Nach der WM ist vor der EM

Die vier Besten der deutschen Rangliste qualifizieren sich nach Rating für die Nationalmannschaft. Und wenn sich zwei Spieler mit dem exakt gleichen Rating den vierten Platz teilen? Für diese kuriose Konstellation muss die sportliche Leitung des Deutschen Schachbunds jetzt eine Lösung finden.

Kollars oder Svane, wer ist denn nun die Nummer vier und damit nach Rating fürs Nationalteam qualifiziert? | Screenshot via FIDE

Nach dem unglücklichen Viertelfinal-WM-Aus der Frauen-Nationalmannschaft gegen Kasachstan richtet sich der Fokus auf die Mannschaftseuropameisterschaft ab dem 10. November in Budva/Montenegro. Bei den Frauen wie den Herren gilt: Die deutsche Mannschaft steht zwar noch am Anfang ihrer Entwicklung, ist aber schon jetzt stark wie lange nicht und gibt Anlass zu großen Hoffnungen.

“Strongest squad in history?” Gefühlt könnte in diesem Fall stimmen, was Elisabeth Pähtz twittert, aber nominell ist die deutsche EM-Mannschaft der Frauen etwa gleichstark wie die vor zwei Jahren.

Bei der Europameisterschaft 2021 waren die Männer mit einem Eloschnitt von 2646 an 9 gesetzt. 2023 werden sie sich mit einem Schnitt um 2670 deutlich höher in der Setzliste einordnen. Die Frauen werden zwar einen ähnlichen Eloschnitt wie die 2369 von vor zwei Jahren auf die Waage bringen. Trotzdem dürfte das Team stärker sein als 2021. Allerdings müssen die Spielerinnen ab Brett 3 das nominell noch nachweisen.

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Nach dem Spitzenduo Pähtz/Wagner finden wir in den deutschen Top Ten erst auf Rang acht mit Josefine Heinemann die nächste aktuelle Nationalspielerin.

Beim Blick allein aufs Rating fällt auf, dass es (mit Ausnahme der später dazu gestoßenen Dinara Wagner) keiner der seit August 2021 speziell geförderten Nachwuchsspielerinnen gelungen ist, die Elorakete zu zünden. Die ersehnten 2400 bleiben ein mittelfristiges Ziel, die Spitzenplätze der deutschen Rangliste ein kurzfristig erreichbares. Bis dahin finden sich ab Rang drei in der deutschen Rangliste nicht die aktuellen Nationalspielerinnen, sondern die Spitzenspielerinnen der Generation davor, außerdem die unlängst nach Deutschland geflüchtete Kateryna Dolzhykova (die ihr Ziel “deutsche Nationalmannschaft” schon formuliert hat).

Vielleicht auch wegen der zumindest nominellen Erfolglosigkeit des 2021 ins Leben gerufenen und Anfang 2023 verlängerten “Powergirls”-Programms ist aus dem Inneren des DSB-Leistungssports zu hören, dass dieses Programm angesichts der auslaufenden Sponsorenmittel nicht über das Jahr 2023 hinaus fortgesetzt werden soll. Die EM 2023 repräsentiert für die Spielerinnen eine der letzten Gelegenheiten, Argumente für eine Fortsetzung und in eigener Sache zu sammeln.

Neben den speziell geförderten “Powergirls”, die schon bei der EM vor zwei Jahren dabei waren, steht jetzt mit Dinara Wagner erstmals eine zweite Spielerin der erweiterten Weltklasse im Kader. Elisabeth Pähtz schwebt nach Elozahl nicht mehr einsam über allen anderen. Mit Wagner verfügt der Bundestrainer über ein veritables Backup für das erste Brett. Ihm gibt das Flexibilität und allen Beteiligten Entlastung für einen neunrundigen Wettbewerb.

Bei der Team-WM in Polen kam Dinara Wagner leider spät in Fahrt. Fürs deutsche Team ist es wertvoll, erstmals über eine zweite Spielerin der erweiterten Weltklasse zu verfügen.

