Den Schiri-Zoff noch nicht verwunden: Wijk ohne Alireza Firouzja

Auch 2022 beginnt mit einem traditionellen Höhepunkt des Schachjahres: Das Tata Steel Chess in Wijk an Zee (14. bis 30. Januar). Allerdings wird der Wettbewerb aus deutscher Sicht nicht ganz so aufregend zu verfolgen sein wie in den meisten Jahren zuvor. Die Masters-Gruppe spielt 2022 ohne deutsche Teilnehmer.

Aus internationaler Sicht fehlt ebenfalls ein zentraler Name und damit ein zentrales Duell, das viele Schachfreunde schon in diesem Jahr gerne als WM-Match gesehen hätten: Carlsen versus Firouzja.

WM-Kandidat Alireza Firouzja, neue Nummer zwei der Welt, war wie im vergangenen Jahr als Teilnehmer vorgesehen. Aber wie der einstige WM-Kandidat Jan Timman in einem Podcast berichtete, haben sich Ausrichter und Spieler finanziell nicht einigen können. Firouzja forderte mehr Antrittsgeld, als die Tata-Steel-Chess-Leute zu zahlen bereit waren. Und so wird er nun fehlen.

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Was genau passiert ist, offenbart jetzt chess24, dessen Redakteur Tarjei Svensen in Wijk nachgefragt hat. Von Turnierdirektor Jeroen van den Berg ließ er sich berichten, dass Alireza Firouzja und sein Vater Hamidreza Firouzja einen erheblichen Aufschag auf van den Bergs Angebot gefordert hatten. Nach Wahrnehmung der beiden wäre eine “Kompensation” für den Vorfall vor einem Jahr angemessen. Die Schiedsrichter hatten Firouzja und seinem Gegner Radoslaw Woktaszek während ihrer laufenden Partie angeboten umzuziehen, da zwei Tische weiter das Stechen um den ersten Platz gespielt werden sollte.

“Das war der Moment, in dem ich angefangen habe, mich nach einem anderen Spieler umzuschauen”: So beschreibt van den Berg seine Reaktion auf die Forderung.

Vor einem Jahr hatten sich die Wijk-Organisatoren bei Firouzja für den Schiri-Zoff entschuldigt, Firouzja hatte die Entschuldigung akzeptiert. Aber er hat den Vorfall offenbar bis heute nicht verwunden, wie nun die neue Entwicklung zeigt. Van den Berg hofft, ihn für künftige Auflagen des Traditionsturniers gewinnen zu können.

Magnus Carlsen hat derweil via Twitter bekräftigt, dass er nun ein neues Ziel ins Auge fasst: Elo 2900.

Das könnte er schon in Wijk an Zee schaffen, müsste dafür allerdings die “Masters”-Gruppe mit 12,5/13 gewinnen – was die beste Performance in der Geschichte des Schachs wäre, wie Svensen sogleich ausgerechnet hat.

Im „Masters“, dessen Setzliste Magnus Carlsen und Fabiano Caruana anführen, wird diesmal kein Deutscher mitspielen, weder Alexander Donchenko noch Vincent Keymer. Mutmaßlich liegt das einzig an den Umständen, nicht daran, dass die Organisatoren nicht mehr geneigt sein könnten, Großmeister aus Duitsland einzuladen.

Eine Neuauflage des Duells Carlsen vs. Donchenko wird es 2022 in Wijk nicht geben.

Immerhin: Im mit Supertalenten gespickten „Challengers“ ist der einstige U16-Weltmeister Roven Vogel mit von der Partie. Vogel hatte vor zwei Jahren das Qualifikationsturnier fürs Challengers gewonnen. Da vor einem Jahr das Turnier sich pandemiebedingt auf die von der Außenwelt abgeschottete Masters-Gruppe beschränkte, greift Vogels Qualifikation nun mit zwölfmonatiger Verzögerung.

Interview mit Roven Vogel, nachdem er sich für die 2020er-B-Gruppe qualifiziert hatte. Dieser Sieg 2019 beschert ihm nun einen Platz im mit Supertalenten gespickten Challengers-Turnier 2022.
2021 musste Daniil Dubov in Quarantäne, Alexander Donchenko rutschte ins Feld. 2022 wird Dubov mitspielen.

Alexander Donchenko war im vergangenen Jahr kurzfristig ins Feld gerutscht, nachdem der eigentlich als Teilnehmer vorgesehene Daniil Dubov sich in Quarantäne hatte begeben müssen und nicht anreisen konnte. In diesem Jahr hat es für eine Einladung nicht gereicht. In der extrem stark besetzten 14-köpfigen Masters-Gruppe wäre Donchenko nominell die Nummer 13 vor dem indischen Wunderknaben Praggnanandhaa, neben dem Schweden Nils Grandelius einziger Nicht-2700er im Feld.

