Das können auch Achtjährige: Turm hoch und aus! (V)

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Wenn Du diese Stellung noch nie gesehen hast, dann müssen wir Dir eine traurige Mitteilung machen: Es mangelt Dir an klassischer Schachbildung. Baue die Position beim nächsten Vereinsabend auf, und fast jeder Deiner Schachfreunde (der gelegentlich ein Buch in die Hand nimmt) wird wie aus der Pistole geschossen sagen: „Lasker-Bauer, Amsterdam 1889.

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Klar, es geht auch ohne die Klassiker. Wenn Dir auf Anhieb zufliegt, was Weiß zu tun hat, ist trotzdem alles gut: Du bist mit einem der wichtigsten taktischen Motive vertraut. Wenn nicht, dann besteht dringender Handlungsbedarf in Sachen Taktik. Wie wäre es mit einem Klassiker in Sachen Schachtaktik, das „Lehr-, Übungs- und Testbuch der Schachkombinationen“ von Karl Colditz, das seit 1983 immer wieder neu verlegt wird und natürlich auch bei uns im Schrank steht, gleich neben John Nunns „Einführung in die Schachtaktik“ von 2004, das wir ebenfalls wärmstens empfehlen.

Würden beim Schach Patente auf taktische Motive vergeben, Emanuel Lasker hätte das Patent auf das doppelte Läuferopfer sicher. Er gewann per 15. Lxh7+! Kxh7 16. Dxh5+ Kg8 17. Lxg7! Kxg7 18. Dg4+ Kh7, und nun folgte der finale Part seiner Kombination, auf den wir eigentlich hinauswollen:

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Turm hoch und aus!

Nach 19. Tf3 e5 20. Th3+ Dh6 21. Txh6+ Kxh6 ist Schwarz zwar dem Matt entkommen, aber Weiß gewinnt per 22. Dd7 eine Figur.

Ob wir den gegnerischen König nun per einfachem Läuferopfer auf h7 oder gar per doppeltem Läuferopfer ins Freie zerren, oft folgt auf das Läuferopfer ein Turmschwenk zum Königsflügel, um den entblößten Monarchen zu erlegen.

Manchmal funktioniert der Turmschwenk sogar, wenn vorher kein Läufer geopfert wurde und der König kaum entblößt ist.

Unser alter Bekannter Henry Joseph Blackburne, einer der besten Spieler des ausgehenden 19. Jahrhunderts, trug den wunderbaren Spitznamen „The Black Death“, der schwarze Tod. Hier bereitete er keinem Geringeren als dem kommenden Weltmeister Wilhelm Steinitz einen ebensolchen.

Henry Joseph Blackburne – Wilhelm Steinitz, London 1883

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Turm hoch und aus!

Nach 23.Td3 droht in erster Linie Th3 nebst Dh6+, oft in Verbindung mit Se4. Schwarz kann sich drehen und wenden, wie er will, es gibt keine Verteidigung. Nach 23…Txe6 24. Th3 De7 25.Dh6+ Kg8 fiel es Blackburne nicht schwer, den Schlussakt aufzuführen:

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26.Tf8+! nebst Matt in zwei.

Die Klassiker zu kennen, ist bis heute für jeden Schachschüler wertvoll, weil in alten Meisterpartien grundlegende strategische wie taktische Motive viel klarer zum Vorschein kommen als in Partien zwischen den Meistern von heute.

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Emanuel Lasker.

Zum einen ist das Schach von vor 100 Jahren einfacher zu verstehen als das von heute mit seiner ausgeuferten Theorie und seiner Vielzahl von Konzepten, die ineinander greifen und einander teilweise wiedersprechen. Zum anderen waren die Gegenspieler der Herren Lasker, Capablanca, Aljechin nach heutigen Maßstäben schlicht nicht besonders gut, so dass sie sich oft wunderbar instruktiv vom Brett fegen ließen. Eine Partie wie 1889 gegen den ehrenwerten Johann Hermann Bauer würde Emanuel Lasker heute nicht einmal in der Bezirksklasse gelingen.

Weil der Widerstand stärker ist, kommen die Turmschwenks der neueren Schachgeschichte oft vielschichtiger daher, dieser zum Beispiel, gespielt vor 26 Jahren bei der Schacholympiade zwischen zwei Großmeistern:

Ian Rogers – Gilberto Milos, Manila 1992

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26. Lxc6+!!

Erstmal das Feld d5 für den Springer freiräumen…

26… Dxc6 27. Sd5 Ld8

(27… Dd7 28. Tc3 Tc8 29. Da6 und Weiß gewinnt.)

…dann mit Tempo die b-Linie besetzen:

28. Tc3 Db7 29. Tb3 Dc6

(Nach 29… Lb6 entscheidet 30. a4 nebst a5 die Partie.)

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30. Tdd3

Und noch ein Turm hoch…

30…La5

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…und aus?

Auf den ersten Blick sieht es danach aus, als habe Schwarz alle weißen Drohungen eingedämmt, aber der Weiße schwenkt unbeirrt weiter.

31. Tdc3! Lxc3 32. Da6!! und Schwarz gab auf.

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32…Dxa6 scheitert an 33.Sc7#, und nach dem untauglichen Versuch 32… Tc8 gewinnt Weiß per 33. Sb6+ Dxb6 34. Txb6 Tb8 35. Txb8+ Txb8 36. Dc6+.

Keine leichte Kost für Anfänger, auch nicht für unseren neuen Schachfreund Oli, den wir bei Gelegenheit erst einmal mit dem Dauerbrenner Lasker-Bauer und anderen Beispielen von früher vertraut machen müssen.

Das Motiv „Turmschwenk“ kannte er vielleicht schon vom Lichess-Taktiktraining, vielleicht auch von seinem Training mit Fritz&Fertig, vielleicht auch gar nicht, wir haben ihn das noch nicht gefragt. Allemal ist es für einen Achtjährigen in einer seiner allerersten Schnellpartien eine starke Leistung, hier den Gewinn aus dem Ärmel zu schütteln:

Antwort 95

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Mit …h6 hat sich Schwarz tödlich geschwächt. Jetzt verliert er eine Figur: 1.Te4!

Turm hoch und aus!

Es droht ja nicht nur 2.Tg4 nebst Gewinn des Springers auf g6. Nach 1…f5 2.Dxf5+ Kg8 würde 3.Tc4 mit Gewinn des Läufers auf c5 die Partie entscheiden, und gegen beide Drohungen kann sich Schwarz nicht verteidigen.

Am Bodensee hielt bislang unser Schachfreund Ramadan das Patent auf Turmschwenks. Sieht aus, als müsse er das nun mit Oli teilen.

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