WM-Kandidaten 2024: Dommaraju Gukesh und Alireza Firouzja (?)

Alireza Firouzja hat sich nach Rating für das Kandidatenturnier 2024 qualifiziert – höchstwahrscheinlich. Diese Einschränkung ist unumgänglich nach einem von Merkwürdigkeiten und Reglement-Willkür geprägten Endspurt speziell um den Rating-Spot. Nach jetzigem Stand liegt Firouzja nach Elo vor Wesley So. Sollte sich dieser Stand auch in der FIDE-Eloliste vom Januar 2024 spiegeln, ist Firouzja WM-Kandidat. Als achter WM-Kandidat steht per „FIDE Circuit“ Gukesh fest. Anish Giri ist es weder bei der Rapid- noch der Blitz-WM gelungen, den Inder zu überholen.

Alireza Firouzja und Gukesh, hier beim Norway Chess 2023, stehen höchstwahrscheinlich als WM-Kandidaten 2024 fest. | Foto: Maria Emelianova/chess.com

Noch vor zwei Wochen sah es aus, als würde sich der US-Großmeister Wesley So fürs Kandidatenturnier qualifizieren. Während Leinier Dominguez‘ Versuch, ihn beim Open in Sitges zu überholen, scheiterte, spielte der nach Elo zuletzt zurückgefallene Firouzja eine kurzfristig angesetzte Serie von Mini-Matches gegen ausgesuchte Großmeister.

Nach fünf Punkten aus fünf Partien seiner Mini-Matches hatte Firouzja Wesley So in der Live-Liste überholt. Wie Leinier Dominguez das Open in Sitges abgebrochen hat, hätte Firouzja das dritte Zwei-Partien-Match in Chartres abbrechen können. Stattdessen trat er zur Weißpartie gegen Sergey Fedorchuk an – und balancierte im Endspiel am Rande des Verlusts. Fedorchuk tat ihm den Gefallen, wenigstens das Remisangebot anzunehmen.

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5,5:0,5 stand es nach sechs Partien, und Firouzja hatte zwar 5,6 Elo gewonnen, lag aber 1,3 Punkte hinter Wesley So. Würde er noch zwei Partien gewinnen, wäre er wieder vorne. Mit Spannung erwartete die internationale Schachszene den 23. Dezember, an dem ein viertes Mini-Match angesetzt war, offiziell von Sergey Fedorchuk gegen Yuliaa Osmak. Würde Osmak kurzfristig erkranken und Firouzja einspringen?

Firouzja beließ es beim 5,5:0,5. Zu diesem Zeitpunkt war schon abzusehen, dass die FIDE unter dem Druck der Wesley-So-Lobby nach einer formalen Rechtfertigung suchte, um Firouzjas Matches in Chartres nicht zu werten.

Firouzjas spontane Mini-Matches in Chartres gegen ausgesuchte Gegner, unter anderem Großmeister Alexandre Dgebuadze.

Abseits der Wahrnehmung außerhalb Frankreichs, dass Matches gegen ausgesuchte Gegner nicht sportlich sind, hat der Weltverband jetzt offenbar den formalen Haken daran gefunden. Die Matches waren vorab als Schweizer-System-Turniere bei der FIDE gemeldet worden. Erst später wurden Matches daraus. FIDE-Präsident Arkady Dvorkovich hat jetzt am Rand der Rapid- und Blitz-WM gesagt, die Veranstalter hätten damit den Wettbewerbsgedanken „verspottet“.

Chartres sei “total mockery” gewesen, so FIDE-Präsident Arkady Dvorkovich.

Eine Woche vor der Abrechnung am Jahresende blieb Firouzja noch eine Chance, Ratingpunkte zu sammeln: ein Open zwischen den Jahren zu spielen. Dass er das tun würde, deutete sich an, als die FIDE meldete, Firouzja habe die Rapid- und Blitz-WM abgesagt. Aus „persönlichen Gründen“ verzichte er darauf, als Mitfavorit in beiden Turnieren um einen Teil des siebenstelligen Preisfonds zu kämpfen.

Der tatsächliche Grund war, dass Firouzja sich kurzfristig für das Open in Rouen angemeldet hatte (erster Preis: 700 Euro). Aber würde das Feld dort stark genug sein, um so viele Elopunkte zu sammeln, dass es reicht, selbst wenn die FIDE die Chartres-Matches nicht auswertet? Erstaunlicherweise und unter ungeklärten Umständen tauchten in der Rouen-Meldeliste kurzfristig zwei weitere Großmeister auf: Gata Kamsky (Elo 2634) und Li Min Peng (2562). Damit war klar, Firouzja würde elostarke Gegner bekommen. Nun musste er sie nur noch besiegen.

Das tat er. Alireza Firouzja gewann das Open in Rouen mit sieben Punkten aus sieben Partien. In der Live-Liste liegt er jetzt sieben Punkte vor Wesley So. Dieses Polster reicht, um vorne zu bleiben, selbst ihm die FIDE die 5,6 in Chartres gewonnenen Punkte wegnimmt.

