Projekt „Papa besiegen“, zweiter Versuch: ein Angriff, der keiner ist

Wer beim Schach besser werden will, der muss lernen, von Niederlagen zu profitieren. Nach dem ersten Ärger schütteln wir uns, und dann geht es (wie nach jeder Partie) an die Analyse: Was ist schlecht gelaufen, was gut, wo waren die Fehler, was können wir beim nächsten Mal besser machen? Der schlimmste Fehler wäre, verlorene Partien zu verdrängen, anstatt sie einer gründlichen Prüfung zu unterziehen.

Olipapa

Material, Raum und Zeit sind drei zentrale Faktoren beim Schach. Zu Beginn seiner Reise auf dem Schachozean zählt für unseren Schachfreund Oli fast ausschließlich der Faktor Material: nichts einzustellen, ist die halbe Miete, denn der Gegner in der Bodenseeliga stellt früher oder später garantiert etwas ein.

Wenn in ein paar Wochen das Einstellen abgestellt ist, werden wir nach und nach andere Faktoren beleuchten. Und dann werden wir die zweite Trainingspartie gegen Papa wieder hervorkramen, denn die ist neben anderen instruktiven Momenten ein wunderbares Lehrstück für den Faktor Zeit. Unsere Zeit in Form von Zügen sollten wir möglichst sinnvoll investieren. Aber Papa stand, obwohl er diesmal die schwarzen Steine führte, schon nach acht Zügen besser, und das lag daran, dass Oli anfangs mit seiner Zeit so freigiebig umging wie später mit dem Material.

Ja, Papa hat sich auch in der zweiten Partie durchgesetzt. Wahrscheinlich wird er auch die dritte und vierte gewinnen, noch ist er zu gut. Aber Oli wird aus den Niederlagen lernen, und die Analyse wird ihm offenbaren, dass auch Papas Schach nicht frei von Wacklern ist.

Oli – Papa
Trainingspartie, August 2018

(!=sehr gut, !?=interessant, ?!=zweifelhaft, ?=Fehler, ??=grober Fehler)

1. e2-e4 d7-d5

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oli3

Mit diesem Zug muss sich Oli bei seinen Trainingspartien auf Lichess gelegentlich auseinandersetzen. Zwar kennt er weder den Begriff „Skandinavische Verteidigung“ noch deren Feinheiten, aber ihm ist klar, was Weiß an dieser Stelle zu tun hat: Wir schlagen den Bauern auf d5, und wenn Schwarz mit der Dame zurückschlägt, entwickeln wir mit Tempo eine Figur: 2.e4xd5 Dd8xd5 3.Sb1-c3 (Diagramm). Die angegriffene schwarze Dame wird wieder ziehen müssen, und Weiß hat Zeit gewonnen, gleich noch eine Figur zu entwickeln, während der Schwarze Zeit verschwendet, indem er seine Dame spazieren führt.

2. e4xd5 Ng8-f6!?

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Huch, das hat Oli noch nie gesehen. Anstatt den Bauern zu schlagen, entwickelt Papa eine Figur. Das könnte ein Bauernopfer in der Eröffnung sein, ein „Gambit„.

3. Nb1-c3!

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So spielen Profis: Wenn der Gegner Dich mit etwas Neuem konfrontiert und Dir anbietet, Dich in Verwicklungen zu stürzen, die ihm vertraut sind, Dir aber nicht, dann suche nach soliden Alternativen. Und was könnte solider sein, als Papas Gambit zu ignorieren und einfach die Entwicklung fortzusetzen?

3… Sf6xd5 4. Lf1-c4 Sd5-b6

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Der Lc4 ist angegriffen, er muss ziehen. Wohin, das wäre für jeden erfahrenen Schachspieler keine Frage: nach b3 natürlich, von wo aus er ins gegnerische Lager wirkt und schon einmal den stets kritischen Punkt f7 ins Auge nimmt. Wir hatten das ja in Olis erster Partie gegen Papa schon angedeutet: Läufer wirken oft am besten aus der Ferne, anstatt sich an vorderster Front herumzutreiben.

5. Lc4-b5+?!

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Was Profis aus dem Ärmel schütteln und erst gar keine Alternative erwägen, das ist für Oli keine Selbstverständlichkeit. Sein Gefühl dafür, wohin die Puppen gehören, muss sich erst noch entwickeln.

5 …Lc8-d7

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Und schon steckt Weiß in einer Zwickmühle. Tauscht er auf d7, gibt er eine Figur, in die er drei Tempi investiert hat, gegen eine, die erst einmal gezogen hat – ein schlechter Tausch. Lässt er den Läufer auf b5 stehen, kann Schwarz auf b5 nehmen, Weiß müsste mit dem Springer c3 zurückschlagen, und der wunderbar zentral entwickelte Springer stünde mit einem Mal im wirkungslos im Niemandsland herum. Beides nicht schön, eine Folge des Fehlers 5.Lb5+.

6. Sg1-f3 e7-e6

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Papa will seinen König in Sicherheit bringen. Rochieren wird er nur können, wenn der Lf8 entwickelt ist. Also verschafft Papa dem Läufer freien Bahn.

