Schach, die Mutter allen eSports: Willkommen im Milliardenbusiness

Wer Schach spielt, kennt die Leier: “Aber Schach ist doch gar kein richtiger Sport.” Nun kannst du jemandem, der das sagt, ausführlich erklären, warum es doch einer ist – oder es lassen, wenn der andere Sport darauf reduzieren will, dass der Sporttreibende hinterher schwitzt.

Jetzt taucht, etwas überraschend, eine neue Leier auf: “Aber Schach ist doch gar kein richtiger eSport.” Auslöser ist, dass die besten Schachmeister bei der Online-Ausübung ihres Sports fast so viel oder gar mehr verdienen als die besten eSportler nach bisheriger Definition. Ganz oben in den Online-Gaming-Einkommensranglisten stehen Schachspieler, allen voran ein gewisser Norweger.

Komisch. Zumindest in Deutschland ist es noch gar nicht lange her, da wollte eSport als (olympischer) Sport anerkannt werden, und die eSportler argumentierten: “Aber Schach ist doch auch Sport!”

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Erst berufen sie sich auf uns, nun wollen sie uns nicht mitspielen lassen?

Während das organisierte Schach dem olympischen Traum so liebedienerisch hinterherhechelt, dass es bisweilen peinlich ist, hat eSport ihn binnen kurzer Zeit überwunden. Das Gaming-Geschäft ist hinsichtlich Fans und Finanzen so schnell so groß geworden, dass es bestens auf eigenen Beinen steht. ESport hat es nicht nötig, sich den korrupten Apparaten des traditionellen Sports anzudienen. Die Apparate kommen von sich aus, speziell in Asien und Übersee, wo die eSportler in vielen Ländern längst mit den nationalen Sportverbänden verknüpft sind.

Die Online-Tendenz ist manchem Schachspieler nicht geheuer, die Schach-Tendenz manchem Gamer nicht, trotzdem: Onlineschach etabliert sich im Gaming-Geschäft, ob das nun allen Beteiligten passt oder nicht. Die Schnittmenge zwischen Schach und Gaming wächst stetig, ein Prozess, vor ein paar Monaten vom Online-Schach angeschoben, der eine erstaunliche Eigendynamik entwickelt hat. Kein Hype mehr, sondern eine Tendenz mit Substanz.

Endgültig im eSport-Business angekommen

Wer behauptet “Aber Schach ist doch gar kein richtiger eSport”, dem gibt jetzt das eSport-Unternehmen TSM eine Antwort. TSM unterstützt und begleitet Spieler und Teams in League of Legends, Hearthstone oder Fortnite. Jetzt hat mit Hikaru Nakamura erstmals ein Schachprofi einen Vertrag bei einer eSport-Organisation unterschrieben. TSM ist eine der größten Marken im eSport, dessen globale Gesamtumsätze 2020 voraussichtlich erstmals die Milliarden-Dollar-Marke knacken werden.

https://twitter.com/TSM/status/1299027773470773249
Wer ist C9C9C9C9C9?

Fürs Schach ist der Hikaru-TSM-Deal ein Meilenstein, der anzeigt, dass das Jahrhunderte alte Brettspiel endgültig im eSport-Business angekommen ist. “Details darf ich noch nicht sagen, aber wir werden weitere derartige Vereinbarungen sehen”, teilt chess.com-Entwicklungschef Nick Barton mit. Und schon dieser erste Deal sorgte in der Gaming- wie in der Schachszene für einige Aufmerksameit.

Kaum war er verkündet, fragte TSM-Mitbewerber Cloud 9 via Twitter bei Magnus Carlsen an, ob er nicht auch …? Zumindest handelte sich C9 keine Absage ein, Carlsen ließ die Sache offen.

Und kaum hatte C9 bei Carlsen angefragt, tauchte auf Lichess ein Spieler namens “C9C9C9C9C9” auf und stürmte die Spitze der Bullet-Rangliste.

“Das wird doch nicht Magnus sein?”, fragte sich nicht nur der große Grieche.

https://www.youtube.com/watch?v=jOHCJlY8KIc

“Wir haben die anhaltende Popularität von Schach auf Twitch analysiert – und den Grund dafür gefunden: Hikaru. Er interagiert auf authentische Weise mit der Gemeinschaft, und seine Mission, Schach größer zu machen, passt zu dem, was wir tun”, sagt TSM-eSport-Chefin Leena Xu auf Anfrage von chess.com.

