Zuversichtlich zum Kongress – DSJ-Chef Malte Ibs im Interview

Haftung als Verein, steuerliche Eigenständigkeit, Personalverantwortung. Aus der Deutschen Schachjugend soll ein e.V. werden. Worum es genau geht, erklärt die DSJ auf ihrer Website:

Auszug aus den FAQ der DSJ zum Vorhaben, sich in einen e.V. zu verwandeln.

Klingt wie eine Formalie, ist in Wirklichkeit ganz schön kompliziert. Was nicht nur an der Sache liegt, auch am anhaltenden Konflikt zwischen DSB und DSJ. Der ist im Lauf monatelanger Verhandlungen nicht abgeklungen. Immer wieder kamen verhärtete Fronten zum Vorschein, und letztlich konnten sich die beiden Organisationen nicht auf ein gemeinsames Modell einigen.

Am 22. August gilt’s. Beim außerordentlichen DSB-Kongress in Magdeburg werden die Delegierten unter anderem entscheiden, ob die DSJ ein eingetragener Verein wird. Wir haben vorab mit dem DSJ-Vorsitzenden Malte Ibs über die Entwicklung der vergangenenen Monate und die Perspektive für die Schachjugend gesprochen.

DSJ-Vorsitzender Malte Ibs. | Foto: Gustaf Mossakowski/DSJ

Dass es in der Geschäftsstelle brodelt, war lange vor der Eskalation kein Geheimnis, der „Fall Schulz“ war abzusehen. Was hast du präventiv unternommen, um ihn zu verhindern?

Malte Ibs: Die Geschäftsstelle, die Zusammenarbeit dort und das Wohlbefinden der Mitarbeiter sind für mich ein grundsätzlich wichtiges Thema. Wenn mir etwas aufgefallen ist, habe ich das an Ullrich Krause als Verantwortlichem für die Geschäftsstelle weitergegeben. Ich selbst war immer bereit, Gespräche zu führen oder an Lösungen zu arbeiten. In dieser Sache habe ich auch zusammen mit Ullrich die Geschäftsstelle besucht, um die Wogen zu glätten. Insofern glaube ich schon, dass ich meinen Teil dazu beigetragen habe, um eine Eskalation zu verhindern.

Auf die Eskalation folgte dein offener Brief …

… das lese ich oft. Aber es gab keinen.

„Offener Brief“ steht bei ChessBase, und Ullrich Krause sagt in der „Schach“, du habest dein Schreiben „an tausende Leute“ verteilt.

Ich habe die Vorsitzenden der Landesverbände und ihrer Jugendorganisationen informiert, Leute, die betroffen waren. Das Schreiben hat sich rasant verbreitet, aber darauf war es gar nicht angelegt. Uns war wichtig, die Vorsitzenden in den Ländern über ein akutes Problem zu informieren, das auch für sie relevant ist.

Die Dynamik nach deinem Schreiben, dann die Unterschriftensammlung pro Schulz. Die Schachszene war in einem wahrscheinlich nie dagewesenen Maße für eure Sache mobilisiert. Anstatt damit zu arbeiten, seid ihr plötzlich verstummt. Warum habt ihr nicht kontinuierlich für eure Sache getrommelt?

Haben wir doch! Die grobe Richtung haben wir im Januar öffentlich gemacht. Seit Februar sind wir mit den Landesverbänden in Gesprächen, damit die sich einbringen können. Das ist ein offener Austausch, und der zählt, nicht irgendein Populismus im Internet. Die bestmögliche Struktur für eine partnerschaftliche Zusammenarbeit zwischen DSB und DSJ zu schaffen, ist eine komplexe Angelegenheit. Unser Antrag hat mehr als 100 Seiten. Umso wichtiger war es, dass wir uns auf die Sache fokussieren und mit dem DSB-Präsidium an einem Antrag arbeiten, der am Ende alle überzeugt, dass die DSJ als e.V. der richtige Weg ist. Dieses Ziel ist im Sinne unseres Sports viel wichtiger als einzelne Beteiligte.

Jörg Schulz. | Foto: Yves Reker/DSJ

Die DSJ hat mitgeteilt, ihr Vertrauen in Jörg Schulz sei „intakt“. Der DSB teilt mit, sein Verhältnis zu ihm sei „zerrüttet“. Besteht dieser Gegensatz noch?

Das gilt weiterhin. Jörg arbeitet ehrenamtlich für uns, und aus Sicht der DSJ kann ich sagen, dass das Vertrauensverhältnis intakt ist. Weshalb es Teile des DSB-Präsidiums als zerrüttet betrachten, müssen andere erklären. Dass es so ist, akzeptiere ich, aber für mich gilt das nicht.

Als DSJ-Vorsitzender hast du einen Sitz im DSB-Präsidium. Warum bist du seit der Eskalation in diesem Gremium nicht mehr präsent?

Der DSJ-Vorsitzende kann sich dort vertreten lassen. Weil sich das Präsidium einen anderen Gesprächspartner als mich gewünscht hat, glaube ich, dass es der Sache und einer konstruktiven Diskussion dient, wenn mich jemand vertritt. Auch da gilt: Es geht weniger um einzelne Leute, sondern darum, dass am Ende die beste Struktur steht. Wir arbeiten in der DSJ eh als Team, darum spielt es keine große Rolle, ob Malte Ibs da sitzt oder Sascha Morawe.

