WM-Kandidaten ohne Visum

Einen Monat vor dem geplanten Beginn der Kandidatenturniere in Toronto hat der Schachweltverband FIDE auf X/Twitter an die kanadische Regierung appelliert, Spielerinnen und Spielern schleunigst Visa auszustellen. „Wenn sich nicht binnen einer Woche etwas bewegt, wird das Turnier in Kanada abgesagt“, erklärte Vladimir Drkulec, Präsident des kanadischen Schachverbands, auf Anfrage des Toronto Star.

In diesem Fall würde die FIDE das Kandidatenturnier kurzfristig an einen anderen Ort verlegen. Eine generelle Absage sei keine Option, teilt FIDE-Geschäftsführer Emil Sutovsky mit. Nach Angaben Drkulecs ist schon vorbereitet, das Kandidatenturnier kurzfristig nach Spanien zu verlegen.

Nach Angaben von Sutovsky sind Spielerinnen und Spieler aus vier Nationen betroffen. Tatsächlich geht das Problem darüber hinaus. Laut Drkulec, seit 2013 kanadischer Schachpräsident, haben Betreuer und Trainer dasselbe Problem, insgesamt 40 Menschen, denen ein Visum fehlt, um in Kanada einzureisen. Zum jetzigen Zeitpunkt seien erst zwei Visa ausgestellt.

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„Wir … bitten die kanadische Regierung um Unterstützung bei der dringenden Bewältigung dieser Angelegenheit. Die sichere und rechtzeitige Ankunft der Spieler ist von entscheidender Bedeutung für den Erfolg und die Integrität des FIDE-Kandidatenturniers und für die Werbung Kanadas als Gastgeber des wichtigsten Schachturniers des Jahres, das von Millionen Zuschauern weltweit verfolgt wird“, appellierte die FIDE jetzt, wahrscheinlich ein letzter Versuch in aller Öffentlichkeit, das Thema kurzfristig doch noch vom Tisch zu bekommen.

Sutovsky ist sich bewusst, wie verzweifelt ein Appell an die Regierung in den sozialen Medien aussieht. „Aber wie es aussieht, ist nicht wichtig, es geht darum, das Problem zu lösen“, verbreitete er auf X. Bis jetzt laufe der Prozess „schmerzhaft langsam“.

Spielerinnen und Spieler stehen fest. Ob es bei Toronto bleibt, wird sich in den kommenden Tagen zeigen.

Für die FIDE wäre es von Bedeutung, ihr größtes, wichtigstes Turnier nach dem WM-Match in einem westlichen Land mit westlichen Sponsoren zu organisieren. Die mit 750.000 Euro dotierten Wettbewerbe (500.000 für das offene Kandidatenturnier, 250.000 für die Frauen) werden maßgeblich von der mit Toronto verbundenen Scheinberg-Familie gesponsert. Scheinbergs, unter anderem Gründer von Pokerstars, haben nach Angaben der FIDE zugesagt, bis 2026 jährlich eine große FIDE-Veranstaltung zu unterstützen.

Generell gilt die kanadische Visumvergabe als mitunter langwierige Angelegenheit. Darum waren alle Beteiligten angehalten, möglichst frühzeitig ihre Visa zu beantragen. Aber beantragen konnte nur, wer qualifiziert war. Erst seit Ende Dezember mit der umstrittenen Qualifikation Alireza Firouzjas per Rating sowie der Qualifikation Gukeshs per FIDE-Turnierwertung steht die Besetzung der Kandidatenturniere fest – offiziell. Tatsächlich stand Anfang Januar im Umfeld des kurzfristig ausgeschiedenen Wesley So eine zeitlang im Raum, Firouzjas Qualifikation rechtlich anzufechten.

Kanadische Visa-Probleme sind im Schach kein neues Phänomen. Schon im August 2022 bekamen Teimour Radjabov, Nihal Sarin und Dmitry Andreikin nicht rechtzeitig ihr Visum, um in Toronto am Finale der „Global Championship“ teilzunehmen. Sie schalteten sich hybrid aus Belgrad dazu.

Die Beziehungen zwischen Kanada und Indien sind unverändert stark belastet.

Zur generellen Langsamkeit gesellt sich 2024 eine politische Komponente, die mit den fünf indischen und drei russischen Staatsbürger:innen in den Wettbewerben zusammenhängt. Die Beziehungen Kanadas zu Russland und Indien sind angespannt, die zu Indien auf einem historischen Tiefpunkt.

Im Juni 2023 ist der für einen unabhängigen Sikh-Staat eintretende Kanadier Hardeep Sing Nijar, ein „Terrorist“ nach indischer Lesart, in Kanada Opfer eines Mordanschlags geworden. Im September erklärte Kanadas Regierungschef Justin Trudeau, seine Behörden gingen substanziellen Hinweisen nach, Agenten der indischen Regierung des nationalistisch-religiösen Premiers Narendra Modi seien für den Mord verantwortlich. Während des folgenden, bis jetzt nicht ausgeräumten Eklats stoppte Indien zeitweise die Visumvergabe an Kanadier.

