Carlsen, Keymer und der DSB: Als die Sportschau am Bodensee anrief

Vor dem Hintergrund der Weltmeisterschaft tischt die Sportschau ihren Zuschauern und Lesern jetzt das ganz große Schachgedeck auf. Die Sportschau-Website berichtet regelmäßig aus Dubai, und im Sportschau-Podcast haben wir knapp 48 Minuten Einsichten zum internationalen und zum deutschen Schach gehört.

Am heutigen Sonntag krönt die Sportschau diese Reihe mit einem neuerlichen Beitrag im TV. Ab 18.30 Uhr im Ersten geht es bei weitem nicht nur um den 3:2-Sieg der Bayern in Dortmund sowie das Tor des Monats. “Schach – das Imperium Carlsen” heißt der Beitrag, dessen volle etwa neun Minuten Länge auf dem YouTube-Kanal der Sportschau zu sehen sein werden. Fürs TV wird er ein wenig gekürzt. Vor allem geht es um die PlayMagnus-Gruppe, aber auch um Entwicklungen im deutschen Schachsport.

Übungsleiter Medienkompetenz
Niklas Schenk. | Foto: privat

Der Journalist Niklas Schenk ist der Kopf und Autor hinter dem umfassenden Schachprogramm der Sportschau, das Ergebnis einer langen Recherche. Schenk ist nach Oslo geflogen, hat mit Magnus Carlsen und den führenden Köpfen der PlayMagnus-Gruppe gesprochen. Um sich Hintergrundwissen anzueignen, hat sich Schenk unter Funktionären der FIDE ebenso umgehört wie unter den Spitzenspielern, Verantwortlichen und Beobachtern des deutschen Schachs. Einer von Schenks Anrufen ging am Bodensee beim Schreiber dieser Zeilen ein. Unser etwa 35-minütiges Gespräch in Interviewform:

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Conrad, ist PlayMagnus eine Luftblase?

Gibt es jemanden, der diese Frage mit Gewissheit beantworten kann? In ein paar Jahren werden wir sehen, ob die Gruppe ihre Versprechen einlöst. Fakt ist, dass sich mehr Leute mit Schach beschäftigen denn je, der Schachsport hat ein größeres Publikum denn je, und daran hat PlayMagnus erheblichen Anteil. Jetzt gönne ich ihnen den Nachweis, dass sich Schachangebote im großen Maßstab nachhaltig monetarisieren lassen. Allerdings wünsche ich mir auch, dass es neben chess.com und PlayMagnus weitere Player im Schach gibt. Nur Coca-Cola und Pepsi, das wäre zu wenig. Wettbewerb ist wichtig.

Die verbreitete Kritik lautet, PlayMagnus kaufe willkürlich Schachfirmen ein und gucke dann erst, welche funktionieren.

Weil sie es können. Du kannst ein Unternehmen mit prall gefüllter Kriegskasse schlecht dafür kritisieren, dass es in einer unterentwickelten Nische tut, was seine Möglichkeiten erlauben. Die Tendenz mag trotzdem eine bedenkliche sein. Dass die Gruppe nicht organisch wächst, siehst du am Reformstau bei chess24. PlayMagnus buttert das Gros seiner Entwicklungsressourcen in Chessable und die Tour, weil beides gut läuft, und chess24 guckt speziell als potenziell dritte große Spielplattform neben chess.com und Lichess in die Röhre. Die internen Ressourcen haben nicht mit dem rasanten Wachstum durch Zukäufe mitgehalten.

Nach außen treten die Play-Magnus-Leute jedenfalls sehr selbstbewusst auf.

Ja. Mit Blick auf die deutsche Szene finde ich diesen Kontrast erfrischend. Leute, die das Schach ohne Not kleiner machen, als es ist, haben wir genug. Jetzt erklärt es endlich mal jemand zum Ziel, Schach so groß wie möglich zu machen. Hallelujah.

Magnus Carlsen, zu mächtig? | Foto: FIDE

Wird Magnus Carlsen zu mächtig? Siehst du Konflikte mit der FIDE?

