Der vierte Nerd?

Steht Levon Aronian vor einem Wechsel in die USA? Nach einem französischen TV-Bericht hat die Nummer sechs der Weltrangliste beschlossen, seinen Wohnsitz in die USA zu verlegen und künftig für die USA zu spielen. Hintergrund soll eine Auseinandersetzung Aronians in seiner Heimat über finanzielle und sportliche Unterstützung sein. Smbat Lputian, Vizepräsident des armenischen Verbands, hat nach einen Bericht einer armenischen Nachrichtenseite ein Statement Aronians angekündigt.

„Sie kaufen tatsächlich Nerds“, kommentierte Schachweltmeister Magnus Carlsen einst schmunzelnd, als sein angehender Herausforderer Fabiano Caruana vom italienischen zum US-Verband wechselte. Etwas später folgte Wesley So, für dessen Wechsel von den Philippinen die größeren Ressourcen und Möglichkeiten in den USA ausschlaggebend waren, ebenso wie für den einstigen Kubaner Leinier Dominguez. Dasselbe scheint nun auch für Aronian zu gelten. Geld für Wechsel dieser Größenordnungen scheint in den USA vorhanden, seitdem Milliardär Rex Sinquefield das US-Schach in der Breite wie in der Spitze finanziell anschiebt.

Mediapart TV, Bewegtbild-Ableger des Nachrichtenportals Mediapart, hat gemeldet, dass der armenische Regierungschef Nikol Paschinian nach seiner Amtsübernahme im Mai 2018 dem ersten Schachspieler Armeniens umfassende Unterstützung zugesagt hat: einen jährlichen finanziellen Zuschuss, Computerpower, einen Schachcoach und psychologische Hilfe. Diese Zusage sei nie eingehalten worden, darum wende sich Aronian nun von seiner Heimat ab. Noch vor kurzem, als der Bergkarabach-Konflikt neuerlich militärisch eskaliert war, hatte Aronian öffentlich gesagt, er sei bereit, für sein Land zu kämpfen.

Einige Monate Schachdeutscher

Mit dem mehrfachen WM-Kandidaten und der einstigen Nummer zwei der Welt Levon Aronian hätten die USA eine Nationalmannschaft mit vier Elitespielern, die allesamt schachlich eingebürgert worden sind: Caruana, Aronian, So, Dominguez. Für Levon Aronian wäre ein Wechsel in die USA nicht sein erster. 2003/2004 war der damalige Wahlberliner Schachdeutscher. Seine bis heute enge Verbindung nach Berlin spielte unlängst im Zusammenhang mit der Pähtz-Lichess-Affäre eine Rolle.

„Mein Sponsor hatte mich abgeschrieben“, erklärte Aronian einst in einem Interview zu seinem Wechsel nach Deutschland. Er habe als 18-Jähriger bei 2530 Elo gestanden und keine Unterstützung mehr erfahren. Nach Deutschland sei er nicht gewechselt, um für Deutschland zu spielen, sondern um den Armeniern zu zeigen, „dass ich wechseln kann“. 2003 habe die neue armenische Regierung um den einstigen Präsidenten (und heutigen Chef des armenischen Schachverbands) Sersch Sargsian Kontakt zu ihm aufgenommen, und er habe beschlossen zurückzukehren.

Demnächst Aronians Kollege? Fabiano Caruana (USA). | Foto: Jurriaan Hoefsmit/Tata Steel Chess

Mehr oder weniger willkürliche Wechsel des Verbands ohne tieferen Bezug des Spielers zum Land, für das er spielt, sind im internationalen Schach nicht ungewöhnlich. Zwar besagt das FIDE-Handbuch, dass es für eine schachliche Einbürgerung der Staatsbürgerschaft oder eines Wohnsitzes im Land bedarf. Andererseits kassiert die FIDE für jeden Wechsel eine signifikante, vom Elo des Spielers/der Spielerin abhängige Gebühr. Mutmaßlich deswegen wird nicht in letzter Konsequenz ernst genommen, was im Handbuch steht.

