Vizeweltmeister!

Vincent Keymer ist Vizeweltmeister im Schnellschach. Die WM im Kasachstan beendete der 18-Jährige auf dem zweiten Platz, einen halben Punkt hinter dem neuen Weltmeister Magnus Carlsen. Titelverteidiger Nodirbek Abdusattorov wurde Zehnter.

In erlesener Gesellschaft. | Endstand via chess-results.com

Nach einem starken zweiten Turniertag lag Keymer einen halben Punkt hinter dem führenden Carlsen. Damit hatte Keymer die Grundlage dafür gelegt, am dritten und letzten Tag um die Medaillen zu spielen:

Allerdings begann der dritte Turniertag mit einem Rückschlag. Mit den schwarzen Steinen gegen Magnus Carlsen verpasste Keymer ausgangs der Eröffnung zwei Gelegenheiten, Gegenspiel aufzuziehen.

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Wie Vincent Keymer in eine Carlsen-Massage geriet.

Es folgte eine Carlsen-Musterpartie, in der der kommende Weltmeister nach und nach seinen Vorteil vergrößerte, bis ein für Keymer hoffnungsloses Turmendspiel auf dem Brett stand. Der Deutsche resignierte – und aus dem halben Punkt Rückstand auf Carlsen waren 1,5 geworden.

Gegen Carlsen sei es für Keymer besonders schwierig, erklärte der auf chess24 kommentierende Keymer-Coach Peter Leko. Die beiden pflegten ja einen sehr ähnlichen Stil – mit dem Unterschied, dass Carlsen diesen noch etwas besser beherrscht.

Würde diese sang-, klang- und chancenlose Niederlage Wirkung zeigen? Nominell wurde es in Runde elf kaum einfacher. Keymer saß mit Ian Nepomniachtchi der Weltranglistendritte gegenüber, der WM Herausforderer 2021 und WM-Finalist 2023.

Wie Vincent Keymer Ian Nepomniachtchi auseinanderschraubte.

Hatte Keymer am Vortag mit hart erarbeiteten Endspielsiegen noch Monumente der Hartnäckigkeit abgeliefert, folgte nun ein Monument der Stabilität. Unbeeindruckt von der Carlsen-Partie demonstrierte Keymer, dass er die aus seiner Spezial-Schnellschach-und-Blitz-Eröffnung entstandene Stellung schlicht besser versteht und tiefer durchdenkt als sein Gegner. Ausgangs einer Abwicklung im frühen Mittelspiel, die Nepomniachtchi hätte vermeiden können, verbuchte Keymer eine Plusqualität – und demonstrierte überzeugend, dass die Hoffnung seines Gegners auf Kompensation verfehlt gewsen war.

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Dass der Abstand auf Carlsen nach dieser elften Runde wieder auf einen halben Punkt geschrumpft war, lag an einem Aussetzer des Norwegers:

Vladislav Artemiev musste nichts weiter tun, als f4 zu spielen und das eingestellte Material einzusammeln.

In der Vorschlussrunde gelang es Keymer gar gleichzuziehen. Mit den weißen Steinen überspielte er den Inder Vidit, während Magnus Carlsen in einer Neuauflage des WM-Matches 2018 gegen Fabiano Caruana nicht über ein Remis hinauskam. Vor der 13. Runde lagen mit Carlsen, Keymer und Vladislav Artemiev drei Spieler mit 9 Punkten in Front, verfolgt von einem Quartett mit 8,5 Punkten:

via chess-results.com

Magnus Carlsen zog mit einer Weißpartie gegen Parham Maghsoodloo das vermeintlich einfachste Los. Sehr bald fand sich die iranische Nummer eins auf der falschen Seite einer sizilianischen Einbahnstraße wieder.

Bild
Thematisch: 25.Lxh7! und aus.

Es lag nun an Vincent Keymer (Schwarz gegen Maxime Vachier-Lagrave) und Vladislav Artemiev (Schwarz gegen Fabiano Caruana), mit einem Sieg gleichzuziehen und einen Stichkampf gegen Carlsen zu erzwingen. Dass Artemiev dafür nicht in Frage kam, zeigte sich recht bald.

Umso mehr versuchte es Vincent Keymer.

