Wien will die Schach-WM: Kulturell ganz vorne, jetzt muss Geld in die Kasse

Norwegen will die Schach-WM 2020, die USA auch und Monaco ebenfalls. Das wurde jetzt am Rande eines Besuchs einer FIDE-/Agon-Delegation in Wien bekannt. FIDE-Schatzmeister Adrian Siegel und Agon-Chef Ilya Merenzon hatten die österreichische Hauptstadt besucht, um sie als potenziellen Schauplatz der WM 2020 zu inspizieren.

“Die Chancen steigen, die WM nach Österreich zu holen”, meldete der österreichische Verband anlässlich des hochrangigen Schachbesuchs. Die starke Konkurrenz suggeriert allerdings das Gegenteil. Außerdem ist offen, ob die beiden Wien-Reisenden Siegel und Merenzon mit der Vergabe der WM 2020 etwas zu tun haben werden.

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Ilya Merenzon.

Siegels Zukunft als Schachfunktionär hängt am Schicksal des Präsidentschaftskandidaten Georgios Makropoulos. Fällt der Grieche bei der FIDE-Wahl Ende September durch, ist auch der Schweizer raus. Und nach der Wahl wird sich bei der FIDE die Debatte zuspitzen, ob der latent unter den Erwartungen bleibende Schachpromoter Agon der richtige Partner ist.

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Nach dem WM-Match Carlsen-Caruana im November wird entweder ein Norweger oder ein US-Amerikaner Weltmeister sein. So oder so, eine Bewerbung des Heimtatlandes des Weltmeisters wird ein Pfund sein, zumal bei beiden erhebliche Finanzkraft dahinterstecken wird. Carlsen hat sich in den Jahren seiner Regentschaft ein von skandinavischen Sponsoren flankiertes Schach-Imperium gebaut, und hinter Caruana steht der Milliardär Rex Sinquefield, der davon träumt, seinem Vorzeigeschachspieler ein Heimspiel zu organisieren.

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Christian Hursky.

Nicht, dass Wien keine Argumente hätte, aber die sind eher (schach)kultureller Natur. Zuerst wäre die reiche Schachtradition der österreichischen Hauptstadt zu nennen. Weil das 100-jährige Bestehen des österreichischen Schachbunds im Jahr 2020 ein fantastischer Anlass wäre, die größtmögliche Schachveranstaltung nach Wien zu holen, war ÖSB-Präsident Christian Hursky im März zum Kandidatenturnier nach Berlin gereist, um diese Möglichkeit mit Agon-Chef Ilya Merenzon auszuloten.

Was Hursky zu sagen hatte, muss so überzeugend gewesen sein, dass jetzt eine mehrköpfige Schach-Delegation nach Wien kam, um sich den potenziellen Schauplatz der nächsten WM näher anzuschauen. Vor Ort überzeugten sich Merenzon, Siegel und Agon-Marketingchefin Nadia Panteleeva von der Vielzahl mehr als vorzeigbarer möglicher Austragungsorte in der Donaustadt. Nichts gegen St. Louis, nichts gegen Oslo, aber in Sachen spektakulärer Bausubstanz können diese beiden nicht mit Wien konkurrieren. Als vorläufiger Favorit der Schach-Inspekteure kristallisierte sich das Museumsquartier heraus.

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Sowas gibt es in Oslo und St. Louis nicht: das Wiener Museumsquartier. (Foto: Herta Hurnaus)

Neben dem allgemeinen Schach-Aufschwung in Österreich (unlängst hat gar der Bundespräsident die Schach-Nationalmannschaft zur Olympiade verabschiedet) haben Hursky und seine Mitstreiter noch ein Argument auf ihrer Seite: Ihre Bewerbung ist jetzt schon fortgeschritten und konkret, während auf Seiten der Konkurrenz eher Absichtserklärungen stehen.

Nun muss nur noch, und das wird am Ende den klammen, bei der FIDE verschuldeten Schach-Promoter Agon mehr als alles andere interessieren, die Kasse stimmen. “Schach als Investition in die Zukunft” erwartet Merenzon von der Ausrichterstadt und schwadronierte einmal mehr von den zu erwartenden “Milliarden Zuschauern” (die mehrheitlich wahrscheinlich auf dem Planeten Merenzon leben).

Hursky jedenfalls hat die Botschaft vernommen. Ganz oben auf der Agenda der WM-2020-Planer steht jetzt Sponsorensuche.

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[…] ist, dass die Österreicher erstmals alle vier Bretter mit Großmeistern besetzen können. Wien buhlt um die WM 2020, der Bundespräsident hat die Mannschaft nach Batumi verabschiedet – im Alpenland bewegt sich […]

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[…] dass Fabiano Caruana den Aufstieg von neuem angeht und sich womöglich schon 2020, sei es in Wien, Oslo oder Saint Louis, zu einem weiteren WM-Match […]

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[…] Aufwind. Angeführt vom Österreichs Oberschächer Christian Hursky, versucht der ÖSB mit Macht, das WM-Match 2020 nach Wien zu holen. Und wenn die österreichische Nationalmannschaft, angeführt vom 2.700er Markus Ragger, zur […]

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[…] Anlass wäre, die größte Schachveranstaltung der Welt nach Wien zu holen, wollte sich Hursky frühzeitig einen Vorsprung vor potenziellen Konkurrenten erarbeiten. Anfangs lief das gut, dann kann ihm die internationale […]

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[…] be a great occasion to bring the world’s biggest chess event to Vienna, Hursky wanted to gain an edge over potential competitors at an early stage. At first his undertaking went well, then […]

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[…] an, anfangs sah es aus, als habe der ÖSB sogar gute Chancen, das WM-Match 2020 nach Wien zu holen. Und während der Präsident immer wieder seinen leistungssportlichen Fokus betonte, lief es auf […]

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[…] Mitte 2018 laufen seitens der FIDE die Ausschreibungen für den WM-Zyklus, der im WM-Match 2020 gipfeln sollte (das inzwischen in den Dezember 2021 verschoben ist, siehe dieser Bericht). Unter anderem Wien ist anlässlich des 100-jährigen Bestehens des österreichischen Verbands als Ausrichter des WM-Matches 2020 im Rennen. […]