Großmeisterliche Fremdgänger

Die Quarantäneligen auf Lichess bieten immer wieder einen Anlass, besondere Schachspieler in den Vordergrund zu stellen, die an dieser Stelle bislang viel zu sehr unter dem Radar flogen. Ein Blick auf die vierte Liga offenbarte am vergangenen Spieltag erst einmal den erstaunlichen Umstand, dass selbst in der vierten Liga an den ersten drei Brettern vier Großmeister spielen. Einem von denen fehlt noch das „GM“ vor dem Namen, weil er sich gerade erst bei Lichess angemeldet hat:

Großmeister Andreas Heimann könnten wir hier allein wegen seiner sportlichen Klasse ausgiebig abfeiern. Auf 2633 Elo ist er geklettert, Nummer fünf in Deutschland. In der jüngeren Vergangenheit hat Heimann ein bärenstarkes Turnier nach dem anderen hingelegt, zuletzt in Sitges.

Heimann gehört darüber hinaus auch noch zu der seltenen Spezies Schachspieler, die am Brett bärenstark sind und sich abseits desselben engagieren. Bei der Deutschen Schachjugend ist er als Beauftragter für den Leistungssport tätig, und wenn die DSJ ein Turnier veranstaltet oder auf Twitch sendet, dann ist Heimann wahrscheinlich derjenige deutsche Spitzenspieler, der am regelmäßigsten hilft, die Sache durch seine Anwesenheit attraktiver zu machen. Bravo!

Andreas Heimann ist auch abseits der Bretter wertvoll für das deutsche Schach. Bei der Schachjugend engagiert er sich auf vielfältige Weise. | Foto: Sitges Schachfestival

Noch etwas macht ihn für diese Seite interessant: Heimann lebt am Bodensee, er studiert in Konstanz. Weil der Schachbezirk Bodensee keine Mannschaft in der Quarantäneliga hat, spielt Heimann für Lörrach oder, genauer, für den Schachclub Brombach. Und damit ist er nicht der einzige deutsche Großmeister, der in der Quarantäneliga fremdgeht. Rainer Buhmann, ohnehin im österreichischen Schach engagiert, hat sich dem Wiener Sechstligisten „Die Oagen“ angeschlossen. „Oag“ („arg“) ist einerseits ein österreichisches Modewort, andererseits eine Abkürzung für einen Beruf. Wir können nicht ausschließen, dass sich die Truppe von Buhmann und seinen Mitspielern ausschließlich aus Oberamtsgehilfen zusammensetzt.

Wer beitreten will, muss Oberamtsgehilfe sein?

Phonetisch klingt „Oag“ für den gebürtigen Westfalen ähnlich abseitig wie „Murg“. Aber auch Letzteres ist kein Fantasiewort, sondern ein Fluss im Schwarzwald. An dessen Rande liegen Ortschaften, in denen wird Schach gespielt, und nun haben sich die Murgtäler zu einem Lichess-Team zusammengeschlossen. Sie mussten zwar dem jetzt auch in die Ligen eingestiegenen Zweitligisten FC St. Pauli den Vortritt lassen, gleichwohl gelang auf Anhieb der Sprung in Liga 8. Wer darüber mehr wissen will, besucht die Seite von Rochade Kuppenheim, seit Jahren eine der regsten Adressen im Schach-Website-Dschungel.

Nicht abgefeiert, aber befragt werden soll hier demnächst Carmen Voicu-Jagodzinsky, die fast im Alleingang im sauerländischen Hemer einen Frauenschach-Aufschwung intiiert hat, der jetzt im Bundesliga-Aufstieg der Damen des SV Hemer gipfelte. Das Schachgespräch mit dem Kopf dieses Aufschwungs holen wir nach, wenn klar ist, wie es mit dem Ligaschach weitergeht. Bis dahin ruhen sich die Damen aus Hemer nicht aus, sie stellen stattdessen das wahrscheinlich weiblichste Team der Quarantäneligen. Und für Liga 9 ist eine Damen-Bundesligamannschaft allemal stark genug, auch wenn sie am Ende „nur“ Zweite wurden. Am heutigen Spieltag ist Hemer in Liga 8, schauen wir mal, wie weit es noch nach oben geht.

Andreas Heimann ist mit seinem Engagement für Lörrach so gerade noch diesseits der deutsch-schweizerischen Grenze geblieben. Jenseits davon macht sich die eine oder andere Truppe auf, sich ganz oben in den Quarantäneligen zu etablieren. Schon anlässlich des vergangenen Spieltags haben wir prognostiziert, dass die Truppe von Sebastian Bogners Schachschule bis in die erste Liga durchmarschieren mag. Dort bereits angekommen sind die Schulschachprofis aus Thalwil, und sie vermochten sich bei ihrer Bundesliga-Premiere im Oberhaus zu halten. Mehr als das sogar, beinahe hätte es für Bronze gereicht.

Nach langer Pause ist es jetzt wieder einer deutschen Mannschaft gelungen, sich den Titel in der Quarantäneliga zu sichern. Der Hamburger SK gewinnt Gold, gefolgt von den Schweden von Wasa SK um GM Bassem Amin, dahinter der Aufsteiger SV Mülheim-Nord mit Daniel Fridman. Und so finden sich unter den drei Erstplatzierten der Online-Bundesliga zwei Mannschaften aus der echten Bundesliga.

Die Aufsteiger in Liga eins: Ex-Meister Schachfreunde Heidesheim ist wieder da, der Beweis, dass man sich auch als mittelgroßer Verein bis nach ganz oben durchkämpfen kann.

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ekpah
ekpah
20 Tage zuvor

Ich finde genauso überraschend, dass der HSK Lister Turm so konstant oben mitspielt in dieser mittlerweile internationalen Liga. Die spielen sonst auch nicht höher als Oberliga.

Kommentator
Kommentator
19 Tage zuvor

Gestern ist der HSK Lister Turm ja abgestiegen, aber grundsätzlich haben sie a) für die Oberliga eine recht starke Mannschaft und b) ziemlich viele gute Blitzer in ihren Reihen (allen voran natürlich Ilja Schneider).