Tata Steel Chess: Anish Giri gewinnt das “Masters”, Alexander Donchenko das “Challengers”

Tata Steel Chess, die Langstrecke zu Beginn eines jeden Schachjahres: Auch bei der 85. Auflage des Traditionsturniers im Küstenort Wijk an Zee ab dem 14. Januar 2023 spielt ein erlesenes Feld von 14 Teilnehmern 13 Runden. Mittendrin: Vincent Keymer, der im Wettbewerb mit den Besten der Welt eine Standortbestimmung zu absolvieren hat. Im parallelen, ebenfalls veritabel besetzten “Challengers”, dem B-Turnier, ist mit Alexander Donchenko ebenfalls ein deutscher Kaderspieler mit von der Partie. Rundenbeginn täglich 14 Uhr.

“Giri mit Sieg auf Bestellung”:
Bericht zur 13. Runde

Alexander Donchenkos Zwölftrundensieg, mit dem er sich eine Runde vor Schluss den Turniersieg und die Einladung zum Masters 2024 sicherte.
Endstände via Tata Steel Chess

|| Runde 13, 29. Januar

Giri auf der Zielgeraden

■ Mit einem Sieg über Richard Rapport hatte Anish Giri die Voraussetzung geschaffen, am Ende doch noch oben zu stehen. Dann half ihm sein Landsmann Jorden van Foreest, indem er Nodirbek Abdusattorov niederrang und dessen Start-Ziel-Sieg verhinderte. Anish Giri gewinnt das “Masters” mit 8,5 Punkten aus 12 Partien.

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Keymer okay

■ Mit einem Remis, dem siebten in Folge, beendet Vincent Keymer sein erstes Superturnier, in dem die Frage zu beantworten war, ob der 18-Jährige schon auf Augenhöhe mit den Allerbesten spielt. Die Antwort: ein klares Ja. Nominell ist das Ergebnis von 5/13 unter Erwartung, es kostet 6,4 Elopunkte, aber das einzige Problem, das sich offenbarte, hat nur indirekt mit schachlicher Klasse zu tun: die Chancenverwertung. Dass auch gegen diese erlesene Gegnerschaft viel mehr drin war, zeigt, dass sich Vincent und die wachsende Schar der Fans auf viel mehr freuen können. Bald. Vielleicht schon in Düsseldorf ab dem 15. Februar?

|| Runde 12, 28. Januar

Donchenko gewinnt das Turnier: Masters 2024!

■ Der erste Teilnehmer des Tata Steel Chess Masters 2024 steht fest: Alexander Donchenko hat sich mit einem Sieg im Challengers-Turnier qualifiziert. Nach dem dritten Partiegewinn in Folge (Schwarzbilanz: 5,5/6!) gelang es seinen Verfolgern nicht, die von Donchenko vorgelegte Schlagzahl mitzugehen. Würde Donchenko morgen verlieren, könnte Mustafa Yilmaz zwar gleichziehen, aber der Sieg im direkten Vergleich (und was für einer!, siehe Video) würde Donchenko trotzdem zum Turniersieger machen.

Noch einmal, weil es so schön war: Alexander Donchenko schraubt den türkischen Großmeister Mustafa Yilmaz instruktiv auseinander – die turnierentscheidende Partie, wie sich am heutigen Samstag zeigte.

Anders als sein nimmermüder Landsmann Vincent Keymer (der im “Masters” Fabiano Caruana mit Schwarz einen halben Punkt abknöpfte) fühlte sich Donchenko nach der 12. Partie ganz schön platt, zu platt, um sich über den Partiegewinn zu freuen. “Es wird irgendwann einsickern, aber jetzt bin ich zu erschöpft”, sagte Donchenko. “Ausruhen, viel Tee trinken” war sein Plan für den Abend, sagte er im Gespräch mit Fiona Steil-Antoni. Da dachte er noch, er brauche morgen gegen Velimir Ivic Zählbares und müsse dafür die letzten Reserven aktivieren. Jetzt ist die 13. Partie nichts als ein Bonus zum Genießen. Glückwunsch, Alexander!

Alexander Donchenko nach der 12. Runde.

Donchenko siegt weiter

Das von Donchenko gespielte 18…Lxc1-+ ist gut genug. Trotzdem interessant, dass 18…Lxf2+! noch besser gewesen wäre.