Interview mit Alexander Donchenko nach Wijk 2021.

Vincent Keymer, zuletzt und auch in kommenden Jahren ein potenzieller Wijk-Stammgast, fehlt diesmal. Wahrscheinlich hat das mit seinem Abitur zu tun: Im Gymnasium Nieder-Olm sind im Lauf des Januars die schriftlichen Abiturprüfungen angesetzt. Zuletzt hat Keymer mehrfach angekündigt, Anfang 2022, aber eben erst nach vollbrachtem Abitur, auf die Karte „Schachprofi“ zu setzen.

Die Teilnehmer (via tatasteelchess.com):

Tata Steel Challengers 2022

Name – Country – Rating

Rinat Jumabayev – Kazakhstan – 2631
Arjun Erigaisi – India – 2629
Surya Ganguly – India – 2627
Erwin l’Ami – Netherlands – 2622
Thai Dai Van Nguyen – Czech Republic – 2609
Max Warmerdam – Netherlands – 2599
Jonas Buhl Bjerre – Denmark – 2586
Daniel Dardha – Belgium – 2533
Lucas van Foreest – Netherlands – 2530
Volodar Murzin – Russia – 2519
Polina Shuvalova – Russia – 2516
Marc’Andria Maurizzi – France – 2496
Zhu Jiner – China – 2478
Roven Vogel – Germany – 2452

Tata Steel Masters 2022

Name – Country – Rating – World ranking

Magnus Carlsen – Norway – 2856  –  1
Fabiano Caruana – U.S.A. – 2792  –  4
Anish Giri – Netherlands – 2772  –  7
Shakhriyar Mamedyarov – Azerbaijan – 2767  –  9
Richard Rapport – Hungary – 2763  –  11
Jan-Krzysztof Duda – Poland – 2760  –  13
Sergey Karjakin – Russia – 2743  –  18
Vidit Santosh Gujrathi – India – 2727  –  22
Daniil Dubov – Russia – 2720  –  24
Andrey Esipenko – Russia – 2714  –  26
Samuel Shankland – U.S.A. – 2708  –  29
Jorden van Foreest – Netherlands – 2702  –  34
Nils Grandelius – Sweden – 2672  –  66
Rameshbabu Praggnanandhaa – India – 2612  –  198

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Karl Hackenmeier
Karl Hackenmeier
6 Monate zuvor

Allmählich hebt Firouzja ab. Einen Aufschlag zu fordern für vergangene Unbill ist schlichtweg eine Frechheit. Der junge Mann soll sich erst einmal beweisen gegen die arrivierten 2700er. Da wird sich dann zeigen, wie stabil sein Spiel ist.

schwichtd
schwichtd
6 Monate zuvor

Ich glaub, sowas in der Art haben die auch über den jungen Fischer gesagt.

Karl Hackenmeier
Karl Hackenmeier
6 Monate zuvor
Reply to  schwichtd

Seitdem Carlsen den jungen Mann über den Klee gelobt hat, glaubt Firouzja, er wäre bereits Weltmeister und es wäre nur eine Frage der Zeit bis er Carlsen enthront hat. Es gibt ein Sprichwort für solche Fälle: Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben. Insofern, soll Firouzja sich erst einmal beweisen, dann kann er den Organisatoren sein Preisschild unter die Nase reiben. Fischer hat nun mal garnichts mit Firouzja gemein. Das war eine andere Zeit und die Bedingungen insgesamt wesentlich schlechter. Hier lässt sich aber der junge Mann von seinem Vater einen Floh ins Ohr setzen. Ob dies der… Weiterlesen »

Last edited 6 Monate zuvor by Karl Hackenmeier
schwichtd
schwichtd
6 Monate zuvor

Du wiederholst dich. Dann darf ich auch: wurde über Fischer auch alles verbreitet. Mach mal Faktencheck. Ist historisch belegt. Gibt null Unterschied. Jung, aufmüpfig, soll sich erst beweisen, respektlos, tut so als wäre er schon Weltmeister, reibt sein Preisschild den Organisatoren unter die Nase. Echt. 1 zu 1 das, was du erzählst. Google hilft da. Aber ist klar… der eine darf das, der andere nicht. Doppelmoral voll am Start. Den jungen Noch-Nicht-Weltmeister Fischer verteidigen, aber den jungen Nicht-Weltmeister Firouzja für die gleiche Scheiße an den Pranger stellen. “Das war eine andere Zeit.”. Super Begründung. Jede Zeit war eine andere Zeit.… Weiterlesen »

Karl Hackenmeier
Karl Hackenmeier
6 Monate zuvor
Reply to  schwichtd

Also, gut Alireza ist der neue Fischer, zufrieden? Bitte Google informieren! Danke.