Vielleicht bei der Akquise und Pflege von Sponsoren, das hat sich rund um die WM offenbart. Aber wenn Play Magnus und die FIDE jetzt im Wettbewerb um die Gunst von Weltkonzernen stehen, ist das aus meiner Sicht in erster Linie ein tolles Zeichen dafür, in welcher Liga das Schach spielt. Dass Magnus innerhalb des Systems zu mächtig wird und zum Beispiel den von ihm favorisierten WM-Modus durchdrückt, glaube ich nicht. Magnus‘ Einfluss wird auf natürliche Weise sinken, wenn er ein WM-Match verliert bzw. von sich aus den Titel abgibt. Einen Konflikt sehe ich zwischen offiziellen Wettbewerben und Magnus‘ Online-Turnieren. Da gab es zuletzt manche Überschneidung, unter anderem Vincent Keymer war betroffen. Wahrscheinlich kommen mittelfristig Hybrid-Wettbewerbe als dritte Spielform hinzu. Durch dieses Nebeneinander wird es eng im Schach-Terminkalender. Alle Beteiligten müssen ihre Veranstaltungen sorgfältig aufeinander abstimmen.

Haben dich Vincent Keymers Leistungen zuletzt überrascht?

Die Konstanz und das Level. Vincent liefert seit mehr als einem Jahr reihenweise 2700-Performances ab, ganz ohne Ausreißer nach oben wie nach unten. Normalerweise hast du bei jungen Spielern Schwankungen, Vincent scheint dagegen immun zu sein. Die Konstanz auf diesem hohen Level hat auch Leute überrascht, die ganz nah dran sind. Sonst hätten sie im DSB-Leistungssport nicht vor einem Jahr die „Lex Keymer“ erfunden, die Vincent Ende 2021 einen Platz in der Nationalmannschaft garantieren sollte, falls es nach Elo noch nicht reicht. Stattdessen ist er jetzt schon als deutsche Nummer eins zur EM gefahren. Dass es so schnell aufwärts geht, hat niemand erwartet.

https://youtu.be/UjkLhk5rgVc
Siegerehrung der Einzel-Europameisterschaft: Ein Vize-Euroameister, vier World-Cup-Qualifikanten. So gelöst und frei von Anspannung sehen wir unsere Spitzenspieler selten.

Wie bewertest du Vincent Keymers Sponsorensuche?

Vincents angejahrte Homepage mit Kinderbild und verdecktem Sponsorenlogo ist natürlich nicht ideal, um potenziellen Unterstützern attraktiv zu erscheinen. Andererseits ist Vincent als Riesenversprechen und größte Hoffnung des deutschen Schachs konstant im Gespräch. So lange er als Jugendlicher von Meilenstein zu Meilenstein eilt, hat er auf organische Weise genug Sichtbarkeit, die ihm helfen wird, Unterstützer zu finden.

Meinst du nicht, dass Team Keymer gerade eine Gelegenheit verpasst?

Noch nicht, aber das droht. Mit Blick auf kommende Jahre sollte Vincent jetzt den Wunderknaben-Status nutzen, um seine eigene Marke aufzubauen und anzuschieben. Das Zeitfenster, diese Chance zu nutzen, schließt sich. Der bevorstehende Grand Prix über drei Monate vor heimischem Publikum wäre eine fantastische Gelegenheit, in eigener Sache tätig zu werden. Ich hoffe, dass jemand in Vincents Umfeld diese Chance sieht und wahrnimmt.

Kinderbild, verdecktes Sponsorenlogo: Vincent Keymers Homepage. | Screenshot via vincent-keymer.de

Was ist mit Grenke?

Grenke gebührt das Verdienst, Vincent von Beginn an unterstützt zu haben. Ohne diese Unterstützung wäre er wahrscheinlich nicht da, wo er jetzt ist, dafür kann ich als Schachfan nicht laut genug „Danke!“ rufen. Jetzt wäre es Zeit für eine Entwicklung, die Vincent die Profikarriere ebnet – und auch anderen jungen deutschen Spitzenspielern, die Hilfe noch nötiger hätten. Auf Grenke würde ich da nicht setzen, dem Grenke-Schach fällt die Außendarstellung traditionell schwer. In Baden-Baden tun sie Gutes, aber es gibt dort niemanden, der wüsste, wie man darüber redet. Das siehst du speziell im digitalen Raum, wo nun einmal die meisten Leute sind, die sich für Schach interessieren. Guck dir Vincents Club an, da ist es wirklich ärgerlich, weil auch andere Hoffnungsträger des deutschen Schachs betroffen sind. Mit Grenke-Geld haben sie die komplette deutsche Nationalmannschaft verpflichtet – und nutzen sie weder als Aushängeschild für den Sponsor noch für den Verein. Sie machen daraus exakt nichts, außer hinter verschlossenen Türen beim Schach zu gewinnen.

Jemand sollte diesen jungen Leuten helfen. Beim DSB ist diese Einsicht jetzt eingesickert, anderswo nicht.

