DSOL: Doch eine Seuchenliga?

Selten hat ein Beitrag auf dieser Seite so viel unmittelbaren Widerspruch ausgelöst wie der gestrige zur DSOL. Tenor all der Nachrichten, die auf diversen Kanälen am Bodensee eingingen: Es sei naiv, angesichts eines geahndeten Cheating-Falles anzunehmen, dass alle anderen fair gespielt haben.

Unter denen, die sich gemeldet haben, ist DSOL-Chef Gregor Johann. Selbst der mag nicht unkommentiert stehen lassen, was gestern hier zu lesen war. Es habe im Lauf der Serie mehrere Cheating-Vorwürfe und -Verdachtsfälle gegeben, teilt Johann mit. Aber nur in einem Fall sei die Angelegenheit statistisch eindeutig gewesen, sodass der Spieler disqualifiziert wurde.

Mittel und Wege, mit weiteren Kontrollmechanismen mehr Gewissheit zu bekommen, seien denkbar: Es müsste mit Screen-Sharing und Kameraüberwachung gespielt werden. Nur würden solche technischen Anforderungen Spieler abschrecken.

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Wenigstens sind wir mit unserem naiven (?) Glauben an die Sportlichkeit nicht alleine, siehe Kalhorns Tweet.

Mal ganz unabhängig davon, dass Gewinnen mit Computerhilfe keinerlei Befriedigung bringt: Jeder DSOL-Teilnehmer steht mit seinem Klarnamen für seine Züge, obendrein vertritt jeder Teilnehmer seinen Verein. Welcher Denkprozess führt unter diesen Umständen zur ethischen Bankrotterklärung, falsch zu spielen?

Es droht ja nicht nur die Peinlichkeit für Spieler und Verein aufzufliegen. Wer betrügt, torpediert die Existenz der einzigen Langschach-Liga, die wir haben. Wer betrügt, verhöhnt den Einsatz von dutzenden Leuten, die daran arbeiten, dass die Liga läuft. Von der Idee freundschaftlichen Wettkampfs gar nicht zu reden. Wer betrügt, legt den Schatten des Verdachts auf die Glanzleistungen unbescholtener Schachfreunde.

Auf die von Heinz-Wilfried Bötticher, SV Breitenworbis, DWZ 1859, zum Beispiel. Eine frühe DSOL-Partie Böttichers fand DSOL-Berichterstatter Thorsten Cmiel so bemerkenswert, dass er sie auf ChessBase kommentierte:

Keine Frage, der Mann kennt seinen Vierbauern-Königsinder. Leider gibt die Megabase keinerlei Aufschluss darüber, ob er den regelmäßig spielt. In der weltbesten SchachDatenbank sind keinerlei Bötticher-Partien zu finden. Stattdessen offenbart die DSOL-Datenbank eine weitere Meisterleistung. Dieses Mal musste GM Raj Tischbierek dran glauben:

Respekt. Das entschlossene 8…h5 nebst 9…h4 ist aller Ehren Wert, ebenso der Umstand, dass der Großmeister nicht einmal in die Nähe von Gegenspiel kam. Anstatt seinen Springer wie geplant auf d5 einzupflanzen, sah sich Tischbierek genötigt, ihn erst traurig auf g2 zu postieren und wenig später zu opfern, um zumindest mittelfristig den schwarzen Ansturm zu überleben.

Allemal können wir mit Gewissheit sagen, dass in einer großen Mehrheit der DSOL-Partien mit Engagement und Freude an der Sache sehr menschliches, unvollkommenes Schach gespielt worden ist. Das lässt sich an der Vielzahl der Berichte auf Vereinswebsites ablesen, stellvertretend genannt sei wegen des schachlichen Gehalts und der Recherchearbeit die des SK Landau, außerdem die des SV Berolina Mitte, die den Einsatz der DSOL-Organisatoren im Angesicht technischer Probleme dokumentiert.

Auch an der Vielzahl von Taktik-Puzzles, die sich aus den DSOL-Partien melken lassen, lässt sich die Unvollkommenheit des schachlichen Schaffens ablesen.

