Elisabeth Pähtz und der GM-Titel

GM Elisabeth Pähtz? Ob die beste deutsche Schachspielerin als erste Deutsche und 40. Frau weltweit den Großmeistertitel bekommt, ist weiter in der Schwebe. Unverändert steht die Frage im Raum, ob ihre zweite von drei GM-Normen, erzielt bei der Europameisterschaft 2016, gültig ist. Nach Einschätzung der FIDE ist sie das eher nicht, nach Einschätzung des Deutschen Schachbunds durchaus.

Der DSB wird in der kommenden Woche Pähtz’ GM-Titel bei der FIDE offiziell beantragen. Das teilte der Schachbund jetzt auf Anfrage mit. Im März 2022 wird sich die “Qualification Commission” des Weltverbands mit dem DSB-Pähtz-Antrag befassen und eine Entscheidung treffen.

Ihre dritte (?) Norm hat Pähtz Anfang November 2021 beim Grand Swiss der Frauen in Riga erzielt, wo sie als Zweitplatzierte die Qualifikation für den weiteren WM-Zyklus schaffte. Sogleich verbreitete sich der Jubel über den nun vermeintlich unter Dach und Fach gebrachten überfälligen Titel rasant in der deutschen Schachszene …

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Zu früh gefreut.

…und seitdem darüber hinaus wie wahrscheinlich keine Schachmeldung seit Robert Hübners Sturm auf den WM-Titel. Im TV war Pähtz mehrere Male als Großmeister zu sehen, landauf, landab ist seit November von der Schachspielerin “im Rang eines Großmeisters” zu lesen, teils abgesegnet oder sogar verfasst von Leuten, die es besser wissen.

Den Schlagzeilen nach ist Elisabeth Pähtz GM, der Elozahl nach auch. Formal allerdings hakt die Angelegenheit noch.

In der deutschen Schachblase kam schnell die Erinnerung an eine ausführliche, leider nicht wiederherstellbare Debatte in der Kommentarspalte des Schachtickers auf, die im Juni 2016 nach der Europameisterschaft entbrannt war: Norm oder nicht?

Zwei statt der erforderlichen drei GM unter den Gegnerinnen – einerseits. Andererseits gab es die Möglichkeit, auch mit zu wenig Titelträgern unter den Gegnern sogenannte “Performance-Normen” zu erzielen.

Allein, ist dieses eine Performance-Norm?

Wahrscheinlich ist das damals nicht abschließend geklärt worden, und wahrscheinlich sind Teile der im digitalen Müll gelandeten damaligen Debatte fünf Jahre später erneut geführt worden – abermals ohne Ergebnis.

Auszug aus einer langen Debatte um eine seit fünfeinhalb Jahren nicht beantwortete Frage.

Hinter den Kulissen ist derweil nicht viel passiert, das die Kuh vom Eis ziehen könnte. Zwar glühten zwischen FIDE- und DSB-Regelfachleuten die Drähte, aber um die Sache zu klären, wäre ein offizieller Titelantrag des DSB vor der Sitzung der Titelkommission im Dezember notwendig gewesen.

Einen solchen fristgerecht einzureichen, sei leider nicht mehr möglich gewesen, teilt der Deutsche Schachbund auf Anfrage mit. Aber bevor nicht ein Antrag auf einen Titel vorliegt, prüft die Kommission nicht vermeintliche Normen von Titelkandidaten, egal, wie alt die sind. Auch Pähtz’ unstrittige erste GM-Norm aus der Bundesligasaison 2011/12 ist seitens der FIDE noch ungeprüft.

Immerhin ahnen die 16 Mitglieder der Kommission (14 Männer, 2 Frauen, keine Deutschen) anhand des bisherigen E-Mail-Austauschs in dieser Sache, dass nun ein Antrag auf sie zukommt, der entgegen der Regel keine Formsache ist. Allerdings dürfte der Umstand, dass überhaupt ein Antrag eingeht, den einen oder anderen Regelkommissar überraschen.

“Keine Norm”: Ashot Vardapetian, unter anderem Chef-Schiedsrichter bei zwei WM-Matches (Anand-Gelfand, Anand-Carlsen), war auch bei der Frauen-EM 2016 oberster Regelhüter. | via NOC Armenien

Nach Angaben der FIDE hat der Deutsche Schachbund den damaligen EM-Hauptschiedsrichter Ashot Vardapetian um eine Einschätzung des Falls gebeten. Der Armenier habe den Deutschen und den Kommissionsmitgliedern mitgeteilt, dass Pähtz’ damaliges EM-Resultat nicht für eine GM-Norm ausreicht.

Vor dem Hintergrund dieses Austauschs geht FIDE-Sprecher David Llada davon aus, dass in den vier Monaten seit der Grand-Swiss-Norm 2021 kein Titelantrag des DSB bei der FIDE eingegangen ist, weil “es klar erscheint, dass sie noch nicht die Anforderungen für den GM-Titel erfüllt hat”.

DSB: “Zuversichtlich”

Das wiederum wollen die Verantwortlichen beim DSB so nicht stehen lassen. Schachbund-Sprecher Arne Jachmann teilt auf Anfrage mit: „Bezüglich des GM-Titels von Elisabeth Pähtz steht der DSB mit der FIDE auf höchster Ebene in Kontakt. Wir sind immer noch zuversichtlich, dass alle Voraussetzungen bestätigt werden.” Aus Sicht des Schachbunds ergebe sich aus dem damals geltenden Reglement eine rechtmäßige Norm.

Elisabeth Pähtz wollte sich auf Anfrage dieser Seite nicht zu dem Fall äußern. Bis nicht die Qualification Commission der FIDE getagt und entschieden habe, sei alles andere Spekulation.


Nachtrag: Im Mai 2022 hat die FIDE das Verfahren vertagt.

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[…] Monaten der Unklarheit hat Mitte Januar schließlich der Schachbund auf Anfrage dieser Seite mitgeteilt, der Fall werde zwischen den Verbänden “auf höchster Ebene” besprochen, und der Titel […]

Hans-Jürgen Peter
Hans-Jürgen Peter
6 Monate zuvor

Hallo,mit oder ohne diesen GM Titel,ist Sie zur Zeit eine der besten Schachspielerinnen der Welt!

Hans-Jürgen Peter

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[…] next FIDE congress barring any norm shenanigans, which, unfortunately given the FIDE norm process, cannot be totally barred. Le has been over 2500 for a while now, and was probably an easy pick for the “strongest IM” […]

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[…] next FIDE congress barring any norm shenanigans, which, unfortunately given the FIDE norm process, cannot be totally barred. Le has been over 2500 for a while now, and was probably an easy pick for the “strongest IM” […]

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[…] Offiziell gilt auf deutscher Seite, dass die Gültigkeit der Norm von 2016 noch zu klären ist. “Aus Sicht des Deutschen Schachbunds ergibt sich aus dem damals geltenden Reglement eine rechtmäßige Norm”, hat der DSB auf Anfrage dieser Seite mitgeteilt. […]