Wen Yuri Yakovich für die Europameisterschaft aufstellt, ist noch unklar. Sicher ist nur, wie die Aufstellung gefunden wird: Bei den Frauen obliegt es allein dem Bundestrainer, die Riege zusammenzustellen.

Pähtz und Wagner (so sie denn spielen können und wollen) sind gesetzt. Würden Josefine Heinemann und Jana Schneider außen vor bleiben, wäre das eine Überraschung. Fiona Sieber, Hanna Marie Klek, Lara Schulze und vielleicht Melanie Lubbe sind weitere Kandidatinnen fürs Team.

Anders als Frauencoach Yuri Yakovich kann Jan Gustafsson nur einen Spieler nominieren.

Bei den Männern hat der Bundestrainer weniger Einfluss auf die Aufstellung. Es gilt, dass die ersten vier der deutschen Rangliste am Stichtag 1. September ins Team kommen. Jan Gustafsson kann nur bestimmen, wer sich als fünfter Spieler dazugesellt. Außerdem entscheidet Gustafsson über die Brettreihenfolge, in der er sein Quintett in die EM schickt. So weit die Theorie.

In der Praxis sind nur die ersten drei der September-Elo-Liste offensichtlich: Vincent Keymer (2717), Alexander Donchenko (2679), Matthias Blübaum (2670). Wer am Nominierungsstichtag die deutsche Nummer vier ist, geht aus der Liste nicht eindeutig hervor. Dmitrij Kollars und Rasmus Svane (jeweils 2641) teilen sich den vierten Platz.

Neben dieser statistischen Kuriosität hat Jan Gustafsson ein weiteres Problem: Fünf Plätze sind frei, aber der Bundestrainer verfügt über sechs Spitzengroßmeister, die ins Team gehören. Frederik Svane (2626), nominell die deutsche Nummer sechs, hat zum genannten Quintett aufgeschlossen, und seine Leistungskurve zeigt unverändert nach oben.

Dass Frederik Svane in die Nationalmannschaft gehört – keine Frage. Aber hinter Keymer, Donchenko, Blübaum sind nur zwei Plätze für drei etwa gleichwertige Spieler frei. Gut möglich also, dass Frederik Svanes Premiere in der A-Nationalmannschaft sich noch ein wenig verschiebt.

Theoretisch könnte Frederik Svane ins deutsche Team rutschen und bei der EM 2023 seine Nationalmannschaftspremiere feiern. Auf Anfrage dieser Seite teilt der Deutsche Schachbund mit, im Falle eines Ratinggleichstands auf dem vierten Platz der nationalen Rangliste entscheide der Bundestrainer, wer die Nummer vier ist. Gustafsson könnte also bestimmen, dass Kollars die Nummer vier ist, Rasmus Svane aussortieren und dessen Bruder Frederik den Bundestrainerplatz im Nationalteam geben. Theoretisch, wohlgemerkt.

Praktisch wäre so eine Entscheidung nicht weniger kurios als der geteilte vierte Ranglistenplatz am Nominierungsstichtag. In einer Situation, die mit drei etwa gleichwertigen Kandidaten für zwei Plätze ohnehin zu einer Härtefallentscheidung führt, wäre es naheliegend und am ehesten nachvollziehbar, würde Gustafsson als fünften Mann den Fünften der deutschen Rangliste nominieren.

Wenn es so kommt, steht Frederik Svane im Herbst 2023 dennoch zumindest eine internationale Herausforderung bevor, sogar in der Rolle eines Mitfavoriten: Bei der Junioren-WM ab dem 20. September startet der 19-Jährige als nominelle Nummer zwei hinter Hans Niemann (USA).

