“Im Konzert der ganz Großen mitspielen”: DSB-Sportdirektor Kevin Högy

Die Schacholympiade ist kaum beendet, schon sitzt ein Teil der Nationalspieler und -spielerinnen beim Schachgipfel in Magdeburg wieder am Brett. Hier wie dort hinter den Kulissen verantwortlich: Kevin Högy, Sportdirektor des Deutschen Schachbunds.

Kevin Högy. | via DSB

Bald nach seinem Wechsel von der Schachjugend zum Schachbund im März 2021 kümmerte sich Högy vor allem um Administratives rund um den Leistungssport: Kader-Challenge, Mitropa-Cup, World-Cup-Qualifikation, Bundestrainersuche (für die Frauen). Seit August 2021 arbeitet der 32-Jährige in Vollzeit als DSB-Sportdirektor.

Als socher hat der gebürtige Hesse die deutsche Delegation bei der Schacholympiade in Chennai angeführt. Im Interview spricht Högy über Erfolge und Misserfolge, über Baustellen und Puzzleteile, über Fördergeld und Perspektiven.

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Kevin, bleibt Jan Gustafsson Kapitän der Nationalmannschaft? Er hat ja sogar selbst gesagt, er habe in Chennai nicht gerade die beste Bewerbung als Coach abgegeben.

Jan ist ein Weltklassetrainer. Allein aus seiner Zusammenarbeit mit Magnus Carlsen hat er viel Wertvolles mitgenommen, das er an unsere Leute weitergeben kann. Abseits des sportlichen Ergebnisses: Was ich in Indien erlebt habe, war ausschließlich positiv. Die Stimmung war gut, die Zusammenarbeit intensiv und fokussiert. Das bisherige Feedback von den Spielern passt in dieses Bild. Jan genießt enormes Ansehen, er hat viele Anregungen gegeben. Im Nachhinein fand ich stark, wie Jan im Detail versucht hat zu analysieren und aufzulisten, wo wir ansetzen können, damit es beim nächsten Mal besser läuft. Das zeigt mir, er hat Lust darauf, es bereitet ihm Freude und er will Erfolg. Jetzt schauen wir mal, was wir daraus machen.

“Im Detail analysiert, wo wir ansetzen können”: Der selbsternannte “Bundestrainer” Jan Gustafsson (eigentlich: Mannschaftskapitän oder, im DSB-Deutsch, Team-Captain) geht Partie für Partie die Werke seiner Schützlinge von der Schacholympiade durch.

Wie ist Eure Manöverkritik ausgefallen?

Alle sind mit dem Abschneiden nicht zufrieden, wir als DSB, Jan als Trainer und nicht zuletzt die Spieler. Wenn vier von fünf Spielern Elo verlieren, kann das Turnier ja auch nicht optimal gelaufen sein. Die Gründe hierfür sind vielschichtig, das analysieren wir gerade. Der eine mag unterschätzt haben, wie sehr so ein Turnier inklusive Jetlag schlaucht. Ein anderer mag nach ersten Rückschlägen blockiert gewesen sein, beim nächsten hätten die Eröffnungen besser laufen können.

Fast alle Nationalspieler haben noch kurz vor der Olympiade Turniere gespielt…

…was vielleicht zu viele Körner gekostet hat. Andererseits: Unsere Spieler sind Profis, sie müssen lukrative Einladungen annehmen, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Aber natürlich reden wir auch über die ideale Vorbereitung auf so einen Wettbewerb und wie sie sich verwirklichen lässt. Am Wochenende kommt Jan nach Magdeburg, dann werden wir uns noch einmal zusammensetzen, all diese Puzzleteile beleuchten – auch im Hinblick auf die Mannschaftseuropameisterschaft 2023 und die Schacholympiade 2024.

Dmitrij Kollars war am Ende des Mammutturniers erschöpfter als erwartet.

Die Schacholympiade 2022 war für die Herren durchwachsen, aber die Perspektive sollte stimmen.

Unbedingt. Wir haben eine junge Mannschaft, zu der ja potenziell noch mehr Spieler gehören als die, die wir in Chennai gesehen haben. Alexander Donchenko wird sich hoffentlich aus seinem Tief befreien, Frederik Svane ist stark im Aufwind. Jan und ich sind uns einig: Diese Mannschaft hat ihren Zenit noch lange nicht erreicht. Das Potenzial ist da, und jetzt müssen wir sehen, wie wir es beim nächsten Mal besser machen.

Welche Lehren zieht Ihr aus der Schacholympiade?

