Der ewige Präsident?

Acht Monate vor dem DSB-Kongress 2021 kreisen Ullrich Krauses Gedanken um seine Wiederwahl. Die Emotionalität der Debatte, die Härte der Fronten während des Kongresses in Magdeburg stellte der DSB-Präsident jetzt im ChessBase-Gespräch in einen Zusammenhang mit den Wahlen 2021. Er rechne fest damit, dass 2021 ein Gegenkandidat um die DSB-Präsidentschaft in den Ring steigt, hatte Krause zuvor der Zeitschrift „Schach“ gesagt.

Wahrscheinlich irrt er sich. Aller Voraussicht nach wird Krause beim Kongress 2021 feststellen, dass er allein im Ring steht.

Ullrich Krause. | Foto: Louisa Nitsche/DSB

Die beiden als potenzielle Gegenkandidaten gehandelten Funktionäre haben jedenfalls abgewunken. Und es kommt noch besser für den Amtsinhaber: Es besteht die Chance, dass Krause 2021 als erster DSB-Präsident für vier Jahre ins Amt gewählt wird. Damit wäre er derjenige, der auf der Reise zum 150-jährigen Jubiläum 2027 die entscheidenden Weichen zu stellen hat.

Als erster potenzieller Herausforderer wird seit Monaten Niedersachsens Schachpräsident Michael S. Langer genannt. Kein Wunder: In dem Maße, wie Krause sich seit Anfang/Mitte 2019 von seiner Jugendorganisation entfernte, ging Langer in Opposition zum DSB-Führungsduo – und das lautstark. Dazu kommt, dass der Funktionär aus Niedersachsen als Bewerbungszeugnis nur auf seinen Landesverband verweisen müsste: im Sport bestens vernetzt, offener Führungsstil, junges Team, funktionierendes Fundraising. Wo die Niedersachsen längst sind, will der Schach-Bundesverband erst noch hin, wenn überhaupt.

Schon im Perlen-Gespräch bestritt Langer vor einiger Zeit, sich hinsichtlich 2021 im Wahlkampfmodus zu befinden. In einem Interview mit dem „Schach-Magazin 64“ (kommende Ausgabe, noch nicht im Handel) hat er das jetzt bekräftigt. Langer verneint jegliche Ambition, Krause 2021 abzulösen. Bis 2022 sei er mit Sitz und Stimme im Präsidium des Niedersächsischen Sportbunds vertreten, die Arbeit für den Niedersächsischen Schachverband bereite ihm Freude, und er habe hier wie dort noch Ziele. Für ein zusätzliches Amt beim DSB sei er nicht bereit. Seine öffentliche Präsenz in diversen Medien sei darauf zurückzuführen, dass es ihm um die Themen geht, zu denen er sich immer wieder einlässt. „Mit Wahlkampf hat das nichts zu tun“, sagt Langer.

„Dringend notwendige Strukturreform“

In den Wochen nach dem außerordentlichen Kongress in Magdeburg kursierte plötzlich ein zweiter Name: Andreas Jagodzinsky, derzeit DSB-Leistungssportreferent, werde womöglich kandidieren, hieß es. Auch das nicht absurd: Jagodzinsky gilt im gespaltenen deutschen Schach als Integrationsfigur. Beim Kongress und auch zuvor war Jagodzinsky an zentraler Stelle in die Verhandlungen mit der Deutschen Schachjugend um deren Eigenständigkeit eingebunden. Wenn es im Leistungssport Konflikte zu moderieren gibt, ist Jagodzinsky für alle Beteiligten erster Ansprechpartner. Das zeigte sich unlängst, als Georg Meier über seinen Wechselwunsch zum uruguayischen Verband mit Ullrich Krause aneinandergeriet oder als Nationalspieler das Zusammenspiel mit Elisabeth Pähtz bei der Online-Olympiade verweigerten.

Andreas Jagodzinsky. | Foto: Sparkassen Chess Trophy

Auf Anfrage dieser Seite verneinte auch Jagodzinsky jegliche DSB-Präsidiums-Ambition für 2021. Er kandidiere im Februar 2021 als Vizepräsident Sport in NRW, wo Ralf Chadt-Rausch Präsident und Olaf Winterwerb Vizepräsident Finanzen werden sollen. Der bisherige Präsident Ralf Niederhäuser hört auf.