Live-Weltrangliste: Selbst wenn ihm die FIDE die 5,6 Chartres-Punkte abzieht, bleibt Alireza Firouzja vor Wesley So.
Firouzja in Rouen I: Zum Auftakt ein Sieg gegen einen Amateur mit 1686 Elo.

Nach seinem Auftaktsieg gegen einen 72-Jährigen mit 1686 Elo waren die Gegner sukzessive stärker geworden – bis Firouzja in der sechsten von sieben Runden der stärkste gegenübersaß: der einstige WM-Herausforderer Gata Kamsky. Auch den schlug er komfortabel und war damit in der Eloliste weit genug vorne. Anstatt zurückzuziehen, riskierte Firouzja seine Qualifikation in der siebten Runde gegen den 71-jährigen IM Kamran Shirazi, wie Firouzja im Iran geboren und nach Frankreich übergesiedelt. Firouzja besiegte auch diese Legende.

Firouzja in Rouen II: Sechstrundensieg über Gata Kamsky.

Ist er jetzt durch? Auch weil die FIDE am 25. Dezember plötzlich eine auf Firouzjas Endspurt abzielende 30-Tage-Regel für die Anmeldung von Turnieren aus dem Hut gezaubert hat, bleibt das Fragezeichen. Sollte jetzt jemand nach einem formalen Haken in Rouen suchen, um das Turnier ebenfalls nicht zu werten und Firouzjas Teilnahme am Kandidatenturnier zu verhindern, dürfte das schwierig werden. Das Open ist seit November eingetragen, formal sieht es korrekt aus. Kamsky und Peng wird kaum nachzuweisen sein, dass ihre Spontan-Teilnahme aufgrund eines Firouzja-Kandidaten-Arrangements zustande gekommen ist (wenn es denn so war).

Eine theoretische Möglichkeit wäre noch, dass der auf X/Twitter plötzlich wieder verstummte Wesley So in den vergangenen unter Ausschluss der Öffentlichkeit ein Match gespielt hat und dieses nun zur Auswertung für die Januar-Liste einreicht. Als sicher darf nur gelten, dass der nächste WM-Kandidatenzyklus unter einem anderen Reglement gespielt wird als dieser. Der Grundgedanke, das Rennen bis zum Ende spannend zu halten, war gut, aber niemandem kann daran gelegen sein, dass sich das Durcheinander der vergangenen Wochen im nächsten Zyklus wiederholt.

Nicht viel zu lachen für Anish Giri und Wesley So. Beide waren knapp dran, haben aber die Qualifikation fürs Kandidatenturnier 2024 verpasst. | Foto: Lennart Ootes/WR Chess

Firouzjas Aussage von vor einigen Wochen, das Kandidatenturnier zu spielen, sei ihm nicht übermäßig wichtig, hat er selbst widerlegt. 12,5 Punkte aus 13 auf den letzten Drücker gespielten Partien sagen das Gegenteil. Im April bekommt er nun zum zweiten Mal die Chance, WM-Herausforderer zu werden und jüngster Schachweltmeister jemals.

Die voraussichtliche Besetzung des Kandidatenturniers 2024:

  • Ian Nepomniachtchi (Russland), WM-Herausforderer 2023
  • Praggnanandhaa (Indien), World-Cup-Finalist
  • Fabiano Caruana (USA), World-Cup-Dritter
  • Nijat Abasov (Aserbaidschan), World-Cup-Vierter
  • Vidit Gujrathi (Indien), Sieger Grand Swiss
  • Hikaru Nakamura (USA), Zweiter Grand Swiss
  • Gukesh (Indien), FIDE-Circuit
  • Alireza Firouzja (Frankreich), Rating
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[…] so viel Spinat kann das neue Schachjahr kommen – wir sind gerüstet, auch wenn es für das Kandidatenturnier so kurzfristig wohl nicht mehr reichen wird. Habt einen guten […]

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[…] für Holger trotz des Verdener Erfolges indes schon zu spät. Die Listen sind geschlossen, und die Perlen vom Bodensee haben die acht Teilnehmer bereits festgelegt. Möglicherweise verfrüht  – […]

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[…] zu beantragen. Aber beantragen konnte nur, wer qualifiziert war. Erst seit Ende Dezember mit der umstrittenen Qualifikation Alireza Firouzjas per Rating sowie der Qualifikation Gukeshs per FIDE-Turnierwertung steht die […]

Thomas Richter
Thomas Richter
2 Monate zuvor

Gibt es irgendwelche Anzeichen für “Druck der Wesley So Lobby”? Sowie, dass diese mächtiger ist als die durchaus auch (und nicht nur in Frankreich) vorhandene Firouzja-Lobby? Die kurzfristige Teilnahme der beiden anderen GMs in Rouen kann kein Grund. Auf allen Niveaus kommt es ja vor, dass man sagt “ich spiele ein Turnier, hast Du auch Lust darauf?” – und Kamsky ist Firouzjas französischer Vereinskollege bei Chartres Echecs. Was die USA davon halten, dass ausgerechnet er Wesley So im Kandidatenturnier verhindert hat, ist ein anderes Thema. Denkbar wäre: wer sich für ein offizielles FIDE-Turnier anmeldet und ohne triftigen Grund kurzfristig absagt,… Weiterlesen »