Der Russe, der Deutschland repräsentiert

Keymer, Blübaum, Svane, Nisipeanu, Kollars, Gustafsson (Kapitän). – Pähtz, Klek, Wagner, Heinemann, Schneider, Yakovich (Bundestrainer). Das sind die Aufstellungen der deutschen Nationalmannschaften für die Schacholympiade 2022, die am 28. Juli in Chennai beginnt. Beide deutschen Mannschaften sind nach Eloschnitt auf Rang neun gesetzt.

Die FIDE hat am heutigen Samstag die Liste aller teilnehmenden Mannschaften veröffentlicht – mehr denn je: 187 Mannschaften spielen in der offenen Sektion, 162 bei den Frauen. In beiden Turnieren wird Russland fehlen. Die FIDE hat russische Nationalmannschaften nach dem Überfall auf die Ukraine von internationalen Wettbewerben ausgeschlossen.

Weder die Paarung Russland-China noch das Duell Nepo vs. Ding am Spitzenbrett wird es bei der Schacholympiade geben, Ding Liren muss die Revanche für die Erstrundenniederlage beim Kandidatenturnier (Foto) verschieben. Russland darf nicht, China will bzw. kann nicht am großen Nationenwettbewerb teilnehmen. | Foto: Maria Emelianova/chess.com

Angekündigt und nun bestätigt hat sich, dass auch China fehlt. Der chinesische Spitzenspieler Ding Liren hatte vor einigen Tagen am Rande des Kandidatenturniers mitgeteilt, dass China 2022 keine Mannschaft entsendet, mutmaßlich der Pandemie wegen.

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Trotz des Fehlens der Russen: Unter den knapp 2000 Spielern und Spielerinnen sowie Coaches wird ein Vertreter des russischen Schachverbands sein, bezahlt vom deutschen: Bundestrainer Yuri Yakovich.

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Yuri Yakovich im Mai bei der russischen Mannschaftsmeisterschaft, umrahmt von seinen Spielerinnen des Teams Südural, die Zweite wurden. Über ihm: das Logo des ausrichtenden russischen Schachverbands, in dessen Aufsichtsrat unter anderem Putins Kriegsminister Sergei Shoigu und Putins Sprecher Dmitry Peskov sitzen. | Foto via russischer Schachverband

Yakovich hat den offenen Brief russischer Schachmeisterinnen und Schachmeister gegen den Krieg nicht unterzeichnet. Das Angebot des Weltverbands, statt unter russischer unter der neutralen FIDE-Flagge geführt zu werden, hat er anders als zahlreiche Landsleute nicht angenommen. Eine öffentliche Äußerung Yakovichs zum Kurs Russlands ist nicht bekannt.

Der von DSB-Präsident Ullrich Krause anlässlich seines Russland-Kurswechsels angeführten “Vorbildfunktion” ist Yakovich nie gerecht geworden. Wo steht Yakovich? Kann er unter diesen Umständen als Bundestrainer Deutschland repräsentieren?

Seit fast einem halben Jahr stehen diese Fragezeichen im Raum, und fast ein halbes Jahr lang stand das Zeitfenster offen, vor dem wichtigsten Wettkampf der Nationalmannschaften seit 2018 den Erklärungsbedarf aus der Welt zu schaffen. Das hat sich nun erledigt. Beim DSB wird das Problem entweder nicht gesehen oder ignoriert.

Eine Äußerung des Deutschen Schachbunds zu seinem russischen Bundestrainer gibt es nicht. Verfahren wird nach dem alten und oft genug gescheiterten Prinzip: Unangenehmes und Kritisches behandeln wir stillschweigend, vielleicht merkt es ja keiner, und wenn doch, sitzen wir es aus.

Im Mai anlässlich der Präsentation von Jan Gustafsson als Kapitän der Herren bestand die offensichtliche Gelegenheit zu erklären, warum der Russe Yuri Yakovich als Bundestrainer Deutschland repräsentieren sollte. Weder fragte der DSB-Interviewer seinen Präsidenten, noch griff der von sich aus das Thema auf.

Und wenn im Lauf der Olympiade die Ukrainerinnen sich weigern, gegen Deutschland anzutreten? Wenn der vom Kreml gesteuerte russische Verband die Erfolge der vom russischen Starcoach betreuten deutschen Frauen feiert? Beides würde dem deutschen Schach international Schlagzeilen bescheren, die es nicht gebrauchen kann. Und es würde sich auch im internationalen Kontext offenbaren, was national längst aufgefallen ist: Schneidige Erklärungen kann der deutsche Verband mittlerweile, mit der dazugehörigen Haltung tut er sich schwer.

Wer sonst? Natürlich besetzt Vincent Keymer das erste Brett der Nationalmannschaft.

