Hikaru Nakamura: Premiere in der Schachbundesliga

Hikaru Nakamura wird in der kommenden Saison erstmals in der Schachbundesliga spielen. Titelkandidat SC Viernheim hat jetzt zum Ende der Wechselfrist am 1. August den spektakulären Neuzugang fürs erste Brett verkündet. Der US-Großmeister, als Nummer zwei der Welt der nominell stärkste Spieler der Liga (wenn nicht Baden-Baden sein Mitglied Magnus Carlsen meldet), werde keinesfalls eine Karteileiche sein, deren Name nur die Spitze des Kaders ziert. Nakamura solle und werde spielen, betont Viernheims Vorsitzender und Teamchef Stefan Martin auf Anfrage dieser Seite.

In einem Interview mit “New in Chess” hat der Hikaru Nakamura jetzt durchblicken lassen, dass er und Magnus Carlsen darüber verhandeln, abseits des WM-Zyklus der FIDE ein Match zu spielen – in einem Format, das beide für besser halten als das der gegenwärtigen WM-Matches des Weltverbands. Die Bedenkzeit wollen sie verkürzen, außerdem soll Schach960 Teil des Matches sein. | Foto: Stev Bonhage/FIDE

Viernheim wird in der kommenden Saison noch mehr als bislang Favorit auf die Meisterschaft sein. In der abgelaufenen Serie hat das Team aus der 34.000-Einwohner-Stadt Serienmeister Baden-Baden zwar geschlagen, ihn aber nicht vom Thron gekegelt, weil im Lauf der Saison zu oft Spitzenleute gefehlt hatten. Die Folge waren Punktverluste gegen Werder Bremen und den Hamburger SK und Platz zwei in der Meisterschaft, einen Punkt hinter Baden-Baden.

In der deutschen Bundesliga hat Nakamura zwar nie gespielt, aber die Viernheimer hatten vor der Kontaktaufnahme mit ihrem neuen ersten Brett eruiert, dass der hauptberufliche Schachstreamer durchaus mannschaftsaffin ist. Für österreichische, italienische, spanische und französische Clubs hat Nakamura schon am Brett gesessen, für deutsche noch nicht.

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Die Kontaktaufnahme sei problemlos gelaufen, sagt Martin. „Wir sind schließlich bestens vernetzt.“ Auch eine Zusage bis zum Ende der Wechselfrist zu bekommen, hat Martin als wenig heikel empfunden. Das größte Problem sei die Planung von Terminen gewesen. Nakamura soll in der Schachbundesliga spielen, verwaltet aber einen mit Verpflichtungen gespickten Terminkalender. Offenbar haben sich darin Lücken gefunden, die sich mit dem Bundesliga-Spielplan decken.

Frisch vermählt: Hikaru Nakamura hat jetzt seine Lebensgefährtin Atousa Pourkashiyan geheiratet.

Vor der Saison 2023/24 ertönt nun erstmals eine vorsichtige Meisterschaftsansage aus Viernheim: „eine gewichtige Rolle“ werde man im Kampf um den Titel spielen, steht auf der Vereinswebsite. Schon als vor einem Jahr bekannt wurde, dass WM-Kandidat Jan-Krzysztof Duda und der usbekische Wunderknabe Nodirbek Abdusattorov den ohnehin veritablen Kader noch einmal verstärken werden, wäre derlei Ambition gerechtfertigt gewesen, aber es war davon nichts zu hören.

Ein Jahr später ist 960-Weltmeister Nakamura nicht der einzige Neuzugang, der sich zu den Dudas, Abdusattorovs und Mamedyarovs im Viernheimer Edelkader gesellen wird. Dazu kommt Bundesliga-Wandervogel Parham Maghsoodloo (Elo 2719, Nummer 29 der Welt), der nach einer Saison beim Münchner SC 1836 und einer beim FC Bayern München nun in Viernheim anheuert – eine Marginalie angesichts der Strahlkraft des neuen Spitzenmannes mit seinem Millionengefolge in den Sozialen Medien.

Stefan Martin, Vorsitzender und Teamchef beim SC Viernheim. | Foto: Grenkechess

Ob die Verantwortlichen des wachsenden Beratungsunternehmens d-fine für die Nakamura-Verpflichtung extra die Schatulle geöffnet haben, verrät Martin nicht, bestätigt aber, dass die Personalie mit dem Sponsor abgesprochen und sehr in dessen Sinne ist. „Ein Riesengewinn“ sei Nakamura, sagt Martin – und meint damit weniger die knapp 2800 Elopunkte des Neuen für anstehende Schachkämpfe.

