Stockfish 12: das Beste aus zwei Welten

Abertausende Arbeitsstunden haben die Stockfish-Entwickler in den vergangenen Jahren ins Feintuning der Bewertungsfunktion gesteckt. Alles für die Katz. Stockfish 12 steht zum Download bereit. Die neue Version markiert einen evolutionären Entwicklungssprung – und einen Einschnitt. Ab sofort basiert Stockfishs Bewertung von Positionen auf den Einschätzungen einer künstlichen Intelligenz. Was auf menschlicher Arbeit beruht, fliegt raus.

Schon erste Tests im Sommer hatten angedeutet, dass die Implementierung eines Neuronalen Netzes für die Stellungsbewertung die Engine deutlich stärker machen würde. Nun ist wahr geworden, was sich angekündigt hatte. Das „Efficiently Updatable Neural Network“ (NNUE) ist Teil des regulären Stockfish-Pakets, und es macht die Engine besser als je zuvor. Bis zu 100 Elopunkte soll Stockfish 12 gegenüber seinem Vorgänger zugelegt haben.

Stockfish basiert auf dem Open-Source-Schachprogramm Glaurung des Norwegers Tord Romstad (das noch heute die Basis der Carlsen-App PlayMagnus ist). 2008 mottete Romstad seinen Glaurung ein und gebar gemeinsam mit einer wachsenden Gemeinde von Entwicklern Stockfish. Etwa in der zweiten Hälfte der 2010er-Jahre hatte Stockfish nach Spielstärke zu den kommerziellen Platzhirschen Komodo und Houdini aufgeschlossen.

AlphaZeros Schach bescherte unserem Spiel eine
Zeitenwende. Matthew Sadlers vielfach ausgezeich-
netes Werk ist auch auf Deutsch erhältlich, allerdings
sechs Euro teurer als das englische Original.

Ende 2017 war Stockfish auf der Verliererseite an einer Revolution des (Computer-)Schachs beteiligt. Ein Match gegen die Google-Maschine AlphaZero ging deutlich verloren. Das Ergebnis von 64:36 ist in dieser Deutlichkeit nach wie vor umstritten: Die Google-Tochter DeepMind ließ ihre Entwicklung auf eine veraltete Stockfish-Version los, die obendrein hinsichtlich Bedenkzeitregelung und Hardwarepower benachteiligt war.

Niemand bestritt, dass AlphaZero Schach vom anderen Stern gezeigt hatte und Ideen in einer bis dahin ungekannten Tiefe demonstrierte. Speziell die Themapartien zu „Positionelle Dominanz versus Material“ sollten auch das menschliche Schach auf der Elite-Ebene nachhaltig beeinflussen.

Heute ist AlphaZero ebenso eingemottet wie seinerzeit Romstads Glaurung. Aber kaum waren die ersten zehn A0-Partien öffentlich, begann die Entwicklung eines AlphaZero für alle: Leela Zero erblickte das Licht der Welt.

Etwa ein Jahr dauerte es, bis Leelas Spielstärke in Stockfish-Sphären geklettert war. Fortan erfreuten sich Computerschachfreunde an einem Kampf der Systeme, der zu fantastischen Partien führte: die neuen, vergleichsweise rechenschwachen, aber umso tiefsinnigeren Strategen gegen die vergleichsweise dummen, aber umso schnelleren Rechenmonster traditioneller Machart.

Vereinigung statt Kampf der Systeme

Noch im Mai sagte Großmeister und Computerschachfan Matthew Sadler im Gespräch mit dieser Seite, es sei überhaupt nicht klar, welcher Ansatz sich durchsetzen werde. Leela werde immer besser, aber auch für menschliche Entwickler sah er eine Menge Potenzial, Stockfish durch menschliches Feintuning noch stärker machen.

Dass es statt eines fortgesetzten Kampfs der Systeme eine Vereinigung derselben geben würde, zeichnete sich erst in den Wochen danach ab. Trotzdem hätten Leute, die über den Schach-Tellerrand zum Shogi schauen, darauf kommen können. Schon seit 2018 experimentierten Shogi-Software-Entwickler erfolgreich mit dem NNUE-Ansatz, der 2020 seinen Weg zum Schach fand, zunächst als unabhängiges „Stockfish+NNUE“-Projekt, das die bisherige Bewertungsfunktion durch ein selbstlernendes Neuronales Netz ersetzte.

Ende Juli beschloss die Gemeinde der Stockfish-Entwickler, dieses Projekt in den regulären Stockfish zu integrieren. Es kombiniert das Beste aus beiden Welten: den auf Rechenkraft beruhenden Ansatz der traditionellen Engine mit den übermenschlichen Bewertungsfähigkeiten einer lernenden Maschine wie AlphaZero oder Leela.

Zum Beispiel in ChessBase ist Stockfish 12 schnell eingebunden. Mit Leela ist das nicht so einfach.

Hinsichtlich der Zahl der bewerteten Positionen pro Sekunde ist Stockfish 12 halb so schnell wie sein Vorgänger, aber immer noch einige hundert Male schneller als beispielsweise Leela Zero. Großer Vorteil für den Anwender: Stockfish 12 erfordert nicht wie Leela eine Top-Grafikkarte. Die Engine läuft wie ihre Vorgänger über die CPU, und sie lässt sich wie bisher einfach in gängige Software wie ChessBase oder Fritz einbinden.

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