stuttgarter Meisterspielers Dieter Mohrlok, über den es an dieser Stelle demnächst mehr zu lesen gibt. Bei der Mohrlok-Recherche offenbarte sich Hahn obige Sämisch-Episode, die einen Extra-Beitrag verdient. Unter seinem Pseudonym „Nathan Rihm“ hat Martin Hahn bereits zwei Gedichtbände veröffentlicht. Mehr über ihn auf der Nathan-Rihm-Fanpage bei Facebook. Kontakt: nathanrihm@gmx.de


Robert Hübners Erinnerungen an das Turnier in Büsum 1968, das er als damals 19-Jähriger gewann. Besonderen Eindruck hinterließen bei Hübner seine Begegnungen mit dem Tabellenletzten, dem 72-jährigen Friedrich Sämisch, dem Hübner ein eigenes Kapitel widmet.
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