Betreff: Heusenstamm

Lieber Herr Heusenstamm,

in dieser Sache ist tatsächlich nichts veröffentlicht worden, und das, obwohl ich mehrfach angesetzt hatte. Gleich nach unserem Telefonat, in dem Sie mir Ihre Seite der Medaille vor Augen geführt haben, habe ich Jürgen Kohlstädt nach dem Stand der Dinge gefragt. Ich möchte ja gerne beide Seiten der Medaille sehen, bevor ich darüber schreibe.

Meine Anfrage hat Kohlstädt mit einer derartigen Frechheit von E-Mail beantwortet, dass ich kurz davor stand, meine Perlen-Vuvuzela zu benutzen, um den Herrn mal öffentlich anzutröten.

Der Sache hätte das nicht gedient, die Geschichte nicht erhellt, und so habe ich diesem Impuls widerstanden.

Kaschemmen, Spelunken, Séparées

Wenn sich 32 Schachspieler zum Schachspielen treffen, dann hat der Schiedsrichter in allererster Linie eine Aufgabe: sie Schach spielen zu lassen. Regelnazis, die erst einmal die Räume vermessen, die Temperatur und Lichteinfall auf Paragrafenkonformität prüfen, brauchen diese 32 nicht. Sie brauchen 32 Stühle, 16 Tische, Bretter und Uhren darauf, fertig.

Fragen Sie einen beliebigen Zweitligaspieler, und Sie werden hören, dass er schon in kalten Kaschemmen, düsteren Spelunken und engen Séparées zweite Liga gespielt hat – mit dem Segen des Schiedsrichters. Es ist schlicht nicht jeder Verein in der Lage, dem sehr deutschen Paragrafenwerk rund um die zweite Liga gerecht zu werden.

8 Tische, 16 Stühle, klarer Fall: Hier kann Schach gespielt werden. | Fotos: SC Heusenstamm

Nicht am Maßband, sondern am Menschenverstand des Schiedsrichters liegt es zu beurteilen, ob Schach gespielt werden kann. Sind 16 Tische vorhanden, stehen darauf Bretter und Uhren, muss die Antwort im Zweifel lauten: Ja, hier kann Schach gespielt werden. So handhabt es im Sinne unseres Spiels eine Mehrheit der Regelwächter. Ein Glück.

Schachschiedsrichter und ihre Fingerspitzen

Den Inhalt der drei Absätze vor diesem öffentlich zu deklinieren, war mir seit unserem Telefonat ein Anliegen. Ich wollte die Rolle des Schiedsrichters als Schachermöglicher in die Geschichte rund um das Drama in Heusenstamm einbetten. Mit Bundesturnierdirektor Gregor Johann hatte ich ein Gespräch verabredet, um mir den Ausgang Ihres Protests erläutern zu lassen. Dazu kam es nicht, das liegt an mir, nicht an Herrn Johann, weil sich bei mir andere Sachen stapelten.

Und die Geschichte ging ja immer weiter. Jetzt hat sie das DSB-Schiedsgericht erreicht – und ist womöglich immer noch nicht zu Ende. Weil mir die Zeit fehlte, hatte ich in der Zwischenzeit einen Autoren dieser Seite gebeten zu beleuchten, warum wir Schiedsrichter brauchen und warum „Fingerspitzengefühl“ in der Schachschiedsrichterei ein wesentlicher Faktor sein sollte. Das hat der Kollege auch sehr schön gemacht, aber ohne Heusenstamm-Bezug.

8 Tische, mehr als 16 Stühle, klarer Fall: Hier kann Schach gespielt werden.

Irgendwann haben auch die Schachfreunde im Forum von der Sache Wind bekommen. Mittlerweile wird der „Fall Heusenstamm“ dort in allen Details seziert und debattiert, auch von direkt Beteiligten. Das schmeckt mir gar nicht, weil diese Seite bevorzugt Geschichten aufdeckt und beleuchtet, die andere übersehen oder ignorieren. Und so geschah es, dass der „Fall Heusenstamm“ trotz aller geleisteten Vorarbeit auf dem Perlen-Redaktionsplan immer weiter nach unten rutschte.

Wollen Sie diesen Plan mal sehen? Bitteschön:

  • Bundesliga-Chef Markus Schäfer zum Lingener Rückzug und zur Lage der Schachbundesliga.
  • Olga Birkholz, nach 140 Jahren die erste Frau im DSB-Präsidium, verweigert die Mitarbeit. Warum?
  • Wachstum? Wie der DSB sich seine Mitgliederstatistik schönredet, anstatt sie zu analysieren.
  • 2600er im Dutzend: Wen nominiert der Bundestrainer für die Nationalmannschaft?
  • Spielertrainerbetreuerin Carmen Voicu-Jagodzinsky über das Schachwunder in Hemer.
  • Online-Schach: Vermarktbarkeit und das Cheating-Gespenst vor dem Hintergrund der Deutschen Internetmeisterschaft.
  • Der Fall Fenner: Warum ein Büroarbeiter des deutschen Schachs öfter gegoogelt wird als jeder Nationalspieler.
  • Versenkung oder Neuanfang? Was macht eigentlich die Deutsche Schachjugend?
  • Lohnen sich Schachwetten? Gespräch mit einem Sportwettenexperten vor dem Kandidatenturnier.
  • Ding vor Caruana: Die Statistiken vor dem Kandidatenturnier sprechen, Überraschung, knapp für den Chinesen.

Das sind nach meiner Einschätzung die aktuell wichtigsten Geschichten rund um das deutsche und internationale Schach. Geschichten, die gelesen würden. Hoffentlich haben Sie im Angesicht dieser Aufzählung Verständnis dafür, dass der „Fall Heusenstamm“ nach unten durchgerutscht ist. Wäre er nicht mittlerweile im Forum hinlänglich dokumentiert, stünde er weiter oben.

“Der Fall Heusenstamm”: gelesen würde das

Vielleicht, lieber Herr Heusenstamm, sind Sie sogar für eine Bitte offen. Es gibt ja eine größere deutsche Schachseite als diese, und auf der steht ganz oben „Nachrichten“. Was bei Ihnen passiert ist und noch passieren wird, das ist Nachrichtenstoff. Rufen Sie doch mal in Hamburg an, die Leute dort sind sehr freundlich, und fragen Sie, ob womöglich Interesse besteht, Ihre Geschichte und deren Kontext aufzudröseln. Gelesen würde das.

Gewiss, der Bindestrich fehlt. Aber so versteht es Google besser, das ist wichtiger als Grammatik.

Außerdem gibt es mehrere deutsche Schachzeitschriften. „Karl“ könnte mal ein Extra zur Schachschiedsrichterei machen, die anderen könnten mal ihre endlose Reihe von Turnierberichten eindampfen, stattdessen investigativ tätig werden und Geschichten schreiben, die ihre Leser anderswo nicht finden. Wer weiß, vielleicht bewirkt ein Anruf bei den Herren Tischbierek, Schaack, Hirneise, Borik, dass der „Fall Heusenstamm“ in deren Publikationen beleuchtet wird.

Wir am Bodensee haben gewiss weiter ein Auge darauf.

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