Eine Auswahl:

Hencke, Heiko (1674) – Kara, Seyfettin (1682)
DSOL 5. Liga Gruppe A

Zum Aufwärmen: Weiß zieht und gewinnt.

(Du willst lösen? Klick aufs Brett.)


Hupfer, Maurice (1428) – Friedel, Thomas (1467)
DSOL 8. Liga Gruppe B

Zum Aufwärmen II: Schwarz zieht und gewinnt.


Hencke, Lenny (1329) – Berzl, Stefan (1533)
DSOL 5. Liga Gruppe D

Zum Aufwärmen III: Es ist weder ästhetisch noch kompliziert, eher plump und simpel und brutal. Trotzdem wird Schwarz am Zug hier viel Spaß daran gehabt haben, den Weißen mattzusetzen. Und der war so freundlich-sportlich, ihn das Matt aufs Brett stellen zu lassen.

Schwarz zieht und gewinnt.


Pavlov-Erbis, Alexej (792) – Mesina, David (1167)
DSOL 8. Liga Gruppe A

Es riecht verdächtig danach, dass hier etwas gehen könnte. Und ganz schnell schälen wir aus dem Variantengestrüpp eine fast erzwungene Zugfolge, an deren Ende wir den weißen König bis nach b3 getrieben haben. Aber wie, bitteschön, geht’s dann weiter?

Schwarz zieht und gewinnt.


Hötte, Moritz (1996) – Abed, David (1755)
DSOL 3. Liga Gruppe C

Weiß hat zwei Probleme: Beiden schwarzen Figuren steht ein Weg ins weiße Lager offen. Der h4-Bauer schwächelt, und das umso mehr, sobald der Schwarze seinen Läufer nach g3 gestellt hat. Außerdem droht der schwarze König nach g4 zu marschieren.

Weiß am Zug findet eine Aufstellung, die die Partie hält.


Sommaro, Katja (2000) – Schulze Bisping, Franz-Adolf (1967)
DSOL 2. Liga Gruppe B

Sf6+ droht, dann fällt d7 um, und dann die ganze Stellung. Tatsächlich ist die schwarze Lage viel kritischer, als es auf den ersten Blick aussieht. Aber es gibt einen Rettungsanker.

Schwarz findet den einzigen Zug, der die Partie offen hält.

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Tobias
Tobias
2 Jahre zuvor

Die von Gregor Johann angesprochene statistische Eindeutigkeit ist sollte das höchste Kriterium sein. Leider stößt die statistische Auswertung in der DSOL eher an ihre Grenzen als beim Onlineblitz. Mit maximal 7 gespielten Partien ist die Menge an überprüfbaren Zügen nicht sehr hoch. Außerdem muss man den Spielern auch mehr/bessere Züge zugestehen, da die Bedenkzeit länger ist. Auch “weiche” Kriterien wie das Stillhalten der Maus sind bei diesen Bedenkzeiten nicht unüblich. Die angemerkten Taskswitches können auch nur einen kleinen Einblick verspreche und da die meisten über mindestens ein (mobiles) Zweitgerät verfügen, hält das den Cheater nicht auf. Die DSOL-Organisation kann Cheating… Weiterlesen »

Simon
Simon
2 Jahre zuvor
Reply to  Tobias

Der Verein soll seine eigenen Mitglieder denunzieren wegen cheating ? bloß nicht das gibt, wenn es nicht einwandfrei bewiesen werden kann danach einen Höllen streit

Tobias
Tobias
2 Jahre zuvor
Reply to  Simon

Nein, das sollte so nicht verstanden werden. Die generelle Diskussion über Cheating muss öffentlich geführt werden. Die Frage ob in konkreten Partien gecheatet wurde, darf gerne diskret geführt werden.

Daniel Hendrich
Daniel Hendrich
2 Jahre zuvor

Den Tweet von Herrn Kalhorn finde ich gar nicht so naiv. Ich glaube schon, dass die Cheaterquote in Online-Mannschaftsturnieren geringer ist als in Einzelturnieren – Stichwort “soziale Kontrolle”. Und dass der DSB in seiner Berichterstattung zur DSOL den Cheatingfall nicht gesondert erwähnt hat, kann ich auch nachvollziehen. Hätte er es getan, würden sich vermutlich die selben Leute darüber beschwert haben, dass hier jemand an den Pranger gestellt werde.