Beispiele dafür gibt es reichlich, auch mit Deutschland-Bezug. Der aktuelle deutsche Nationalspieler Liviu Dieter Nisipeanu rührt am Spitzenbrett der deutschen Mannschaft seit seinem Wechsel erfolgreich Beton an. Dem FIDE-Handbuch nach dürfte er dort aber gar nicht spielen. Nisipeanu hat zwar eine deutsche Mutter und damit deutsche Wurzeln, aber dem Vernehmen nach weder Staatsbürgerschaft noch Wohnsitz.

Aronian soll nun davor stehen, die Angelegenheit inklusive Wohnsitzwechsel regelgerecht über die Bühne zu bringen. In armenischen Schachforen ist schon Wehklagen und Protest ausgebrochen, bevor der Wechsel offiziell ist.

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Manfred Menacher
Manfred Menacher
8 Monate zuvor

Richtig! Warum sollte man nicht in einem Land leben, das einem beruflich die besten Chancen bietet. Aronian ist nichts vorzuwerfen, falls es so kommen sollte.

Stefan Meyer
Stefan Meyer
8 Monate zuvor

Ich finde die im Fußball praktizierte Regelung gut. Hat man im Erwachsenenbereich einmal in einem offiziellen Wettbewerb für die Nationalmannschaft eines Landes gespielt, dann sind Einsätze für Nationalmannschaften anderer Länder zukünfig ausgeschlossen.
Auf das Schach übertragen hieße das, dass man z.B. nicht für verschiedene Länder an Schacholympiaden teilnehmen kann.

Peter Kalkowski
Peter Kalkowski
8 Monate zuvor

Im Schach ist alles möglich Kaufen ,Mieten Pachten und Leasen. Spitzensportförderung in einem Verband bringt echt keinen Nutzen außer Kosten. Die FIDE erlaubt alles, wenn es Geld zu kassieren gibt. Tatsächlich muss man sich die Frage stellen ob internationale Mannschaftswettbewerbe wie Schacholympiade noch sinn machen. Ebenso Mannschaftswettbewerbe auf nationale Ebene. Der Schachzirkus im Spitzensport ist ausgeufert wen interessiert dass Überangebot noch ? Wenn Du für das einstellen einer Digitalen- Schachuhr einen Schiedsrichter brauchst oder einen der sich damit beschäftigt hat und für die Mannschaft einstellt ist was faul am System. Natürlich kann der 70+ Jährige Senior auch die Anleitung studieren… Weiterlesen »

Krennwurzn
Krennwurzn
8 Monate zuvor

Altersvorsorge – wer sollte es ihm verdenken!!

Thomas Richter
Thomas Richter
8 Monate zuvor

Da fehlt dann eigentlich nur noch Carlsen. Aus dem norwegischen Schachverband ausgetreten ist er bereits, und parallel zum Caruana-Wechsel sagte Rex $inquefield “wenn er Interesse zeigt, mache ich ihm ein Angebot”. Bei Aronian ist (derzeit) nicht klar, wer wem zuerst ein Angebot machte – Aronian an Sinquefield oder umgekehrt. Bei So ging es wohl von ihm selbst aus, Caruana wurde dagegen lange umworben – auch von Aserbaidschan, Italien konnte da finanziell nicht mithalten. Caruanas Äusserungen gingen von “kein Thema” (er auf meine Anfrage 2014 in Wijk aan Zee, parallel bestätigte So Gerüchte zu einem anstehenden Verbandswechsel “but it’s going to… Weiterlesen »

Thomas Richter
Thomas Richter
8 Monate zuvor

Naiditsch hatte vor bzw. direkt nach seinem Verbandswechsel einen Umzug nach Baku angekündigt, und der hat “laut Google” (“Naiditsch Baku”) auch stattgefunden – Quellen u.a. Chessbase, chess24 und chess-news.ru die Naiditsch interviewen oder zitieren. Oder ist sich Conrad Schormann sicher, dass das alles (auch z.B. “I have already rented an apartment”) nur vorgeschoben ist und gar nicht zutrifft? Natürlich war der Wechsel nach Aserbaidschan dabei überraschend und absurd – lange war klar, dass er weggeht aber gar nicht wohin (Aserbaidschan hatte wohl, außer vorab eingeweihten, niemand vorab auf dem Zettel). Nisipeanu ist ein anderer Fall: Da nannte der Schachbund noch… Weiterlesen »

Thomas Richter
Thomas Richter
8 Monate zuvor

Ich erinnerte mich wie gesagt an Dinge vor bzw. “während” seinem Verbandswechsel, damals soweit ich mich erinnere Printmedien. Damals warst Du vielleicht noch kein Schachjournalist, -blogger oder – schreiberling. Auf deutsche Fragen zu Menschenrechten in Aserbaidschan reagierte Naiditsch mit “ich bin kein Politiker, und Baku ist ‘ne schöne Stadt”.

