Europameisterschaft (6): Keymer rettet den Männern ein Unentschieden, Frauen schlagen die Niederlande

Endspiel-Energieleistungen von Vincent Keymer und Josefine Heinemann haben den Nationalmannschaften bei der Europameisterschaft Punkte beschert, mit denen die meisten Beobachter und wahrscheinlich auch die Spielerinnen und Spieler nicht mehr gerechnet hatten. Die Männer retteten ein Unentschieden, die Frauen gewannen.

Im Video: Vincent Keymers hart erkämpfter Endspielsieg über Richard Rapport, der der deutschen Mannschaft das 2:2 gegen Rumänien sicherte.

Mit dem hart erkämpften 2:2 gegen Rumänien haben die deutschen Männer die Tabellenführung verteidigt. Nach Punkten haben allerdings die Engländer aufgeschlossen. Am Samstag in der siebten Runde treffen beide aufeinander. Die Frauen haben die Niederlande 2,5:1,5 besiegt und bleiben oben dran. Sie spielen jetzt gegen Polen.

Die Tabellenspitze im offenen Turnier. | via chess-results.com
Die Tabellenspitze bei den Frauen. | via chess-results.com

Der sechste Spieltag der Europameisterschaft der Mannschaften war für Vincent Keymer und Dinara Wagner auch ein Tag, an dem sie individuelle Meilensteine erreichten.

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Nach fast zehn Jahren gilt seit heute nicht mehr Arkadij Naiditschs deutscher Elorekord von 2737, aufgestellt im Dezember 2013. Dank seines Sieges über Richard Rapport steht Vincent Keymer in der Live-Liste jetzt mit 2739,6 Elopunkten auf Rang 14, neuer deutscher Rekord und seine höchste Platzierung jemals.

Vincent Keymer hat seinen Gegner vom Freitag Richard Rapport überholt und sitzt mit der höchsten Elozahl eines Deutschen jemals jetzt Pragg im Nacken. | via 2700chess.com

Dinara Wagner ist dank ihres Siegs über Peng Zhaoqin jetzt auch nach Elo die deutsche Nummer eins. Elisabeth Pähtz muss diesen Platz nach fast 18 Jahren erstmals räumen. Schon im Juli 2005 hatte sie erstmals Ketino Kachiani-Gersinska vom Thron gestoßen. Im Oktober 2005 zog die gebürtige Georgierin noch einmal an ihr vorbei. Seit Januar 2006 steht Pähtz ununterbrochen vorne, oft mit mehr als 100 Punkten Abstand von der Zweitplatzierten. Nur 2017 wurde es knapp. Sarah Hoolt (heute Sarah Papp) rückte bis auf 20 Punkte heran.

Dinara Wagner steht nach Elozahl jetzt erstmals vor Elisabeth Pähtz. | via 2700chess.com
Weiterhin die Nummer 1a und 1b im deutschen Team, aber in der Eloliste hat sich die Reihenfolge jetzt umgekehrt: Elisabeth Pähtz und Dinara Wagner. | Foto: Paul Meyer-Dunker/DSB

Das dramatische Match der Männer gegen die hoch gehandelten Rumänen begann am ersten Brett mit einer Riesenchance, die ungenutzt verstrich:

Wer weiß, dass hier etwas geht, der findet es: 22.Sd4 und aus. Die Idee ist, die d-Linie zu verschließen, sodass Weiß im nächsten Zug tödlich d6 ziehen kann, weil …Txd6 nicht mehr mit Schachgebot kommt.

Danach passierte lange nichts, das die Enginebalken schwanken ließ. Keymer blieb nach seinem verpassten Ausknipser gegen die Nummer zehn der Welt am Drücker. Sein Brett war das einzige, an dem die Deutschen auf den vollen Punkt drückten.

Nebenan erledigte Rasmus Svane in aller Souveränität seinen Job, nichts anbrennen zu lassen. Mit Schwarz gegen den 2700er Bogdan Deac hatte der Lübecker ein katalanisches Abspiel angesteuert, in dem der Mehrbauer des Rumänen allenfalls von symbolischer Bedeutung sein sollte. Trotzdem ließ ihn sein Gegner lange für den halben Punkt arbeiten.

