Hamburgs WM-Kandidat

Zum Ende der Saison 2013/14 zeichnete sich ab, dass der polnische Weltklasse-Großmeister Radoslaw Wojtaszek den Hamburger SK verlassen würde. Über den SK Schwäbisch-Hall zog es ihn zur OSG Baden-Baden, wo „Radek“ seitdem als Stütze des Rekordmeisters Jahr für Jahr erheblichen Anteil daran hat, dass seine Baden-Badener ganz vorne landen.

Bevor Wojtaszek 2014 in aller Freundschaft vom Hamburger SK schied, gab er den Hanseaten einen Tipp: Es gebe da diesen hochtalentierten 16-Jährigen aus Krakau, der allemal das Zeug habe, in seine, Wojtaszeks, Fußstapfen zu treten. Der langjährige Anand-Sekundant meinte nicht nur die Fußstapfen, die er am ersten Brett der Hamburger Bundesligamannschaft hinterlassen hatte. Wojtaszek ahnte, dass Jan-Krzysztof Duda ihn als polnische Nummer eins ablösen würde.

Radoslaw Wojtaszek (OSG Baden-Baden) zwang im World-Cup-Achtelfinale den Weltmeister in den Tiebreak – und schied aus. | Foto: Eric Rosen/FIDE

Wojtaszeks Hinweis auf seinen kommenden Nachfolger sind die Hamburger seinerzeit gefolgt. Es gelang ihnen, Jan-Krzysztof Duda an die Alster zu lotsen, wo er seitdem 25 Bundesliga-Partien für den HSK gespielt hat. Und wo die Mitglieder des größten deutschen Schachvereins seitdem mitfiebern, wenn ihr „Janek“ wieder die Klingen mit der Weltklasse kreuzt. Mit einem Elo von 2756 (Live-Rangliste) klopft Duda längst unüberhörbar an die Top 10 der Welt an.

Seine Erfolge sind auch das Ergebnis von Teamwork. Als beispielsweise Jan-Krzysztof Duda im Oktober 2020 beim „Norway Chess“ Magnus Carlsen besiegte und dessen Rekordserie von 125 Partien ohne Niederlage beendete, gebührte ein Anteil an diesem Erfolg seinem Coach Kamil Miton, seines Zeichens ebenfalls Schachgroßmeister aus Krakau. Miton betreut Duda seit dessen Tagen als jugendliches Supertalent. Als Duda auf Wojtaszeks Empfehlung hin nach Hamburg wechselte, wechselte Miton gleich mit. In der ersten Mannschaft des HSK spielen sie jetzt Seite an Seite: Duda am ersten, Miton am fünften Brett.

Magnus Carlsen, DWZ 2839

Den bislang größten Erfolg seiner an Erfolgen schon jetzt reichen Karriere hat Jan-Krzysztof Duda in dieser Woche gefeiert: Mit einem Finalsieg über Sergej Karjakin triumphierte der 23-Jährige beim World Cup in Sotschi. Dort waren 206 Schachmeister im Kampf um mehr als eine Million Dollar Preisgeld und zwei Plätze im Kandidatenturnier 2022 angetreten.

World-Cup Sieger 2021, WM-Kandidat 2022: Jan-Krzysztof Duda (Hamburger SK). | Foto: Eric Rosen/FIDE

Einer blieb übrig. Beim Kandidatenturnier Im kommenden Jahr wird Duda zum ersten Mal versuchen, Herausforderer bei einem Match um die Weltmeisterschaft zu werden. „Wir sind natürlich mächtig stolz auf Janek“, sagt HSK-Ehrenvorsitzender Christian Zickelbein.

Ein wenig Hilfe bedurfte es, um diesen Erfolg möglich zu machen – nicht nur der schachlichen Hilfe seines Hamburger Teamkameraden Kamil Miton, der Duda auch beim World Cup unterstützte. Dazu kam ein Chauffeurdienst des prominentesten Mitglieds der OSG Baden-Baden, des Weltmeisters höchstselbst. Magnus Carlsen ist zwar nicht Teil des Baden-Badener Bundesligakaders, aber dem Verein unter anderem als regelmäßiger Teilnehmer der „Chess Classics“ verbunden. Die knapp 400 Spieler starke DWZ-Rangliste der Baden-Badener führt Carlsen an: DWZ 2839.

Andrei Esipenko, Neuzugang des SK Doppelbauer Kiel. Das hart umkämpfte World-Cup-Viertelfinalmatch zwischen dem 19-jährigen Russen und Magnus Carlsen sahen viele Beobachter als vorgezogenes Finale. | Foto: Eric Rosen/FIDE

Vor seiner entscheidenden Viertelfinalpartie gegen den Inder Vidit hatte Duda den Spielertransfer per Bus vom Hotel zum Spielsaal verpasst. Er befürchtete, sich wegen Nichtantretens eine Null einzuhandeln und aus dem World Cup auszuscheiden. Dann begegnete ihm vor dem Hotel Magnus Carlsen. Der fuhr nicht wie die anderen Großmeister mit dem Bus, sondern ließ sich mit einer vom Veranstalter gestellten Weltmeisterlimousine ans Brett kutschieren. Der Norweger half dem Polen aus seiner Notlage, er lud ihn ein, in seiner Limousine mitzufahren. Duda kam pünktlich zur Partie, kegelte Vidit aus dem Wettbewerb und war ins Halbfinale vorgestoßen.

