Der übermenschliche Schacherklärer – jetzt auch auf Deutsch

Wer bei Carlsen gegen Caruana besser steht, sehen wir auf einen Blick: Der Engine-Balken neben dem Live-Brett zeigt es an. Aber warum steht Carlsen besser? Welche Faktoren und Konzepte sind im Spiel, was droht, und was ist zu tun, um die Drohung abzuwehren? Das verrät uns der Engine-Balken nicht – und oft nicht einmal der live kommentierende Großmeister. Der ist zu gefangen in der Meisterpartie, er sieht und erklärt so schnell so viel, dass der Otto-Normalschachspieler nicht folgen kann.

„Die Schachwelt ist süchtig nach Engines“, sagt Gideon Segev. „Und das meine ich gar nicht negativ“, ergänzt der Marketingchef von DecodeChess. Aber wo starke Spieler ihre Engine als Analysehelfer schätzen, bleibe der Varianten spuckende Rechenknecht für Amateure oft ein Mysterium. „Das führt zu Frustration statt Lernfortschritt.“

Und da setzt DecodeChess an: dem Menschen verständlich erklären, was die Maschine mit Milliarden von Rechenoperationen ausgetüftelt hat. Eine künstliche Intelligenz seziert die Engine-Varianten nach Drohungen, Schlüsselfiguren, Plänen und erklärt mit Pfeilen und schriftlichen Anmerkungen, was auf dem Brett vor sich geht. Seit neuestem auch auf Deutsch.

Wie das Tool aussieht und in der Praxis funktioniert, zeigt Großmeister Nikita Vitiugov. Auf Youtube untersucht er mit Hilfe von DecodeChess seine Schwarzpartie vom Grenkechess 2018 gegen Matthias Blübaum, die Vitiugov mit einer schönen Taktik beendete:

Die Partie kommt dir bekannt vor? Das liegt wahrscheinlich daran, dass wir sie seinerzeit auch analysiert haben. Und nun sieht unser alter Beitrag gegen die vereinte Schach- und Erklärpower von DecodeChess und Vitiugov noch älter aus.

Bald wird der neueste Stockfish integriert

Was Vitiugov mit seiner Partie macht, kann auf DecodeChess jeder Schachspieler mit seinen eigenen Partien machen: die Maschine damit füttern und sie erklären lassen, speziell natürlich jene Parts, in denen der reine Engine-Output Fragezeichen offen lässt. Segev hält diese Möglichkeit für die größte Stärke von DecodeChess. „Jeder Benutzer bekommt Schach anhand seiner Partien erklärt, eine Art individuelles Coaching.“

Die eigenen Partien lassen sich eingeben, per pgn in DecodeChess kopieren – oder sie lassen sich spielen. Unter der DecodeChess-Oberfläche steht eine Stockfish-Engine bereit, um sich mit dem Besucher zu messen. „Wir sind unmittelbar davor, die neueste NNUE-Version von Stockfish 12 zu implementieren. Mit dem nächsten Update wird sie Teil von DecodeChess sein“, sagt Segev.

Wir haben den integrierten Stockfish natürlich sofort ausprobiert, die DecodeChess-Engine auf maximale Spielstärke eingestellt, die schwarzen Steine gewählt, und dann ging es los:

(Klick auf einen Zug öffnet das Brett zum Nachspielen)

Weiß will 16.a6 spielen und die schwarze Königsstellung aufweichen, das versteht sogar ein Bodenseeliga-Spieler ohne Hilfe. Aber wie schlimm wäre 16.a6? Verhindern könnten wir es mit 16…a6, andererseits würde 16…a6 ein veritables Loch auf b6 zurücklassen.

Hin- und hergerissen haben wir DecodeChess um Hilfe gebeten, dafür ist es schließlich da:

Okay, das ist eindeutig. 16.a6 droht, und es muss verhindert werden.

15…a6 16.Qb3 g5 17.Sd6

Ups.

Jetzt hängen a6 und f7, und mit einem Mal ist die schwarze Stellung ziemlich im Eimer. Über den weiteren Verlauf dieser Partie decken wir den Mantel des Schweigens. Aber für die Leser gehen wir einen Zug zurück und schauen, was passiert wäre, hätten wir auch nach 16.Db3 das Richtige getan: DecodeChess um Hilfe bitten.

In der „Zusammenfassung“ sieht der Nutzer generelle Angaben zum besten Zug. Die lassen sich via „Aufgabe der Figuren“, „Drohungen“ etc. verfeinern.
Die Drohung benennt die Künstliche Intelligenz punktgenau, aber es fällt ihr noch schwer zu gewichten, was an Sd6 so schlimm wäre. „Bewacht c8“ zum Beispiel gehört, wenn überhaupt, ans Ende der Liste, nicht an den Anfang. Dass neben a6 auch f7 hängt, sollte weiter oben stehen.
Die „Pläne“: Manchmal würden weniger Pfeile zu mehr Erkenntnis führen. Klar ist: Schwarz will Gegenspiel am Königsflügel aufziehen und/oder das weiße Zentrum anknabbern.

