Wie aus einer Berliner Kiosktruppe das Team Deutschland wurde

Begonnen haben sie als Kiosktruppe unter dem Namen „Berlin Bears“. „Bären“ heißen sie immer noch, aber aus der Berliner Mannschaft in der ProChess League ist Team Deutschland geworden, die „Germany Bears“, unsere Online-Nationalmannschaft. Und die wird angeführt von einem Ukrainer.

Aus der Vorsaison: Bo Wimmer (3.v.r.) mit seinen „Berlin Bears“. || Foto: Fernando Offermann

Mit Beginn der Serie 2020 hat chess.com seine Online-Profi-Liga umgekrempelt. Weiterhin spielen bei jedem Kampf vier gegen vier, jeder gegen jeden, Schnellschach, aber ansonsten hat sich einiges geändert:

1. Keine Ratingbegrenzung mehr

Früher durfte der Eloschnitt pro Team nicht über 2500 liegen, ab sofort dürfen immer alle Elobären spielen. Die St. Louis Archbishops zum Beispiel, das Real Madrid der PCL, können mit Caruana, So, Dominguez, Xiong und Liem Le antreten. Das wäre ein Eloschnitt von 2760.

2. Teams werden Länderauswahlen

Bislang repräsentierten die Teams Regionen, Städte oder Länder. Das hat sich nun geändert, es gibt (außerhalb der USA) nur noch Länderauswahlen. Die Berlin Bears wurden die Germany Bears, die London Lions die UK Lions und so weiter. Außerdem gibt es nur ein Team pro Land. Aus deutscher Sicht führte das zum Rückzug der Baden-Baden Snowballs. Nur die USA als Kernland von Ausrichter chess.com sind mit vier Teams vertreten.

3. Es gibt keine Relegation mehr, Absteigen unmöglich

Damit die Teams Sponsoren einen längeren Zeitraum als Sponsor eines PCL-Team anbieten können, wird kein Team mehr absteigen können, ähnlich wie in anderen amerikanischen Ligen wie der NBA. Die Germany Bears und alle anderen können jetzt einem potenziellen Sponsoren die Sicherheit bieten, auch im kommenden Jahr in der weltweiten Schachliga mitzuspielen.

Gastspieler erlaubt: Im richtigen Leben ist Daniel Fridman deutscher Nationalspieler, in der ProChess League spielt er für Israel.

Bo Wimmer, Manager der „Germany Bears“, zu den neuen Regeln und ihren Konsequenzen für sein Team:

„Für uns kam das als großer Schock. Lange wussten wir gar nicht, ob wir überhaupt einen Platz in der Central Division der PCL bekommen. Unsere exzellenten vierten Bretter Sarah Hoolt (jetzt Papp) und Filiz Osmanodja, die 2019 erheblichen Anteil daran hatten, dass wir nicht abgestiegen sind, wurden durch diese Regel vom Stammplatz auf die Bank verbannt. Das ganze geplante Team für die Saison 2020 musste auf den Prüfstand, um unser Ziel, die PlayOffs zu erreichen, realistisch zu halten.

Am Ende hatten wir mehr Glück, als erwartbar war. Als Erstes zogen die Baden-Baden Snowballs um GM Georg Meier ob der Änderungen zurück, und wir bekamen den deutschen Platz in der PCL. Außerdem konnten wir Georg für uns gewinnen. Auch wenn er während der regulären Saison nur einmal wird spielen können, ist er doch eine große Verstärkung für die Bären.

Beim Grenke Open einfach mal Korobov angesprochen

Dmitrij Kollars, ehemaliger Snowball, wurde sogar zum festen Bestandteil unseres Kaders. Wir sind froh, einen so jungen und starken Spieler bei uns zu haben. GM Gabor Papp (2582), Ehemann von Sarah, spielt zwar leider für Ungarn, aber GM Jacek Tomczak (2605), der Held der letzten Saison (er hat unter anderem MVL zwei Mal geschlagen!) ist auch wieder bei uns dabei, obwohl wir sicher waren, dass das polnische Team ihn sich sofort unter den Nagel reißen würde.

Für das Spitzenbrett haben wir GM Anton Korobov gewonnen. Mit einer Rapid-Elo von 2794 ist Anton sogar die aktuelle Nummer 5 der Schnellschachweltrangliste! Als potenzieller Kollege war Anton immer unser Favorit, Arik Braun kannte ihn ein wenig aus der kroatischen Liga, und so habe ich ihn beim Grenke Open 2019 einfach mal angesprochen. Alles weitere ging recht einfach, und jetzt spielt er für uns.

Anton Korobov spielt nicht nur für den SC Viernheim in der Schachbundesliga. Jetzt spielt er sogar für die deutsche Online-Nationalmannschaft. || Foto: Maria Emelianova/Isle of Man chess

Zu den Genannten kommen GM Arik Braun (2600), GM Leon Mons (2555), GM David Baramidze (2597), GM Marco Baldauf (2504) und GM Michael Bezold (2487) – eine starke Truppe, die auch gut im Ligavergleich mithalten kann.

Spanien geschlagen, Holland auch

Am ersten von 7 Spieltagen haben wir in der Aufstellung Korobov, Braun, Kollars und Mons unsere spanischen Gegner sogar fast unglaublich hoch mit 14:2 geschlagen. Weil Spanien am Spieltag nochmals die Aufstellung wechseln musste, bekamen sie 2 Strafpunkte und wir 2 Punkte Bonus, weswegen wir gleich zu Beginn mit 26 Punkten (14 Brettpunkte, 10 Punkte für den Sieg und 2 Bonus) die Tabelle anführten.

Dabei ist es geblieben. In der zweiten Runde haben wir in der Aufstellung Meier, Tomczak, Braun und Baramidze die Niederländer geschlagen. Wir liegen jetzt mit 47 Punkten vorne und haben gute Aussichten uns als eines der ersten vier Teams der Central Division für die Playoffs zu qualifizieren.

Deutschland vorne: Der Stand der Dinge nach zwei Runden in der ProChess League.

Die Termine unserer nächsten Spiele sind:

23.Jan., 19:15 CET vs Norway Gnomes

30.Jan., 18:30 CET vs Sweden Wasabis

06. Feb., 18:30 CET vs France Roosters

13. Feb., 18:30 CET vs Italy Gladiators

17. Feb., 18:30 CET vs Poland Hussars

Wer sich das Ganze mal live angucken möchte, ist herzlich eingeladen! Auf unserem Twitch-Kanal kommentiert unser Streambär IM Steve Berger jede Begegnung live.“

IM Steve Berger, Schachtrainer und -autor, ist in der neuen Saison bei jedem Kampf für die Bären im Einsatz – als Kommentator des Geschehens. Und wer weiß, vielleicht erklärt er nebenbei, wie es gelingen kann, Sizilianisch-Spieler zu frustrieren.

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