Da sind wir wieder bei den Puzzleteilen, bei individuellen Dingen. Ein einzelnes Rezept, um ein besseres Ergebnis zu erzielen, gibt es nicht, stattdessen eine Reihe kleiner Baustellen. Die gehen wir jetzt an, aber dafür müssen wir auch intensiv mit jedem Spieler sprechen, und die Zeit dafür gab es noch nicht. Die Schacholympiade ist gerade vorbei, jetzt läuft schon der Schachgipfel.

Vincent Keymer gibt der Nationalmannschaft neue Optionen. Wir müssen am ersten Brett nicht mehr Beton anrühren und halten, sondern werden auf Augenhöhe sein, egal, wer kommt.

Ich möchte davor warnen, Vincent das Wohl und Wehe der Mannschaft aufzubürden. Wir sind froh, dass wir ihn haben, und wie er schon bei seinem ersten Auftritt unser erstes Brett gehütet hat, bestärkt uns darin, dass er dort jetzt schon richtig eingesetzt war. Natürlich ist es wertvoll für uns, vorne jemanden zu haben, der dort gegen die Spitzenleute der Gegner mal knipsen kann.

“Jemand, der mal knipsen kann”: Vincent Keymers erste Partie bei einer Schacholympiade, und das sogleich am ersten Brett der deutschen Nationalmannschaft.

Spieler und Trainer haben gesagt, sie hätten von der Olympiade als Fest und globales Schachtreffen nicht viel mitbekommen. Wie war es bei Dir?

Dasselbe. In den ersten Runden habe ich ja unseren Bundestrainer Yuri Yakovich vertreten, der erst am Ruhetag nachkam. Das hieß, ich habe als Kapitän den Spielsaal von innen gesehen, sonst nichts. Und generell frisst so eine Delegationsleitung viel Zeit. Mein Job war, alles von Spielern und Trainern fernzuhalten, dazu kam noch Pauls Akkreditierungsproblem, das mich beschäftigt hat.

Manchmal kam DSB-Reporter Paul Meyer-Dunker rein, dann entstanden schöne Fotos. Manchmal nicht, dann nicht.

Deine Eindrücke von Indien?

In den ersten Tagen konnten wir das Hotel gar nicht verlassen. Organisation und Hotelpersonal war unsere Sicherheit sehr wichtig. Es war einiges Zureden meinerseits erforderlich, bis wir rausgehen durften. Nach ein paar Tagen hatte ich die Verantwortlichen überzeugt, dass aus westlicher Sicht neben der Sicherheit die Freiheit wichtig ist. Schließlich wurden uns Spaziergänge in Gruppen gestattet. Aber allzu viel von Land und Leuten haben wir nicht mitbekommen.

Das Meer war ganz in der Nähe des Hotels.

Ja, aber darin baden durften wir auch nicht. Das sei doch gar nicht nötig, es gebe schließlich den Pool, hat man uns mitgeteilt. Und wer es doch bis an den Strand schaffte, kam immer noch nicht in die Nähe des Wassers. Du wurdest sofort von Polizisten aufgefordert, Abstand zu halten.

Wieso ins Meer, wenn es doch den Pool gibt?

Polizisten?

Für die etwa 2.000 Schachspielerinnen und Schachspieler der Olympiade waren 22.000 Polizisten abgestellt. Auf dem Weg zu den Matches und zurück haben wir aus dem Bus alle paar hundert Meter eine Gruppe Polizisten gesehen. Die standen dort den ganzen Tag in voller Montur – für unsere Sicherheit.

Wie ist aus deiner Sicht das Turnier der Frauen gelaufen?

Das würde ich zweiteilen. Krankheitsbedingt fehlte anfangs Yuri mit seiner Autorität. Er hat zwar von zu Hause aus bei der Vorbereitung geholfen, aber die Mannschaft war ohne seine Anwesenheit nicht so gefestigt. Als er kam, war plötzlich der Glaube da. Vor dem Match gegen die Ukraine zum Beispiel war uns natürlich klar, wir sind Außenseiter, aber unsere Spielerinnen haben daran geglaubt, dass sie die Möglichkeiten und das Können haben, so eine Mannschaft zu schlagen. Am Brett haben sie das dann gezeigt. So eine Leistung gegen eine so starke Mannschaft war noch vor Kurzem undenkbar. Auch der Glaube daran, dass wir so eine Leistung abrufen können, ist neu. Ähnlich war es in der zweiten Hälfte gegen die schwächeren Mannschaften: Es stand nie infrage, wir gewinnen das, wir ziehen das durch.