Logisch. Sd6 drohte, dem galt es vorzubeugen, zum Beispiel mit der Prophylaxe …Thf8, die vorsorglich f7 deckt und zugleich darauf pocht, dass Schwarz per …f6 Gegenspiel am anderen Flügel aufziehen wird.

„Perfekt sind wir noch nicht“

Ganz so klar kann es DecodeChess nicht erklären. Dem Algorithmus fällt es schwer, die Vielzahl seiner Erkenntnisse und Ideen zu gewichten. Manchmal steht das Wichtigste (f7 hängt!) nicht oben, sondern mittendrin. Und wenn wir uns auf dem Brett die „Pläne“ zeigen lassen, würden oft weniger Pfeile zu mehr Erkenntnis führen.

„Perfekt sind wir noch nicht, unser Algorithmus kann noch nicht so erklären, wie es ein menschlicher Meister tun würde“, räumt Segev ein. „Aber wir arbeiten daran, auch im Dialog mit unseren mittlerweile mehr als 20.000 registrierten Nutzern.“ Deren steigende Zahl bestätigt Segev und seine drei Mitstreiter darin, „dass wir hier ein Produkt haben, das der Schachgemeinde fehlte“.

Ofer Shamai. | Fotos: DecodeChess

Die Anfänge dieses Produkts liegen etwa fünf Jahre zurück. Der Gründer Ofer Shamai, ein interdsiziplinärer Denker und Forscher, war in seiner Jugend ein starker Spieler. Wie fast jeden, den das Spiel in seinen Bann gezogen hat, hat es auch den Israeli nie losgelassen. Er benutzt es weiterhin als Probierstein fürs Gehirn, aber nicht so, wie Johann Wolfgang von Goethe das einst gemeint hat.

Mit seinem Hintergrund unter anderem in Computerwissenschaft, Philosophie und Mathematik war Shamai daran interessiert herauszufinden, inwieweit sich die Rechenoperationen und Ergebnisse eines Algorithmus in einer Form wiedergeben lassen, die menschlichem Denken angepasst ist, sodass sie sich leichter nachvollziehen lassen.

Als Schach-Enthusiast wählte er naturgemäß das Schachspiel als Gegenstand seiner Überlegungen und ersten Entwicklungen. „Das war 2015, der Anfang von DecodeChess“, sagt Segev.  Bald holte der Generalist Shamai zwei Spezialisten dazu, die Computer- und AI-Experten Ofer Faigon, den ersten Menschen, der die Python-Challenge geschafft hat, sowie Zeev Fine, den heutigen CEO von DecodeChess. Und dann folgten drei Jahre des Entwickelns im stillen Kämmerlein.

Mittelfristig Livestreams begleiten

2018 war DecodeChess weit genug, um es der Öffentlichkeit vorzustellen. Gideon Segev stieß zum Entwicklertrio und übernahm das Marketing. Zwei Jahre später kommen nun nach und nach neben Englisch und Hebräisch weitere Sprachen dazu, darunter das jetzt implementierte Deutsch. Aber obwohl DecodeChess immer internationaler wird und schon Erstaunliches zu leisten vermag, sehen es die Macher als „work in progress“.

Neben dem Wachstum seines Services sieht Segev mittelfristig die Perspektive, den Zuschauern von Live-Broadcasts mit DecodeChess das eine oder andere Licht aufgehen zu lassen. „Wir wollen erst noch ein wenig größer werden, dann kann ich mir durchaus eine Partnerschaft mit einem Broadcaster vorstellen, der unsere Erklärungen in seine Übertragungen einbaut“, sagt Segev.

Aber in erster Linie wird Decodechess ein Instrument bleiben, das seinen Nutzern hilft, Schach besser zu verstehen. „Im Prinzip sind Spieler unter 1800 die Zielgruppe, aber so klar lässt sich das nicht definieren.“ Unter den jetzigen Nutzern seien auch IM oder Coaches, die die maschinell gewonnenen Einsichten ins Training ihrer Schützlinge einbauen.

Nun soll sich in der deutschsprachigen Schachszene herumsprechen, was DecodeChess kann. Zum Ausprobieren bietet DecodeChess einen freien Account an. Den bekommt jeder, der sich per E-Mail registriert. Schon mit so einem Account sind zwei Dekodierungen einer Stellung pro Tag möglich.

Exklusiv für Leser dieser Seite gibt es noch mehr als das: Unter allen Abonnenten unseres Newsletters verlosen wir am 30. November drei DecodeChess-Mitgliedschaften im Wert von 15 Dollar, die jeweils 60 Dekodierungen enthalten. Die Gewinner werden im Lauf der kommenden Woche benachrichtigt.

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