Schacherklärer Keymer und der Kinderkanal

Sebastian, Frederik und der kleine Tiger. Das Personal auf dem „Grenke Chess Kids“-Youtube-Kanal ist überschaubar. Am heutigen Montag in der zehnten Folge (Premiere um 14.30 Uhr) bekommt das Trio Verstärkung. Vincent Keymer stößt dazu, um den kleinen und großen Zuschauern zu zeigen, wie die kleinste Figur auf dem Schachbrett durchmarschiert, um sich in eine ganz große zu verwandeln. „Bauernendspiele“ stehen auf dem Stundenplan.

Dem Titelbild der zehnten Folge nach wird der kleine Tiger heute allenfalls eine Nebenrolle spielen.

Mit Vincent Keymer wächst nicht nur ein bärenstarker Großmeister heran, ein großer Schacherklärer noch dazu. In den vergangenen, von Online-Schach-Shows geprägten Monaten haben wir ein ums andere Mal gesehen, wie Vincent im Angesicht einer Schachstellung auf Anhieb die Konzepte benennt, die gerade im Spiel sind, sie gegeneinander abwägt und auf den Punkt bringt, was nun zu bedenken ist.

Und wir haben gesehen, welche Freude es ihm bereitet, andere an seinen Gedanken teilhaben zu lassen. Keymers Match gegen Niclas Huschenbeth im Banter Blitz Cup von chess24, ein Beispiel, war in dieser Hinsicht ein schachlicher Hochgenuss.

Instruktiv und anschaulich führte Keymer die Zuschauer durch die Partien – während er sie spielte. Nach seinem 5:1-Sieg nahm er sich noch eine Viertelstunde Zeit, um fürs Publikum die kritischen Momente der gerade gespielten Partien zu beleuchten. Mit diesem Service überraschte Keymer sogar den Ausrichter, der darauf gar nicht vorbereitet war. Es dauerte einige Minuten, bis im Stream die Stellungen zu sehen waren, die der junge Großmeister gerade erklärte. Bis dahin hatte er, leider, ins Leere kommentiert.

Den Wunderknaben aus Saulheim für den Kinderschachkanal zu gewinnen (offiziell firmiert er als „Schirmherr“), war der zweite gute Zug des Schachzentrums Baden-Baden und der „Grenke Stiftung“, die hinter dem Projekt stehen. Der erste war, ab dem 20. Dezember Sebastian Siebrechts „Faszination Schach“ in ein digitales Format zu gießen – ein Weihnachtsgeschenk für angehende Schachspieler anlässlich eines Fests, bei dem wahrscheinlich mehr Schachbretter unter den Bäumen lagen denn je.

Bevor die Pandemie ausbrach, war Siebrecht deutschlandweit als Botschafter des königlichen Spiels unterwegs. Einen Schachlehrer mit mehr Schülern als den Großmeister aus Essen zu finden, dürfte kaum möglich sein. In Einkaufszentren landauf, landab baute Siebrecht die Bretter auf, und dann galt für eine Woche von morgens bis abends: „Faszination Schach“, ein Erlebnisprogramm für Kinder und Jugendliche rund um die 64 Felder.

Die Bärentaler Bauernkloppe

Aus Siebrechts Schachschule in Essen und seiner Leidenschaft fürs Lehren war 2012 „Faszination Schach“ entstanden. Und es wurde immer größer, Siebrechts Schachtouren immer ausgedehnter und die Nachfrage immer vielfältiger. In erster Linie richtet sich „Faszination Schach“ an Grundschulkinder, aber auch immer mehr weiterführende Schulen und Kindergärten zeigen sich erst interessiert – und dann begeistert.

„Vorbeikommen, mitspielen, klüger werden“, sagt Siebrecht. Lapidar klingt das und ist doch mit einem effektiven Konzept und greifbaren Zielen unterfüttert: spielerisch vorausschauendes Denken lernen, die Konzentration schulen und Lösungskompetenzen entwickeln. Nur würde Siebrecht das nie so nennen, wenn dutzende große Kinderaugen an seinen Lippen hängen. Dann geht es eher um das „Pferdeäpfelspiel“ oder die „Bärentaler Bauernkloppe“ – reduzierte Schach-Minispiele, die den Schüler nach und nach ans große Ganze heranführen.

Mitspielen und klüger werden geht immer noch, vorbeikommen ist gerade unmöglich. Stattdessen gilt: anklicken. Getrieben von der Idee, trotz Lockdowns tausenden, möglichst zentausenden Kindern Schach beizubringen, gab „Grenke Chess Kids“-Initiator Sven Noppes der „Faszination Schach“ eine neue Heimat unter dem Grenke-Dach.

Es entstand der erste deutsche Kinderschachkanal. In den Videos steht der kleine Schachfreund Frederik stellvertretend für die Kindergruppen, die während Siebrechts Schachtouren von Angesicht zu Angesicht das Spiel unter Anleitung eines leibhaftigen Großmeisters lernen (des größten Großmeisters der Welt sogar: 2,02 Meter).

Ohne Gesicht keine Identifikation

Fürs brillante Bild, den guten Ton und die ansehnliche Inszenierung bürgt Video-Großmeister Jonathan Reichel. Der betreut mit seiner Filmproduktions- und Youtube-Firma „E&R Solutions“ auch den eigentlichen Grenke-Schachkanal. Dort bedienen sich TV-Sender gerne, wenn sie professionell produzierte Bewegtbilder vom Schach brauchen. Im ZDF waren Grenke-Clips zu sehen, zuletzt in der Sportschau, als die einen Zehnminüter über unseren Sport ausstrahlte.

Nach Abos hat in der Zwischenzeit Souleidis (gut 80.000) Huschenbeth (knapp 80.000) überholt. Im Lauf des kommenden Jahres werden beide voraussichtlich sechsstellig.

Und doch ist der Grenke-Chess-Kanal mit gut 16.000 Abonnenten „nur“ die Nummer drei in der deutschen Schach-Youtube-Landschaft. Niclas Huschenbeth und Georgios Souleidis sind weit davongezogen, diese beiden nähern sich mit Macht einer sechsstelligen Zahl von Abonnenten.

Das hat zum einen mit der (nicht nur) auf Youtube unabdingbaren Kontinuität zu tun: Huschenbeth und Souleidis senden fast täglich. Zum anderen mit dem Umstand, dass der produktionstechnisch überragende Grenke-Hauptkanal steril und seelenlos daherkommt. Ihm fehlt die entscheidende Zutat: eine Identifikationsfigur, eine Stimme, ein Gesicht.

Davon hat der Grenke-Kinderschachkanal seit heute sogar vier: Sebastian, Frederik, den kleinen Tiger – und Vincent.

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