Das Doppelrufzeichen gilt in erster Linie der Souveränität, mit der Rasmus Svane seine Aufgabe erfüllt. Allerdings ist es nach 23…Se4 noch nicht völlig ausgeglichen. 24.Dxe7 Sxc3 25.Ta1 Dxb2 und Weiß hat zwar den Mehrbauern verloren, behält aber ein wenig Druck. Svane rettete sich schließlich in ein Damendspiel mit 3 vs. 4 Bauern, in dem er nach fünfstündigem Kampf das Unentschieden sicherte.

Matthias Blübaums Partie ließ sich schärfer an. Aber das anfangs zweischneidige Ragosin-Gefecht gegen den ukrainischen Rumänen Kirill Shevchenko mündete bald in ein Turmendspiel, das objektiv zwar nahe am Ausgleich war, in dem aber eher Schwarz Fragen stellte und Weiß Antworten finden musste.

26:Lxd5 nimmt alle Leichtfiguren vom Brett, aber ausgeglichen ist die Angelegenheit nur nach Enginemaßstäben. In der menschlichen Praxis bleibt der schwarze Freibauer als steter Quell von Gefahr auf dem Brett. Matthias Blübaum musste 78 Züge um den halben Punkt kämpfen.

Am ehesten kritisch war es bei Dmitrij Kollars am vierten Brett. Liviu Dieter Nisipeanu, von 2014 bis 2022 Teil der deutschen Nationalmannschaft, wollte partout nicht den Beton anrühren und den halben Punkt sichern, wie er das jahrelang unter schwarz-rot-goldener Flagge getan hatte. Kollars stand unter leichtem, aber anhaltenden Druck.

Ins deutsche Team wäre Liviu Dieter Nisipeanu diesmal nicht mehr gekommen. Im Frühjahr 2023 wechselte er zurück in seine rumänische Heimat – und luchste jetzt den alten Kollegen einen vollen Punkt ab. | Foto: Paul Meyer-Dunker/DSB

Um die Zeitkontrolle herum wurde es für Kollars gegen die aktiven weißen Figuren immer schwieriger, die erforderlichen präzisen Züge zu finden. Während es bei Keymer auf ein extrem schwierig zu gewinnendes Endspiel mit Mehrqualität, aber nur noch jeweils einem Bauern hinauslief, entglitt Kollars seine Partie, und Deutschland lag zurück.

“Draw”, sagt die Tablebase unbeeindruckt vom Materialnachteil. Maschinen können das halten, aber Menschen? Keymer kam entgegen, dass der Pfad zum Remis für Rapport stets recht schmal war, wie sich hier angesichts von drei Remiszügen versus neun Verlustzügen schon andeutet.

Keymer musste gewinnen, um der deutschen Mannschaft den Punkt zu retten. In einem Endspiel Turm plus Bauer gegen Springer plus Bauer kam ihm entgegen, dass Rapport nicht vermochte, die Remis-Aufstellung zu finden. Am Ende nutzte Keymer die Chance, in ein gewonnenes Bauernendspiel abzuwickeln.

83.Txf8 und aus. Nach 83…Kxf8 84.Kf6 g5 (letzter Trick) 85.fxg5 gab Rapport auf.

Nach 85 Zügen hatte Keymer seiner Mannschaft den Punkt gerettet. Deutschland vs. Rumänien 2:2.

Die Nationalmannschaft gegen den bislang schwersten Brocken bei der Europameisterschaft, Rumänien. | Foto: Mark Livshitz/FIDE

Das dramatische Match der Frauen begann ebenfalls mit einer Riesenchance. Jana Schneider hatte die französische Bastion ihrer Gegenspielerin nach 21 Zügen sturmreif geschossen.

22.Sh2!(-g4-f6) wäre schon fast entscheidend. Schwarz kann schlecht rochieren. Nach 23.Sg4 folgt häufig 24.Lf6, 25.Lg7 und dann erst steigt der Springer auf f6 ein. Stattdessen spielte Jana Schneider 22.Lf6, was nicht so gut, aber auch nicht schlecht ist – außer in Verbindung mit 23.Sg5? Das kontert Schwarz mit …Ld2, knipst den Springer g5 raus, und plötzlich steht Schwarz solide, nicht einmal mehr schlechter. Weiß kommt nicht weiter.

