„Es ist verrückt. Noch nie wollten so viele Leute Schach spielen.“

Schach-Umsätze um mehr als 1.000 Prozent gestiegen. Schach-Nachfrage verdreifacht. Nachrichten dieser Art waren in den vergangenen Wochen immer wieder zu sehen. Nachdem erst coronabedingt Schachartikel gefragter waren denn je, hat nun Beth Harmon und ihr „Damengambit“ den Bedarf noch einmal in die Höhe schnellen lassen.

Abzusehen war das nicht, darauf vorbereitet war niemand, und nun steht Weihnachten vor der Tür, und es wird auch noch das Holz knapp. Wir haben bei Benjamin Aldag von topschach.de nachgefragt, wie sich der plötzliche Run auf unser altes Spiel aus Sicht eines Händlers darstellt.

via chess-site.com

Benjamin, ich möchte ein Schachbrett kaufen. Bekomme ich noch eines?

Schachbretter gibt es schon noch – aber längst nicht mehr alle. Vom Riesensortiment, aus dem du normalerweise wählen kannst, ist bis zu 90 Prozent nicht verfügbar.

Wie kommt das?

Die Großhändler, Weible und Philos beispielsweise, erhalten ihre Sachen aus Indien. Aber die Corona-Einschränkungen machen Produktion und Lieferung problematisch. Zurzeit wird zum Beispiel in Indien nicht gearbeitet. Außerdem wird Holz knapp, das war schon vor Corona so, weil bestimmte Holzarten strengen Import- und Exportbestimmungen unterliegen. Palisander ist aus Sicht von Schachbrett-Herstellern gerade ein enorm kritischer Rohstoff. Und zu alledem sind in Deutschland die Versanddienstleister überlastet. Diese Gemengelage führt zu Engpässen.  

Dazu die durch Corona gestiegene Schach-Nachfrage.

Selbst wenn die Lager voll wären: Allein die gestiegene Zahl der Bestellungen von Händlern unmittelbar zu bedienen, ist für die Großhändler schwierig. Und jetzt hat Beth Harmon dafür gesorgt, dass der Bedarf noch einmal sprunghaft gestiegen ist.

Gibt es denn keine Schachbretter und -figuren aus Deutschland?

Einen Hersteller gibt es, den nenne ich gerne: Ulbrich fertigt in Deutschland, Vollholz, hohe Qualität, guter Preis. Aber fast alle Schachfiguren werden in Indien hergestellt, die Bretter überwiegend in Spanien. Nur, das hatten wir schon, die Hersteller brauchen Holz, und daran kommen sie im Moment nicht so leicht.

„Sprunghaft gestiegene Nachfrage“: Beth Harmon am Brett.

Wie erlebst du die Nachfrage?

Gerade war ein befreundeter Händler zu Besuch, und wir sind uns einig: Es ist verrückt. Noch nie wollten so viele Leute Schach spielen, noch nie haben so viele Leute angerufen, um sich beraten zu lassen. Im Vergleich zu den Vorjahren habe ich in diesem November etwa die vierfache Nachfrage erlebt. Und das vor dem Hintergrund, dass der Vorweihnachtsmonat November ohnehin jedes Jahr ein sehr guter ist.

Helfen die Händler untereinander?

Vereinzelt. Früher, vor der Internetzeit, war der Schachmarkt regional aufgeteilt, man nahm einander nichts weg, das war kollegial. Dann ergab sich eine Phase, in der ein großer Händler quasi Schach-Großhändler wurde und andere zu seinen Preisen beliefert hat. Später kamen Händler auf, die unabhängig direkt mit den Herstellern arbeiten, was ein größerer Aufwand ist, sich aber auch lohnen kann. Heute ist der Schach-Markt hart umkämpft. Wenn der eine die Preisschraube nach unten dreht, rufen die anderen sofort beim Hersteller an und beschweren sich. Ich bemühe mich aber um ein offenes, freundschaftliches Verhältnis zu Kollegen, die sich in unserer Schachnische noch einmal spezialisiert haben.