Im Kampf der Beraterbranche um die besten Köpfe verspricht sich d-fine dank des Engagements im Schachsport Rekrutierungen von höchstqualifiziertem Spitzenpersonal, Mathematiker und Physiker in erster Linie. Vor diesem Hintergrund sei auch das Hochschulschach-Engagement des Unternehmens zu verstehen, sagt Martin. Und vor diesem Hintergrund kommt eine Hausnummer wie Nakamura und die damit verbundene Aufmerksamkeit sehr gelegen.

Der neben Magnus Carlsen bekannteste Schachspieler der Welt soll die Aufmerksamkeit kluger Köpfe aus der Schachszene auf das 2002 in Frankfurt gegründete Unternehmen lenken. Der SC Viernheim will dazu beitragen, indem er die Strahlkraft seines Neuzugangs im Sinne des Sponsors verwertet. Rund um den Verein soll bis zum Saisonstart im Oktober ein Konzept entstehen, um die Nakamura-Einsätze medial möglichst sichtbar zu machen.

“Sponsoring muss einen Nutzen für die Firma haben” – d-fine Mitgründer Markus von Rothkirch auf dem YouTube-Kanal des SC Viernheim mit seinen 106 Abonnenten (es sollten, für den Anfang, 100-mal so viele sein). Der Clip ist binnen eines Jahres gut 80-mal angeschaut worden.

Ein solches Konzept fehlt in Viernheim schon lange. Mit den erstaunlichen Ressourcen, die der Verein seit Jahren für die Außendarstellung mobilisiert, spielt er im Konzert der analog geprägten, medial unbedarften Bundesligisten die herausragende Ausnahmerolle. Aber er geht nicht den nächsten Schritt: die Dinge vernetzen, sie zusammenspielen lassen, um gezielt deren Reichweite und Wirkung zu erhöhen.

Ein Beispiel ist der Viernheimer YouTube-Kanal, auf dem instruktive, informative, auch unterhaltsame Inhalte von annähernd professioneller Produktionsqualität zu sehen sind, so gut wie auf kaum einem anderen deutschen Schachkanal. Wer würde nicht gerne zuhören und -schauen, wenn Ilja Zaragatski erörtert, ob und in welchem Maße Elo sexy macht? Aber niemand schaut zu, weil die Videos innerhalb des YouTube-Systems so ungelenk präsentiert sind, dass sie niemand entdeckt.

Außerhalb sind sie gar nicht präsentiert. Der Viernheimer Facebook-Account etwa verbreitet nicht, was sein Verein auf YouTube zeigt, nicht einmal, wenn dort die Bundesliga live übertragen wird. Oder was die Website Neues verkündet, nicht einmal, wenn dort eine Sensation wie die Nakamura-Verpflichtung zu finden ist. Die Website wiederum zeigt kaum Ambition, als Sammelstelle (“Content Hub“) für alle Viernheimer Schachinhalte zu fungieren.

Die fürs Schach typische Geschichte von den isoliert werkelnden Einzelkämpfern ließe sich am Viernheimer Beispiel ausgiebig weitererzählen. Die Arbeit der Einzelnen verpufft unter Wert, weil sie niemand koordiniert, verwertet und ins Scheinwerferlicht stellt. Aus all dem, was in Viernheim längst da ist, ließe sich ein veritables südhessisches Schachportal mit internationalem Anstrich und einer werthaltigen Reichweite machen. Und das gilt umso mehr, würden dort von nun an kontinuierlich exklusive Nakamura-Geschichten erzählt. Es müsste jemand das Potenzial der Einzelteile sehen und sie miteinander verbinden.

Was verschlägt den bekanntesten Schachspieler der Welt in ein südhessisches 37.000-Einwohner-Städtchen?

Kein Bundesligist bemüht sich auch nur annähernd so wie Viernheim, nach außen gut auszusehen. Aber vielleicht schicken sich ab der kommenden Saison zwei andere Bundesligisten an, den Wettbewerb in der stärksten Liga der Welt zu nutzen, um auf sich aufmerksam zu machen. Nicht zwei der Etablierten, sondern zwei Aufsteiger. Aus Ötigheim und Hannover erklingen Signale, die nahelegen, dass der SCÖ und der SK Lister Turm die Spielzeit für eine Darstellungsoffensive in eigener Sache nutzen wollen.

Für diese beiden und die anderen zwei Aufsteiger hat die neue Saison und die Mitgliedschaft im Schachbundesliga e.V. mit einer kalten Dusche begonnen: Bevor sie in der höchsten Klasse mitspielen dürfen, wurden sie zur Kasse gebeten. Um die Verfahrenskosten in der Sache Kirchweyhe vs. Schachbundesliga begleichen zu können, hat der Verein Schachbundesliga eine Umlage von jeweils knapp 1000 Euro unter seinen Mitgliedern erhoben.