Dort traf er auf – Magnus Carlsen. Der war mittlerweile das letzte verbliebene Mitglied der OSG Baden-Baden im Feld. Überraschend früh hatten die Reihen des Rekordmeisters sich im World Cup gelichtet, beginnend mit dem Ausscheiden von Fabiano Caruana, Nummer zwei der Welt, der in Runde drei überraschend als hoher Favorit gegen den international kaum bekannten Kasachen Rinat Jumbayev ausschied.

Für Caruana ist das besonders bitter. Anders als in vergangenen Jahren wird es 2022 keinen Elo-Freiplatz für das Kandidatenturnier geben. Verlierer dieser neuen Regelung ist speziell der US-Amerikaner. Wie alle anderen muss sich nun auch die Nummer zwei der Welt einen Platz im Kandidatenturnier erkämpfen. Die erste Chance war mit dem Ausscheiden aus dem World Cup dahin.

“Bangen, ob wir Janek halten können”

Selbiges gilt für Caruanas OSG-Teamkollegen Maxime Vachier-Lagrave, Peter Svidler oder den Ex-Hamburger Radoslaw Wojtaszek, der im Achtelfinale Magnus Carlsen zwar in den Tiebreak zwang, aber letztlich verlor. Einer nach dem anderen schieden die Baden-Badener Stars aus – zum Leidwesen des OSG-Vorsitzenden Patrick Bittner, der das Schachspektakel in Russland aus seiner badischen Heimat verfolgte. Immerhin war im Halbfinale mit Magnus Carlsen zwar kein OSG-Spieler, aber ein OSG-Mitglied vertreten.

Die langjährigen Weggefährten Maxime Vachier-Lagrave (l.) und Etienne Bacrot (beide OSG Baden-Baden) scheiterten beim World Cup an Sergej Karjakin respektive Magnus Carlsen. | Foto: Eric Rosen/FIDE

Dann wiederholte Jan-Krzysztof Duda, was ihm schon im Oktober in Norwegen gelungen war: Ein Sieg über den Weltmeister in einem couragiert geführten Match ebnete dem Polen den Weg ins Finale gegen Sergej Karjakin (der nun ebenfalls als WM-Kandidat 2022 feststeht). Magnus Carlsen war ausgerechnet gegen den Spieler ausgeschieden, dem er mit seinem Chauffeurdienst im Viertelfinale geholfen hatte, im Turnier zu bleiben.

„Gratulation an Jan-Krzysztof, ganz starke Leistung“, sagt Patrick Bittner. Das teilweise überraschend frühe Ausscheiden der Supergroßmeister aus dem Baden-Badener Bundesligakader „sehe ich sportlich. So geht das beim Sport, mal gewinnst du, mal verlierst du.“

U16-Weltmeister Frederik Svane, Neuzugang des Hamburger SK. | Foto: Frank Hoppe/Deutscher Schachbund

Während die Verantwortlichen der Schachbundesligisten ihren Schützlingen beim World Cup zugeschaut haben, planen sie schon für kommende Liga-Auftritte, das gilt für die Hamburger wie für die Baden-Badener. Mit der Verpflichtung von U16-Weltmeister Frederik Svane hat der HSK schon einen Coup gelandet. „Jetzt bangen wir, ob wir Janek halten können, wenigstens für die eine oder andere Partie“, sagt Zickelbein.

Patrick Bittner kann derweil noch keine Namen nennen, aber einen klaren Plan für alles Weitere: „Wir wollen uns nach Möglichkeit noch verstärken.“ Das Gerücht, nach den jüngsten Turbulenzen um Sponsor Grenke sei der Etat des Rekordmeisters bedroht, entbehre jeder Substanz. „Grenke und die OSG, das gehört zusammen. Wenn sich im Unternehmen einzelne Personalien ändern, steht deswegen nicht die Unterstützung für den Verein infrage.“

Der Kader der OSG Baden-Baden gleicht in Bestbesetzung zwar jetzt schon einer Weltauswahl, repräsentiert aber auch eine Truppe, die über viele Jahre gewachsen ist. Eine gezielte, punktuelle Verjüngung wäre im Sinne ihrer Perspektive sinnvoll. Keinesfalls werde es einen Umbruch geben, betont Bittner. Dafür sei das Band zwischen den Spielern und ihrem Verein zu stark.

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