Die tollsten Kombinationen (und verpassten Gelegenheiten) von der Team-WM der Frauen 2023:

Mitra Hejazipour (2323) – Alua Nurmanova (2347)
FIDE-WWTC-KO 2023 Bydgoszcz, 2023.09.10

Leichte Kost zu Beginn: Schwarz zieht und gewinnt.

(Du willst lösen? Klick aufs Brett!)

Nataliya Buksa (2352) – Deimante Daulyte-Cornette (2360)
FIDE-WWTC-Pool-A 2023 Bydgoszcz, 2023.09.08

Turm gegen Dame? Egal. Weiß zieht und gewinnt.

Elisabeth Paehtz (2471) – Bibisara Assaubayeva (2469)
FIDE-WWTC-KO 2023 Bydgoszcz, 2023.09.09

Eines der Dramen, das dem deutschen Team den Halbfinaleinzug verwehrte. Unter Zeit- und Ergebnisdruck fing Elisabeth Pähtz hier zwar richtig an, setzte aber nicht richtig fort. Wie wäre es gegangen? Weiß zieht und gewinnt.

Lela Javakhishvili (2441) – Yiyi Xiao (2372)
FIDE-WWTC-KO 2023 Bydgoszcz, 2023.09.09

Engines fühlen sich hier pudelwohl, Menschen sehen erstmal nicht viel mehr als ein Durcheinander von hängenden Figuren. Schwarz zieht und gewinnt.

Bibisara Assaubayeva (2469) – Shrook Wafa (2111)
FIDE-WWTC-Pool-A 2023 Bydgoszcz, 2023.09.06

Hätte Bibisara Aussaubayeva gewusst, was hier geht, sie hätte festgestellt, dass das ja gar nicht so schwierig ist. Sie wusste aber nicht einmal, dass hier etwas geht, und dann ist das Manöver für Menschen natürlich nicht zu finden. Du darfst es aber trotzdem versuchen. Weiß zieht und gewinnt.

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Thomas Richter
Thomas Richter
9 Monate zuvor

Zu den Damen – Daumen runter nehme ich in Kauf da ich das eher nüchtern sehe: Der Tweet von Elisabeth Paehtz war VOR der Mannschafts-WM – auf Englisch und damit Ansage an die Konkurrenz? Aus meiner Sicht war das “unnötig” – zu viel Druck auf sich selbst und die Teamkolleginnen? Oft schneidet man (oder frau) ohne hohe Erwartungen im Vorfeld besser ab?! Wenn man das Ausscheiden im Viertelfinale als “unglücklich” bezeichnet – man kann auch sagen “Unvermögen im entscheidenden Moment” – sollte man auch das recht glückliche Erreichen des Viertelfinales nach siegreichem aber “eigentlich verlorenem” Match gegen Bulgarien erwähnen. Josefine… Weiterlesen »

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[…] Nach der WM ist vor der EMDie Frauen haben gerade die Mannschafts-WM hinter sich, nun steht schon die Europameisterschaft vor der Tür. Die beiden Spitzenspielerinnen Elisabeth Pähtz und Dinara Wagner absolvieren die praktische Vorbereitung auf der Isle of Man beim Grand Swiss. […]

Thomas Richter
Thomas Richter
9 Monate zuvor

Nach FIDE-Kriterien ist Dmitrij Kollars die deutsche Nummer 4: Tiebreaker bei Gleichstand ist Anzahl Partien für die aktuelle Liste, und er hat nach dem früheren Ausscheiden beim Weltcup noch ein Open in Italien gespielt – damit kommt er auf 13 Partien, und Rasmus Svane auf 8 Partien. Man kann auch das “optisch” bessere Abschneiden von Rasmus Svane beim Weltcup höher gewichten, oder Jan Gustafsson verlässt sich auf subjektive eigene Eindrücke. Am naheliegendsten ist dabei, beide zu nominieren – sie “teilen sich dann Brett 4”, und die drei anderen setzen nur mal gegen schwächere Teams aus? Frederik Svane “gehört in die… Weiterlesen »