Dreifach-Weltmeister!

Magnus Carlsen ist Blitz-Weltmeister2022, sein 6. Titel im Blitz und sein 15. Weltmeistertitel insgesamt. Carlsen hält jetzt zum dritten Mal drei der vier Weltmeistertitel; den im Blitz, den im Schnellschach und den „großen“, bei dem ungeklärt bleibt, ob es sich um die Weltmeisterschaft im klassischen Schach oder die Weltmeisterschaft aller Klassen handelt. Sicher ist, dass diesen Titel bald entweder Ian Nepomniachtchi oder Ding Liren übernimmt.

Blitz-WM: alle Ergebnisse, ein paar Schlaglicher und der Fokus natürlich auf Vincent Keymer, der sich jetzt als deutsche Nummer eins auch in den schnellen Disziplinen etabliert hat.

Für Carlsen begann die Blitzweltmeisterschaft mit einem Sprint und außer Atem. Er hatte in Almaty im Stau gestanden, kam zu spät zum Sportpalast Baluan Sholak und musste sich sputen, rechtzeitig das Brett zu erreichen, wo sein Erstrundengegner Vladislav Kovalev schon zweieinhalb Minuten wartete. Bis auf 30 Sekunden war Carlsens Uhr heruntergelaufen – was ihn nicht davon abhielt, seine Auftaktpartie zu gewinnen.

Mit dem FIDE-Dresscode ließ sich dieser Auftritt in Schlabberhosen und Puma-Hoodie nicht in Übereinstimmung bringen, aber Carlsen kam mit einer Verwarnung davon. Und schaffte es gerade rechtzeitig ans Brett, bevor seine Zeit abgelaufen war. | Foto: Lennart Ootes/FIDE

Danach erwartete ihn weiteres Ungemach, ebenso wie seinen WM-Gegner 2021 Ian Nepomniachtchi. Während Carlsen im Hoodie seines Werbepartners Puma in den Schachpalast gesprintet war, hatte sich der Russe in einem Argentinien-T-Shirt ans Brett begeben, eine Referenz an den Sieg von Messi&Co. bei der Fußball-WM. Nur ließen sich weder Hoodie noch Argentinien-Shirt mit dem Dresscode der FIDE in Übereinstimmung bringen.

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Dvorkovich-Rechtsberater Alexander Martynov (rechts, im Hoodie) erklärt Ian Nepomniachtchi (links, im Argentinien-T-Shirt) den Dresscode. 2.v.r.: Der ordentlich gekleidete Pavel Tregubov, Vorsitzender des Schiedsgerichts, von dem weiter unten die Rede sein wird.

Carlsen und Nepomniachtchi handelten sich eine Verwarnung ein. Beide durften weiterspielen, mussten sich aber umziehen und wurden ermahnt, am zweiten Tag doch bitteschön ordentlich gekleidet zur Weltmeisterschaft zu erscheinen.

Nepomniachtchi spielte erstmal in einem weit aufgeknöpften Seidenhemd weiter. Ob er damit der Hitze im Spielsaal begegnen wollte? Darüber beschwerten sich eine ganze Reihe von Spielern, Magnus Carlsen etwa oder Hikaru Nakamura: „Es hat hier 9.000 Grad, das macht es jedem schwierig. Toll ist das nicht.“

Wer fragt, ob die FIDE keine anderen Probleme hat als ihren Dresscode, der hat eine rhetorische Frage gestellt. Ein Problem lässt sich mit einem Blick auf die Liste der Spieler und Spielerinnen erkennen: Dutzende Russen waren am Start, kaum Ukrainer. Sollten nicht Repräsentanten des Landes, das ein anderes überfallen hat, außen vor bleiben, statt andersherum, ließe sich fragen.

Außerdem: Sollte jemand, der wie Freedom-Finance-Gründer Timur Turlov aus dem Land des Aggressors stammt und auf der Sanktionsliste des überfallenen Landes steht, eine Weltmeisterschaft sponsern dürfen?

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FIDE-Geschäftsführer Emil Sutovsky erfreut sich am Freedom-Banner auf dem Times Square.
Nicht nur beim Rapid, auch beim Blitz sammelte Boris Gelfand kampflose Punkte unter anderem gegen FC-Bayern-Spieler Amin Tabatabaei.

Wie verhält es sich generell mit Repräsentanten eines Landes, das die Existenz einer anderen Nation nicht anerkennt? Wie beim Rapid verweigerten auch beim Blitz Iraner den Israelis den Wettkampf. Das Iran-Thema stand in Kasachstan durchgängig im Fokus.

Während der Schach-Weltverband keine Anstalten macht, den iranischen Verband rauszuschmeißen oder wenigstens unter Druck zu setzen (wie es eigentlich beschlossen ist), verliert der Iran jetzt zum zweiten Mal binnen drei Jahren seine Nummer eins im Schach: Sarasadat Khademalsharieh wird sich laut einem Bericht der Zeitung El Pais nach dem Ende der Rapid- und Blitz-WM in Spanien niederlassen.

Als Präsident des Berliner Schachverbands ist Paul Meyer-Dunker längst zur Stimme des deutschen Schachs, zum Ansprechpartner der Medien im In- und Ausland geworden. Anlässlich der Blitz-WM befragte ihn der norwegische Aftenposten zu seiner Sicht der Dinge in Sachen iranischer Schachboykott gegen Israel.

