Andreas Albers zur Frauenbundesliga: „Identifikation der Spielerin mit dem Verein hängt nicht von ihrem Pass ab“

Als Teamchef der Frauenbundesliga-Mannschaft des Hamburger SK kennt Andreas Albers die Liga und die Begleitumstände aus nächster Nähe. Das jüngste Rundschreiben des Schachbeobachters Henning Geibel kann und will Albers so nicht stehen lassen.

Hier ist Albers‘ Antwort:

„Halten uns Optionen offen“

Unsere Turnierleitung hätte es sich einfach machen können: Ein Jahr lang Wettkampfschach ausfallen lassen, fertig. Stattdessen versucht sie fortwährend und im Austausch mit allen Beteiligten, sich Optionen offen zu halten. Ich schätze diesen Ansatz in dieser von Ungewissheit geprägten Zeit. Eine perfekte Lösung gibt es nicht. Alle Verantwortlichen bemühen sich, zumindest die bestmögliche Variante zu finden.

Diskussionen darum, wie es weitergeht, gab es durchaus, sehr konstruktive sogar – intern. Die Gespräche begannen, als klar war, dass die zentrale Endrunde 2020 in Berlin nicht stattfinden wird. Dass die Debatte nicht öffentlich, sondern zwischen Turnierleitung und betroffenen Vereinen ablief, war sinnvoll. Anfangs war diese Debatte von der Hoffnung getragen, dass wir im September spielen können. Nun hoffen wir, dass wir im November spielen können. Wenn das nicht geht, wird voraussichtlich die Frauenbundesliga ähnlich wie die Schachbundesliga die Saison verlängern müssen. Im Gegensatz zur Schachbundesliga haben wir allerdings nur noch drei Runden zu spielen. Daraus ergibt sich eine höhere Wahrscheinlichkeit, dass die Frauen ihre Saison beenden und 2021 eine neue beginnen können.

Temchef Andreas Albers (rechts) und seine Frauschaft. | Foto: Carsten Straub/Hamburger SK

„Keine Blaupause für die Pandemie“

Als Hamburger Teamchef habe ich mich schon im Frühjahr dafür stark gemacht, dass die Reisebeschränkungen bei der Entscheidung über die weiteren Runden zumindest eine Rolle spielen sollten. Wenn sich abzeichnet, dass ein Team keine konkurrenzfähige Mannschaft ans Brett bekommt, vielleicht sogar nicht einmal sechs Spielerinnen, weil die pandemiebedingten Reisebeschränkungen das nicht zulassen, dann finde ich es zu simpel zu sagen: „Naja, das hättet ihr Euch vor der Saison überlegen müssen, jetzt habt ihr halt Pech gehabt!“  Eine Blaupause für diese Pandemie gibt es nicht, die Lage ändert sich fast monatlich, ohne dass jemand vorhersehen könnte, wie sie sich ändert. Und das führt mich wieder zum Ansatz unserer Turnierleitung, sich Optionen offen zu halten und flexibel zu bleiben. Richtig so!

Weltklasse: Will sich eine deutsche Spielerin mit Ex-Weltmeisterin Alexandra Kosteniuk (r.) oder Ex-Vize-Weltmeisterin Anna Muzychuk messen – die Frauenbundesliga bietet derartige Gelegenheiten. Ansonsten bleiben die Elitespielerinnen eher unter sich. | Foto: FIDE

„Weltklassespielerinnen machen die Liga interessant“

Ich bitte darum, nicht leichtfertig Dinge zu vermengen. Eine Frage ist, ob und wie wir diese Saison zu Ende spielen, eine andere ist, ob wir unsere Struktur ändern müssen. Über den zweiten Punkt kann man reden, das passiert auch immer wieder.

Deine Idee „Pflicht-Anteil“ an deutschen Spielerinnen ist nicht neu. Bei uns wie in anderen Sportarten wird sie immer wieder diskutiert, es gibt Argumente in diese wie in jene Richtung. Mir stößt übel auf, wenn jemand die Identifikation einer Spielerin oder eines Spielers mit dem Verein am Pass festmachen will. Wie sollen wir in Hamburg diese Attitüde der Moldawierin erklären, die seit Jahren hier lebt, arbeitet und im Verein Jugendtraining gibt? Wie sollen wir es dem Slowaken erklären, der seit über 25 Jahren für den HSK in der Bundesliga spielt? Sollen diese beiden schlechter gestellt werden als eine deutsche Spielerin, die jede Saison den Verein wechselt?  

Ich verstehe deine Sichtweise, aber persönlich hoffe ich, dass wir diese leidige Diskussion bald hinter uns lassen. Vereine unterscheiden sich unter anderem aufgrund von geografischen Lagen und finanziellen Möglichkeiten. Das führt zu unterschiedlichen Personalpolitiken – nicht nur im Schachsport. Nach meiner Sicht muss jeder Verein entscheiden, wie er es halten will, und er sollte bei dieser Entscheidung frei sein.

Genug Platz für ambitionierte deutsche Spielerinnen und Talente gibt es durchaus. Fakt ist doch, dass sehr viele Vereine mit „ihren“ Spielerinnen als Stamm spielen, vielleicht ergänzt um die eine oder andere Freundin aus dem Ausland. Aus unserem Team und auch von so mancher junger Spielerin aus anderen Vereinen weiß ich, dass die Frauenbundesliga genau deswegen so interessant ist, weil man sogar an Brett sechs die Chance hat, sich mit einer veritablen Großmeisterin zu messen.

Die Duelle mit den Weltklasseteams sind jedes Jahr unsere Highlights. Unser Sensationssieg gegen Baden-Baden aus der vergangenen Spielzeit wird für mich ein unvergessliches Erlebnis bleiben. Gerade der Vergleich mit solchen Teams bietet dem einheimischen Nachwuchs die Chance zu wachsen und besser zu werden. Und diese Chance bietet sich nur in der Frauenbundesliga. Ansonsten spielen die Besten der Welt ja eher untereinander, das ist bei den Frauen wie bei den Männern.

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