Mit 26…g5! (Diagramm rechts) übernahm er das Kommando und blieb gegen den hartnäckigen Franzosen in einem Spitz auf Knopf stehenden Endspiel am Drücker, bis nach 52 Zügen die Stellung des linken Diagramms erreicht war, eine Zugzwang-Stellung. 52…Sf7 zum Beispiel würde zu einem schwarzen Gewinn führen. Weiß kann nichts ziehen, ohne seine Stellung entscheidend zu verschlechtern. Keymer zog vor den Augen des kiebitzenden Carlsen 52…f2?, und MVL rettete sich ins Unentschieden.

Bin ich schon Weltmeister, oder muss ich in den Stichkampf? Magnus Carlsen kiebitzt bei MVL vs. Keymer. | Foto: Lennart Ootes/FIDE

(Titelfoto: Lennart Ootes/FIDE)

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Dipl.-Ing. Ossi Weiner
Dipl.-Ing. Ossi Weiner
1 Monat zuvor

Herzlichen Glückwunsch zu diesem phantastischen Ergebnis!

keymerfan
keymerfan
1 Monat zuvor

Stark Vincent!

Matthias
Matthias
1 Monat zuvor

Es ist wunderbar solch einen Weltklassespieler in Deutschland zu haben. Vincent Keymer ist nicht zur riesenstark, sondern auch extrem sympathisch. Eine Kombination, die selten ist.
Jetzt kann man ihm eigentlich nur wünschen, dass unser Land und seine potentiellen Sponsoren solch Talent und Persönlichkeit auch zu schätzen wissen.
Beim heutigen Stellenwert des Schnellschachs, und der Tatsache, dass die letzten WM Kämpfe häufig auch im Schnellschach entschieden wurden, ist Vincent Keymer jetzt schon zu einem der drei erfolgreichsten deutschen Spieler aller Zeiten aufgestiegen.
Ganz großartig lieber Vincent!

Ludger Keitlinghaus
Ludger Keitlinghaus
1 Monat zuvor

Ein gutes Zeichen, dass es mit dem Talent stimmt!
Weiterhin viel Erfolg!
MFG
LK

Walter Rädler
Walter Rädler
1 Monat zuvor

Herzlichen Glückwunsch, wir werden mit Vincent Keymer sehr viel Freude haben.
Die drei erfolgreichsten deutschen Spieler?

  1. WM Emanuel Lasker 2. Dr. Robert Hübner 3. Adolf Anderssen => Früher gab es keine Schnellschach-Weltmeisterschaften, für mich zählt Keymer noch nicht dazu, das wird er aber in Zukunft sicherlich ändern.
Thomas Richter
Thomas Richter
1 Monat zuvor
Reply to  Walter Rädler

Ich bin vielleicht voreingenommen (immer noch passives Mitglied des nach ihm benannten Münchner Vereins, zuvor einige Zeit “sehr aktives Mitglied”), aber ich würde doch auch noch Siegbert Tarrasch nennen.Wo genau in der Liste (natürlich hinter Lasker), darüber könnte man endlos diskutieren. Zum Stellenwert von Medaillen bei Schnellschach-WMs: der nun entthronte Weltmeister Abdusattorov kann, wie Keymer, noch in die engere Weltspitze vorstossen – das wird bei beiden und anderen die Zukunft zeigen. Dubov (Gold 2018) und Fedoseev (Silber 2017) schaffen es wohl nicht mehr. Ansonsten auf den ersten drei Plätzen seit 2012 nur sehr bekannte Namen – alle spielten mindestens bereits… Weiterlesen »

Ludger Keitlinghaus
Ludger Keitlinghaus
1 Monat zuvor
Reply to  Walter Rädler

Ich war mal bei einer Kranzniderlegung am Grab von Adolf Anderssen dabei, unsere polnischen Schachfreunde wissen ihn zu würdigen.
Streng genommen, vielleicht geht diese Einschätzung, ist Robert Hübner der beste deutsche Schachspieler aller Zeiten, sozusagen, er kann natürlich noch überholt werden.

Ludger Keitlinghaus
Ludger Keitlinghaus
1 Monat zuvor

*
Kranzni[e]derlegung

trackback

[…] von zwei Superturnieren, begannen für Vincent Keymer denkbar erfolgreich. Als frisch gekürter Vizeweltmeister im Schnellschach geht der 18-Jährige jetzt die Herausforderung an der niederländischen Küste an, eine […]