London calling: „Wir sehnen uns nach den Brettern und werden dahin zurückkehren“

Sollte sich irgendwann einmal die Badische Zeitung oder der Südkurier für Schach interessieren, es wäre kein Wunder, würden sie am Bodensee anrufen, um mehr zu erfahren. Aber ein internationales Leitmedium wie der Guardian? Als jetzt dessen Anfrage in Sachen „Schach und Cheating“ hier eintrudelte, kam das überraschend.

Im Zuge der Affäre um Tigran Petrosian und die Pro Chess League war Guardian-Redakteur Archie Bland auf das Thema aufmerksam geworden. Er wollte mehr wissen, befragte ein halbes Dutzend Autoritäten – und den Schreiber dieser Zeilen. Aus unserem 35-minütigen Gespräch blieb in Blands Artikel genau ein zitierter Satz übrig. Der Austausch diente ihm eher, um sich für weitere Gespräche Hintergrundwissen anzueignen.

Weil die Fragen interessant waren, weil der Schreiber dieser Zeilen sich Sachen sagen hörte, die er nie geschrieben hat, sei das Gespräch hier wiedergegeben.

Conrad, gibt es beim Schach mehr Cheating als noch vor ein paar Monaten? Und wenn ja, liegt das daran, dass sich Schach zu einem großen Teil ins Internet verschoben hat?

Es hat sich nicht nur verschoben, es ist auch gewachsen. Im Lauf der Pandemie sind viele, viele neue Spieler dazugekommen, die Schach nur online kennen und noch nie einen Turniersaal von innen gesehen haben. Und die repräsentieren eine Gruppe, die für Cheating besonders anfällig ist: Der Anfänger, der wie jeder Anfänger viel verliert, aber gerne mal gewinnen möchte. Die andere anfällige Gruppe sind Profis unterhalb des Elitelevels, die in Ermangelung von Alternativen online nach Einnahmequellen suchen. Wenn wie neulich bei der PCL 5.000 Dollar pro Spieler zu gewinnen sind, mehr als das durchschnittliche Jahreseinkommen in Armenien, dann bedeutet das für jemanden aus so einem Land eine enorme Versuchung. Im schachlichen Mittelbau, unter Vereinsspielern mit Online-Erfahrung, ist Cheating existent, aber ich würde das nicht so hoch hängen.

„Die Schachspieler“ scheint es nicht zu geben, deine Beschreibung klingt nach einer inhomogenen Gruppe.

Ja, und was am oberen und unteren Ende des Leistungsspektrums geschieht, führt dazu, dass sich jetzt der „Guardian“ für Cheating beim Schach interessiert. In unserer Blase ist das Thema nicht neu, im Gegenteil. Die Schachplattformen beschäftigen sich seit Jahren damit. Meiner Einschätzung nach sind sie sehr, sehr gut darin geworden, Cheater auszusortieren. Du, angenommen du bist ein Anfänger, kannst es ausprobieren. Melde dich bei Lichess oder chess.com an, spiele ein paar Stunden um Ratingpunkte gegen andere Anfänger, und du wirst mit einiger Wahrscheinlichkeit bald eine Nachricht bekommen, dass dir Ratingpunkte erstattet werden, weil einer deiner Gegner falsch gespielt hat. Wenn du ein guter Vereinsspieler bist, ist die Wahrscheinlichkeit geringer, dass du auf deinem Level Falschspielern begegnest.

Vielleicht sind ja nur die Cheater auf diesem Level schlauer. Wie stellt es sich dar, wenn ein guter Spieler gezielt in wenigen kritischen Situationen die Engine um Rat fragt? Könnte so jemand auf diese Weise viel besser spielen, als er eigentlich ist? Und wäre so jemand nicht viel schwieriger zu überführen?

Igors Rausis.

So gehen schlaue Falschspieler vor, auch beim Offline-Schach übrigens. Igors Rausis ist ja nicht als fast 60-Jähriger in die erweiterte Weltspitze aufgestiegen, weil er durchgehend Engine-Hilfe hatte, sondern weil er sich im Lauf seiner Partien in wenigen kritischen Situationen mit dem Handy aufs stille Örtchen zurückgezogen hat. Das reichte. Wenn wir annehmen, dass stimmt, was Tigran Petrosian vorgeworfen wird, dann können wir diagnostizieren, dass er es so ähnlich gemacht hat.  Manche Phasen seiner Partien hat er fast gottgleich gespielt, in anderen sehen wir sehr menschliche Fehler. Dieses selektive Cheating erschwert den Schach-Detektiven die Arbeit enorm. Je weniger Partien ihnen zur Verfügung stehen, desto schwieriger ist es, allein mit statistischen Methoden eine zuverlässige Aussage zu treffen. Meines Wissens gehen die Methoden der großen Schachseiten aber weit über statistische Methoden hinaus.

Neulich habe ich beim Magnus-Carlsen-Turnier zugeschaut. Alle Spieler waren per Webcam zu sehen. Hilft das, Cheating zu verhindern?

Auf dem Magnus-Carlsen-Level ist die Cheating-Frage nicht relevant. Die Top 10, Top 20 vielleicht, verdienen gutes Geld. Von denen wird niemand seinen Ruf riskieren. Live zu sehen sind sie in erster Linie, um die Übertragung aufzupeppen. Aber auf dem Level darunter, beim Top-50- oder Top-100-Spieler, stellt sich die Frage nach Cheating-Prävention durchaus. Dringend sogar meines Erachtens. Chess.com hat beim PCL-Halbfinale und -Finale eine Gelegenheit verpasst, in dieser Hinsicht einen Standard zu setzen. Allein eine zweite Kamera, die den Spieler von der Seite aus im Blick hat, hätte den Petrosian-Fall verhindert. Dazu Screensharing und eine Audio-Verbindung mit dem Schiedsrichter, und ein Spieler, der betrügen will, müsste zumindest erheblichen Aufwand betreiben.