Sie hatte beide Wettbewerbe absolviert, ohne das traditionelle Kopftuch zu tragen, eine Geste der Unterstützung für die Proteste gegen das Regime im Iran. Schon vor drei Jahren war sie daheim mit einem Reiseverbot belegt worden, als sie in einer Videobotschaft ihre Unterstützung für Alireza Firouzjas Trennung vom Iran bekundete – und sagte, es würden weitere Fälle folgen, wenn nicht die Regierung das Verbot, gegen Israelis zu spielen, streicht.

Nun ist sie selbst der nächste Fall. Mit ihrem Mann,  dem iranischen Regisseur Ardeshir Ahmadi, und dem im Februar geborenen Kind wird sie fortan in Spanien leben.

Sollte eigentlich eine Weltmeisterschaft in ein Land vergeben werden, in dem Homophobie und Diskriminierung an der Tagesordnung sind? Wenn sogar der Deutsche Schachbund, dessen Präsidium und Kongress in solchen Fragen traditionell ein Totalausfall sind (oder schlimmer), dazu eine Meinung formuliert, dann liegt nahe, dass auch hier ein wichtigeres Thema zu behandeln wäre als der Dresscode.

Wenn sich sogar der Deutsche Schachbund äußert…

Zunehmend wichtig werden im Schach die Zuschauer, denen es gilt ein Angebot zu machen, mit dem das Schach im Wettbewerb um Aufmerksamkeit zumindest bestehen, vielleicht sogar bestechen kann. Bei der Blitz-WM ist die Sportart Schach an dieser Herausforderung gleich doppelt gescheitert. So lange sich die Partien auf den Brettern nicht reibungslos in Echtzeit auf Bildschirme übertragen lassen, haben die, die zuschauen, keine Freude daran, und die, die die mal stockend, mal gar nicht, mal falsch übertragenen Partien kommentieren sollen, erst recht nicht.

Es ist ja nicht so, als sei das elektronische Brett gerade erst erfunden worden. Aber auch nach 20 Jahren sind unfallfreie Live-Übertragungen vom Blitzschach praktisch unmöglich. Wahrscheinlich ist der Umstand, dass ein Anbieter den Markt beherrscht, Teil des Problems.

Schach für Berichterstatter zugänglich zu machen, ohne Spieler zu beschränken (und Anti-Cheating-Offiziellen die Arbeit zu erschweren), ist ein Spagat. Nachdem bei der Schacholympiade zu strikte Beschränkungen die Berichterstattung behindert hatten, schlug das Pendel nun in die andere Richtung aus. Bei der Blitz-WM interviewte ein norwegischer TV-Reporter während eines laufenden Streitfalls Spieler am Brett. Ein Fotograf rückte Nakamura, Kosteniuk und mutmaßlich einigen anderen viel zu nahe auf die Pelle.

Alexandra Kosteniuk reichte deswegen einen Protest ein, eine heikle Sache hinsichtlich der Zuständigkeiten für solche Protestfälle: Die FIDE hatte es für richtig gehalten, Kosteniuks beim Weltverband gut vernetzten Gatten Pavel Tregubov (Sekretär der „Global Strategy Commission“) zum Vorsitzenden des Schiedsgerichts zu machen. Aber das ist eine andere Geschichte.

Auf den Brettern schrieb Vincent Keymer seine Erfolgsgeschichte fort, etwas, mit dem er wahrscheinlich selbst nicht gerechnet hatte. Eigentlich war der 18-Jährige ja nach Almaty gekommen, um die schnellen Disziplinen zu üben. Nach der Vizeweltmeisterschaft im Schnellschach und einem 13. Platz im Blitz hat sich Keymer auf Anhieb auch im Blitz und Rapid als klare deutsche Nummer eins etabliert. An einem Preisgeld in mittlerer fünfstelliger Höhe kann er sich zudem erfreuen.

Bei der Blitz-WM der Frauen verteidigte Bibisara Assaubayeva ihren Titel. Elisabeth Pähtz wurde Neunte.

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CAPTN HIRNI
CAPTN HIRNI
29 Tage zuvor

Der Sport sollte sich, erst recht in Zeiten zunehmender Politisierung des Alltags, aus dem politischen Geschehen heraushalten. Sport ist Sport und sollte nicht als Werkzeug politischer Instrumentalisierungen missbraucht werden. Prinzipiell! Sonst endet der ganze Betrieb in einer Interventions- und Lobbyspirale. Das gilt natürlich für beide Seiten: für die Politik selbst als auch für die Sportverbände. Mag im Falle Irans eine Einmischung des Sportes noch auf der Hand liegen, so sieht es bei anderen Geschehnissen schon nicht mehr so eindeutig aus. Irgendwann muss dann die Frage gestellt werden: wer oder was entscheidet, wer oder was “richtig” oder “Rechtens” ist. Auch dem… Weiterlesen »

Ludger Keitlinghaus
Ludger Keitlinghaus
1 Monat zuvor

Wie verhält es sich generell mit Repräsentanten eines Landes, das die Existenz einer anderen Nation nicht anerkennt?” [Artikeltext]

Idee :
In diesem Sinne : ‘Gens Una Sumus’
Es kann in diesem Sinne dem sozusagen schnöden und schlichten (“schlechten”) politischen Gewerbe ein bisschen gegen gehalten werden.
Um die sozusagen integrative Kraft des Schachspiels zu bewerben?!

Andreas Lange
Andreas Lange
29 Tage zuvor

Die FIDE-Vertreter lassen “gens una sumus” zur leeren Phrase verkommen. Feigenblatt, statt Ruhmesblatt.