“Komisch, ich freue mich gar nicht” – Liviu Dieter Nisipeanu

Bei der Schacholympiade 2014 spielte Liviu Dieter Nisipeanu erstmals fürs deutsche Team, zuletzt bei der Schacholympiade 2022 in Chennai. Oft war Nisipeanu am ersten Brett der deutschen Mannschaft der Garant dafür, dass oben nichts anbrannte, während die Kollegen an den unteren Brettern nach vollen Punkten fahndeten. Besonders gut funktionierte das bei der Schacholympiade 2018, die das deutsche Team als einziges ungeschlagen beendete.

Sportliches Hoch bei der Schacholympiade 2018 – auch dank Nisipeanus betonhafter Performance am ersten Brett.

Der 1976 geborene Sohn eines rumänischen Vaters und einer deutschen Mutter hatte seine schachlich beste Zeit als Einzelspieler um die Jahrtausendwende. 1999 bei der FIDE-WM in Las Vegas gelangte er bis ins Halbfinale, wo er dem späteren Weltmeister Alexander Khalifman ein 2:2 abrang, aber im Schnellschach-Stechen unterlag. Bis auf 2707 kletterte Nisipeanus Elo nach dem Gewinn der Europameisterschaft 2005.

Nach der Schacholympiade 2022 war abzusehen, dass es fürs deutsche Team nominell nicht mehr reichen würde. Nisipeanu verabschiedete sich aus dem Bundeskader und ging zurück in seine rumänische Heimat, wo er in erster Linie als Trainer arbeitet – und als Spieler weiterhin gebraucht wird.

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Er habe ja gar nicht an der EM teilnehmen wollen, berichtete Nisipeanu im Gespräch mit Paul Meyer-Dunker nach dem Sechstrundenmatch gegen Deutschland. Er musste. Noch ist der rumänische Nachwuchs (mit Ausnahme von Bogdan Deac) nicht gut genug fürs Nationalteam. Außerdem erklärt Nisipeanu, warum im rumänischen Schach plötzlich mehr Geld vorhanden ist als in der Vergangenheit.

Ab Minute 2:06: das Gespräch mit Liviu Dieter Nisipeanu.

Dieter, 2:2 gegen Deutschland mit dem rumänischen Team. Du hast gegen Dmitrij Kollars gewonnen. Was ging dir durch den Kopf? 

Das war alles andere als einfach für mich heute. Eigentlich spiele ich kaum noch, arbeite vor allem als Trainer und hatte außerdem privat ein schwieriges Jahr. Ich wollte hier gar nicht teilnehmen, aber ich musste, weil unser Nachwuchs noch nicht so stark ist wie die jungen Leute in Deutschland. Tja, und heute gegen Deutschland wollte ich auf gar keinen Fall spielen, aber das ist so entschieden worden, da konnte ich leider nichts machen. Mein Sieg heute, ich weiß nicht, ganz komisch. Ich freue mich gar nicht. 

Du hast ja mit fast allen von den Jungs im vergangenen Jahr bei der Schacholympiade in einer Mannschaft gespielt. 

Heute auf der anderen Seite zu sitzen, war mir sehr unangenehm, ehrlich gesagt. Aber man kann ja nicht remis schieben. Es ist Sport, wir müssen spielen. 

Ein paar Worte zur Partie? 

Die war sehr ausgeglichen, aber im Endspiel hat er ein paar Fehler gemacht. Einen trickreichen Zug hätte er spielen können, 44…Sd4. Den würde ich auch von Dmitrij erwarten, aber ich spürte, dass er quasi schon aufgegeben hat. Aber am Ende hat er stark gekämpft, ich habe nicht präzise gespielt, und dann hätte ich es fast noch verdorben. Zum Glück war meine Stellung da schon zu gut. 

Abgang mit Stil: Auf eigenen Wunsch scheide Nisipeanu aus dem Kader aus, teilte der DSB Ende 2022 mit.

Im rumänischen Schach ist einiges in Bewegung, Ihr seid ein starkes Team. Mit welchem Ziel seid Ihr hier? 

Alle wollen, dass wir gewinnen, aber ich finde das gar nicht so klar. Lupulescu und ich sind nicht gut in Form. Wir haben zwar beide viele Jahre für Nationalmannschaften am ersten Brett gespielt, aber jetzt…? Mit solchen vierten Brettern wird es schwierig, so ein Turnier zu gewinnen. Eine Chance haben wir trotzdem. 

Ihr habt neue Leute in der Mannschaft, es wird anscheinend viel investiert. Was passiert gerade im rumänischen Schach? 

Wir haben neue Sponsoren im Schach, Superbet und One United (Superbet ist der größte Sportwettenanbieter Rumäniens, One United eines der führenden Immobilienunternehmen, Anm. d. Red.), deren Logo Du auch auf unseren Sakkos siehst. Diese Unterstützung ist sehr gut, sie geht nicht nur an die Nationalmannschaft. Auch die Jugend wird gefördert. Erste Erfolge sind schon sichtbar, wir haben bei der Europameisterschaft ein paar Medaillen gewonnen. Viele renommierte Trainer arbeiten jetzt im rumänischen Schach, Ramesh zum Beispiel oder Ivan Sokolov. Auch ich werde mit einigen Jungs arbeiten. 

Es war schön, Dich wiederzusehen. Weiterhin alles Gute, Dieter. 

Euch auch. Danke schön, ich drücke Euch die Daumen. Wirklich!   

(Titelfoto: Mark Livshitz/ECU)

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Thomas Richter
Thomas Richter
6 Monate zuvor

Nettes Interview, ein paar Kommentare (der erste zur Einleitung von Conrad Schormann): Wie auch von ihm zuvor thematisiert, ist “zurück in die rumänische Heimat” relativ. Anscheinend wohnte er immer in Bukarest und war nur besuchsweise in Deutschland. Der Verbandswechsel zurück kam dabei erst später, und da spielte Geld wohl eine Rolle – jedenfalls hatte der rumänische Verband sich beim Sponsor Superbet bedankt. “weil unser Nachwuchs noch nicht so stark ist wie die jungen Leute in Deutschland” – wenn sie nicht unbedingt Medaillenambitionen hatten, hätten sie den 20-jährigen David Gavrilescu (Elo 2530) durchaus aufstellen können. Möglich war auch der Neuzugang Motylev,… Weiterlesen »

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[…] “und ich merkte, ich spiele nicht gut. Ich hatte viele schlechte Stellungen. Eine von denen, gegen Dieter, habe ich verloren und der Mannschaft einen Punkt gekostet.” Aber da die Kollegen malade […]