Vielleicht haben die verschlossenen Türen mit dem Bestreben von Vincents Umfeld zu tun, ihn zu beschützen.

Nach dem Sensationssieg beim Grenke-Open 2018 war klar zu sehen, dass dieses Ausnahmetalent bestens behütet, geerdet und gefördert aufwächst. Ein Glücksfall für einen 14-Jährigen, das ideale Umfeld. Nun wird das Wunderkind flügge, das Ziel Profikarriere ist erklärt, die Suche nach weiteren Sponsoren auch. Und nach allem, was ich sehe und höre, wirkt Vincent nun wirklich nicht wie ein Filou, der nur darauf wartet auszubrechen, oder wie jemand, den das öffentliche Interesse abheben lässt. Eigentlich wirkt er in seiner freundlichen Sachlichkeit überhaupt nicht wie ein gerade 17-Jähriger auf mich.

Welche Rolle spielt der Schachbund bei der Förderung?

Das berührt eine Kehrtwende, die sich eingestellt hat, nachdem Ende 2020 die Spielerinnen und Spieler inklusive Vincent Keymer gegen die DSB-Führung und den Bundestrainer auf die Barrikaden gegangen waren. Seitdem es ordentlich geknallt hat, wird die Förderung der Kader an den Wünschen und Bedürfnissen der Spieler:innen ausgerichtet: Training mit internationalen Kapazitäten, Wettkämpfe, Norm-Turniere. Dazu kommen Extraprogramme, das läuft – auch für Vincent. Allem Anschein nach wird beim DSB gesehen, dass ein Ausnahmetalent auf dem Weg in die Weltklasse besondere Wettkämpfe braucht, um daran zu wachsen. Angeblich plant der Schachbund, Vincent ein Match gegen einen Top-10- oder Top-20-Großmeister zu organisieren. Das wäre eine tolle Sache, für Vincents Entwicklung und für die Fans auch.

Der Sportschau-Schachbeitrag vor einem Jahr, einer der Auslöser von zwei Kehrtwenden im DSB.

Hat sich beim Schachbund etwas zum Positiven entwickelt, seitdem die Sportschau berichtet hat, speziell bei der Öffentlichkeitsarbeit?

Und wie! Aber eine Entwicklung hat es nie gegeben, stattdessen auch dort eine plötzliche Kehrtwende, nachdem ja bei weitem nicht nur die Sportschau den Scheinwerfer auf die Vorgänge im Verband gerichtet hatte. Die geballte schlechte Presse, gepaart mit dem Spieleraufstand, hat offenbar die Verantwortlichen zur Besinnung gebracht. Jetzt stehen wir am Beginn einer Entwicklung, die vielversprechend erscheint. Der DSB möchte ein zeitgemäßer Sportverband werden, der den Sport, seine Spitzensportler und ihre Erfolge einem möglichst breiten Publikum zugänglich macht.

Aber in ganz kleinen Schritten? Als Keymer und Pähtz beim Grand Swiss geglänzt haben, dauerte es, bis sich das auf der Website niedergeschlagen hat.

Ja, vielleicht. Dafür sind sie auf anderen Kanälen jetzt auf Zack, anstatt wie bisher unsichtbar zu sein. Die DSB-Website ist sicher nicht frei von Baustellen, inhaltlich wie technisch, und dass es noch kein richtiges Konzept gibt, Spitzenschach zu präsentieren, haben wir bei der Team-EM gesehen. Eigentlich müsste Schachdeutschland TV auf Twitch die Nationalmannschaften begleiten, dort würde dann mit Hashtags gearbeitet, die auf Instagram, Twitter usw. Engagement auslösen, und das Ganze würde flankiert mit Berichterstattung auf der Website. Parallel wären idealerweise die Spitzenspieler in den Sozialen Medien zumindest präsent.

Das wäre professionell.

Nochmal, sie fangen ja gerade erst an. Wer Entwicklungen beim Schachbund einordnen will, muss sehen, woher der Schachbund kommt. Noch vor einem Jahr war dort 1980, der DSB war ein in der Selbstverwaltung verhafteter Koloss ohne Ambition, überhaupt ein Bild nach außen abzugeben. Du hättest dort niemand gefunden, mit dem du über Aktualität hättest reden können, geschweige denn darüber, was Kanäle sind und wie du sie zusammenspielen lässt. Gemessen daran, haben wir jetzt schon einen gewaltigen Zeitsprung hinter uns – und können gespannt sein auf das, was kommt.

(Titelgrafik: Sportschau)

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