Projekt „Papa besiegen“, erster Versuch: Springer brauchen Stützpunkte

Ein paar Wochen vor Beginn der Saison 2018/19 machen wir uns schachlich keine Sorgen um unseren Neuzugang Oli, das läuft. Auf Lichess hat er beim 15-Minuten-Schach in acht Wochen 320 (!) Ratingpunkte zugelegt. Von Trainingspartie zu Trainingspartie stellt er weniger Material ein, bald wird er sich das gänzlich abgewöhnt haben.

Kein Material einzustellen allein sollte ausreichen, um die eine oder andere Partie zu gewinnen. Beim Schach triumphiert ja bekanntlich der, der seinem Gegner mehr Figuren wegnimmt als umgekehrt. Nichts einzustellen, ist in unserer Liga mehr als die halbe Miete.

Wettkampfatmosphäre ist die große Unbekannte. Wird sie Oli beeindrucken, überwältigen gar? Erst werden hochoffiziell die Paarungen verlesen, dann der Händedruck mit dem Gegner. Auf der Uhr tickt die Bedenkzeit herunter, links und rechts grübeln die Mannschaftskameraden, der Notationspflicht ist Folge zu leisten, und auf der anderen Seite des Brettes sitzt womöglich jemand, der 10, 20 Jahre älter ist – oder 60. Wer gespannte Wettkampfatmosphäre kennt, empfindet sie als stimulierend, aber wie ein achtjähriger Novize darauf reagiert – wir wissen es noch nicht.

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„Berührt, geführt“ gilt sowieso, dazu kommt die Notationspflicht. Oli simuliert Wettkampf.

Auf jeden Fall wird Oli auch darauf vorbereitet sein. Bei ihm daheim hat nämlich das Projekt „Papa besiegen“ begonnen: Bevor Oli in den richtigen Wettkampf zieht, simuliert er ihn am Wohnzimmertisch. Mit Uhr und Notationspflicht. Papa zu besiegen, über den Lehrmeister zu triumphieren, das wäre das Größte – für beide. Aber leicht wird das nicht. Noch ist Papa zwei Klassen besser.

Als wir vom Projekt „Papa besiegen“ gehört haben, hat uns das auf Anhieb derart begeistert, dass wir allen Schacheltern nahelegen, diesem Beispiel zu folgen. Das gilt besonders für jene, die ihr Kind beim Schachclub abgeben und glauben, damit allein sei allen Beteiligten geholfen. In acht sieben von zehn Fällen ist es das nicht. Ohne Leidenschaft fürs Spiel, ohne sportlichen Ehrgeiz bringt Schach dem Kind – gar nichts. Wer also sein Kind beim Club abgibt, der helfe mit, Leidenschaft und Ehrgeiz zu wecken.

Danke.

(!=sehr gut, ?!=zweifelhaft, ?=Fehler, ??=grober Fehler)

Papa – Oli
Trainingspartie, August 2018

1. d2-d4!

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Doppelte Kampfansage von Papa, Oli bekommt nichts geschenkt. Nicht nur sichert sich Papa in der ersten Partie die weißen Steine und damit den Anzugsvorteil, dann spielt er auch noch 1.d2-d4. Anders als 1.e2-e4 führt 1.d2-d4 häufig zu eher geschlossenen Stellungen, in denen die Spieler strategisch manövrieren, anstatt einander sofort in einer offenen Feldschlacht taktisch zu bekriegen. Einem Achtjährigen, der taktisch auf der Höhe ist, aber nichts über Schach weiß, eine strategische Partie aufzuzwingen, ist ein erfolgversprechendes Rezept.

1…d7-d5 2. Sg1-f3 Sg8-f6 3. Lc1-f4 Lc8-f5 4. e2-e3 e7-e6

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Zu kopieren, was der Gegner macht, ist anfangs oft eine gute Idee. Aber ewig lässt sich die Symmetrie nicht aufrecht erhalten.

