Madrid 1575 – das erste Superturnier (III)

Zum Turnier waren die italienischen Meister mit großer Ehrerbietung am Madrider Königshof empfangen worden. Giovanni da Cutri traf zum Einstieg auf einen alten Bekannten, Ruy López, gegen den er bisher nie gewonnen hatte.

Er war ihm, wie im zweiten Teil beschrieben, im Jahr 1560 in Rom unterlegen, außerdem wurde er wahrscheinlich auch 1573 bei López´zweiter Romreise besiegt. (Ganz sicher bin ich mir nicht. Ich fand keine Quelle, in der Giovanni Leonardo da Cutri als Gegner 1573 explizit namentlich genannt wurde, konnte aber eine Stelle finden, wonach er vor Madrid 1575 bereits zweimal gegen Ruy López verloren haben soll.)

Eine Partie aus dem Jahr 1560 zeigt die anfängliche Überlegenheit des spanischen Priesters:

Kurzer Prozess, aber es muss angemerkt werden, dass der 1542 geborene da Cutri seinerzeit ein Jugendlicher war, der 1560 die Gelegenheit bekam, sich mit dem besten Spieler der Welt zu messen. Da Cutri war längst nicht weit genug, um dem Spanier auf Augenhöhe zu begegnen.

Das auf drei Gewinnpartien angelegte Duell 15 Jahre später am spanischen Hof begann wie gewohnt. Ruy López gewann die erste Partie und legte gegen sein angeschlagenes Gegenüber in der zweiten sogleich nach. Beim Stande von 2:0 sah er wie der sichere Sieger aus.

Jetzt kam aber der produktive Beobachter Polerio ins Spiel, der seine beiden italienischen Landsmänner als Berater und Trainer begleitet hatte. Sein enormes Theoriewissen trug erheblich dazu bei, dass Giovanni den Wettkampf noch drehte und mit 3:2 gewann.

Der spanische Priester und Turnierfavorit Ruy López (links) unterlag zum Auftakt dem Italiener Giovanni Leonardo da Cutri (4.v.l., stehend), der das erste Superturnier gewann. Fortan war Italien die führende Schachnation. | Gemälde: Luigi Mussini (1886)

Gefangene wurden nicht gemacht bzw. keine unentschiedenen Partien gespielt. Es handelte sich um drei Siege am Stück. Allein für den Sieg in diesem Vorrundenduell hatte der König 1.000 Scudo ausgesetzt, eine für damalige Verhältnisse gewaltige Summe. 

Preis: ein mit Edelsteinen verzierter Salamander

Zu da Cutris zweitem Vorrundenwettkampf gegen Seran konnte ich keine Informationen finden, außer dass Giovanni Leonardo da Cutri ebenfalls gewonnen haben muss, da er am Turnierende einen Stichkampf gegen seinen punktgleichen Landsmann Boi austragen musste, der seinerseits López und Seran in der Vorrunde besiegt hatte.

Die ersten beiden Stichkampfpartien des Finales Giovanni Leonardo da Cutri-Paolo Boi endeten remis, dann setzte sich Giovanni Leonardo da Cutri durch und wurde nach heutigen Begriffen zum ersten internationalen Turniersieger. Laut seiner spanischen Wikipedia-Seite erhielt er 1.000 Dukaten als Preis sowie einen kostbaren Hermelinmantel. Auf seiner deutschsprachigen Seite steht hingegen nichts von einem Geldbetrag, sondern dass er vom spanischen König neben dem Mantel noch einen mit Edelsteinen verzierten Salamander erhielt.

Seine kalabrische Heimatgemeinde Cutro führt seit diesem Ereignis den Titel Città (Stadt). Sie erhielt diesen vom spanischen König Philipp II., weil ihn der von dort stammende Schachmeister sehr beeindruckt hatte. Der Stadt wurde außerdem zugesichert, dass sie 20 Jahre lang keine Steuern zahlen muss. Nach großen Sportveranstaltungen offiziell Steuerfreiheit gewährt zu bekommen klingt heute unvorstellbar. Oder etwa doch nicht

Die portugiesiche Nummer 1 in Rente geschickt

Das Dreigestirn da Cutri, Boi und Polerio sorgte beginnend mit diesem Turnier dafür, dass sich der Nabel der Schachwelt von Spanien nach Italien verlagerte. Einige wenige Partien der vorgestellten Spieler sind uns erhalten geblieben. Vom Turniersieger sind es nicht einmal ein Dutzend, und das sind in erster Linie Fragmente statt vollständiger Partien.