In den Reihen der Aufsteiger sorgte diese Forderung für Rumoren, waren sie doch unbeteiligt am Verfahren, für dessen Ausgang sie jetzt aufkommen sollen. Dem Vernehmen nach haben sich aber letztlich alle gefügt. Die Alternative wäre gewesen auszutreten und auf das Abenteuer Bundesliga zu verzichten.

Wohlgemerkt, alle Aufsteiger haben sich gefügt, nicht alle Bundesligisten. Peter Orantek, Chef des SK Kirchweyhe, soll angekündigt haben, die Zahlung zu verweigern. Er wolle nicht für das Verfahren bezahlen, dass er gegen den Schachbundesliga e.V. gewonnen hat, heißt es. Eine Anfrage dieser Seite bei Orantek, was er zu unternehmen gedenkt, hat der Kirchweyher Mäzen bislang nicht beantwortet.

Offen ist, ob die SF Berlin, der SV Deggendorf und der SV Glückauf Rüdersdorf versuchen werden, ihre Bundesligazugehörigkeit 2023/24 auf dem Rechtsweg zu erzwingen. Berlin und Deggendorf hatten sich rechtliche Schritte vorbehalten, falls die Bundesliga ihr Ultimatum verstreichen lässt. Das Ultimatum endete am 22. Juli. Der Schachbundesliga e.V. hat darauf nicht reagiert. Der Zweitliga-Meister Glückauf Rüdersdorf, Nichtaufsteiger wegen Fristversäumnissen nach Darstellung der Bundesliga, hat sich schon vor Wochen hinsichtlich rechtlicher Schritte beraten lassen.

Bislang ist keine Klage oder dergleichen von diesen Dreien bekannt geworden. Anfragen dieser Seite nach dem Stand der Dinge bei allen dreien haben bislang nicht zu einer Antwort geführt.

Wer glaubt, abseits des doppelten Caruanas sei das Personal des Zweitligisten Düsseldorfer SK schwächer als das des Serienmeisters OSG Baden-Baden, der schaue weiter unten in der Düsseldorfer Liste. Dort finden sich Namen wie Nepomniachtchi, Gukesh oder Praggnanandhaa. | via Schachbund

Die wahrscheinlich beste Vereinsmannschaft der Welt wird in der kommenden Saison zwar im deutschen Spielbetrieb zu besichtigen sein, aber nicht in dessen bester Liga. Der Düsseldorfer SK, zweite Bundesliga West, mit Sponsor Wadim Rosenstein hätte sein ohnehin konkurrenzloses Ensemble kurz vor Toresschluss beinahe noch einmal verstärkt – auf Kosten der OSG Baden-Baden: Fabiano Caruana und Anish Giri, Nummer drei und sieben der Welt, sind seit Neuestem als Düsseldorfer geführt (Caruana bei beiden Vereinen).

Gemeldet sein werden sie dort in der kommenden Saison wahrscheinlich noch nicht. Der von den Düsseldorfern angebahnte Wechsel habe sich nicht rechtzeitig vor dem Meldeschluss vollziehen lassen, heißt es. In der zweiten Bundesliga West 2023/24 müssen nun Ian Nepomniachtchi, Wesley So, Gukesh, Praggnanandhaa, Leinier Dominguez, Andrey Esipenko, Vidit und Jorden van Foreest ohne die Hilfe dieser beiden zurechtkommen.

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Dr. Wille
Dr. Wille
7 Monate zuvor

Dass Arroganza (1.e4 e5 2.Qh5??) gemeldet ist, glaub’ich wohl. Dass er spielt, glaube ich erst, wenn ich die pgn sehe.

Thomas Richter
Thomas Richter
8 Monate zuvor

Zur letzten Bundesliga-Saison kann man anmerken, dass Viernheim – Baden-Baden 5,5-2,5 in der vorletzten Runde war und Baden-Baden schon vorher fast als Meister feststand – sonst wären sie zu diesem Match vielleicht (noch) stärker angetreten. Im Saisonverlauf hatte Viernheim seine Weltklassespieler Mamedyarov sowie Duda und/oder Abdusattorov nur an Wochenenden mit starken Gegnern (zuvor Deizisau und Solingen) eingesetzt, der jeweilige Reisepartner bekam dadurch gegen Viernheim eine Klatsche. Zufällig hatten sie nur dann Zeit??? Tenor des Artikels insgesamt scheint: zusammengekaufte Truppe ist schon OK, wenn man denn im Internet dafür Reklame macht? Das gilt nicht für HSK Lister Turm (deutsche Truppe angeführt… Weiterlesen »