5. Lf1-d3 Lf5xd3 6. Dd1xd3

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Papa hat sein Ziel erreicht. Im Zentrum stehen sich die Bauern unbeweglich gegenüber und verschließen die Stellung. Wenn alle Figuren entwickelt und per Rochade die Könige in Sicherheit gebracht sind, wird es für beide erst einmal darum gehen, langfristige Pläne zu schmieden und Schritt für Schritt voranzukommen, anstatt sich sofort wild herumzuprügeln.

Schwarz könnte nun mit 6…Lf8-d6 den Lf4 befragen, damit der nicht länger ins schwarze Lager lugt. 7.Dd3-b5+ mit potenziellem Gewinn des Bauern auf b7 wäre keine ernsthafte Drohung. Papas Dame würde nur ins Abseits geraten, während Oli sich munter entwickelt.

Schwarz könnte auch 6…c7-c5 spielen und sofort das weiße Zentrum unter Druck setzen, ein Zug, der ohnehin oben auf seiner Agenda stehen sollte.

6… Lf8-b4+?!

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Auf b4 leistet der Läufer gar nichts, anders als sein weißer Gegenspieler auf f4, der einen Posten mit prächtiger Aussicht bezogen hat: Läufer mit ihrer enormen Reichweite wirken am besten aus der Ferne ins gegnerische Lager. An vorderster Front sind sie meistens unglücklich aufgestellt.

Dazu kommt noch, dass 6…Lf8-b4+ dem Weißen sogar hilft: eine Einladung, mit guten Zügen seine Stellung zu verstärken. Papa könnte jetzt zum Beispiel mit 7.c2-c3 seinen Zentrumsbauern d4 stützen, den Läufer zurücktreiben, und dann später per Sb1-d2 und e3-e4 im Zentrum voranmarschieren.

Er könnte auch einfach per 7.Sb1-d2 seine Entwicklung fortsetzen und sich die Option offen halten, später per c2-c4 das schwarze Zentrum unter Druck zu setzen. In beiden Fällen steht der Lb4 doof da.

7. Sb1-c3?!

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Ein erstes Indiz, dass auch Papa sich mit geschlossenen Stellungen schwer tut. Oft ist c3 das natürliche Entwicklungsfeld für den Sb1, aber wenn sich in geschlossenen Stellungen auf d4 und d5 die Zentrumsbauern gegenüberstehen, dann nicht.

Wichtig wäre für Weiß gewesen, sich ja nicht den c-Bauern zu blockieren. Der soll entweder selbst per c2-c4 das schwarze Zentrum anknabbern oder per c2-c3 den d4-Bauern stützen, so dass e3-e4 einfacher durchzusetzen ist.

7… O-O 8. O-O

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Der König ist sicher, wie geht es weiter für Oli?

8…c7-c5 gefolgt von 9…Sb8-c6 wäre eine gute Möglichkeit, auch wenn Olis tatenlos auf b4 herumstehender Läufer für den Moment dann noch isolierter aussähe. Aber das ließe sich später reparieren.

Sofort eine Figur zu entwickeln, kann auch keine schlechte Idee sein: 8…Sb8-d7.

Natürlich würde Oli nicht per 8…Sb8-c6?! Papas Fehler im siebten Zug kopieren. Den c-Bauern darf sich Schwarz nicht verstellen, der soll ja per …c7-c5 das weiße Zentrum befragen.

8… Bxc3?!

Der Begriff „Abtausch“ ist ein irreführender.

Beim Schach sind wir darauf bedacht, Schritt für Schritt kleine Vorteile anzusammeln, bis die sich zu einem die Partie entscheidenden angehäuft haben. Nur, wenn es uns einen Vorteil verschafft, tauschen wir eine Figur gegen eine gleichwertige des Gegners.

Oli hätte zum Beispiel 8…Lb4-d6 ziehen können mit der Idee, den in sein Lager spähenden Läufer auf f4 gegen seinen ins Abseits geratenen zu tauschen. Starke Figur gegen schwache Figur, das wäre ein vorteilhafter Tausch.