Was wollen die Leute kaufen?

Turniergroße Schachbretter, wie sie sie auf Netflix gesehen haben. Bücher übers Damengambit und andere Eröffnungen, von denen sie auf Netflix gehört haben. Schachsets. Der Schachcomputer DGT Centaur ist ein Renner. Und kurioserweise besteht eine Riesennachfrage nach Bundesform-Schachfiguren. Eigentlich wurden die in den vergangenen Jahren nur noch gelegentlich an Sammler verkauft, plötzlich sind sie wieder in.

Warum?

Abwandlungen der Bundesform gelten jetzt als stylish. Diese eigentlich alten Figuren werden heute sogar gezielt als „modern chess pieces“ vermarktet, daran haben viele Schachfreunde Geschmack gefunden. Nur haben natürlich viele Hersteller genau diese Figuren nicht mehr im Programm.

Als der Schachbund „Großdeutscher Schachbund“ hieß und Joseph Goebbels dessen Vorsitzender war, wurde überwiegend mit Bundesform-Figuren gespielt. Die waren leicht und kostengünstig herzustellen und hielten lange. Abwandlungen der Bundesform gelten heute als modern.

Wie sieht es in eurem Lager aus?

Schachbretter sind noch da, Reiseschachsets auch, aber wir nähern uns den Restbeständen. DGT-Sachen sind noch lieferbar, damit hatten wir uns im Sommer mehr als reichlich eingedeckt und helfen jetzt auch anderen Händlern aus.

Wenn ich auf Amazon „Schachbrett“ suche, sehe ich eine Riesenauswahl. Bestelle ich halt dort, sollte es beim Schachhändler knapp sein.

Guck genau hin, bei Amazon siehst du in erster Linie eine Auswahl von klappbaren Schachsets, dazu wenige reguläre Bretter. Das ist ganz schön mau im Vergleich dazu, wie es vor einigen Monaten aussah. Normalerweise solltest du aus hunderten von Brettern wählen können. Dazu kommt, dass bei vielen nicht spezialisierten Händlern das Amazon-Angebot nicht mit ihrem Bestand gekoppelt ist. Solche Händler haben gar keine Schachbretter, sie arbeiten per Direktversand. Das heißt, der Online-Händler gibt die Bestellung direkt an den Großhändler weiter, und der schickt dir das Brett – wenn er es denn hat. Unter außergewöhnlichen Umständen wie den jetzigen kann das Brett auf Amazon verfügbar erscheinen, aber wenn du bestellst, bekommst du eine Nachricht: Sorry, die Ware ist nicht lieferbar.

Mit der Nachfrage steigt der Preis. Sind Schachbretter jetzt teurer als vor einem halben Jahr?

Nein. Die Händler müssen durchaus mit stetig steigenden Preisen der Hersteller leben, aber bei Schachbrettern haben wir davon nichts an den Kunden weitergegeben. Das Brett kostet heute so viel wie vor zehn Jahren. Jetzt kurzfristig die Preise anzuziehen, wäre langfristig nicht im Sinne der Händler. Der Kunde beißt vielleicht einmal in den sauren Apfel, aber er wird sich das merken und nicht wiederkommen.

Wie hoch schätzt du den Anteil von Vereinsspielern unter den Leuten, die jetzt einkaufen oder sich informieren?

Die Mehrheit ist nicht im Verein. Das gilt besonders für die vielen Leute, die sich für Schachtraining interessieren. Solche Hobbyspieler, die vielleicht wissen, wie die Figuren ziehen, aber nichts darüber hinaus, sind übrigens am ehesten bereit, Geld für ihr Hobby auszugeben, von Equipment bis zu Trainingsstunden.

Damit könnte das organisierte Schach arbeiten.

Finde ich auch. Schon vor einiger Zeit habe ich dem Schachbund angeboten, jeder versandten Bestellung gratis einen Flyer über Vereinsschach beizulegen. Leider habe ich nie eine Antwort bekommen.

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