Moskau 1945 vs. Magdeburg 2021

Der erste internationale Sportwettkampf nach dem Zweiten Weltkrieg war – ein Schach-Match, zumindest dessen zweite Hälfte. Vom 1. bis 4. September 1945 spielte ein Team der besten Spieler der USA gegen eine Auswahl der UdSSR. Besonderheit dieses Matches: die Spieler saßen zwar am Brett, aber einander nicht gegenüber. Team USA spielte im Hudson Hotel in Manhattan, Team UdSSR im Haus der Kunstschaffenden in Moskau. Am zweiten Wettkampftag kapitulierte Japan, der Weltkrieg war vorbei.

Der kalte Krieg kündigte sich schon an, aber das war 1943 noch nicht abzusehen gewesen. In den USA entstand die Idee, sich mit den Sowjets im Schach zu messen, um die Beziehungen zwischen den gegensätzlichen Alliierten zu verbessern. Ursprünglich sollte im Frühjahr 1944 gespielt werden, doch das lehnten die Sowjets angesichts der Kriegslage ab. Schließlich einigten sich die beiden Parteien auf September 1945.

Gespielt wurde doppelrundig an zehn Brettern, Bedenkzeit: 2,5 Stunden/40 Züge. Da die per Radiotelegrafie und in Zweifelsfällen zusätzlich per Telefon durchgegebenen Züge minutenlang unterwegs waren, dauerten die Partien bis zu 14 Stunden. Eine Tortur für die Schachmeister, auch für die mehr als 1000 Zuschauer hier wie dort. Für jede Partie inklusive Hängepartie nach 40 Zügen waren zwei Tage angesetzt.

So sah es damals im Haus der Kunstschaffenden aus (Klick auf „Play“ startet das Video):

Im September 1945 war der kalte Krieg abzusehen, die schachliche Dominanz der im Westen weitgehend unbekannten Sowjets noch nicht. Die USA mit Samuel Reshevsky und Reuben Fine, Seriensieger bei Schacholympiaden in den 30er-Jahren, galten als Favorit. Aber sie hatten gegen die Sowjets um die angehenden Weltmeister Mikhail Botwinik und Wassili Smyslow wenig zu bestellen: 14,5:5,5 gewann die UdSSR das erste Hybrid-Match der Schachgeschichte.

Quiz-Kandidaten im TV?

In einer zunehmend mobilen Welt sollte diese neue Wettkampfform in den folgenden 75 Jahren kaum eine Rolle spielen. Schon bei der Revanche im September 1946 war Radiotelegrafie kein Thema. Die Amerikaner reisten nach Moskau, dort spielten die Kontrahenten auf traditionelle Weise, und wieder setzte es eine Klatsche für das US-Team: 7,5:12,5.

Anfang Mai 2021, exzessives Reisen ist längst als Klimakiller gebrandmarkt, feiert die hybride Wettkampfform eine Renaissance – und einen ersten optischen Exzess. Die italienische Schach-Nationalmannschaft im Wettkampf sieht nämlich jetzt so aus:

Dieses sind nicht die Kandidaten in einem TV-Quiz: Blick hinter die Kulissen der italienischen Mannschaften beim Mitropacup. Klick auf „Play“ startet das Video.

Dieses Bild möglich gemacht hat Luigi Maggi. Der neue Präsident des italienischen Schachverbands hat eine Kooperation mit dem eSport-Unternehmen QLASH in die Wege geleitet. Diese 2017 gegründete Organisation hat 2020 ein Schachteam gegründet, das sich im Wesentlichen aus den besten italienischen Spielern zusammensetzt. Die bauen als Influencer eine QLASH-Schach-Community auf.

Aus Sicht des italienischen Verbands lag es bei einem Hybrid-Wettkampf nahe, auf die Ressourcen zurückzugreifen, die eine eSport-Organisation anbieten kann, in diesem Fall ein komfortables Gaming-Haus mit Hochleistungsrechnern und stabilem Breitband-Internet. Allemal haben die Italiener jetzt die spektakulärste Location aller zehn Teams.

Eigentlich repräsentiert hybrides Schach ja die Chance, zurück ans Brett zu kommen. Gerhard Bertagnolli, Schiedsrichter bei den Italienern, hat erstaunt zur Kenntnis genommen, dass die Mehrzahl der italienischen Akteure aufs Brett verzichztet. Nur zwei Spielerinnen, die beiden ältesten, haben in ihrer Box vor dem Monitor ein Schachbrett aufgebaut, auf dem sie die Partie spielen. Die anderen spielen ausschließlich via Bildschirm. „Unsere Teams sind sehr jung, sie sind es so gewohnt“, sagt Bertagnolli.

Gäbe es einen Preis für den besten Stream, die Italiener würden ihn gewinnen. Sie können auf die Ressourcen einer eSport-Organisation zurückgreifen, für die Streaming das Brot- und Butter-Geschäft ist. | Fotos/Video via Gerhard Bertagnolli
Und so treffen sich die Welten: Wie der deutsche ist auch der italienische Schachverband eine Stütze der Aufstellerindustrie. Im durchgestylten, neonbeleuchteten Gaming-Haus wirkt der italienische Schach-Aufsteller wie ein Zeugnis einer ganz anderen Kultur. Oder gar wie ein Relikt aus einer anderen Zeit?

Das Breitband-Internet, das den Italienern zur Verfügung steht, wünscht sich auch der zunehmend von den täglichen Verbindungsabbrüchen genervte Schachdeutschland-TV-Kommentator Klaus Bischoff. Auch am vierten von neun Wettkampftagen blieb es dabei, dass die von den Videobildern des Wettkampfs für die Schiedsrichter beanspruchte Bandbreite die Möglichkeiten im Maritim-Hotel in Magdeburg mehr als ausreizt. Der Stream unterbricht mit schöner Regelmäßigkeit.

Die deutschen Spieler:innen (Annmarie Mütsch, dahinter Melanie Lubbe, hinten: Schiedsrichter Jens Wolter) nehmen im Gegensatz zu den Italienern die Gelegenheit wahr, dank Hybrid-Schach endlich ans Brett zurückzukehren …
… aber gelegentlich bleibt doch einer vor dem Bildschirm kleben, hier Ruben Gideon Köllner. | Fotos: Claudia Münstermann/Schachbund

Auf den Brettern läuft es aus deutscher Perspektive weiterhin rund, wenngleich die Frauen jetzt ihre erste Niederlage kassiert haben – unerwartet. Eigentlich waren ja die Frauen gegen Ungarn favorisiert und die Männer Außenseiter. Aber den Männern gelang ein Sieg gegen die elostarke Konkurrenz. Die deutsche Mann- und die Frauschaft steht jetzt mit jeweils 6:2 Punkten in unmittelbarer Nähe zur Tabellenspitze. Details beim Schachbund.

Die sauberste Partie der vierten Runde spielte Jana Schneider am ersten Brett der Frauen:

Am heutigen Samstag ab 15.15 Uhr geht es für die deutschen Herren wie die Damen gegen Slowenien – machbar.

Liveübertragung hier.

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