Die Mutter allen eSports

“Hikarus wachsende Popularität auf Twitch ähnelt unseren Anfängen. Wir haben begonnen, indem wir Fans die Spiele erklären, die wir lieben. Schach ist auf dem besten Weg, eine jüngere Anhängerschaft zu gewinnen. Vom Vertrag mit Hikaru werden wir, er und nicht zuletzt das Spiel profitieren. Win-win”, führt Xu aus.

David Llada.

Für die Gamer, die mit Schach nicht warm werden, hat FIDE-Marketingchef David Llada eine Ansage parat: “Schach kann als die Mutter allen eSports betrachtet werden”, sagte Llada gegenüber dem Sunday Telegraph. Wie beim eSport bedürfe es beim Online-Schach Können, Technik, Reflexe – und es gebe einen Aspekt, der darüber hinausgehe: “Jeder Entwicklungsschritt in der Computerwissenschaft, von den ersten Supercomputern über PC, Smartphones bis zu künstlicher Intelligenz, ist mit Schach verknüpft. Und wenn es demnächst den ersten Quantencomputer gibt, wird der sich mit Sicherheit als erstes daran machen, Schach zu lösen.”

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[…] gibt es im eSport viele, etablierte wie TSM zum Beispiel, die gerade Hikaru Nakamura verpflichtet haben, oder ganz Neue, die erst versuchen, etwas aufzubauen. In Deutschland haben wir allein etwa […]

Simon
Simon
2 Jahre zuvor

Es gibt inzwischen 2 verschiedene arten voin Schach, welche wenig miteinander gemeinsam haben 1) die klassische Schach mit Stundenlangen Bedenkzeiten 2) Schnelle Bedenkzeiten vor allem beliebt im Online Sektor wo über 5 Minuten Partien schon echte raritäten sind – finde das online gezocke (Bullet ) einfach nur widerlich leider erlebt es dank der Corona Hysterie einen echten Boom. Vielleicht sollte das klassische Schach auch endlich aufmerksam machen, dass es so nicht weitergeht und die Verbände aufrufen zur Teilnahme an solchen anti Corona Demos – dann könnte es vielleicht endlich weitergehen ? Was glauben Sie wäre das eine Lösung um die… Weiterlesen »

Wolfgang Küchle
Wolfgang Küchle
2 Jahre zuvor
Reply to  Simon

Es gab schon immer 4 verschieden Arten von Schach: Fernschach mit Bedenkzeit von mehreren Tagen pro Zug – inzwischen erlaubterweise mit Computerunterstützung Das “normale” Turnierschach mit – nach derzeitigen Regeln – 90+x Minuten für die Partie, wahlweise mit/ohne Inkrement Schnellschach mit Bedenkzeiten > 5 Minuten und in der Regel < 30 Minuten Blitzschach mit in der Regel weniger als 5 Minuten pro Partie Man muss es realistisch sehen, die Abstimmung mit den Füßen hat schon vor Corona stattgefunden und der Trend auf Amateurniveau geht eindeutig in Richtung Blitzschach. Man muss sich nicht anstrengen, wenig denken und bekommt die Adrenalindosis und… Weiterlesen »

Simon
Simon
2 Jahre zuvor

Ich stimme ihnen in den meisten Punkten zu wobei ich Fernschach nur als Splittergruppe betrachte die nicht eine extra Gruppe ist mit der Computerunterstützung ist dort alles einfach zu sehr remis. Mich stört aber, dass durch diese Corona Maßnahmen es einfach einen trennt gibt der zu Schach geht, welches nicht dessen würdig ist. Wenn ich sehe wie sich 2 Supergroßmeister im Armageddon ernsthaft erlauben Turm gegen Turm zu spielen, dann ist irgendwas schief gelaufen. Dieser online Boom führt zu einer Verrohung der Schach Sitten mit diesen ganzen schnellen Zeitkontrollen befürchte werde jetzt im Verein auch demnächst ernsthaft Turm gegen Turm… Weiterlesen »

Chris
Chris
2 Jahre zuvor
Reply to  Simon

In der Tat sind Bullet-, Blitz-, Schnell- und klassisches Schach kaum miteinander zu vergleichen. Bei Hyperbullet mit Bedenkzeiten von 15s geht es fast nur noch darum, wer schneller die Klötzchen durch die Gegend schiebt. Blunder werden kaum gesehen (und auch GMs hauen einige raus), an einem klassischen Brett ist es nicht spielbar – in meinen Augen ein kaum sinnvoller Modus. Bullet ist da nur minimal besser – eher ein Funmodus als seriöses Schach. Blitz ist dann schon interessanter um mal schnell eine Runde zu zocken oder eine neue Eröffnung zu üben. Schnellschach sehe ich als interessante Alternative zu klassischem Schach,… Weiterlesen »