■ Einen Punkt braucht IM Thomas Beerdsen noch für seinen dritte und letzte GM-Norm. Er wird diesen Punkt am Sonntag in der 13. Runde des Challengers machen müssen. In der 12. unterlag er mit Weiß Alexander Donchenko – in 22 Zügen! Theoretisch kann Donchenko nach dieser Caro-Kann-Demonstration das Turnier heute schon vorzeitig gewinnen. Das hängt jetzt vom Ausgang der Partien seiner Verfolger Mustafa Yilmaz und Javokhir Sindarov ab. Eine Etage höher im Masters sieht es derweil aus, als steuere Vincent Keymer mit Schwarz gegen Fabiano Caruana einem weiteren Marathon entgegen. Bauer mehr, aber Läuferpaar und schöne Kompensation gegen den US-Amerikaner, der Keymer ordentlich unter Druck setzt. An der Tabellenspitze hat auch im Masters Nodirbek Abdusattorov die theoretische Chance, das Turnier vorzeitig zu gewinnen.

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Marathonmann

■ “Weitermachen, auf die nächste Partie vorbereiten.” Vincent Keymers Rezept nach all den verpassten Chancen klingt verdächtig einfach. Andererseits: “Was sollte ich sonst tun?” Dass ihm zum Ende des Wettbewerbs, in dem wahrscheinlich er derjenige war, der die meisten Stunden am Brett verbracht hat, die Energie ausgeht, glaubt Keymer nicht. Die Ruhetage gegen Ende des Turniers seien so gut platziert, das mache es möglich, jede Partie von neuem mit voller Kraft zu spielen.

|| Runde 11, 27. Januar

Vor 50 Jahren

■ Erstmal eine anstecken, dann die analoge Uhr in Gang setzen. Sponsorenlogos? Sowas brauchen wir nicht, stattdessen einen üppigen gläsernen Aschenbecher. Und was sind das, bitteschön, für Partieformulare? Die schlanken Blöcke sehen aus, als würden sie aus der Kneipe stammen, aus denen sich die Turnierveranstalter auch die Aschenbecher geborgt haben. Der Schachhistoriker Douglas Griffin hat jetzt dieses Foto hervorgekramt, dem wir entnehmen können, wie es vor 50 Jahren beim “Hoogovens”-Turnier in Wijk an Zee aussah, als Mikhail Tal und Jan Hein Donner Englisch spielten.

Mikhail Tal vs. Jan Hein Donner, und bei 3.Sc3 war beiderseits schon die erste Kippe durch. | Foto: B. Verhoeff/ANEFO, via http://nationaalarchief.nl.

Die Shark-Wertung

■ Warum auf die reguläre Tabelle gucken, wenn wir auch die “Shark”-Tabelle anschauen können? Diese vom französischen Performance-Coach Benjamin Portheault erdachte Wertung offenbart, wer die meisten Punkte liegengelassen und wer die meisten gerettet hat. Und siehe da, nach liegengelassenen Punkten liegt Vincent Keymer jetzt schon vorne. Der Gang der elften Partie gegen Richard Rapport lässt es gar wahrscheinlich erscheinen, dass sich der Deutsche nun mit einem weiteren liegengelassenen halben Punkt weiter vom Feld absetzt.

4,5 Punkte liegengelassen, mehr als alle anderen.

|| Ruhetag, 26. Januar

Alexander Donchenkos sizilianischer Schwarzsieg über Max Warmerdam, mit dem er die Tabellenführung zurückeroberte.

Endspiele

■ Wer den Schaden hat…

|| Runde 10, 25. Januar

Einsam im 2800-Club

■ Nach der Niederlage von Ding Liren gegen Anish Giri in der neunten Runde hat sich die Zahl der Mitglieder des 2800-Clubs halbiert: von 2 auf 1. Und das bleibt erstmal so. Das heutige, schnelle Remis gegen Nodirbek Abdusattorov hat den Chinesen weitere Elo gekostet. Magnus Carlsen ist derweil wieder näher an den 2800 als an den 2900, die zu erreichen er als Ziel ausgegeben hatte (mittlerweile hat er davon Abstand genommen).

via 2700chess

Abdusattorov oder Giri?

Nodirbek Abdusattorov wäre nicht mehr der Favorit auf den Turniersieg, hätte er gestern gegen Vincent Keymer verloren. Aber der Usbeke rettete sich, und so bleibt er in der Turniertabelle wie in der Gewinnwahrscheinlichkeit-Tabelle knapp vor Anish Giri. Nach jeder Runde präsentiert die Seite Pawnalyze die Gewinnwahrscheinlichkeiten. Abdusattorov steht jetzt bei knapp 41 Prozent. Derweil sind 4 Runden vor Schluss von den 14 Großmeistern schon 5 aus dem Kampf um den Turniersieg ausgeschieden. 9 haben noch Chancen, wenngleich im Fall von Praggnanandhaa (0,2%) und Ding Liren (0,1%) eher theoretische.

via Pawnalyze

Schlips und Kragen

Jorden van Foreest kann jetzt Krawatten binden. | Foto: Jurriaan Hoefsmit/Tata Steel Chess