schwichtd
schwichtd
6 Monate zuvor

Es geht doch nicht darum, das Alireza der neue Bobby ist. Es geht darum, dass du Alireza anprangerst für Sachen die Bobby schon vor 50 Jahren ebenfalls getan hat. Aber Bobby ist ein Held und wird verteidigt, anstatt nieder gemacht zu werden. Das ist klassische Doppelmoral. Und darum geht es hier. Kannste gerne ignorieren. Nicht jeder kann mit Gegenargumenten zu seinem Schwachsinn umgehen. Wenn ich das schon höre “soll sich erst mal beweisen gegen die arrivierten 2700er”. Mach erst mal Research bevor du redest. Wie soll der Junge wohl auf 2800 gestiegen sein? Kleiner Tipp. Einfach mal nach oben scrollen… Weiterlesen »

Klaus Zachmann
Klaus Zachmann
6 Monate zuvor
Reply to  schwichtd

Ich finde auch, Alireza Firouzja hat vollkommen recht.
Schließlich ist er Profi, da hat man nichts zu verschenken.
Und wer sich bei so einem Turnier solche Fehlleistungen erlaubt, der soll zahlen oder verzichten.
Alireza Firouzja kann sich dafür zwischenzeitlich auf das nächste Turnier vorbereiten. 🙂
Wer Probleme hat ein hochrangiges Turnier auszurichten, sollte es vielleicht besser ganz bleiben lassen. 🙂

JoMicoud10
JoMicoud10
6 Monate zuvor
Reply to  schwichtd

Das macht es aber nicht besser, nur weil sich ein Bobby Fischer ähnlich verhalten hat oder weil das Gleiche Leute über ihn damals gesagt haben. Außerdem wollen wir hoffen, das sich ein Firouzja nicht so crazy wird, wie das Fischer der Fall war und ist.

Last edited 6 Monate zuvor by JoMicoud10
Anton Schwaiger
Anton Schwaiger
6 Monate zuvor

Beweisen muss ein 2800er GM meiner Meinung nach keinen mehr was, aber
unsympathische Aktion auf alle Fälle. Symphatiepunkte werden Firouza dabei wohl ziemlich egal sein. Der Schiedsrichter-Zwist ist für mich nur ein vorgeschobenener Grund. Ich nehme an es geht hier rein um finanzielle Interessen und auch ein bisschen Kräftemessen und ausloten was geht.

Ich finde es gut, dass die Organisatoren hier Rückgrat beweisen und er dann eben nicht dabei ist. Man muss nicht auf alle Allüren der Stars eingehen.

Felix Pahl
Felix Pahl
6 Monate zuvor

“Firouzja hatte während seiner laufenden Partie umziehen müssen”

Nein, er wurde nur gefragt, ob er umziehen möchte – er wollte nicht umziehen und ist auch nicht umgezogen. Siehe z.B. https://www.chess.com/news/view/tata-steel-chess-2021-statement-firouzja-controversy – aber man sieht ja sogar hier in dem kurzen Video-Ausschnitt, dass er sich wieder an denselben Tisch setzt und weiterspielt.

Klaus Zachmann
Klaus Zachmann
6 Monate zuvor
Reply to  Felix Pahl

Man sollte nicht nur das Video betrachten, sondern auch lesen können. Allerdings kann man auch auf dem Video erkennen, dass es keine höfliche und der Situation angemessene Frage war. Ich würde es eher als versuchte Nötigung bezeichnen und wenn man den Text liest, wird das auch eindeutig bestätigt. Diese blödsinnige Diskussion musste Alireza Firouzja auch noch auf seine eigene Zeit über sich ergehen lassen. Dass solche komischen Schiedsrichter für solche Turniere überhaupt zugelassen werden, ist schon recht skandalös. Von daher hat Alireza Firouzja recht, dass er seine Honorarforderung so hoch schraubt, dass der Veranstalter ablehnt. Aber es soll Leute geben, die… Weiterlesen »

Last edited 6 Monate zuvor by Klaus Zachmann
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schwichtd
schwichtd
6 Monate zuvor

So viele Russen im Teilnehmerfeld. Müssen die nicht in ihrem eigenen Land Turniere spielen? Gilt das nicht wieder als Verrat auswärts anzutreten?

Ehrlich. Einen Tag so. Den anderen Tag so. Wenn die sich doch mal entscheiden könnten. Oder wird das erst wieder zum Problem, wenn sie nicht gewinnen?

Versteh einer die Leute…

Manfred Menacher
Manfred Menacher
6 Monate zuvor
Reply to  schwichtd

:-), ein guter Beitrag schwichtd. Vermutlich gibts eben im Ausland mehr zu verdienen wie auch bei Dubov.