Kein Erklärungsbedarf besteht hinsichtlich der Aufstellung der deutschen Mannschaften. Bei den Herren ist Vincent Keymer die klare Nummer eins, dahinter hat sich Europameister Matthias Blübaum als Nummer zwei etabliert. Die Frauen werden von Elisabeth Pähtz ins Turnier geführt, dahinter – egal. Yakovich hat mit Hanna Marie Klek die erfahrenste von vier etwa gleichstarken Spielerinnen für das zweite Brett nominiert.

Beide Mannschaften geben Anlass zur Hoffnung nicht nur für 2022, sondern für das kommende Jahrzehnt und darüber hinaus. Als Neunte der Setzliste 2022 können die beiden jungen Teams allenfalls insgeheim auf Medaillen spekulieren, aber gewiss davon ausgehen, dass sie in zwei und vier Jahren noch stärker zurückkommen werden.

Im offenen Turnier ist die Favoritenrolle klar vergeben. Team USA (Caruana, So, Aronian, Dominguez, Shankland) liegt mit 2771 Elo 66 Punkte vor den an zwei gesetzten Aserbaidschanern. Alles andere als eine weitere Goldmedaille nach dem Erfolg von 2016 wäre eine Überraschung.

Wer, wenn nicht die USA?

Umso offener erscheint der Kampf um Silber. Indien stellt gleich zwei starke Teams, die Routiniers (Vidit, Harikrishna, Sasikiran…) und den Nachwuchs (Sarin, Gukesh, Praggnanandhaa…), die beide oben mitspielen werden.

An vier gesetzt, höher denn je: Norwegen, das mit Magnus Carlsen am ersten Brett eine Bank auffährt und dahinter eine Reihe veritabler Großmeister. An 15 gesetzt, tiefer denn je: Frankreich, das ohne seine Weltklassespieler Alireza Firouzja und Maxime Vachier-Lagrave antritt.

Während im offenen Turnier das Fehlen von Russland und China den Amerikanern die einsame Favoritenrolle beschert, macht das Fehlen der international dominanten russischen Frauen den Ausgang des Frauenturniers offen. Nominell könnte es zu einem Dreikampf um Gold zwischen Indien, der Ukraine und Georgien kommen.

Nigel Short ist nicht länger Vizepräsident der FIDE. | Foto: Maria Emelianova/chess.com

Das stete Wachstum des Wettbewerbs in den vergangenen Jahren hat auch Schattenseiten. Das offenbarte sich im Zuge der Farce um den FIDE-Vizepräsidenten Nigel Short, der seinen Rücktritt erklärt hat. Short hatte die korrupt-undurchsichtigen Verhältnisse in einem der vielen Mini-Verbände unter dem FIDE-Dach angeprangert, in diesem Fall des Verbands der US Virgin Islands, dessen familiär verwobene, seit Jahrzehnten etablierte Führungsriege sich nach Darstellung Shorts seit langem an der FIDE bereichert.

Shorts Ausführungen führten nicht etwa zu einer Untersuchung der Zustände auf den US Virgin Islands, sondern zu einer Verwarnung des Briten – der sogleich sein Amt niederlegte.

Jetzt lässt sich auf Shorts Twitter-Account fast täglich ein neues Kapitel aus der Virgin-Islands-FIDE-Saga nachlesen. Im Zuge seiner Veröffentlichungen bestätigte Short den Verdacht, dass es nicht nur auf den Virgin Islands ein Leichtes für Amateure ist, sich einen Platz im Nationalteam zu kaufen, um das Abenteuer Schacholympiade als Nationalspieler zu erleben. Je größer die Schacholympiade wird, je skurriler die daran teilnehmenden Verbandsteams, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass sich in den Teams an den unteren Brettern „Nationalspieler“ versammeln, die keine sein dürften.

Wie die Nationalmannschaft der US Virgin Islands entstanden ist.
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Alexander von Gleich
Alexander von Gleich
1 Monat zuvor

Guten Tag Herr Schormann, ich moechte mich zu der Diskussion um Yuri Yakovich aeussern, den ich seit 1991 gut kenne, den ich in unseren Schachklub SKJE 2020 gelotst hatte und ihn bei der Bewerbung um den Posten des Bundestrainers etwas unterstuetzte. Er sieht seine Zukunft in Europa, seine beiden Toechter leben beide verheiratet mit Kindern in Holland. Seine Frau Valya hatte bereits mit Deutschkursen begonnen, aber die Covidkrise brachte die Plaene durcheinander, da sie nicht wie gewohnt nach Deutschland/Holland reisen konnten. Er wurde in 2021 zum Bundestrainer ernannt, und erfreut sich grosser Unterstuetzung seitens des Verbandes und vor allem der… Weiterlesen »