■ “Mein Zweitjob in der Bank.” So erklärte Jorden van Foreest grinsend seine schnieke Schlips-und-Kragen-Optik anlässlich seiner Schwarzpartie gegen Levon Aronian, die der Lokalmatador bequem remisierte. Freilich ist Jorden van Foreest (anders als sein großmeisterlicher Bruder Lucas) Schachprofi, von dem nicht bekannt ist, dass er sich hinter dem Schalter eines Kreditinstituts etwas hinzuverdient. Und schließlich rückte er mit der Wahrheit heraus: Er sei einkaufen gewesen, und ihm seien diese schicken Binder aufgefallen. “Ich wollte immer schon Krawatte tragen.” Nun nahm er den Elite-Schachwettbewerb zum Anlass, damit anzufangen und das gediegene Aussehen mit einer Brille zu ergänzen. “Ich dachte, dass passt gut zueinander.” Allerdings kostete van Foreest das Binden seiner Krawatte einige Vorbereitungszeit. Mit der rechten Knottechnik nicht vertraut, musste der Großmeister erst lernen, wie das geht.

Bedrohung KI, Lösung KI?

■ Schach spielende Maschinen bedrohen das Schach – Cheating. Aber künstliche Intelligenzen könnten ebenso die Antwort sein. Das erklärte jetzt Wijk-Schiedsrichter Arno Eliens. Mittelfristig erwartet er, dass Maschinen lernen, in welchen Situationen menschliche Spieler am ehesten fremde Hilfe konsultieren würden, und solche Situationen besonders unter die Lupe nehmen. Was Eliens erklärt, deckt sich mit den schon vor einiger Zeit verkündeten FIDE-Plänen eines Live-Screenings von Live-Partien.

|| Was bisher geschah

Die Flügelzange: Vincent Keymers Neuntrundenschlacht gegen Nodirbek Abdusattorov
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5 Tage zuvor

Es sind übrigens derartige Partien, die mir den Spaß am Schach ein wenig vergraulen, weil zu “bottish”, vergleiche : Parham Maghsoodloo vs. Magnus Carlsen, “Tata Steel” oder Wijk am 25.01.2013 gespielt : So : 1.d4 d5 2. c4 e6 3. Sc3 Sf6 4.cd5 ed5 5. Lg5 Le7 6. e3 h6 7. Lh4 Lg4 ?! Denn hier könnte, offensichtlich, mit 8. f3 beginnend eine vergleichsweise solide Aufstellung vom Weißspieler gewählt werden und 8. Da4 (Schach) ist anti-intuitiv und vermutlich Werk sog. Engines. Später kommt es dann, wegen der offensichtlichen Einklemmung des Läufers auf H5, H7->H6 geschuldet, zu taktischen Auseinandersetzungen, die eigentlich… Weiterlesen »

LKLKLKL
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4 Tage zuvor

Also dieser Aufbau, vergleiche mit der tagesaktuellen Partie Vincent Keymer vs. Richard Rapport, Wijk, am 27.01.2023, ist mir bekannt.
Eduard Meduna “glänzte” beizeiten mit ihm, m.E. sollte so nicht Schach gespielt werden, das Manöver Sf3->d4->e2->c3 hat keinen besonderen Charme,. insbes. dann nicht, wenn der Schwarzspieler auf die Öffnung des Zentrums verzichtet.
Sog. Igelaufbauten sind aus diesseitiger Sicht zu meiden, wenn der Weißspieler nicht per E2->E4 und F2->F4->F5 Druck ausüben kann oder will.
MFG
LK

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1 Tag zuvor

Ich sach ma, das Resultat von Vincent Keymer ist in Ordnung, mit achtzehn Jahren und so.
Vgl. auch mit :
-> https://www.sueddeutsche.de/sport/schach-keymer-schnellschach-carlsen-wm-vizeweltmeister-1.5723497
“- 3” geht, wenn viele der Besten in einem harten 13-rundigen Turnier zusammen sitzen.
MFG
LK (der mal nicht hofft, dass dieseitige dankenwerterweise bereit gestellte Inhaltsangebot zu überlasten, kA, warum sonst hierzu wenig kommentiert wird – no problemo)

LKLKLK
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11 Stunden zuvor

Sehr nett, lieber Herr Schormann, ich schreibe ja manchmal auch Experimentelles, Mist sozusagen, dann gerne darüber hinweg schauen, ignorieren.
Ihr Angebot scheint mir sehr gelungen zu sein, ich schaue sehr gerne rein, auch um mich schachlich nun wieder “up to date” zu halten, es scheint mir auch irgendwie “vollständig” zu sein, vielen Dank zurück, weiterhin viel Erfolg!

LKLKLK
LKLKLK
6 Tage zuvor

Das Tragen der Krawatte ist mehr Usus, als modischer Schick, im Schachspiel muss so nicht getragen werden, es zeugt aber schon von Respekt für die Rezipienz, wenn so getragen wird.
MFG
LK (sieht auch vglw. gut aus)