Vince Negri hat unlängst bei einer ChessTech-Cheating-Debatte ein potenzielles Standard-Setup vorgestellt, das Cheatern das Leben schwer machen würde.

FIDE-General Emil Sutovsky hat vor einiger Zeit Eyetracking als potenzielle Anti-Cheating-Maßnahme angesprochen. Werden wir ein technisches Aufrüsten sehen?

Eyetracking? Emil Sutovsky. | Foto: Tata Steel Chess

Ein Eyetracking-Device hätte bei Tigran Petrosian sofort Alarm geschlagen. Und wir hätten ein unmittelbares Ergebnis gehabt, ein wichtiger Faktor. Es geht ja nicht, dass zum Beispiel in der Pro Chess League das Finale gespielt wird, und eine Woche später heißt es, die anderen haben gewonnen. Andererseits stellen sich Fragen der Praktikabilität und der Kosten. Darum noch einmal der Ruf nach einem Standard-Setup für Online-Wettbewerbe, auf das sich alle Veranstalter einigen und das jeder Spieler, der online um Geld spielt, vorhalten muss. Bei traditionellen Turnieren bezahlen wir mit unserem Startgeld ja auch dafür, dass ein Schiedsrichter aufs Fair Play achtet. Wer online ambitioniert spielt, braucht eine zweite Kamera.

Wie verhalten sich Falschspieler, die erwischt werden? Einsichtig?

Nicht dass ich wüsste. Erschreckend finde ich, was sich Organisatoren anhören müssen, die Eltern jugendlicher Falschspieler mit ihren Erkenntnissen konfrontieren. Die erfahren oft schroffe Ablehnung, solche Fälle habe ich in den vergangenen Monaten wiederholt wahrgenommen. Aber es gibt auch ganz andere. Zum Beispiel den Lehrer, ein schwacher Spieler, der sich zum ersten Mal am Online-Turnier des Clubs beteiligt, dort plötzlich spielt wie ein Großmeister und wenig später von der Schachseite gesperrt wird. Er gibt sogar zu, dass er nebenbei ein Schachprogramm laufen hatte, aber bestreitet vehement, dass er dessen Empfehlungen gefolgt ist. Im persönlichen Umfeld kenne ich keinen Fall, in dem der Delinquent sein Fehlverhalten zugegeben hat. Andererseits hat unlängst chess.com gemeldet, dass die Seite schon mehr als 300 Titelträger überführt hat. Viele von denen seien einsichtig gewesen.

Wie hart sollte die Strafe sein? Online-Schach im großen Maßstab ist ja noch relativ neu, die Spieler lernen erst, damit umzugehen.

Als milder, nachsichtiger Mensch sage ich, dass jeder eine zweite Chance verdient – zumindest jeder Amateur, zum Beispiel der oben genannte Lehrer. Oder das Schachkind, dem nicht bewusst ist, was es tut. Aber sobald wir über professionelles Schach sprechen, sobald Geld im Spiel ist, brauchen wir ein gewisses Maß an Abschreckung.

„Online wird zum Teil des regulären Programms“: Twitch-Training beim Allersberger SC 2000.

Vieles hat sich während der Pandemie verändert, das womöglich so bleiben wird, wenn das Virus besiegt ist. Vermehrtes Arbeiten im Home Office zum Beispiel. Wie ist das beim Schach? Bleibt Schach ein Online-Spiel?

Wir sehnen uns nach den Brettern und werden dahin zurückkehren. Aber es wird sich auf große Clubs konzentrieren, viele kleine werden nicht überleben. In den großen Clubs wird es auf eine Mischung hinauslaufen. Onlineschach wird größer bleiben, als es vor der Pandemie war, weil wir gelernt haben, dass es einige Vorteile mit sich bringt. Clubs, die jetzt Online-Trainings anbieten oder in der Online-Liga spielen, werden damit nicht aufhören. Online wird zum Teil des regulären Programms. Das gilt auch für Turnierveranstalter. Wer in London ein internationales, offenes Turnier organisiert, der muss gar nicht darauf angewiesen sein, dass Schachspieler aus aller Welt nach London fliegen. Stattdessen kann er einen Turniersaal in Moskau, einen in München und einen in New York anbieten. Solche Hybrid-Modelle werden wir auch nach der Pandemie sehen. Es ist halt oft viel einfacher, sich von zu Hause aus einzuloggen und die Schachfreunde unmittelbar zu sehen, als in die Stadt zu fahren, einen Parkplatz zu suchen und so weiter.

Aber ist das dann noch das Schach, das die Schachspieler lieben? Ich habe einen Artikel von Raj Tischbierek gelesen, der einen Verfall der Kultur und Sitten beim schnellen Onlineschach beklagt. Ein Problem?

Vielleicht sieht er das Schach als Kulturgut gefährdet? Raj ist oldschool (lacht). Ich verstehe, dass er die Nase rümpft, wenn jemand aufgrund besserer Premove-Technik beim Bullet gewinnt. Oder wenn ein Weltklassespieler die Zeit laufen lässt, weil er hofft, dass die Verbindung seines Gegners abbricht. Oder wenn im meistbeachteten Turnier des Jahres Anfänger spielen. Aber ich glaube nicht, dass die Kultur unseres Spiels gefährdet ist. Ich sehe Schach als Bauchladen, aus dem sich jeder nehmen kann, was ihm gefällt. Das Angebot dieses Bauchladens ist zuletzt viel breiter geworden, und das finde ich ausschließlich gut. Wer mit schnellem, schmutzigen Zocken nichts anfangen kann, der soll sich ein anderes Angebot herauspicken.

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