Den Protokollen der DSB-Präsidiumssitzungen lässt sich entnehmen, dass Sascha in diesem Gremium in erster Linie vorgeführt wird. Und jetzt in der Kongressbroschüre (Seite 36) nimmt Ullrich Krause für jedermann nachlesbar auf, was beim DSB protokolliert ist. Ist Sascha tatsächlich unkooperativ, verweigert Debatten und kennt die Themen nicht?

Das kann ich nicht bestätigen. Ich kenne Sascha lange, habe in Schleswig-Holstein mit ihm zusammengearbeitet. Ich erlebe ihn als kooperativ und kompetent, und ich weiß, dass er sich auf Sitzungen gewissenhaft vorbereitet. Fakt ist allerdings, dass in Sachen DSJ e.V. Rainer Niermann und Jacob Roggon unsere Verhandlungen führen. Alle Gespräche laufen über sie, das ist allgemein bekannt. Beide sind stets verhandlungsbereit. Umgekehrt hat der DSB Ingo Thorn als Verhandlungsführer eingesetzt. Den sprechen wir an, wenn Diskussionsbedarf besteht.

Für Beobachter sah es anfangs aus, als würden nun DSB und DSJ gemeinsam an einem Antrag arbeiten, der dann auf dem Kongress nur noch durchgewunken werden muss. Jetzt steht plötzlich ein Gegenmodell des DSB zur Debatte. Wie nimmst du das wahr?

Ein Gegenmodell ist es nicht, sondern ein Vorschlag für den Fall, dass der DSJ e.V. nicht durchgeht. Wir haben bis zum Schluss daran gearbeitet, einen gemeinsamen Antrag von DSB und DSJ hinzubekommen. Am Ende zeichnete sich ab, dass daraus nichts wird, und es war zu erwarten, dass noch etwas vom DSB kommt. Aber das ändert ja nichts an unserem Hauptanliegen, den Ländern etwas Zwei-Drittel-Mehrheitsfähiges vorzulegen.

Während in der Geschäftsstelle zwei Leute partout keinen gemeinsamen Strang fanden, an dem sie im Sinne unseres Spiels hätten ziehen können, fiel es DSB-Präsident Ullrich Krause (l.) und Malte Ibs zunehmend schwer, einander die Hand zu reichen. | Foto: ChessBase

Der auf Kontrolle abzielende DSB-Vorschlag torpediere die gesetzlich vorgeschriebene Eigenständigkeit der Jugendorganisation, heißt es. Angeblich soll die Sportjugend schon angekündigt haben, dass Fördermittel in sechsstelliger Höhe gestrichen werden, wenn das DSB-Modell für die Jugend beschlossen wird.

Es geht um Mittel in einer Höhe von etwa 80.000 Euro. Aber wir haben nicht der Sportjugend die DSB-Anträge vorgelegt und gebeten, sie zu prüfen. Stattdessen haben wir generell gefragt, welche Voraussetzungen erfüllt sein müssen, um die Förderfähigkeit zu erhalten. Darauf haben wir eine detaillierte Antwort bekommen. Diese Antwort liegt auch beim DSB vor, der die gleiche Anfrage gestellt hat. Wer die Stellungnahme der Sportjugend mit dem DSB-Kongressantrag abgleicht, der sieht eine sehr große Gefahr, dass die Förderfähigkeit verloren geht.

Wie bewertest du die Chance, dass wir einen DSJ e.V. bekommen?

Wir bieten eine überzeugende Lösung an, dafür möchte ich Rainer Niermann und Jacob Roggon danken. Diese beiden haben den Löwenanteil der Arbeit geleistet. Unser Modell ist im Austausch mit den Ländern und ihren Landesschachjugenden entstanden, ein offener Prozess, in den sich alle einbringen konnten, an dem sich nun alle beteiligt fühlen können. Darum bin ich zuversichtlich, dass wir eine Zweidrittelmehrheit und einen DSJ e.V. bekommen.

Mit Malte Ibs als Vorsitzendem?

Nochmal: Einzelne Leute sind nicht so wichtig. Wenn ich nach dem Kongress eine Struktur sehe, in der ich mich gerne ehrenamtlich engagieren möchte, dann stehe ich zur Verfügung.

Nicht mehr lange, dann feiert der DSB 150-Jähriges. Wenn es nach dir ginge, wie wären DSB und DSJ zum Jubiläum aufgestellt?

Beide brauchen einander, und beide dienen dem Schach, wenn bei beiden gute Arbeit gemacht wird. Gemeinsam gewinnen wir Schachspieler für den Wettkampf, engagierte Helfer für das Ehrenamt, wir erhalten die Vereinsdichte oder erhöhen sie sogar ein wenig und machen vielfältige Angebote auf allen Altersebenen. Wenn diese Vielfalt dazu führt, dass die fürs Schach begeisterten Jugendlichen bei der Sache bleiben, wäre allen geholfen, und ich wäre glücklich.

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