8…Lb4xc3 ist ein schlechter Tausch. Wir sollten uns daran erfreuen, dass sich Papa im siebten Zug seinen c-Bauern blockiert hat, und ihn nun in seinem Saft schmoren lassen. Soll er doch sehen, was er mit seinem unglücklichen Pferd anstellt.

Mit 8…Lb4xc3?! verschaffen wir ihm nur Erleichterung, Papa hat jetzt eine Sorge weniger. Seine beiden verbleibenden Leichtfiguren sind ideal aufgestellt. Der Lf4 steht aktiv, der Sf3 mag auf e5 einen aktiven Vorposten finden, und sein c-Bauer ist auch nicht mehr blockiert.

9. bxc3!

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Der Doppelbauer auf der c-Linie stört Papa wenig. Wahrscheinlich wird er ja gleich per  c3-c4 Olis Zentrum anrempeln und den Doppelbauern nach Belieben auflösen. Außerdem hat sich ihm jetzt die b-Linie geöffnet, auf der einer seiner Türme Druck auf Olis Damenflügel ausüben wird.

9… Sb8-c6?!

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Den c-Bauern wollen wir uns nicht verstellen, hatten wir das schon erwähnt?

9…c7-c5 war immer noch eine gute Möglichkeit. Und wenn er dann auf c5 wegnimmt? 10.d4xc5? Soll er. An einem isolierten Trippelbauern auf der c-Linie hätte Papa bestimmt keine Freude.

10. Ta1-b1

Türme gehören auf offene Linien, klar. Sowas spielt Papa mit leichter Hand. Jetzt hängt b7.

10… Ta8-b8

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Ob es dem mächtigen Turm gefällt, zum Beschützer eines Bauern degradiert zu werden? Wir hätten lieber 10…b7-b6 gezogen.

11. Tf1-e1?!

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Nichts sprach gegen den natürlichen Zug 11.c3-c4. Aber Papa hat keinen Plan, Oli leider auch nicht.

Wenn die Entwicklung beendet ist, schauen wir uns um, ob wir Figuren besser aufstellen oder die stärksten des Gegners neutralisieren können. Anders als die langschrittigen Läufer, die gerne aus dem Hintergrund wirken, lechzen Springer nach sicheren, zentralen Vorposten. Einmal dort verankert, gedeckt von einem Bauern, wirken sie mit Macht ins gegnerische Lager.

Hier bieten sich gleich zwei Vorposten an: Oli könnte einen Springer auf e4 installieren. Er könnte auch ausnutzen, dass Papa im Zug zuvor c3-c4 versäumt hat: 11…Sc6-a5 würde nicht nur den potenziellen Vorposten c4 ins Auge nehmen, es wäre auch der blockierte c7-Bauer wieder frei, um Papas Zentrum anzurempeln. Eine dritte Möglichkeit wäre, den aktiven Lf4 zu neutralisieren. Nach 11…Sf6-h5 hätte der keine gute Möglichkeit, sich einem Abtausch zu entziehen.

11… Sf6-g4? 

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Schade. So viele schöne Optionen, aber Oli lässt sie alle liegen. Auf g4 steht der Springer wirkungslos herum, und verankert ist er auch nicht. Außerdem gibt Schwarz seine Kontrolle über das Zentrum auf.

Papa könnte jetzt 12.e3-e4 spielen oder 12.c3-c4 und sein Versäumnis aus dem 11. Zug kompensieren. Weiß stünde überlegen.

12. Sf3-g5?!

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Vorsicht, Papa droht matt auf h7!

Aber im Prinzip könnten wir auch „danke, Papa“ sagen, denn jetzt ist alles wieder gut. Oli sollte seinen auf g4 ins Abseits geratenen Springer zurück nach f6 bringen, dann wäre h7 gedeckt, und mit einem Mal würde der Sg5 isoliert und wirkungslos herumstehen. Papa spielt Hoffnungsschach.

12… e6-e5??

Und hat Erfolg damit.

13. Dd3xh7# 

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Ups.

Wir fordern Revanche!