Gerhard Schreiber
Gerhard Schreiber
1 Monat zuvor

Ich finde, es grenzt an Unverschämtheit, wenn jemand vom Bundestrainer verlangt, er solle sich politisch äußern! Ich bin grundsätzlich für eine strikte Trennung von Politik und Sport, sonst droht mMn das Risiko, das der Sport der Hauptleidtragende ist. Dass die Schacholympiade nicht in Russland stattfindet, geht noch in Ordnung, schon allein aus Sicherheitagründen. Die Grenze ist für mich dort, wo Sportler zu einer Handlung oder einer Äusserung genötigt werden sollen. Es gibt viele Länder, bei weitem nicht nur Russland, wo nicht nur der Betroffene selbst, sondern auch Familienangehörige drangsaliert wurden, wenn eine Äußerung dem Regime nicht gepasst hat. Und auch… Weiterlesen »

Kommentator
Kommentator
1 Monat zuvor

Was schwurbelst du da für einen Unfug? Ein Bundestrainer muss nicht nur fachlich, sondern auch menschlich für seine Tätigkeit geeignet sein – wenn ernsthaft die Möglichkeit im Raum steht, dass er ein Unterstützer des Putinschen Terrorregimes ist, muss diese Eignung mindestens kritisch hinterfragt werden – mit Politik hat das überhaupt nichts zu tun! (Nebenbei bemerkt: Dinara Wagner hat in Schach 6/2022 ganz klar gegen Putin Stellung bezogen.) Und wieso du in deinem letzten Satz irgendwelche relativen Belanglosigkeiten aufzählst statt der wirklich besorgniserregenden Hasskampagnen aus dem politisch rechten Spektrum (z.B. gegen Faeser, Ataman, Drosten, Lauterbach…), erschließt sich mir auch nicht.

Alexander von Gleich
Alexander von Gleich
1 Monat zuvor
Reply to  Kommentator

Es laesst sich stets leichter vom Sofa in Deutschland aus empoert kommentieren

Mario Schmidt
Mario Schmidt
1 Monat zuvor

Ein Bundestrainer vertritt mit seinen Spielern die Nationalmannschaft eines Landes, im konkreten Falle Deutschland. Natürlich kann dann ein Bundestrainer Deutschlands nicht Anhänger eines völkerrechtswidrigen Aggressors wie Putin sein, der einen blutigen Krieg gestartet hat und der Deutschland mit Atombomben droht. Wir haben in Deutschland ein gewisses Wertesystem und das steht konträr zum Wertesystem Russlands und Belarus. Entweder oder. Man kann nicht zwei “Herren dienen”.

Peter Kalkowski
Peter Kalkowski
28 Tage zuvor

Politik und Sport lässt sich nicht trennen. Warum werden/wurden viele Sportler mit Doping voll gepumpt ohne Rücksicht auf körperliche Schäden. Sport ist ein Ausdruck im Kampf der Systeme, war so ist so.
Wenn die FIDE russische Sportler unter der FIDE-Flagge stellt ist das nicht anderes als die Sanktionen auf dem Papier zu umgehen.
Man hat den Sinn von Sanktionen eben nicht verstanden.

Peter Kalkowski
Peter Kalkowski
1 Monat zuvor

Immerhin ist der Veranstalter Indien eher ein freundlicher Staat zur Putin Diktatur und profitiert stark vom Energiehandel.
Deshalb sollte unsere Damenmannschaft keinen Boykott befürchten müssen.
Wenn jemand Boykottiert werden soll dann ist es der Veranstalter.
Aber es ist nicht auszuschließen das ein scheinheiliges Zeichen gesetzt wird und unsere Damen ohne Arbeit zu rück kommen müssen.
Bin gespannt aber sicherheitshalber hätte man das Risiko ausschließen können durch eine geeignete Maßnahme.
Aber im Sport läuft eh nicht immer alles normal wenn ich an die Fußball WM in Katar denke.

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Silvio
Silvio
1 Monat zuvor

Hinsichtlich seiner “Russland-Politik” bleibt der DSB bzw. seine Führung bei seiner skandalösen Haltung “Wir sind ja alle nur Schachspieler”: Mit Worten sich öffentlich positionieren, auf der Webseite “Ukraine-Hilfe” posten, aber mit Taten Russland-wohlwollend handeln und nicht an Boykott-Maßnahmen teilnehmen. Wirklich nicht überraschend, sondern konsequent auf der Linie des DSB seit dem Beginn des Krieges, den Russland gegen die Ukraine führt. Überraschend für den DSB ist vermutlich nur, dass sich jemand darüber wundert. Ob die fehlende überzeugende Positionierung der DSB-Führung gegenüber Russland mal in den Gremien dieser Organisation thematisiert wird??? Oder sind die “traditionell guten Beziehungen” des DSB zu Russland schon… Weiterlesen »