Fernando Offermann
8 Monate zuvor

Fabiano Caruana ist doch in Brooklyn aufgewachsen, oder nicht? In Florida geboren. In diesem “die USA kauft ihre Nationalmannschaft”-Zusammenhang passt er nicht rein. Da gibt es andere Beispiele – auch für andere Nationen.

Thomas Richter
Thomas Richter
8 Monate zuvor

“Aufgewachsen” ist relativ: Ab Anfang 2005 wohnte er offenbar in Europa, damals war er 12 1/2 Jahre jung, ab Oktober 2005 spielte er dann für Italien. Da hat er wohl nie gewohnt, aber er hat (auch) diese Staatsbürgerschaft und wurde vom italienischen Verband gefördert. Der erste Verbandswechsel als Jungtalent, das vielleicht den Durchbruch schafft, vielleicht auch nicht – als etablierter Weltklassespieler zurück in die USA (Geld spielte offensichtlich eine Rolle). Vergleichbar wäre, wenn Giri nun wieder für Russland spielen würde. Diese Gefahr drohte aus niederländischer Sicht, als Teenager sagte er in Interviews mal “St. Petersburg still feels most like home”,… Weiterlesen »

Fernando Offermann
8 Monate zuvor
Reply to  Thomas Richter

Viel Vermutung (“relativ”, “offenbar”, “offensichtlich”) – er hatte die Chance ergriffen für die Nationalmannschaft zu spielen. Schon mal Caruana selbst gefragt, welcher Nationalität er sich verbunden fühlt oder mal nachgelesen, wie das bei ihm ist? Und woher wissen Sie, was vergleichbar wäre (Stichwort Giri)?

Last edited 8 Monate zuvor by Fernando Offermann
Thomas Richter
Thomas Richter
8 Monate zuvor

“Relativ” bezieht sich darauf, “wie erwachsen” man mit 12 1/2 Jahren bereits ist. “Offenbar” bezieht sich auf den genauen Zeitpunkt des Umzugs: laut FIDE-Elodaten spielte er Ende 2004 noch vier Turniere in den USA, für die nächste Eloliste (April 2005, damals noch alle drei Monate) drei Turniere in Europa – zweimal Spanien, einmal Ungarn. Für die italienische Nationalmannschaft spielte er erstmals Ende 2007 – zuvor zwar Perspektive, aber nicht der Hauptgrund für den Umzug. Sondern bessere Perspektiven in Europa betrifft Turniere und Trainer – er hat auch viel mit russischen Trainern gearbeitet. Ja, ich habe Caruana selbst gefragt – zweimal… Weiterlesen »

Thomas Richter
Thomas Richter
8 Monate zuvor

Zu Giri: Ob das vergleichbar wäre ist nicht “Wissen”, sondern Analogien. Beide entwickelten sich “im Ausland” (nicht in ihrem Geburtsland) mit Förderung durch den jeweiligen Schachverband vom Jungtalent zum Weltklassespieler. Unterschiede gibt es auch: Caruana wohnte wohl nie in Italien, wie gut sein Italienisch ist da gehen die Meinungen offenbar auseinander (ich kann es nicht überprüfen). Für Italien spielte er, weil er auch Italiener ist. Giri landete zufällig in den Niederlanden (Beruf des Vaters), wohnt dort und spricht fliessend Niederländisch – das weiß ich aus eigener Erfahrung und auch von Fernsehauftritten. Bei einem Interview später als “St. Petersburg still feels… Weiterlesen »

Fernando Offermann
8 Monate zuvor
Reply to  Thomas Richter

Auch wenn ich Ihre Ansicht nicht teile, so möchte ich dennoch unbedingt meine Wertschätzung der Sorgfalt und dem guten Willen gegenüber zum Ausdruck bringen, Argumenten mit Argumenten zu begegnen.

