Altes Spiel, neue Vorzeichen

Wieviele sind wir noch? Und wie wollen die, die noch da sind, weitermachen? Und was wollen eigentlich die, die jetzt neu dazukommen? Diese Fragen stehen akut auf der Agenda, wenn in allen Ligen die Saison 2019-21 auf die eine oder andere Weise beendet ist und die Saison 21/22 beginnen soll.

Der Schachverband Südwestfalen nimmt sich mindestens ein Jahr Zeit, diese Fragen zu beantworten und daraus Schlüsse zu ziehen. In Südwestfalen wird die Saison 21/22 aller Voraussicht nach ausfallen. Stattdessen wird eine Test-Saison gespielt, in der verschiedene Angebote ausprobiert werden sollen.

Mit dieser gemeinschaftlich entwickelten Idee hat der Südwestfale (und Vizepräsident des Schachbunds NRW) Andreas Jagodzinsky aufhorchen lassen. Im Perlen-Gespräch erläutert Jagodzinsky, was dahintersteckt, und debattiert mit drei weiteren eingeladenen Schachfreunden Gegenwart und Zukunft des Spielbetriebs. Mit am Tisch: IM Christof Sielecki (SV Dinslaken), Achim Müller (SC Rochade Emsdetten), Michael S. Langer (Niedersächsischer Schachverband) sowie der Schreiber dieser Zeilen.

Das vollständige Gespräch in Bild und Ton. | Foto via SV Bad Bentheim

Christof, von dir war zuletzt einiges Kritisches in Sachen Spielbetrieb und Schachverband zu lesen. Wie wünscht du dir den Spielbetrieb?

Sielecki: Erstmal schaue ich auf einen Lernprozess zurück, der sich in den vergangenen 15 Monaten ergeben hat. Anfangs war ich viel optimistischer, dass sich aus einem reinen Online-Format etwas entwickeln lässt, in dem Cheating kein Riesenthema wird. Mittlerweile bin ich da eher skeptisch. Und das führt mich zum Hybrid-Format. Das haben wir ja schon 2020 bei der Online-Olympiade gesehen, als die deutsche Nationalmannschaft in Magdeburg gespielt hat. Bislang gab es hybrides Schach nur auf dieser höchsten Ebene. Ich wäre daran interessiert, es im Mannschaftsschach auf Vereinsebene zu testen.

Eine Testsaison ist ja genau das, was der Schachverband Südwestfalen jetzt plant.

Jagodzinsky: Wir sehen ein gemischtes Meinungsbild, dem wir entnehmen können, dass es unmöglich ist, alle zufriedenzustellen. Außerdem ist es schwierig, verlässlich zu planen. Niemand weiß, wie sich das Pandemiegeschehen in ein paar Monaten darstellen wird. Also haben wir gesagt, wir setzen die kommende Saison aus und nutzen die Zeit, Dinge auszuprobieren. Das beginnt damit, erstmal die Häupter derer zu zählen, die spielen wollen. Und denen werden wir Angebote machen. Das ist in unteren Gliederungen wie den Bezirken viel einfacher als auf Landesebene. Im Bezirk kennen wir einander, wir sind einander näher. In Südwestfalen verfolgen wir verschiedene Ansätze, Ligen mit Vierermannschaften zum Beispiel. Oder Hin- und Rückspiel an einem Tag mit verkürzter Bedenkzeit. Und natürlich wird es die geben, die weiter klassisches Schach mit langer Bedenkzeit spielen wollen, auch denen wollen wir eine Nische schaffen. Nach meiner Einschätzung müssen generell die Bezirke mit ihren Vereinen Lösungen und Modi entwickeln, und dann müssen wir sehen, was sich nach oben durchsetzt.