7. Sf3-e5

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So lange nicht alles entwickelt ist, ziehen wir mit schon entwickelten Figuren kein zweites Mal – außer es geht nicht anders, oder es bringt uns einen unmittelbaren Vorteil. Beides ist hier nicht der Fall, aber wir wollen mal nicht so streng sein. Vielleicht baut sich Oli auf e5 einen zentralen Stützpunkt für seinen Springer, vielleicht plant er auch Dd1-f3 mit einem Doppelangriff auf f7 und b7?!

7… Lf8-c5?!

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Papa entwickelt seinen Läufer und bereitet die Rochade vor, das ist gut, aber er stellt den Läufer auf das schlechtestmögliche Feld, das ist nicht so gut. 7…Lf8-c5 lädt Weiß ein, per d2-d4 mit Tempo das Zentrum zu besetzen und seinem Se5 einen Stützpunkt zu basteln.

8. Se5xd7?!

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Ein schlechter Tausch fürs Lehrbuch. Drei Züge hat der Springer gemacht, um sich gegen eine Figur zu tauschen, die erst ein Mal gezogen hat – das allein repräsentiert schon einen enormen Zeitverlust, aber es kommt noch schlimmer. Der Springer gibt ohne Not seinen zentralen Posten e5 auf, und er hilft zu allem Übel dem Schwarzen bei der Entwicklung, denn Schwarz entwickelt eine Figur, indem er auf d7 zurückschlägt.

8…Sb8xd7

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Im achten Zug ist für Weiß einiges schiefgelaufen, aber dank seines Anzugsvorteils und Papas Fehlers im siebten Zug ist es noch nicht so schlimm. Jetzt 9.d2-d4 und dann die Rochade (oder andersherum), und die Lage sollte etwa ausgeglichen sein. Weiß hat ja sogar einen Vorteil auf seiner Seite, der jedem Schachmeister lieb und teuer ist: das Läuferpaar.

oli24

Im Verlauf seiner Reise auf dem Schachozean wird Oli bald lernen, dass Läufer etwas stärker sind als Springer und im Paar besonders stark. Bei Gelegenheit werden wir ihm dann ein leeres Brett vor die Nase setzen, zwei Läufer ins Zentrum stellen und ihm die Macht des Läuferpaars auf diese Weise veranschaulichen. Aber so weit sind wir noch nicht…

9. Lb5xd7+

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…und darum ignorieren wir einfach den Schmerz, der uns angesichts eines solchen Zuges heimsucht.

9… Dd8xd7

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Aber im Sinne einer gründlichen Analyse müssen wir darauf hinweisen, dass sich Oli jetzt auch noch die Möglichkeit genommen hat, per d2-d4 Papas Fehler 7…Lf8-c5 auszunutzen. Das Feld d4 kontrolliert nun der Schwarze, und der Lc5 darf jetzt von sich behaupten, eine aktiv aufgestellte Figur zu sein.

10. O-O O-O 

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Beide Könige sind in Sicherheit. Zeit für eine Zwischenbilanz, und die fällt für Oli nicht günstig aus:

  • Schwarz hat alle Figuren entwickelt, Weiß nicht.
  • Schwarz hat die Türme verbunden, Weiß nicht.
  • Schwarz beherrscht mit einem Bauern ein Zentrumsfeld, Weiß keines.

Ein schönes Beispiel, wie sich für Schwarz viele kleine Vorteile nach und nach zu einem spürbaren angehäuft haben.

11. Sc3-e4

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Ah! Vielleicht will Oli den Lc5 vertreiben, um danach per d2-d4 einen Pflock im Zentrum einzuschlagen?

11… Dd7-c6 12. Nf3-g5 g7-g6 

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Papa sieht Gespenster. Schwarz befürchtet einen Königsangriff und verhindert Dd1-h5, obwohl das keine Drohung war.

Ein Angriff funktioniert nur, wenn der Angreifer sich dafür eine Basis geschaffen hat: EntwicklungsvorsprungKontrolle des Zentrums. Beides fehlt Weiß. Zwei wahllos nach vorne geworfenen Figuren machen keinen Angriff, wenn der Rest der Truppen ganz hinten steht und das Zentrum in Gegnerhand ist.

13. d2-d4!

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Na, also. Geht doch!

Schritt 1: Zentrumskontrolle.

13… Lc5-e7 14. Lc1-e3 

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Schritt 2: Entwicklung beenden.

Oli ist auf dem Weg, sich wieder in die Partie zu kämpfen.

14… Dc6-d5

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Danke für die Hilfe, Papa. Greift den Sg5 an, aber der ist auf seinem Posten im Niemandsland eh deplatziert, und Oli muss ihn ziehen, um ihn wirkungsvoller aufzustellen. Und da Papa ja d2-d4 erlaubt hat, bietet sich Olis Springer auf e5 ein wunderbarer Stützpunkt an.

15. Ta1-c1??

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Schade. Gerade lief es wieder, da stellt Oli eine Figur ein. Und einmal mehr muss er die Erfahrung machen, dass unser Interesse an seinen Partien schlagartig erlahmt, sobald das passiert.

Ein Springer weniger gegen einen Schach-Routinier wie Papa – das ist zu viel. Oli wehrte sich noch ein paar Züge, bevor er das Handtuch warf.

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