Ein Blick in die Megabase offenbart, dass aus dieser Frühzeit unseres Spiel kaum Partien erhalten sind, in erster Linie Partiefragmente.

Da kaum eine Notation die 20-Züge-Marke erreicht, ist im Nachhinein nur schwer etwas über seinen Spielstil zu sagen. Hierzu findet sich wiederum auf seiner italienischsprachigen Wikipedia-Seite eine Anmerkung: „Wir wissen, dass er Schach auf eine andere Art und Weise spielte als seine Zeitgenossen (alle lebhafte Angreifer): Er hatte einen langsamen, positionellen Stil und bevorzugte solide Strategien gegenüber atemberaubenden Kombinationen“.

Die erhaltenen Fragmente bestätigen diese Einschätzung. Schauen wir uns etwa diese Stellung an, die da Cutri (Weiß) und Ruy López (Schwarz) 1575 erreichten …

…, was fällt uns auf? Genau: nichts besonderes.

Auf dem Brett steht eine mehr oder weniger normale italienische (!) Stellung, die zu einem eher lavierenden, positionellen Kampf führen wird. So etwas war anno 1575 ungewöhnlich, trachteten doch damals fast alle Spieler danach, so rasch wie möglich und gerne auch unter Materialopfer zum gegnerischen König vorzudringen.

Nach dem Wettkampf ereilte da Cutri ein schwerer Schicksalsschlag. Ihn erreichte in Spanien ein Brief, seine Frau sei schwer erkrankt. Sie starb noch während da Cutris eiliger Heimreise.

Nach einem kurzen Zwischenstop in der Heimat reiste da Cutri weiter nach Portugal, wo er noch im selben Jahr die dortige Nummer 1, den Schachlehrer El Morro vom Hofe Königs Sebastian I. in Lissabon unter großer Anteilnahme der Öffentlichkeit besiegte und so seinen Rang als Nummer 1 von Europa untermauern konnte. Als El Morro die Revanche ebenso verlor, soll sich der Unterlegene von dieser Tragödie nicht mehr erholt und aus dem Schachleben zurückgezogen haben.

Heute stehen wir auf den Schultern dieser Pioniere

Auf der spanischen Wikipedia-Seite ist noch vermerkt, dass da Cutri 1597 von einem eifersüchtigen Rivalen vergiftet wurde, also möglichweise dieselbe Todesart wie Paolo Boi erlitt, der Zweitplatzierte von Madrid 1575. 

Beim Studium der noch vorhandenen Partien der Turnierteilnehmer fiel mir auf, dass nur sehr wenige Rochaden vorkamen. Die Rochade hatte sich erst um 1550, also verhältnismäßig kurz zuvor in ihrer heutigen Form entwickelt. Es scheint fast, als ob sie als Tempoverlust gewertet wurde oder sich die Stärke dieses Doppelspielzugs noch nicht herumgesprochen hatte. Das Schach nach unseren jetzigen Spielregeln war quasi noch im Geburtsstadium, darum sollten die meisten Partien bezüglich ihrer Qualität nicht zu streng durch die Brille der Gegenwart betrachtet werden. Alle nachkommenden Schachspieler stehen auf den Schultern dieser Pioniere – um nicht zu sagen dieser Dichter, Matrosen, Soldaten, Priester oder Apotheker. 

Der langsame (aber giftige!) Italiener taugte schon 1575 als Waffe, die Leonardo da Cutri benutzte, um den favorisierten Ruy López aus dem Superturnier von Madrid zu kegeln. 450 Jahre später funktioniert die Waffe von damals immer noch, vielleicht sogar umso besser. Georgios Souleidis und Karsten Müller haben den Stand der Dinge leicht verdaulich aufgeschrieben und einige eigene Ideen beigesteuert. Das Buch gibt es auch auf Deutsch, aber die deutsche Ausgabe enthält den einen oder anderen Druckfehler, sodass wir die englische empfehlen.

Unter seinem Pseudonym „Nathan Rihm“ hat Martin Hahn bereits zwei Gedichtbände veröffentlicht. Mehr über ihn auf der Nathan-Rihm-Fanpage bei Facebook. Kontakt: nathanrihm@gmx.de

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