Er könne sich vorstellen, parallel zur Vizepräsidentschaft in NRW Leistungssportreferent beim DSB zu bleiben, sagt Jagodzinsky. Außerdem sei er gerne bereit, bei der „dringend notwendigen“ Strukturreform des DSB zu helfen. Ansonsten liege sein Fokus auf dem mitgliederstärksten Landesverband. Dort sei mit einem guten Team viel gestaltbar.

Mehrere Juristen, mehrere Meinungen

Aus diesem mitgliederstärksten Verband könnte im Februar in Sachen Strukturreform ein erster Impuls ausgehen, der auf der Bundesebene spürbare Folgen hat. Die vierjährige Legislaturperiode, die Ullrich Krause im Bund anstrebt, ist in NRW schon beantragt und wird dort im Februar voraussichtlich beschlossen. Dass umgehend ein solcher Antrag eines Landes für den DSB folgt, hält Jagodzinsky für „sehr wahrscheinlich“.

Würde beim Kongress 2021 eine vierjährige Amtsperiode beschlossen, könnte schon 2021 für vier Jahre gewählt werden. In der Tagesordnung müsste die Entscheidung über die Länge der Legislaturperiode vor der Wahl des Präsidiums stehen, und es müsste geklärt werden, ob die neue Regelung unmittelbar gilt oder erst, wenn sie gerichtlich eingetragen ist. Zu dieser Frage haben wir von mehreren Juristen mehrere Meinungen gehört. Zumindest erscheint es möglich, dass der 2021 gewählte DSB-Präsident bis 2025 amtieren wird.

Marcus Fenner. | Foto: FIDE

Derweil scheint in die Struktur der hauptamtlichen Mitarbeiter Bewegung zu kommen. Seit der Inthronisierung Marcus Fenners mussten drei Leute gehen, nun sollte jemand Neues dazukommen. Nach Informationen dieser Seite erreichte einen deutschen Schachtrainer eine gezielte Anfrage des DSB, ob er Sportdirektor werden möchte. Der Kandidat lehnte ab. Ausgeschrieben ist die Stelle gleichwohl nicht.

Gibt es auf Seiten der DSB-Führung Überlegungen, ob wir so eine Stelle brauchen? Sie wären angebracht. Der „Sportdirektor“ hieß beim DSB ursprünglich „Spielleiter“. Umbenannt wurde er in den 80er-Jahren nur, um sich anderen Sportverbänden anzugleichen. Im Lauf der Jahrzehnte verschob sich das Tätigkeitsfeld des Menschen, der die Position ausfüllt, hin zu organisatorischen Dingen rund um den Leistungssport.

Die ersehnte Professionalität

Aber ob nun Leistungssport oder Spielbetrieb, beide Felder werden beim DSB längst von tüchtigen Leuten beackert. Im Leistungssport gibt es drei Bundestrainer, dazu einen Leistungssportreferenten und eine Vizepräsidentin Sport. Was decken die nicht ab, das ein Vollzeit-Sportdirektor abdecken würde? Für den Spielbetrieb gibt es den Bundesturnierdirektor, den Leiter der Bundesligen, die Bundesspielkommission und nicht zuletzt jede Menge Schiedsrichter. Hier wie dort muss niemand Hauptberufliches installiert werden.

Die ersehnte Professionalität fehlt anderswo, die Defizite sind ebenso krass wie offensichtlich. Sie ließen sich mit „Kommunikation“ überschreiben, und sie hängen damit zusammen, dass an der Seite des polarisierenden, öffentlich ungelenken Führungsduos eine Integrationsfigur fehlt, die dafür sorgt, dass das Schach a) intern zusammenwächst und b) nach außen Wirkung erzielt. Ob wir die freie Stelle jetzt „Marketingdirektor“ nennen oder „Leiter Kommunikation“ oder „Pressesprecher“, egal. Wer sie besetzt, hätte von Beginn an rund um die Uhr dicke Bretter zu bohren, um unseren Schachbund dahin zu befördern, wo er laut seinem Leitbild schon vor zwölf Jahren hätte sein sollen.

Einen Sportdirektor brauchen wir nicht.

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