Aber das musste noch kein schlechtes Omen sein. Elisabeth Pähtz lieferte sich mit Eline Roebers das erwartete unklare Gefecht in einem 3.f3-Caro-Kann. Pähtz sammelte zwei weiße Bauern ein, musste dafür ihre Dame hin- und herscheuchen lassen, aber zwei Bauern sind erst einmal zwei Bauern.

Hätte Machteld van Foreest (bis dahin 4/5!) statt g5-g6 erst Kh4-g4-f5 gespielt und dann ihren Freibauern laufen lassen, die Partie und das Match hätten unentschieden geendet. So triumphierte Josefine Heinemann. | Foto: Paul Meyer-Dunker/DSB

Dinara Wagner verwaltete derweil ihren katalanischen, moderat-stabilen Vorteil, Josefine Heinemann mit Schwarz war in ihrem italienischen Element schnell ohne Probleme. Während Schneider sich ins Remis fügen musste, gewann Wagner sogar recht bald.

Peng Zhaoqin hatte eine lange forcierte Variante berechnet – und die Schlusstellung dieser Variante als in Ordnung eingeschätzt. Das war sie nicht, im Gegenteil. Wagner nahm das ihr dargebotene Matt in 2 aus dem Taktiklehrbuch gerne.

Dann wurde es bei Pähtz kritisch:

Eline Roebers lief die Zeit davon, aber ihre Stellung wurde immer besser. Sf6+ droht mit Macht. Die Maschine möchte mit 28…Dc5+ 29.Kh1 Dd4 30.Sf6+ einen letzten Rettungsanker auswerfen, um mit Läuferpaar und zwei Bauern gegen die weiße Dame zu versuchen, die schwarze Stellung zu retten. Pähtz versuchte 28…Da2 29.Tf1 Le6, aber es zeigte sich, dass nach 30.Sf6+ nicht nur eine Qualität verlorengeht.

Beim Stand von 1,5:1,5 verwaltete Josefine Heinemann ein Turmendspiel mit 4 vs. 4 Bauern, das kaum gewinnbar aussah. Selbst als ihre Gegnerin den Turm für einen einlaufenden Freibauern gegen musste, hätte das nicht reichen sollen, sie hätte ja ihrerseits einen Bauern durchbringen können. Das tat sie auch, aber auf suboptimale Weise, sodass der einlaufende Bauer sich in einen Springer verwandeln musste:

66.g7-g8S+, was sonst. Auch das sollte noch remis sein, ist aber schon nicht mehr trivial für Weiß.

Schon zwei Züge später verlief sich der Springer entscheidend, anstatt bei seinem König zu bleiben. Heinemann nutzte die Chance, nach 70 Zügen war die Partie vorbei:

70…Te4 nebst matt in 11.

2,5:1,5 für Deutschland.

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[…] Europameisterschaft (6): Keymer rettet den Männern ein Unentschieden, Frauen schlagen die Niederlan…Europameisterschaft, 6. Runde: der Tag, als Dinara Wagner kurzzeitig die Spitze der deutschen Eloliste erklomm. […]

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[…] Match als Elisabeth Pähtz (39) vs. Dinara Wagner (24). In der Live-Rangliste war Wagner schon kurzzeitig vorbeigezogen, aber in den FIDE-Monatsranglisten steht seit mehr als 18 Jahren Pähtz vorne, aktuell acht […]

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Kommentator
4 Monate zuvor

“Nach fast zehn Jahren gilt seit heute nicht mehr Arkadij Naiditschs deutscher Elorekord von 2737, aufgestellt im Dezember 2013.” Das ist absoluter Unfug! (Selbiges gilt auch für die Aussage “Dinara Wagner ist dank ihres Siegs über Peng Zhaoqin jetzt auch nach Elo die deutsche Nummer eins.”) 2700chess.com ist ein gutes Hilfsmittel für die Frage “Was wäre, wenn Spieler X oder Spielerin Y in dieser Auswertungsperiode keine Partie mehr spielt?” – nicht mehr und nicht weniger. Die Listen haben keinen offiziellen Charakter und sind damit ungeeignet, um Elo-Rekorde oder Weltranglisten-Platzierungen zu feiern – hierfür sind ausschließlich die von der FIDE zum… Weiterlesen »