Thomas Richter
Thomas Richter
8 Monate zuvor

Ich hab’s mir mal komplett angeschaut: Beim Antrag auf Verbandswechsel muss eine aktuelle Adresse angegeben werden, und der Spieler muss angeben, seit wann er (nach eigener Aussage) _durchgehend_ in diesem Land wohnt. Beweisen muss man Zeitpunkt von Umzug (z.B. durch Mietvertrag oder Stromrechnung) oder Einbürgerung aber nur, um Spielberechtigung für den neuen Verband ggf. zu beschleunigen oder damit verbundene Kosten zu reduzieren. Neuester relativ prominenter Verbandswechsel ist Iturrizaga: Spanien muss FIDE offenbar statt 5000 Euro nur 3500 Euro “transfer fee” zahlen, wohl da er nachweislich seit mehr als 13 Monaten in Spanien wohnt. Venezuela müssen sie aber wohl für Elo… Weiterlesen »

Fernando Offermann
8 Monate zuvor

“It’s not a rumour, it’s almost a fact, dude” – Hrant Melkumyan, 9. 2. 2021

Thomas Richter
Thomas Richter
8 Monate zuvor

Das Ganze könnte auch ein Trick von Aronian sein, um bessere Konditionen in Armenien zu erreichen – wie schon im Nachhinein sein vorübergehender Wechsel nach Deutschland 2003. Das gibt es wohl auch auf anderen schachlichen Ebenen (“ich habe ein Angebot von einem anderen Verein”) und im Berufsleben (“ich habe ein Angebot von einem anderen Arbeitgeber”). Momentan könnte Aronian noch sagen “das waren alles nur Gerüchte”, und das Melkumyan-Zitat kann man auch als Unterstützung für ihn interpretieren – “almost a fact” heisst ja auch “noch nicht definitiv, da geht noch was”. Bis Aronian sich selbst äussert wird wohl ohnehin noch dauern,… Weiterlesen »

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[…] Es brodelt in der Gerüchteküche – wechselt Levon Aronian in die USA? […]

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[…] eine Pressemitteilung, in der der Wechsel bestätigt wurde. Wie von dieser Seite vor drei Wochen berichtet, nennt Aronian nun selbst das Ausbleiben zugesagter staatlicher Unterstützung als Hauptgrund für […]

Smicek
Smicek
7 Monate zuvor

Er mag gute Gründe für den Wechsel haben, aber mit “Länderspielen” jeder Art kann es dann bitte auch lassen, wenn munter durch die Kontinente geswitcht wird. Die (Ex-)Eheleute Naiditsch/Shvayger kommen in Summe auf fünf verschiedene Nationalteams, in denen sie aktiv waren oder sind. Ein bisschen absurd ist das schon.

Peter Kalkowski
Peter Kalkowski
8 Monate zuvor

Sharing statt Leasen Spielersharing statt Carsharing wäre auch ein Model für Profis. Die FIDE stellt die Spieler in ihrem dienst und vermietetet die Profis für entsprechende Gast- Einsätze. Gut das könnte später auch die noch zu Gründende Organisation von Profischachsportler übernehmen :-). Als Nationalität wird dann FIDE angegeben. Dass jetzige Konstrukt dass man als Verein einen Kader für die Saison melden muss ist doch nicht mehr zeitgemäß. Vorteil man bindet keinen Weltklassespieler (der eh kaum spielt wo er gemeldet ist) man setzt ihn als Gastspieler ein wenn er Zeit hat. Man muss nur die Ordnungen und Statuten anpassen, die Lieblingsbeschäftigung… Weiterlesen »

Claus Seyfried
8 Monate zuvor

Hallo Herr Kalkowski, es beruhigt mich, dass Sie an der Mitarbeit in Verbänden nicht interessiert sind.

Peter Kalkowski
Peter Kalkowski
8 Monate zuvor
Reply to  Claus Seyfried

Ha,ha mich auch. Habe vor längere Zeit auf ihre Seite geschaut Sie machen tolle Arbeit, weiter so.