Müller: Wir neigen ja dazu, Dinge erst für gut zu befinden, wenn sie einhundertprozentig funktionieren. Davon müssen wir uns verabschieden. Ausprobieren ist das Gebot der Stunde. Bei uns in Emsdetten war ein großer Teil der Spieler anfangs skeptisch hinsichtlich Online-Schach, aber letztlich haben wir da ein Erfolgsmodell kreiert. Natürlich ist das Arbeit, natürlich musst du den einen oder anderen an Dinge heranführen, die er skeptisch sieht, aber am Ende zahlt es sich aus.

Achim Müller, im Schach auch bekannt als „acepoint“, zum verbandsseitig erwungenen Saisonfinale auf NRW-Ebene.

Langer: Die Frage, was wir besser machen müssen, stellt sich aus meiner Sicht auch unabhängig von der Pandemie. Mannschaftsschach ist schon seit Jahren kein unbedingtes Erfolgsmodell mehr. Diese Tendenz hat sich jetzt beschleunigt, und dem müssen wir uns stellen. Die unmittelbare Aufgabe ist, die alte Saison irgendwie zu einem Ergebnis zu bringen. In den kommenden Jahren müssen wir einen attraktiven Spielbetrieb aufbauen. Wir müssen den Bedarf klären und konstruktiv-kreativ-kontrovers darüber reden, wie es weitergehen soll. Online- und Hybrid-Modellen gegenüber bin ich aufgeschlossen, sehe aber ein praktisches Problem in der flächendeckenden Internet-Verfügbarkeit. Ich habe aber auch die Senioren-Mannschafts-WM gesehen, bei der bunte Teams eine Woche lang mit viel Freude gespielt haben, vielleicht ein Vorbild. Eine Woche danach sind die gleichen Leute zum regulären Mannschaftskampf in der niedersächsischen Liga nicht angetreten. Wichtig ist, dass wir uns über der bevorstehenden Debatte nicht selbst zerlegen. Wir brauchen Angebote für die, die spielen wollen, und wir müssen die mitnehmen, die nicht spielen wollen.

Jagodzinsky: Die Gefahr eines schädlichen Konflikts sehe ich vor allem, wenn es um die noch laufende und jetzt zu beendende Serie geht. Wenn wir über die kommende Saison sprechen, ist das einfacher, wir starten bei null ohne den Rucksack einer angefangenen Serie, und wir sind frei und flexibel, Dinge im Sinne der Spieler auszuprobieren. Allerdings weiß ich auch schon, dass in Südwestfalen Hybrid-Modelle der Internetanbindung wegen nicht funktionieren werden. In Düsseldorf mag das anders aussehen.

Die deutschen Damen spielen den Mitropa-Cup hybrid. Christof Sielecki würde hybrides Schach gerne auf der Vereinsebene testen. | Foto: Claudia Münstermann/Schachbund

Michael, ich staune, dass du von denen sprichst, „die nicht spielen wollen“. Wollen wir als Mitglieder von Schachvereinen nicht alle spielen, die Frage ist nur wie und unter welchen Bedingungen?

Langer: Im vergangenen Jahr mussten wir erst einmal akzeptieren, dass sich Mitglieder kategorisch geweigert haben. Jetzt müssen wir Modi finden, die die Ängste von Leuten berücksichtigen. Und wir werden niemanden verdammen, der sagt, er braucht noch eine gewisse Zeit, bis er wieder ans Brett geht. Ich werde keinen Druck auf Leute aufbauen, die nicht wollen, das sage ich auch als Vereinsvorsitzender. Und wenn es um Angebote geht, bin ich für diejenigen da, die spielen wollen.

Nicht Druck, Anreize! Es muss doch Ansinnen der Verbände sein, mit attraktiven Angeboten so viele Leute wie möglich zum Spielen zu bewegen, auch solche, die mit dem traditionellen Modus nichts anfangen können.

Langer: Dafür bin ich fast täglich im Austausch mit Vereinen, um einen Einblick in den Bedarf zu bekommen. An der Stelle sind wir auch wieder auf den Bezirksebenen, wo die Leute einander kennen, an der Basis. Einerseits müssen dort Ideen entstehen, die von möglichst vielen Leuten getragen werden, andererseits müssen die Spitzen der Verbände vordenken, Lösungen für verschiedene Modelle entwickeln und kommunizieren. Beide Enden müssen aufeinander zukommen. Es muss viel miteinander geredet werden.