Tobias
Tobias
2 Jahre zuvor

Da beißt sich die Katze in den Schwanz. Bestimmt ist die “soziale Kontrolle” ein Hemmfaktor. Aber wovor soll der Cheater Angst haben, wenn im gleichen Zuge nicht über Cheater gesprochen werden darf.
Ich denke auch, dass die Cheater als Person nicht an den Pranger gestellt werden sollen, aber “Fairplay-Probleme” können und sollen adressiert werden. Wenn im Anschluss jemand nach ungewöhnlichen Leistungen sucht, dann habe ich nichts dagegen, wenn er sie auch findet.

Daniel Hendrich
Daniel Hendrich
2 Jahre zuvor
Reply to  Tobias

Die arme Katze…

Simon
Simon
2 Jahre zuvor

Auch wenn ich anders als der Autor die Liga nicht als Erfolgsmodel sehe, was wiederholt werden sollte. Übrigens fände ich eine Schnellschach Liga dann deutlich interessanter also vl. 10+5.

Aber trotzdem danke für die links zu den tollen Taktikaufgaben ist allein schon ein Grund die Seite zu lesen

Elwetritsche
Elwetritsche
2 Jahre zuvor

Ein großes Dankeschön an Gregor Johann für die wichtige Klarstellung! Kastellaun hat jetzt ein Antwort.

M.E. sollte die nüchterne Mitteilung “Es wurden x Fälle näher geprüft, y Verwarnungen ausgesprochen und z Sperren/Annullierungen verhängt” ein normaler Bestandteil des Schlussberichts der DSOL sein. Der Leistung der Organisatoren tut das mit Sicherheit keinen Abbruch. Bis morgen läuft laut Ausschreibung zudem noch die zweite Prüfrunde.

PS: Respekt auch an Weiß-Blau Eilenriede, die den unerfreulichen Vorfall nüchtern und zeitnah auf ihrer Website kommuniziert haben.

Stefan
2 Jahre zuvor

Haha, die zweite Aufgabe kam mir bekannt vor.

Wolfgang Küchle
Wolfgang Küchle
2 Jahre zuvor

Die Partie Tischbierek gegen Bötticher zeigt sehr eindrucksvoll, dass es praktisch unmöglich ist, für eine einzelne Partie zu entscheiden, ob Cheating vorliegt oder nicht. Alles völlig natürliche Züge, die ein Amateur so in guter Form auch finden kann und daher nicht der geringste Grund Cheating zu unterstellen. Verdächtig ist einzig die Häufung der guten Züge und dass in der gesamten Partie so gar kein schlechter Zug gemacht wurde. Auch das kann aber an einem guten Tag mal vorkommen und sagt somit gar nichts aus. Meinen Respekt würde ich nicht für 9… h4 ausdrücken – es ist einfach zu berechnen, dass… Weiterlesen »

Daniel Heddergott
Daniel Heddergott
1 Jahr zuvor

Es gibt Menschen, die geben ihren Namen hin und wieder in eine Suchmaschine ein. Wenn mein Schachfreund Heinz-Wilfried das momentan tut, erscheint auf Platz Eins ein launig geschriebener Artikel, der den Eindruck erweckt, dass in seinen Partien nicht Alles mit rechten Dingen zugeht. Der scherwiegende Vorwurf des Betruges steht im Raum. Nun bedienen nicht nur Menschen, die etwas vom Schach verstehen Suchmaschine, sondern auch der grössere Rest Menschheit. Schachfreunde, aber auch Geschäftspartner lesen so etwas und wenn jemand hier mit Dreck beworfen wird, bleibt immer auch etwas kleben. Hier wird der Ruf eines unbescholtenen Menschen auch über das Schach hinaus… Weiterlesen »

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[…] fast 1.000 Mannschaftskämpfen mit fast 4.000 Partien sei das eine akzeptable Bilanz. Wie unlängst berichtet, wäre eine schärfere Cheating-Kontrolle möglich, würde aber aufgrund technischer Anforderungen […]