Die Teilnahme russischer Athletinnen und Athleten ist ein nicht erst seit dem Überfall auf die Ukraine im Februar 2022 ein immer wieder diskutiertes Thema. Quer durch die Sportarten zeigen zahlreiche Beispiele, dass die Teilnahme der russischen Propaganda dient, daheim Normalität zu demonstrieren und Erfolge für sich zu vereinnahmen. Am Kandidatinnenturnier nehmen mit Aleksandra Goryachkina und Kateryna Lagno zwei Spielerinnen teil, die wiederholt in Karjakins Z-Propagandaturnieren in Moskau gespielt haben, zuletzt im Dezember. Vizeweltmeister und WM-Kandidat Ian Nepomniachtchi hat sich daran nicht beteiligt.

Ian Nepomniachtchi unternimmt beim Kandidatenturnier 2024 einen neuerlichen Anlauf in Sachen Schach-Weltmeisterschaft. Zum Nepo-Interview in der SZ (für Abonnenten) vor dem WM-Kampf 2023 gegen Ding Liren.

Eine Reihe von Unterstützern des russischen Schachs und seines kremlnahem Verbands sind von Kanada mit Sanktionen belegt. Auf der neuesten kanadischen Sanktionsliste von Februar 2024 steht neben neun anderen Geschäftsleuten und 153 Unternehmen/Institutionen mit Andrey Filatov der Präsident des russischen Schachverbands. Arkady Dvorkovich, FIDE-Präsident, ist bislang ausschließlich von ukrainischen Sanktionen betroffen, unter anderem wegen seiner öffentlichen Unterstützung für die Annexion der Krim 2014.

Ein kurzer Dienstweg zu obersten kanadischen Stellen steht Dvorkovich nicht offen. Aber er wird schon längst an anderer Stelle vorgefühlt haben, wohin sich die Kandidatenturniere kurzfristig verschieben lassen könnten. Wenn sich ein spontanes Kandidatenturnier in Spanien nicht machen lässt, könnte er zum Beispiel in Kasachstan bei Timur Turlov anrufen, Chef von FIDE-Sponsor „Freedom“, oder bei Schachfreund Stalin in Chennai, wo Praggnanandhaa, Vaishali und Gukesh ein Kandidat:innen-Heimspiel hätten (und ihre Fans froh wären, wegen der Zeitverschiebung nicht um 2 Uhr morgens Schach gucken zu müssen).

Unabhängig vom Ausgang des Visa-Problems soll das Kandidatenturnier laut Sutovsky auf jeden Fall am 3. April mit den eingeplanten Spielerinnen und Spielern beginnen. Keinesfalls werde jemand kurzfristig ersetzt, teilte Sutovsky auf Twitter mit. Vor zwei Jahren beim Grand Prix war genau das passiert, als Ding Liren visumbedingt nicht aus China ausreisen konnte.

Sutovsky: „Wir haben ein starkes Team und genügend Ressourcen, um den Wettbewerb an einem anderen Ort zum gleichen Termin sicherzustellen. Aber wir konzentrieren uns jetzt auf Kanada. Es wurden große Anstrengungen unternommen, um Toronto zu einem außergewöhnlichen Ereignis zu machen.“

Seit Anfang Februar verkauft die FIDE Tickets fürs Kandidatenturnier in der „Great Hall“ in Toronto, das günstigste Tagesticket für 64 Dollar. Wer als VIP alle Runden erleben möchte, bezahlt 2400. Der Ticketverkauf läuft vorerst weiter.

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[…] Veröffentlichung dieses Beitrags hat die FIDE dazu noch nichts verlauten lassen. Sie ist gerade mit einem anderen Thema […]

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[…] WM-Kandidaten ohne VisumAls kurzfristig das Kandidatenturnier wackelte. […]

Thomas Richter
Thomas Richter
4 Monate zuvor

Warum erwähnt Conrad Schormann Kasachstan oder Chennai, wenn im verlinkten Toronto Star Artikel am Ende steht “plans are already being put into place to move the tournament to Spain if the visas don’t come through”?

Hat er die von ihm selbst genannte Quelle nicht komplett gelesen? Will er unbedingt spekulieren und Gerüchte verbreiten?

Kommentierender
Kommentierender
4 Monate zuvor

Man könnte meinen, die kanadische Regierung forciere die Verlegung der Veranstaltung gerade wegen der Inder und Russen, um diese nicht im Land zu haben. Wie wäre es denn alternativ mit Weissenhaus an der Ostsee? Ein paar Millionen dafür müssten beim Sponsor doch noch übrig sein?!