Sielecki: Spekulieren wir mal, dass wir das Pandemiethema in ein, zwei Jahren gelöst haben. Ich finde es ganz schwierig einzuschätzen, was dann in welchem Maß gewünscht sein könnte, wie sich das verteilt. Bestimmt bin ich mit meinen eher innovativen Wünschen nicht der Durchschnitt. Aber wie groß ist eigentlich die Zahl derjenigen, die wieder genauso Mannschaftskämpfe spielen wollen wie bislang, bei denen ganz fest verdrahtet ist, dass Schach an einem Brett gespielt wird und sechs Stunden dauert?

Jagodzinsky: Das werden wir herausfinden, wir werden ja sehen, was sich durchsetzt. Als wir bei unseren jüngsten Sitzungen in aller Offenheit Modelle durchgespielt und abgewogen haben, da kam auch zur Sprache, was wohl passiert wäre, wären wir damit vor der Pandemie gekommen. Wir wären gescheitert, die Not war nicht groß genug. Sachen umzukrempeln, ist immer ein ganz schwieriger Prozess. Das hat ja schon bei den digitalen Uhren Jahre gedauert. Jetzt haben wir die Gelegenheit, eine Saison ausfallen zu lassen und ein Jahr lang Sachen auszuprobieren. Und jeder weiß ja, dass wir, wenn wir wollen, nach diesem Jahr genau da weitermachen können, wo wir aufgehört haben. 

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80 Minuten zum Spielbetrieb: (von links) Conrad Schormann, Christof Sielecki, Andreas Jagodzinsky, Michael S. Langer, Achim Müller.

Müller: Mein Credo ist zu versuchen, alle glücklich zu machen. Manchem muss man auch Hilfestellung geben, um glücklich zu werden, und Skeptiker überzeugst du, indem du zeigst, dass Sachen funktionieren. Zum Beispiel hatten wir eine Woche, nachdem die Schulen geschlossen waren, ein Online-Angebot für die Schulschach-AGs. Ganz oft habe ich gehört, dass das nicht klappen würde. Und natürlich hat es anfangs gerumpelt, aber mittlerweile ist daraus das Erfolgsmodell einer Online-Stadtmeisterschaft geworden. Nach diesem Prinzip wird es auch beim Mannschaftsschach funktionieren: probieren, helfen, überzeugen. Eine Hemmschwelle, die wir vor Jugendlichen nicht aufbauen sollten, ist, dass wir ihnen etwas anbieten, das sie zwingt, am frühen Sonntagmorgen aufzustehen, und dann sind sie erst abends wieder zu Hause. Jugendliche fängst du über Action, kurze Bedenkzeiten, Eventcharakter.

Langer: Wenn wir schon dabei sind, neu anzufangen, möchte ich auch das Thema „Zustand der Spiellokale“ auf der Agenda sehen. Mannschaftsschach bröckelt seit Jahren, das ist die eine Sache, wo es gespielt wird, die andere, und beide hängen miteinander zusammen. Nicht nur die Modi, auch die Spiellokale bedingen die Attraktivität des Mannschaftsschachs. Ich hoffe, dass wir vor einem Aufbruch stehen, der die Vereine veranlasst, sich in dieser Hinsicht umzuschauen.

Wenn es gut läuft, strömen ja bald massenhaft erwachsene Anfänger in die Vereine. Die werden nicht in Kellerlöchern Rücken an Rücken spielen wollen. Und vielleicht bringen die auch Vorstellungen ein, wie sie gerne Mannschaftsschach spielen wollen.

Müller: Nicht nur die Vorstellungen von Erwachsenen! Das organisierte Schach versäumt es traditionell, von seiner Jugend zu lernen. Jetzt wäre eine Gelegenheit, damit anzufangen. Bei der Schachjugend zum Beispiel gab es schon länderübergreifende, DWZ-ausgewertete Hybrid-Wettkämpfe.