Bei den Frauen spielt Elisabeth am ersten Brett eine ähnliche Rolle wie bislang Dieter bei den Herren. Wer von den Spielerinnen dahinter wird am ehesten die nächste Elisabeth?

Die Frage finde ich blöd.

Kevin Högy im Mannschaftsbus. | Foto: Paul Meyer-Dunker/Schachbund

Okay?!

Der Plural wäre mir viel lieber. Wir suchen doch nicht die eine nächste Elisabeth, sondern die nächsten Elisabeths. Schau dir die vielen jungen Spielerinnen mit Potenzial für 2400+ an, auch diejenigen hinter der Mannschaft aus Chennai. Da kann und wird sich einiges entwickeln, nicht zuletzt wegen der kontinuierlichen, intensiven Arbeit mit dem Bundestrainer. Von den Spielerinnen bekommen wir begeistertes Feedback, und auch Yuri ist glücklich mit seiner Arbeit und den Früchten, die sie trägt. Er sieht bei jeder Spielerin unseres Kaders das Potenzial, nochmal durchzustarten. Unser Job ist, die Rahmenbedingungen dafür zu schaffen. Außerdem, auch wenn einiges nachkommt, ich hoffe, dass uns Elisabeth noch lange erhalten bleibt.

Sie hat gerade wieder ihren Rücktritt angekündigt.

Ich hoffe, dass wir sie auch mit unserer tollen Mannschaft überzeugen können, damit noch einige Zeit zu warten. Es fehlt ja schon nicht mehr viel bis zum Treppchen. Angenommen, Elisabeth hält ihr Niveau und alle anderen legen noch 50 Elo zu und stabilisieren sich dort, schon haben wir eine Medaillenmannschaft. Perspektivisch sehe ich nicht, warum wir nicht im Konzert der ganz Großen mitspielen sollten.

“Hoffe, sie bleibt uns lange erhalten”: Elisabeth Pähtz mit Bundestrainer Yuri Yakovich. | Foto: Maria Emelianova/chess.com

Mit einem russischen Bundestrainer in Chennai anzutreten, war heikel. Hattest Du Sorge, dass Euch das auf die Füße fällt?

Wir haben uns nicht blauäugig in diese Konstellation begeben, sondern haben es abgestimmt. Natürlich war Yuris Anwesenheit mit unserem Fördermittelgeber, dem Innenministerium, abgesprochen. Sportlich war von allen Seiten erwünscht, dass Yuri dabei ist: von den Spielerinnen, von Yuri selbst und von uns.

Eure Fördermittel für die Jahresplanung und das Leistungssportpersonal haben sich mehr als verdoppelt: von 95.000 Euro 2018 auf 238.000 Euro 2022. Wie kommt das?

Für diesen Sprung muss ich Marcus Fenner danken, der in seiner Zeit als Sportdirektor mehr Mittel denn je akquiriert hat. Er hat dafür gesorgt, dass wir neben einer pauschalen Zuwendung deutlich mehr Fördergelder für konkrete Maßnahmen wie Wettkämpfe und Trainingslehrgänge im Erwachsenen- und Nachwuchsbereich erhalten. Das ist ein großer Schatz, auf dem wir jetzt aufbauen können.

Inwieweit hängen die Zuwendungen von den sportlichen Leistungen ab? Dreht womöglich nach Platz 18 jemand den Hahn zu? Oder öffnen sich neue Türen wegen Janas Goldmedaille?

Wir arbeiten daran, dass es noch besser wird, damit wir mehr für unsere Spitzensportler machen können. Um vom dritten ins zweite Fördercluster aufzusteigen, sind sportliche Erfolge relevant, speziell solche in unserem „Zielwettbewerb“, der Schacholympiade. Für eine sehr gute Chance, ins nächsthöhere Cluster aufzusteigen, bräuchten wir dort eine Mannschaftsmedaille. Aber ich plane durchaus, bei den nächsten Strukturgesprächen mit BMI und DOSB auf unsere diversen anderen Erfolge der jüngsten Vergangenheit zu verweisen: Keymers EM-Silber, Schulzes U20-EM-Gold, Krastevs U16-EM-Gold, Blübaums EM-Gold, dazu viele weitere Medaillen in der Jugend. Aber es steht zu befürchten, dass das kein so großer Türöffner sein wird, wie es eine Medaille beim Zielwettbewerb wäre.

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[…] worden, stattdessen kamen fähige Ehrenamtliche dazu. Hauptamtlich kam mit Kevin Högy ein ambitionierter Sportdirektor an Bord – und durfte tatsächlich als solcher arbeiten. Danach kam Paul Meyer-Dunker, der dem […]