Sielecki: Erwachsene Neulinge, die vom Online-Schach kommen und auf die wir hören könnten, gibt es ja schon. Für die ist der sechsstündige Mannschaftskampf ein ziemlicher Kulturschock. Unseren Neuzugängen war zwar klar, dass es Turnierschach gibt, aber sie ließen sich viel eher mit Schnell- und Blitzturnieren abholen – oder eben einem Turnier am Wochenende, der offenen Stadtmeisterschaft zum Beispiel. Sich dafür zwei, drei Tage von der Familie abzukoppeln, ist eine Verpflichtung, die viele bereit sind einzugehen. Aber sich für eine Saison zu verpflichten, bei der jedes Spiel womöglich einen ganzen Tag dauert, darauf lassen sich nur wenige ein. Wenige Neue, wohlgemerkt. Wir, die wir das seit 30 Jahren machen, kennen es ja nicht anders.

Bundesliga-Endrunde: Ab sofort fürs große Blitzturnier anmelden |  Schachbundesliga
Vorbild Schachbundesliga? Zentrale Runden könnten auch eine Option für untere Ligen sein. | Foto via Schachbundesliga

Jagodzinsky: Die Kadergrößen der Mannschaften wachsen seit Jahren. Früher galt, dass man nur dann nicht spielt, wenn man tot ist, und das hatte man durch ein amtliches Dokument zu belegen…

(Gelächter)

Sielecki: Nicht übertrieben! Mein erster Mannschaftsführer in Dinslaken hat mir 1989 eingeschärft: „Du sagst nur ab, wenn du stirbst!“

Jagodzinsky: Und jetzt habe ich in einer Verbandsligasaison 20 Spieler durchgeschleust. Daran lässt sich die Veränderung ablesen. Wir binden uns beim Mannschaftsschach an neun Termine, die wir über ein Dreivierteljahr verteilen, das allein ist schon nicht ideal. Und heute sagen die Leute viel eher, dass sie nicht können, weil andere Termine vorgehen.  

Sielecki: Damit wären wir beim Thema zentrale Runden. In der Bundesliga ist das sehr attraktiv. Warum nicht auf anderen Ebenen? Für Vereine mit guten Spiellokalen ist so etwas eine schöne Möglichkeit, sich zu präsentieren, aus ihren Wettkämpfen Events zu machen.

Wettkämpfe nach traditionellem Modus?

Müller: Ich bin radikaler Verfechter der Bedenkzeitverkürzung, obwohl ich selbst lieber längere Partien spiele, weil ich so sozialisiert bin. Trotzdem: Wir müssen so weit verkürzen, dass es gerade noch DWZ-auswertbar ist. Und dann vielleicht Hin- und Rückspiel, wie es Andreas eben angedeutet hat. Oder Pools von Vierermannschaften, die sich treffen. Zentrale Begegnungen mit Eventcharakter. Und, ganz wichtig, Übertragungen mit Kommentar. Aus solchen Ideen muss etwas entstehen. Mit Holzfiguren allein lockst du heute kaum noch jemanden, das erlebe ich im Schulschach immer wieder. Mit einem Brettspiel hatte die große Mehrheit der Kinder bis dahin nie zu tun.

Jagodzinsky: Du hast vorhin selbst gesagt, du willst alle glücklich machen. Dann darfst du aber auch niemanden ausschließen. Wenn ich mir unsere unteren Mannschaften anschaue, die wollen gemütlich ihre 2 Stunden/40 spielen, Kaffee, Kuchen, vielleicht sogar ein Plausch mit dem Gegner. Wenn du denen ihre langen Partien wegnimmst, verlierst du sie. Und das sind unsere Mitglieder, die die Vereine seit Jahren und Jahrzehnten tragen. Ja, wir müssen Neues anbieten, Schach präsenter und öffentlicher machen, aber wir müssen auch aufpassen, niemanden zu verprellen.

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